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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Alpatytsch hatte seine Familie weggeschickt und war allein in Lysyja-Gory geblieben. Er saß im Haus und las im Leben der Heiligen. Als er von der Ankunft des Fürsten Andrej hörte, kam er, mit der Brille auf der Nase und sich schnell den Rock zuknöpfend, herausgelaufen, eilte auf den Fürsten Andrej zu, fing, ohne ein Wort zu sagen, zu weinen an und küßte ihm das Knie.

Dann wandte er sich ab, erzürnt über seine eigne Schwäche, und fing an, dem Fürsten über den Stand der Dinge Bericht zu erstatten. Alle Wertsachen und Kostbarkeiten waren nach Bogutscharowo geschafft worden. Auch das Getreide, an die hundert Tschetwert, hatte man dorthin gebracht. Das Futter aber und das Sommergetreide, das, wie Alpatytsch meinte, in diesem Jahr ganz besonders gut geraten sei, hatten die Soldaten noch unreif abgemäht und mitgenommen. Die Bauern waren zugrunde gerichtet, die meisten ebenfalls nach Bogutscharowo übergesiedelt und nur ein kleiner Teil zurückgeblieben.

Fürst Andrej hörte ihn nicht bis zu Ende an, sondern fragte gleich: »Wann sind mein Vater und meine Schwester abgereist?« und meinte damit, wann sie nach Moskau abgefahren seien.

Alpatytsch, in der Annahme, der Fürst frage nach ihrer Abreise nach Bogutscharowo, erwiderte, sie seien am 7. August abgefahren, und fuhr dann gleich wieder fort, ihm Wirtschaftsangelegenheiten auseinanderzusetzen. Er bat seinen jungen Herrn um Anweisungen.

»Soll ich den Kommandeuren Hafer gegen Quittungen ablassen? Wir haben noch gegen sechshundert Tschetwert übrig«, fragte Alpatytsch.

Was soll ich ihm darauf antworten? dachte Fürst Andrej, indem er den in der Sonne glänzenden Kahlkopf des Alten betrachtete und aus seinem Gesichtsausdruck las, daß Alpatytsch selber wußte, wie unzeitgemäß es war, so zu fragen, aber diese Frage nur gestellt hatte, um seinen eignen Kummer zu übertäuben.

»Ja, laß ihnen nur welchen ab«, antwortete er.

»Sie werden im Garten Unordnung gefunden haben«, fuhr Alpatytsch fort, »aber es war unmöglich, etwas dagegen zu tun. Drei Regimenter sind durchgekommen und haben hier übernachtet, vor allem Dragoner. Ich habe mir Titel und Namen der Kommandeure aufgeschrieben, um eine Beschwerde einreichen zu können.«

»Nun und du selber, was wirst du tun? Willst du hier bleiben, wenn das Gut vom Feind besetzt wird?« fragte ihn Fürst Andrej.

Alpatytsch wandte sein Gesicht dem Fürsten Andrej zu, sah ihn an und hob plötzlich mit feierlicher Gebärde die Hand gen Himmel.

»Er ist mein Beschützer, sein Wille geschehe!« erwiderte er.

Eine Schar von Bauern und Gutsleuten kam mit bloßen Köpfen über die Wiese auf den Fürsten Andrej zu.

»Nun leb wohl«, sagte Fürst Andrej und beugte sich zu Alpatytsch nieder. »Fahr du selber auch weg, nimm mit, was du kannst und schicke die Leute auf das Gut in Rjasan oder auf das bei Moskau.«

Alpatytsch preßte sich an das Bein seines Herrn und brach in Schluchzen aus. Fürst Andrej schob ihn vorsichtig beiseite, spornte sein Pferd und sprengte im Galopp die Allee hinunter.

Vorn auf der Bank saß noch immer, teilnahmslos wie eine Fliege auf dem Antlitz eines teuren Toten, der alte Bauer und klopfte an den Leisten seines Bastschuhs, während zwei kleine Mädchen mit Pflaumen in den aufgehobenen Röckchen, die sie in den Obstpflanzungen von den Bäumen gerissen hatten, von dorther gelaufen kamen und gerade mit dem Fürsten Andrej zusammenstießen. Als sie den jungen Herrn sahen, packte die Ältere mit erschrockenem Gesicht ihre kleine Gefährtin an der Hand und versteckte sich mit ihr hinter den Birken, ohne sich die Zeit zu lassen, die dabei verlorenen, grünen Pflaumen wieder aufzulesen.

Fast ängstlich wandte sich Fürst Andrej von ihnen ab, um sie nicht merken zu lassen, daß er sie gesehen hatte. Ihm tat das hübsche, erschrockene Mädchen leid. Er scheute sich davor, nach ihr hinzusehen, fühlte aber gleichzeitig den unwiderstehlichen Wunsch, es zu tun. Ein neues erquickendes und beruhigendes Gefühl ergriff ihn, als er sich beim Anblick dieser kleinen Mädchen bewußt wurde, daß es noch andere, ihm ganz fremde, aber ebenso berechtigte menschliche Interessen gab wie jene, die ihn selber in Anspruch nahmen. Diese kleinen Dinger hatten offenbar nur den einen sehnlichen Wunsch: ihre unreifen Pflaumen in Sicherheit zu bringen und aufzuessen, ohne dabei erwischt zu werden, und mit ihnen zusammen empfand auch Fürst Andrej den Wunsch, daß ihnen dies Unternehmen glücken möge. Aber er konnte es doch nicht über sich gewinnen, nicht noch einmal zu ihnen hinzusehen. Überzeugt, der Gefahr entronnen zu sein, sprangen sie aus ihrem Versteck hervor, zwitscherten mit ihren feinen Stimmchen einander etwas zu und liefen, die Röckchen hochhebend, mit ihren verbrannten, nackten Beinchen lustig und flink über das Gras der Wiese.

Fürst Andrej hatte diesen Abstecher aus dem Bereich des Landstraßenstaubes, in dem sich die Truppen vorwärtsbewegten, als Erfrischung empfunden. Nicht weit hinter Lysyja-Gory mußte er jedoch wieder auf die große Straße abbiegen und erreichte sein Regiment am Damm eines kleinen Teiches, wo es rastete.

Es war zwei Uhr nachmittags. Die Sonne, ein in Staub gehüllter roter Ball, stach unerträglich und brannte durch die schwarze Uniform auf den Rücken. Immer noch lagerte der Staub wie eine unbewegliche Wolke über den Häuptern der Truppen, die sich unter lautem Redegeschwirr gelagert hatten Kein Lüftchen regte sich. Als Fürst Andrej auf den Damm ritt kam ihm ein Geruch von Schlamm und kühlem Wasser entgegen. Ein Verlangen, in dieses Wasser zu steigen, überkam ihn, mochte es so schmutzig sein, wie es wolle. Er sah sich nach dem Teich um von wo Geschrei und Gelächter herüberdrang. Der kleine, trübe, grün bewachsene Weiher war so voll von nackten, weißen Soldatenleibern, die mit ziegelroten Armen, Gesichtern und Hälsen darin herumplätscherten, daß er sichtlich um einen Fuß gestiegen war und den Damm beinahe überschwemmte. Und alle diese nackten, weißen, menschlichen Fleischmassen plantschten unter Lachen und Kreischen in dieser schmutzigen Pfütze herum wie Karauschen in einer Gießkanne. Es lag ein solch harmloser Frohsinn in diesem Plätschern, daß man ganz besonders wehmütig davon gestimmt wurde.

Ein junger blonder Soldat mit einem kleinen Riemen unterhalb der Wade – Fürst Andrej kannte ihn sogar, er war von der dritten Kompanie – bekreuzigte sich, trat etwas zurück, um einen tüchtigen Anlauf nehmen zu können, und stürzte sich kopfüber in die Flut. Ein anderer, ein schwarzer, immer struppiger Unteroffizier, stand bis an den Gürtel im Wasser, zuckte wohlig mit dem muskulösen Oberleib und prustete lustig, indem er sich mit den schwarzen Händen Wasser über den Kopf goß. Man hörte, wie sie sich gegenseitig klatschten und dabei kreischten und juchzten.

An den Ufern, auf dem Damm, im Teich – überall wimmelte es von weißem, gesundem, muskulösem Menschenfleisch. Timochin, ein Offizier mit roter Nase, trocknete sich gerade auf dem Damm mit einem Handtuch ab und geriet, als er den Fürsten sah, etwas in Verlegenheit. Dennoch faßte er sich ein Herz und wandte sich an ihn.

»Ist das schön! Durchlaucht sollten es auch machen«, sagte er.

»Zu schmutzig«, erwiderte Fürst Andrej mit zusammengezogenen Brauen.

»Gleich werde ich das Wasser für Euer Durchlaucht sauber machen lassen.« Und Timochin lief, so wie er war, davon, um die Säuberung des Teiches anzuordnen.

»Der Fürst will baden.«

»Was für einer? Unser Fürst?« klangen die Stimmen durcheinander, und alle hatten es so eilig, daß sie Fürst Andrej nur mit Mühe wieder beruhigen konnte. Er war auf den Gedanken gekommen, sich lieber im Schuppen mit Wasser zu begießen.

Menschenfleisch, Soldatenkörper, chair à canon, dachte er, seinen nackten Körper betrachtend, und schauderte nicht sowohl vor Kälte als vielmehr vor einem ihm selber unverständlichen Entsetzen, das er beim Anblick dieser gewaltigen Menge in dem schmutzigen Teich herumplätschernder Menschenleiber empfunden hatte.

Am 7. August schrieb Fürst Bagration von seinem Rastplatz Michailowka an der Straße von Smolensk folgenden Brief:

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