Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Kurz nach der Rückkehr des Kaisers unterhielt sich Fürst Wassilij bei Anna Pawlowna einmal über Kriegsangelegenheiten, klagte Barclay de Tolly mit aller Grausamkeit an, konnte sich aber nicht recht entscheiden, wem er als Oberkommandierendem recht geben sollte. Einer der Gäste, der mit dem Zusatz »un homme de beaucoup de mérite« vorgestellt worden war, erzählte, daß er heute den zum Chef der Petersburger Landwehr ernannten Kutusow in der Staatskammer bei einer Sitzung über die Einstellung der Wehrleute gesehen habe, und erlaubte sich mit aller Vorsicht die Vermutung auszusprechen, daß vielleicht Kutusow der Mann wäre, der allen Anforderungen gerecht werden könne.
Anna Pawlowna lächelte schwermütig und bemerkte, daß Kutusow dem Kaiser bisher nichts als Unannehmlichkeiten bereitet habe.
»Ich habe in der Adelsversammlung geredet und geredet«, fiel Fürst Wassilij ein, »aber man hat nicht auf mich gehört. Ich sagte, Kutusows Wahl zum Chef der Landwehr werde wohl kaum den Beifall des Kaisers haben. Aber sie haben ja nicht auf mich gehört.«
»Überall jetzt diese Manie zu frondieren«, fuhr er fort. »Und gegen wen? Alles nur, weil wir die dumme Moskauer Begeisterung nachäffen wollen«, sagte Fürst Wassilij, versah sich und vergaß, daß es ja bei Helene war, wo man sich über den Moskauer Enthusiasmus lustig machte, während man bei Anna Pawlowna davon entzückt sein mußte. Aber er kam gleich wieder ins rechte Fahrwasser.
»Gehört sich das etwa für einen Grafen Kutusow, den ältesten General in ganz Rußland, hier in der Staatskammer zu sitzen? Et il en restera pour sa peine! Kann man denn zum Oberkommandierenden einen Mann wählen, der nicht zu Pferd sitzen kann, im Kriegsrat einschläft und sich durch üblen Lebenswandel auszeichnet? In Bukarest hat er ja schön von sich reden gemacht! Von seinen Eigenschaften als General will ich gar nicht reden. Darf man aber in solch einem Augenblick einen altersschwachen und blinden, einfach blinden Führer wählen? Das wäre ja eine schöne Sache, ein blinder General! Er sieht ja nichts. Das reine Blindekuhspiel würde das werden … einfach nichts sieht er!«
Niemand hatte darauf etwas zu erwidern.
Am 24. Juli mochte das vielleicht noch stimmen. Jedoch am 29. Juli wurde Kutusow in den Fürstenstand erhoben. Diese Verleihung der fürstlichen Würde konnte freilich auch bedeuten, daß man ihn abfinden wolle, und daß deshalb das Urteil des Fürsten Wassilij noch zu Recht bestehen bleiben konnte, obgleich er es jetzt bereits nicht mehr so eilig hatte, es auszusprechen. Aber am 8. August wurde ein Komitee zur Beratung der Kriegsangelegenheiten einberufen, das aus Generalfeldmarschall Saltikow, Araktschejew, Wiasmitinow, Lopuschin und Kotschubej bestand. Dieses Komitee war der Ansicht, alle Mißerfolge kämen nur daher, weil das Oberkommando nicht in einer Hand liege, und machte deshalb, obgleich allen Persönlichkeiten des Komitees die Abneigung des Kaisers gegen Kutusow bekannt war, nach kurzer Beratung den Vorschlag, Kutusow zum Oberkommandierenden zu ernennen. Und am selben Tag noch wurde Kutusow zum unumschränkten Oberbefehlshaber der Armee und des ganzen besetzten Gebietes ernannt.
Am 9. August traf Fürst Wassilij bei Anna Pawlowna wieder mit l’homme de beaucoup de mérite zusammen. Dieser Herr machte Anna Pawlowna sehr den Hof, weil er wünschte, zum Kurator einer Mädchenerziehungsanstalt ernannt zu werden. Fürst Wassilij trat mit der Miene eines glücklichen Siegers in den Salon, wie ein Mensch, der das Ziel seiner Wünsche erreicht hat.
»Eh bien, vous savez la grande nouvelle? Le prince Koutouzoff est maréchal. Alle Meinungsverschiedenheiten haben nun ein Ende. Wie glücklich bin ich darüber, wie froh!« rief Fürst Wassilij aus. »Enfin voilà un homme!« fuhr er fort und sah ernst und bedeutsam alle an, die im Salon anwesend waren.
L’homme de beaucoup de mérite konnte es sich trotz seines Wunsches, die Stelle zu erhalten, doch nicht versagen, den Fürsten Wassilij an sein früheres Urteil zu erinnern. Dies war zwar unhöflich, sowohl gegen den Fürsten, als auch gegen Anna Pawlowna selber, die diese Nachricht so freudig aufgenommen hatte, aber er konnte es sich trotzdem nicht versagen.
»Mais on dit qu’il est aveugle, mon prince?« sagte er, den Fürsten Wassilij an seine eignen Worte erinnernd.
»Allez donc, il voit assez«, erwiderte der Fürst etwas hüstelnd, mit tiefer, hastiger Stimme und in jenem Tonfall und mit jenem Hüsteln, womit er alle schwierigen Angelegenheiten entschied.
»Allez, il voit assez«, sagte er noch einmal. »Und vor allem habe ich mich gefreut«, fuhr er fort, »daß der Kaiser ihm uneingeschränkte Macht über die ganze Armee und über das ganze besetzte Gebiet gegeben hat – eine Macht, wie sie noch kein Oberkommandierender je besessen hat. Er ist ein zweiter Selbstherrscher«, schloß er mit siegreichem Lächeln.
»Gott segne ihn, Gott segne ihn!« sagte Anna Pawlowna.
L’homme de beaucoup de mérite, der in Hofkreisen noch ein Neuling war, wollte Anna Pawlowna etwas Angenehmes sagen, indem er, ihre frühere Ansicht über diese Entscheidung bestätigend, äußerte: »Man sagt, der Kaiser habe Kutusow nur ungern diese Macht übertragen. On dit, qu’il rougit comme une demoiselle, à laquelle on lirait Joconde[156], en lui disant: le souverain et la patrie vous decernent cet honneur.«
»Peut-être que le cœur n’était pas de la partie«, sagte Anna Pawlowna.
»O nein, nein!« mischte sich hitzig Fürst Wassilij ein. Jetzt wollte er nichts mehr auf Kutusow kommen lassen. Seiner Ansicht nach war jetzt Kutusow nicht nur an sich vortrefflich, sondern wurde auch von allen vergöttert. »Nein, nein, das kann nicht sein, der Kaiser hat ihn doch schon früher hochgeschätzt!« sagte er.
»Gebe Gott nur«, fing Anna Pawlowna an, »daß Fürst Kutusow diese Macht auch tatsächlich in seine eigne Hand nimmt und niemandem gestattet, ihm Stecken in die Räder zu schieben, des bâtons dans les roues.«
Fürst Wassilij verstand sogleich, wen sie mit diesem »niemand« gemeint hatte. Flüsternd sagte er: »Ich weiß genau, daß Kutusow als unerläßliche Bedingung verlangt hat, der Thronfolger dürfe nicht bei der Armee bleiben. Vous savez, ce qu’il a dit à l’empereur?«
Und Fürst Wassilij wiederholte die Worte, die Kutusow angeblich zum Kaiser gesagt haben sollte: »Ich kann ihn weder bestrafen, wenn er etwas Dummes macht, noch belohnen, wenn er sich gut führt.«
»Oh, dieser Fürst Kutusow ist ein äußerst kluger Mensch! Je le connais de longue date.«
»Es wird sogar behauptet«, sagte l’homme de beaucoup de mérite, der noch nicht den höfischen Takt besaß, »Seine Durchlaucht habe als unerläßliche Bedingung verlangt, daß der Kaiser selber der Armee fernbleibe.«
Kaum hatte er dies ausgesprochen, so wandten sich augenblicklich Fürst Wassilij und Anna Pawlowna von ihm ab, sahen einander bedauernd an und seufzten ob seiner Naivität.
7
Während dies in Petersburg vorging, hatten die Franzosen Smolensk schon hinter sich und näherten sich Moskau mehr und mehr. Napoleons Geschichtsschreiber Thiers sagt, indem er seinen Helden zu rechtfertigen sucht, daß Napoleon gegen seinen Willen zu den Mauern Moskaus hingelockt worden sei, was auch andere Geschichtsschreiber behaupten. Er hat ebenso recht wie alle jene Historiker, die geschichtliche Ereignisse aus dem Willen eines einzelnen Menschen zu erklären versuchen, ebenso recht wie jene russischen Geschichtsschreiber, die da behaupten, Napoleon sei durch die Kunst russischer Feldherrn nach Moskau gelockt worden. Hier spielen außer dem Gesetz des nachträglichen Hineindeutens auch noch die Wechselbeziehungen mit hinein, die alles noch mehr verwirren. Ein guter Schachspieler ist, wenn er eine Partie verloren hat, fest überzeugt, daß dieser Verlust durch einen Fehler seinerseits verursacht ist, und sucht diesen Fehler am Anfang seines Spieles. Aber er denkt nicht daran, daß im Verlauf des ganzen Spiels bei jedem Zug solche Fehler gemacht worden sind, und daß auch nicht ein einziger Zug ganz fehlerfrei gewesen ist. Und gerade der Fehler, auf den er seine Aufmerksamkeit lenkt, fällt ihm nur deshalb auf, weil der Gegner Vorteil daraus gezogen hat. Um wieviel verwickelter aber ist nun das Spiel eines Krieges, das unter gewissen zeitlichen Bedingungen abrollt und wo nicht ein einziger Wille leblose Marionetten lenkt, sondern alles, was sich ereignet, dem Zusammenfluß zahlloser, mannigfaltiger Willkürlichkeiten entspringt.
156
Joconde: Verserzählung von La Fontaine (1621-1695).