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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Nein, so etwas! Nein, so etwas!« sagte sie immer wieder. Als sie aber die Stimme des Wirtes hörte, zog sie den aufgeschürzten Rock herunter und kehrte um.

Wieder fing es an zu pfeifen, aber diesmal ganz in der Nähe, und etwas senkte sich wie ein fliegender Vogel herab; mitten in der Straße blitzte ein Feuerschein auf, es krachte, und die ganze Straße wurde in Rauch gehüllt.

»Du Satanskugel, was hast du angerichtet!« schrie der Wirt und lief zu der Köchin hin.

In diesem Augenblick hörte man von verschiedenen Seiten Frauen jämmerlich aufheulen, ein Kind fing erschrocken zu weinen an, und stumm drängte sich die Menge mit bleichen Gesichtern zu einem Knäuel zusammen. Doch deutlicher als alles vernahm man aus dem Haufen heraus das Stöhnen und Klagen der Köchin.

»Oh, oh, oh! Ihr lieben, guten Leute! Ihr lieben, guten Leute! Laßt mich nicht sterben! Ihr lieben, guten Leute!«

Nach fünf Minuten war kein Mensch mehr auf der Straße. Die Köchin, der ein Granatsplitter die Hüfte zerschmettert hatte, hatte man in die Küche geschafft. Alpatytsch, sein Kutscher, Ferapontows Frau mit den Kindern und der Hausknecht saßen im Keller und lauschten. Das Donnern der Geschütze, das Pfeifen der Granaten und das jämmerliche Stöhnen der Köchin, das all dieses Getöse noch übertönte, schwiegen nicht einen Augenblick. Die Wirtin schaukelte und beruhigte bald das Kindchen, bald fragte sie in kläglichem Flüstern alle, die in den Keller kamen, ob sie nicht wüßten, wo ihr Mann sei, der auf der Straße geblieben war. Der nun auch in den Keller flüchtende Kommis sagte ihr, der Wirt sei mit der Menge in die Kathedrale gegangen, wo das wundertätige Muttergottesbild von Smolensk gezeigt werde.

Als es zu dämmern anfing, begann das Geschützfeuer nachzulassen. Alpatytsch kam aus dem Keller heraus und stellte sich vor die Tür. Der erst so klare Abendhimmel war ganz von Rauch verhüllt, und durch diesen Rauch hindurch schimmerte seltsam die hoch am Himmel stehende, schmale Sichel des zunehmenden Mondes. Nachdem das Getöse der Geschütze von vorhin verstummt war, schien über der ganzen Stadt ein großes Schweigen zu liegen, das nur durch das Hallen eiliger Schritte, das durch die ganze Stadt zu klingen schien, durch Stöhnen, fernes Geschrei und durch das Knistern von Bränden unterbrochen wurde. Das Wehklagen der Köchin war jetzt verstummt. Von zwei Seiten erhoben sich schwarze Rauchsäulen von Feuersbrünsten und breiteten sich weithin aus. Auf der Straße gingen und liefen Soldaten in allerlei Uniformen und nach verschiedenen Richtungen vorbei, nicht in Reih und Glied, sondern wie Ameisen aus einem zerstörten Ameisenhaufen. Einige von ihnen liefen vor Alpatytschs Augen in Ferapontows Hof hinein. Alpatytsch trat vor das Tor. Irgendein Regiment, drängend und hastend auf dem Rückzug begriffen, versperrte die Straße.

»Die Stadt wird übergeben! Flieht! Flieht!« rief ein Offizier ihm zu, der ihn bemerkt hatte, im selben Augenblick wandte er sich aber schon wieder zu den Soldaten und schrie sie an: »Wollt ihr auf die Höfe laufen? Ich werde euch helfen!«

Alpatytsch kehrte ins Haus zurück, rief seinen Kutscher und befahl ihm, alles zur Abfahrt bereit zu machen. Nach Alpatytsch und seinem Kutscher kamen auch alle Hausgenossen Ferapontows aus dem Keller hervor. Als sie den Rauch und sogar die offenen Flammen der Feuersbrünste erblickten, die nun bei anbrechender Dunkelheit deutlich zu sehen waren, fingen die Weiber, die bis jetzt geschwiegen hatten, auf einmal zu heulen und zu schreien an. Wie zu ihrer Begleitung erhob sich am andern Ende der Straße ein ebensolches Jammergeschrei. Mit zitternden Händen brachten Alpatytsch und der Kutscher unter dem Vordach die verfitzten Zügel und Stränge der Pferde in Ordnung.

Als Alpatytsch aus dem Torweg fuhr, sah er, wie in Ferapontows offenem Laden etwa ein Dutzend Soldaten unter lautem Streiten ihre Säcke und Tornister mit Weizenmehl und Sonnenblumenkernen füllten. In diesem Augenblick kehrte Ferapontow zurück und trat von der Straße aus in den Laden. Als er die Soldaten erblickte, wollte er ihnen etwas zuschreien, hielt aber plötzlich inne, fuhr sich an den Kopf und brach in ein schluchzendes Gelächter aus.

»Schleppt alles fort, Kinder! Laßt diesen Teufeln nichts zurück!« schrie er, packte selbst ein paar Säcke an und warf sie auf die Straße.

Ein paar Soldaten erschraken und rissen aus, andere fuhren fort einzusacken. Als Ferapontow Alpatytsch erblickte, wandte er sich ihm zu.

»Es ist aus mit Rußland!« schrie er. »Alpatytsch, es ist alles aus! Ich selber stecke mein Haus in Flammen! Es ist alles aus …« und Ferapontow lief auf den Hof.

Die ganze Straße war mit Soldaten versperrt, die ununterbrochen vorübermarschierten, so daß Alpatytsch nicht vorbei konnte und warten mußte. Ferapontows Frau mit den Kindern saß ebenfalls auf einem Wagen und wartete darauf, fortfahren zu können.

Es war schon Nacht geworden. Am Himmel standen die Sterne, und hin und wieder schimmerte der vom Rauch verhüllte Mond hindurch. Am Abhang zum Dnjepr hinunter mußten die Fuhrwerke Alpatytschs und der Wirtin, die nur langsam durch die Reihen der Soldaten und anderer Gespanne vorwärtskamen, abermals haltmachen. Nicht weit von der Straßenkreuzung, wo die Fuhrwerke warten mußten, brannte in einer Quergasse ein Haus mit ein paar Buden. Das Feuer war schon fast niedergebrannt. Bald schien die Flamme zu erlöschen und in schwarzen Qualm überzugehen, bald loderte sie wieder grell auf und beleuchtete seltsam deutlich die Gesichter der Menschen, die an der Straßenkreuzung zusammengedrängt standen. Vor der Brandstätte huschten schwarze Gestalten auf und ab, und durch das nimmer versiegende Knistern des Feuers hindurch hörte man reden und schreien.

Alpatytsch stieg von seinem Wagen, da er sah, daß man die Fuhrwerke nicht so bald durchlassen werde, und bog in das Gäßchen ein, um sich das Feuer anzusehen. Soldaten rannten ununterbrochen an der Brandstätte vorbei und wieder zurück und Alpatytsch sah, wie zwei Militärpersonen und mit ihnen ein Zivilist in einem Friesmantel brennende Balken aus dem Feuer über die Straße in ein Nachbarhaus zogen, während andere Arme voll Heu herbeischleppten.

Alpatytsch trat zu einem dichten Menschenauflauf hinzu, der sich gegenüber einem in vollem Brand stehenden hohen Speicher angesammelt hatte. Alle Wände standen in hellen Flammen, die Rückwand war zusammengestürzt, das hölzerne Dach eingesunken, die Balken glühten. Offenbar wartete die Menge auf den Augenblick, in dem das Dach zusammenbrechen werde. Auch Alpatytsch wartete darauf.

»Alpatytsch!« rief plötzlich eine bekannte Stimme dem alten Mann zu.

»Väterchen! Euer Durchlaucht!« erwiderte Alpatytsch, der augenblicklich die Stimme seines jungen Fürsten erkannt hatte.

Fürst Andrej, in einen Mantel gehüllt, hielt auf einem Rappen hinter der Menge und blickte Alpatytsch an.

»Wie kommst du denn hierher?« fragte er.

»Euer … Euer Durchlaucht«, stammelte Alpatytsch und fing an zu schluchzen. »Euer … Euer … Sind wir denn wirklich ganz verloren? Der Vater …«

»Wie kommst du hierher?« fragte Fürst Andrej noch einmal.

In diesem Augenblick loderte die Flamme grell auf und zeigte Alpatytsch das blasse, hohle Gesicht seines jungen Herrn. Alpatytsch berichtete, wie er hierher geschickt worden sei und nur mit Mühe wieder fortkönne.

»Ist es wahr, Euer Durchlaucht, daß wir verloren sind?« fragte er noch einmal.

Fürst Andrej gab keine Antwort, zog sein Notizbuch hervor hob ein wenig das Knie und schrieb etwas mit Bleistift auf ein herausgerissenes Blatt. Er schrieb an seine Schwester:

»Smolensk kapituliert. In acht Tagen wird Lysyja-Gory vom Feind besetzt sein. Fahrt sofort nach Moskau. Gib mir umgehend Antwort, wann ihr abfahrt, schicke mir einen Eilboten nach Uswjasch.«

Nachdem er dies geschrieben und das Blatt Alpatytsch übergeben hatte, gab er ihm noch mündliche Anweisungen, wie die Abreise des Fürsten, der Prinzessin Marja und seines Sohnes mit dem Lehrer zu bewerkstelligen sei, und wohin man ihm sogleich eine Antwort schicken solle. Er war mit seinen Befehlen noch nicht zu Ende, als ein Stabsoffizier zu Pferde, von Gefolge begleitet, auf ihn zusprengte.

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