Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Die Glöckchen waren unterbunden und die Schellen mit Papier umwickelt. Der Fürst gestattete in Lysyja-Gory niemandem, mit Schellengeläut zu fahren. Aber Alpatytsch mochte auf dem weiten Weg das Bimmeln der Glöckchen und Schellen nicht entbehren. Alpatytschs Stab: der Schreiber, der Buchhalter, die beiden Köchinnen, zwei weitere alte Frauen, der Hausbursche, die Kutscher und noch verschiedene vom Hofgesinde, gaben ihm das Geleit.
Seine Tochter legte ihm hinter den Rücken und auf den Sitz kattunüberzogene Federkissen. Seine alte Schwägerin schob im geheimen ein Bündelchen hinein. Einer der Kutscher war ihm beim Einsteigen behilflich.
»Na, so ein Haufen Frauenzimmer! Diese Weibsbilder, diese Weibsbilder!« fauchte Alpatytsch hastig vor sich hin, ebenso wie es der Fürst zu machen pflegte, und setzte sich in den Wagen.
Nachdem er dem Schreiber die letzten Befehle für seine Arbeiten gegeben hatte, wobei er den alten Fürsten nicht mehr nachzuahmen bestrebt war, nahm er den Hut von seinem kahlen Kopf und bekreuzigte sich dreimal.
»Wenn aber dort etwas … komm ja gleich zurück, Jakow Alpatytsch! Um Christi willen, denk an uns und erbarme dich unser«, rief ihm seine Frau nach, auf die Kriegsgerüchte und das Anrücken des Feindes anspielend.
»Diese Frauenzimmer! Dieses Weibervolk!« brummte Alpatytsch vor sich hin und fuhr ab. Er überschaute die Felder ringsum, die teils mit gelbem Roggen, teils mit dichtem, noch grünem Hafer bestanden waren oder auch schwarz und unbebaut dalagen, dort, wo das zweite Umpflügen erst begonnen hatte.
Während Alpatytsch so beim Vorüberfahren über die breiten Flächen der Roggenfelder hinsah, wo man schon hier und da mit Schneiden begonnen hatte, freute er sich über die ausgezeichnete Ernte an Sommergetreide in diesem Jahr, stellte seine wirtschaftlichen Berechnungen über Aussaat und Ernte an, um jedoch gleich wieder daran zu denken, ob er auch keinen der Aufträge des Fürsten vergessen habe.
Nachdem die Pferde unterwegs zweimal gefüttert worden waren, langte Alpatytsch am 4. August gegen Abend in Smolensk an.
Schon unterwegs hatte er verschiedene Fuhren und Truppen getroffen und überholt. Als er in die Nähe der Stadt kam, hörte er in der Ferne schießen, aber dieses Geräusch machte weiter keinen Eindruck auf ihn. Mehr als alles andere befremdete ihn, als er sich Smolensk näherte, der Anblick eines prächtigen Haferfeldes, auf dem sich Truppen gelagert hatten, die den Hafer anscheinend zum Futter für ihre Pferde abmähten. Über diesen Umstand staunte Alpatytsch sehr, aber er vergaß es bald wieder, da er an seine eignen Angelegenheiten zu denken hatte.
Länger als dreißig Jahre waren Alpatytschs sämtliche Lebensinteressen immer nur vom Willen des Fürsten beherrscht gewesen, und niemals war er aus diesem Kreise herausgekommen. Alles, was nicht mit der Erfüllung des fürstlichen Willens zusammenhing, hatte für ihn nicht nur keinen Wert, sondern war für Alpatytsch überhaupt nicht vorhanden.
Alpatytsch kam also am 4. August gegen Abend in Smolensk an und stieg in der Gatschensker Vorstadt jenseits des Dnjepr in der Herberge des Wirtes Ferapontow ab, wo er schon seit Jahren einzukehren pflegte. Dieser Ferapontow hatte vor einigen Jahren durch Alpatytschs Vermittlung dem Fürsten einen Wald abgekauft, hatte einen Handel angefangen und besaß jetzt in der Hauptstadt ein eignes Haus, eine Herberge und einen Mehlladen. Er war ein dicker, schwarzhaariger, rotbackiger Mann von etwa vierzig Jahren, mit einem Schmerbauch, wulstigen Lippen, einer dicken Gurkennase und ebensolchen Wülsten über den schwarzen finsteren Augenbrauen.
Ferapontow stand in Weste und baumwollnem Hemd vor seinem Laden, der nach der Straße zu lag. Als er Alpatytsch sah, ging er auf ihn zu. »Willkommen, Jakow Alpatytsch! Die Leute hier fahren aus der Stadt fort, und du kommst herein«, sagte der Wirt.
»Warum denn fort aus der Stadt?« fragte Alpatytsch.
»Ich sag’s ja auch: die Leute sind dumm. Haben alle Angst vor den Franzosen.«
»Weibergewäsch! Weibergewäsch!« entgegnete Alpatytsch.
»Das ist meine Ansicht auch, Jakow Alpatytsch. Ich sage: der Befehl ist erlassen, den Feind nicht hereinzulassen, also ist die Sache doch sicher. Ja, und drei Rubel verlangen die Bauern für eine Fuhre, die reinsten Wucherer und Heiden!«
Jakow Alpatytsch hörte aufmerksam zu. Er verlangte einen Samowar und Heu für die Pferde, trank seinen Tee und legte sich sogleich schlafen.
Die ganze Nacht über zogen auf der Straße Truppen an der Herberge vorüber. Am nächsten Morgen legte Alpatytsch sein Kamisol an, das er nur in der Stadt zu tragen pflegte, und ging fort, um seine Besorgungen zu machen. Es war ein sonniger Tag, und schon um acht Uhr morgens machte sich die Hitze fühlbar. Ein Tag, nicht mit Gold zu bezahlen für die Getreideernte, dachte Alpatytsch. Vor der Stadt hörte man vom frühen Morgen an schießen.
Von acht Uhr an gesellte sich zu dem Knattern des Gewehrfeuers noch das Donnern der Geschütze. Auf den Straßen wimmelte es von Menschen und Soldaten, die alle irgendwohin eilten, doch die Droschkenkutscher fuhren herum wie immer, die Kaufleute standen vor ihren Läden, und in den Kirchen war Gottesdienst. Alpatytsch ging in die Läden, zu den Behörden, auf die Post und zum Gouverneur. Bei den Behörden, in allen Läden und auch auf der Post sprach man nur vom Krieg und von den Franzosen, die schon die Stadt überfielen, einer fragte den andern was man tun solle, und jeder gab sich Mühe, den andern zu beruhigen.
Vor dem Haus des Gouverneurs fand Alpatytsch eine große Volksmenge, Kosaken und einen Reisewagen, der dem Gouverneur gehörte. Auf der Freitreppe traf Jakow Alpatytsch zwei adelige Herren, von denen er den einen kannte. Der ihm bekannte Herr, ein früherer Chef der Landpolizei, redete in großer Aufregung.
»Aber das ist doch kein Spaß«, sagte er. »Wer allein steht, für den mag’s ja noch gehen. Einer allein und nicht viel Habe – meinetwegen, wenn man aber eine Familie von dreizehn Köpfen hat und all das Hab und Gut … Soweit haben sie es nun kommen lassen, daß wir alles verlieren werden. Was ist das für eine Obrigkeit nach alledem? … Pfui, aufhängen sollte man sie alle miteinander, diese Räuber …«
»Aber ich bitte Sie, man wird es hören«, warf der andere ein.
»Was kümmert das mich? Mögen Sie es nur hören! Was wollen Sie denn, wir sind doch keine Hunde«, sagte der ehemalige Polizeichef, sah sich um und erblickte Alpatytsch.
»Ach, Jakow Alpatytsch, was machst denn du hier?«
»Ich will im Auftrag Seiner Durchlaucht zum Herrn Gouverneur«, erwiderte Alpatytsch, stolz den Kopf erhebend, und steckte die Hand vorn in die Brust, was er immer zu tun pflegte, wenn er vom Fürsten sprach. »Seine Durchlaucht haben mich beauftragt, über die Lage der Dinge Erkundigungen einzuziehen«, fuhr er fort.
»Na, das sollst du gleich erfahren«, schrie der Gutsbesitzer. »Soweit haben sie’s kommen lassen, daß keine Fuhre mehr zu haben ist, nichts! … Da sind sie schon, hörst du es?« sagte er und wies nach der Seite, von der man die Schüsse hörte.
»Soweit haben sie’s kommen lassen, daß wir nun alle zugrunde gehen … die Räuber«, sagte er noch einmal und ging dann die Stufen hinunter.
Alpatytsch schüttelte den Kopf und stieg die Treppe hinauf. Im Wartezimmer saßen Kaufleute, Frauen und Beamte, die schweigend einander anblickten. Die Tür zum Arbeitszimmer öffnete sich, alle standen von ihren Plätzen auf und drängten vor. Aus der Tür kam ein Beamter gelaufen, sprach ein paar Worte mit einem Kaufmann, rief dann einem dicken Beamten mit einem Orden am Hals zu, ihm zu folgen, und verschwand wieder hinter der Tür, sichtlich bemüht, allen ihm geltenden Blicken und Fragen zu entgehen. Alpatytsch hatte sich vorgedrängt, und als der Beamte das nächstemal herauskam, schob er die Hand in seinen zugeknöpften Oberrock, wandte sich an den Beamten und überreichte ihm seine zwei Briefe.
»An Herrn Baron Asch vom General en chef Fürsten Bolkonskij«, meldete er so feierlich und bedeutsam, daß sich der Beamte nach ihm umwandte und ihm seine Briefe abnahm.