Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Hochgeehrter Graf Alexej Andrejewitsch!«
Er schrieb an Araktschejew, wußte aber, daß der Kaiser diesen Brief lesen werde, und überlegte sich deshalb genau jedes Wort, soweit er dazu fähig war.
»Ich nehme an, daß der Minister bereits von der Übergabe der Stadt Smolensk an den Feind berichtet hat. Die ganze Armee ist in Verzweiflung. Es ist recht schmerzlich und höchst bedauerlich, daß ein so äußerst wichtiger Platz ohne weiteres aufgegeben worden ist. Ich habe den Minister persönlich auf die eindringlichste Weise gebeten und zuletzt auch an ihn geschrieben, aber nichts konnte seinen Willen ändern. Ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre, daß sich Napoleon in einer solchen Klemme befand wie noch nie, und daß er nicht nur Smolensk nicht hätte einnehmen, sondern sogar die Hälfte seiner Armee hätte verlieren können. Unsere Truppen schlugen sich und schlagen sich jetzt noch wie nie zuvor. Ich habe mit fünfzehntausend Mann länger als fünfunddreißig Stunden standgehalten und den Feind geschlagen, er aber wollte keine vierzehn Stunden aushalten. Das ist eine Schmach und ein Schandfleck für unsere Armee, und ich meine, ihm selber müßte doch das Leben auf der Welt dadurch arg verleidet worden sein. Wenn er meldet, daß unsere Verluste groß seien, so ist das eine Unwahrheit, es können höchstens gegen viertausend Mann und nicht mehr sein, und auch die noch nicht einmal. Aber selbst wenn es ihrer zehntausend gewesen wären, was hätte das zu sagen? Dafür ist Krieg. Denn auch der Feind hat große Verluste gehabt.
Was hätte es uns gekostet, noch zwei Tage auszuhalten? Der Feind wäre schließlich von selber gegangen, denn es fehlte ihm an Wasser, um Leute und Pferde zu tränken. Er hatte mir sein Wort gegeben, nicht zurückzugehen, plötzlich aber schickt er mir die Verfügung, daß er sich noch in der Nacht zurückziehen werde. Auf diese Weise ist kein Krieg zu führen, und wenn das so weiter geht, werden wir den Feind bald in Moskau haben …
Es geht das Gerücht, daß Sie an Frieden dächten. Bewahre uns Gott davor, jetzt Frieden zu schließen! Wenn Sie nach all diesen Opfern und unsinnigen Rückzügen jetzt Frieden schließen wollten, brächten Sie ganz Rußland gegen sich auf, und jeder von uns sähe es als Schande an, die Uniform zu tragen. Wenn es nun schon einmal so weit gekommen ist, muß man sich schlagen, solange Rußland noch kann und noch Leute auf den Beinen sind.
Einer allein muß kommandieren, aber nicht zwei zusammen. Ihr Minister mag vielleicht für ein Ministerium gut sein, aber als General ist er nicht nur schlecht, sondern hundsmiserabel! Und einem solchen Mann ist das Schicksal unseres Vaterlandes in die Hand gegeben … Ich verliere tatsächlich aus Ärger darüber beinahe den Verstand. Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen dies alles so von der Leber weg schreibe. Es ist ganz klar, daß derjenige, der den Rat gegeben hat, Frieden zu schließen und das Kommando über die Armee diesem Minister anzuvertrauen, den Kaiser nicht liebt und den Untergang unser aller herbeiwünscht. Darum schreibe ich Ihnen die Wahrheit: halten Sie die Landwehr bereit. Denn dieser Minister führt Ihnen noch auf äußerst meisterliche Art und Weise die ungebetenen Gäste bis in die Hauptstadt. In großem Verdacht steht bei der Armee auch der Flügeladjutant Wolzogen. Er soll, wie man sagt, Napoleon näher stehen als uns, und dabei berät er doch den Minister in allem. Ich zeige mich gegen ihn nicht nur höflich, sondern gehorche ihm sogar wie ein Korporal, obgleich ich älter bin als er. Das ist schmerzlich. Da ich aber meinen Wohltäter und Kaiser liebe, füge ich mich. Mir tut nur der Kaiser leid, daß er solchen Männern seine ruhmreiche Armee anvertraut. Bedenken Sie auch, daß wir bei diesem Rückzug über fünfzehntausend Mann durch Erschöpfung und Krankheit an die Hospitäler verloren haben, was nicht gewesen wäre, wenn wir angegriffen hätten. Ich frage Sie um Gottes willen, was soll unser Mütterchen Rußland dazu sagen, daß wir so feige sind? Wozu liefern wir unser gutes, heiliges Vaterland solchem Gesindel aus? Warum pflanzen wir Haß und Beschämung in das Herz jedes Untertanen? Warum schrecken wir feige zurück und wen fürchten wir eigentlich? Meine Schuld ist es nicht, daß der Minister unentschlossen, feige, unbegabt und langsam ist und alle nur möglichen schlechten Eigenschaften besitzt. Die ganze Armee ist trostlos darüber und wünscht ihn zu allen Teufeln.«
6
Betrachten wir die zahlreichen Einteilungen, die sich auf die Erscheinungen des Lebens anwenden lassen, so können wir diese Erscheinungen zusammenfassen in solche, bei denen der Inhalt vorwiegt, und solche, bei denen die Form das Ausschlaggebende ist. Zu den zweiten kann man das Petersburger Leben rechnen, vor allem das gesellschaftliche, im Gegensatz zum Leben auf dem Lande, dem Leben in den Kreis- und Gouvernementsstädten, ja sogar dem Leben in Moskau.
Dieses Petersburger Leben ist unveränderlich. Im Jahre 1805 hatten wir mit Napoleon Frieden geschlossen und uns dann aufs neue mit ihm herumgeschlagen, hatten Konstitutionen geschaffen und sie wieder zunichte gemacht, aber Anna Pawlownas und Helenes Salons waren noch ganz ebenso, wie der eine vor sieben, der andere vor fünf Jahren gewesen war.
Bei Anna Pawlowna sprach man immer noch mit derselben Verständnislosigkeit über die Erfolge Bonapartes und sah in allen diesen Erfolgen und in der Unterwürfigkeit der europäischen Fürsten weiter nichts als eine boshafte Verschwörung, deren einziges Ziel es sei, jenem von Anna Pawlowna vertretenen Hofkreis Ärger und Unruhe zu bereiten. Und ebenso schwärmte man in Helenes Salon, den sogar Rumjanzew, der die Hausherrin für eine außerordentlich kluge Frau hielt, seines Besuches würdigte, im Jahre 1812 ganz ebenso, wie man es 1808 getan hatte, von der großen Nation und dem großen Mann und sah mit Bedauern diesen Bruch mit Frankreich. Diesem Bruch mußte nach Ansicht derer, die sich in Helenes Salon versammelten, baldigst durch den Frieden ein Ende gemacht werden.
In letzter Zeit, nach des Kaisers Rückkehr von der Armee, war in diesen beiden gegensätzlichen Salonkreisen eine gewisse Erregung zu bemerken gewesen, die zu gegenseitigen Demonstrationen geführt hatte. Die Richtung der beiden Kreise jedoch war dieselbe geblieben. In Anna Pawlownas Kreis wurden an Franzosen nur die eingefleischten Legitimisten empfangen und der patriotische Sinn wurde dadurch zum Ausdruck gebracht, daß man nicht in das französische Theater ging, dessen Schauspieler, wie man sagte, ebensoviel Unterhalt kosteten wie ein ganzes Korps Soldaten. Gierig verfolgte man alle Ereignisse bei den Truppen und verbreitete die günstigsten Gerüchte über unser Heer.
In Helenes Kreis, dem Kreis Rumjanzews und der Franzosen, widersprach man den Gerüchten von der Grausamkeit des Feindes und des Krieges und beurteilte alle Versuche Napoleons, eine Versöhnung herbeizuführen, günstig. Man tadelte diejenigen, die den Rat zu jenen scheinbar übereilten Maßnahmen gegeben hatten, wie: den Hof und die Erziehungsanstalten für Mädchen, die unter dem Protektorat der Kaiserinmutter standen, nach Kasan zu verlegen, überhaupt wurden alle Angelegenheiten des Krieges in Helenes Salon wie leere Demonstrationen angesehen, denen in aller Kürze durch den Frieden ein Ende gemacht würde. Die Ansicht Bilibins, der jetzt in Petersburg täglicher Gast bei Helene war – jeder kluge Mensch mußte in ihrem Salon verkehren –, die Ansicht nämlich, daß nicht das Pulver die Sache entscheiden werde, sondern jene, die es erfunden hätten, fand hier allgemeinen Anklang. In diesem Kreis spöttelte man ironisch und geistreich, natürlich auch in aller Vorsicht, über die Begeisterung in Moskau, wovon die Kunde gleichzeitig mit der Ankunft des Kaisers selber in Petersburg einlief.
Im Kreis Anna Pawlownas hingegen begeisterte man sich an dieser Begeisterung und sprach von ihr wie Plutarch von den Patrioten des Altertums[155]. Fürst Wassilij, der noch immer dieselben hohen Ämter bekleidete, bildete zwischen beiden Kreisen das Bindeglied. Er ging zu »ma bonne amie Anna Pawlowna« und »dans le salon diplomatique de ma fille«, aber bei dem fortwährenden Hinundherwechseln von einem Lager ins andere kam es zuweilen vor, daß er sich versprach und bei Helene das sagte, was er bei Anna Pawlowna sagen mußte, und umgekehrt.
155
wie Plutarch von den Patrioten des Altertums: gemeint sind wohl die vergleichenden Biographien berühmter Griechen und Römer des griechischen Historikers Plutarch (etwa 46-126).