Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Nach ein paar Minuten wurde Alpatytsch vom Gouverneur empfangen, der hastig zu ihm sagte: »Melde dem Fürsten und der Prinzessin, daß ich von allem unterrichtet gewesen bin: ich habe auf höheren Befehl gehandelt – hier …« er gab Alpatytsch ein Flugblatt. »Übrigens, da der Fürst nicht wohl ist, rate ich ihm, nach Moskau zu reisen. Ich selber fahre auch gleich dahin. Bestelle …«
Aber der Gouverneur sprach nicht zu Ende, ein ganz mit Staub und Schweiß bedeckter Offizier stürzte zur Tür herein und sagte etwas auf französisch. Auf dem Gesicht des Gouverneurs malte sich Entsetzen.
»Geh«, sagte er, nickte Alpatytsch zu und fing dann an den Offizier auszufragen.
Gierige, erschrockene und hilflose Blicke empfingen Alpatytsch, als dieser aus dem Arbeitszimmer des Gouverneurs herauskam. Unwillkürlich horchte er jetzt gespannter auf das nahe, immer stärker werdende Schießen und eilte in seine Herberge zurück. Auf dem Flugblatt, das der Gouverneur Alpatytsch gegeben hatte, stand folgendes:
»Ich versichere Ihnen, daß der Stadt Smolensk nicht die geringste Gefahr bevorsteht, und daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach auch niemals von einer solchen bedroht werden wird. Ich gehe von der einen und Fürst Bagration von der andern Seite vor, um vor Smolensk die Vereinigung der beiden Armeen herbeizuführen, die sich am 22. d. M. vollziehen wird, und beide Armeen werden dann mit vereinten Kräften ihre Mitbürger in der Ihnen anvertrauten Gouvernementsstadt schützen, bis es ihren Anstrengungen gelungen sein wird, die Feinde des Vaterlands von ihnen abzuwehren, oder bis ihre tapferen Reihen bis auf den letzten Mann vernichtet sein werden. Sie ersehen hieraus, daß Sie ein volles Recht haben, die Einwohner von Smolensk zu beruhigen, denn wer unter dem Schutz zweier so tapferer Armeen steht, darf sich auf ihren Sieg verlassen.« (Order Barclay de Tollys an den Zivilgouverneur von Smolensk, Baron Asch 1812.)
Das Volk trieb sich unruhig auf den Straßen herum.
Hochbepackte Fuhren mit Hausgerät, Stühlen und Schränken kamen fortwährend aus den Torwegen der Häuser und fuhren dann die Straße entlang. Auch neben dem Hause Ferapontows standen solche Fuhren, und heulend und mit vielen Worten nahmen die Weiber Abschied. Ein Hofhund umsprang bellend die angeschirrten Pferde.
Mit eiligerem Schritt als gewöhnlich ging Alpatytsch über den Hof, geradewegs auf den Schuppen zu, wo seine Pferde und sein Wagen untergebracht waren. Der Kutscher schlief, er weckte ihn, befahl ihm anzuspannen und ging in den Hausflur. Aus der Stube des Wirtes hörte man Kinderweinen, das krampfhafte Schluchzen einer Frau und die zornige, heisere Stimme Ferapontows. Als Alpatytsch in den Hausflur eintrat, lief gerade die Köchin wie ein gescheuchtes Huhn vorbei.
»Halbtot hat er sie geschlagen … die Frau! … Geschlagen hat er sie und an den Haaren geschleift! …«
»Warum denn?« fragte Alpatytsch.
»Sie hat ihn gebeten fortzufahren. Das ist doch ihre Pflicht als Mutter. ›Schaff mich fort‹, hat sie gesagt, ›richte mich mit meinen kleinen Kindern nicht zugrunde. Alle Leute‹, hat sie gesagt, ›sind schon weggefahren. Wozu bleiben wir denn noch hier?‹ hat sie gesagt. Und da hat er angefangen, sie zu schlagen. Und so hat er sie geschlagen! So hat er sie geschleift!«
Alpatytsch nickte wie beifällig zu ihren Worten, ging aber, da er von der Sache nichts weiter hören wollte, auf das der Stube der Wirtsleute gegenüberliegende Zimmer zu, wo er seine Einkäufe verstaut hatte.
»Du Bösewicht! Du Mörder!« schrie in diesem Augenblick die hagere, blasse Frau, das Tuch war ihr vom Kopf gerutscht, und sie stürzte mit ihrem Kind auf dem Arm aus der Tür und lief die Treppe zum Hof hinunter.
Ferapontow trat hinter ihr ebenfalls aus der Stube, und als er Alpatytsch sah, zog er die Weste zurecht, strich sich übers Haar, gähnte und ging Alpatytsch nach in dessen Zimmer.
»Willst du denn schon wieder wegfahren?« fragte er ihn.
Ohne sich nach dem Wirt umzuwenden und auf seine Frage eine Antwort zu geben, packte Alpatytsch seine Einkäufe zusammen und fragte, wieviel er ihm für das Quartier schulde.
»Wir werden schon miteinander ins reine kommen. Nun und? Warst du beim Gouverneur?« fragte Ferapontow. »Was für einen Bescheid hat er dir gegeben?«
Alpatytsch erwiderte, der Gouverneur habe ihm nichts Bestimmtes gesagt.
»Kann man etwa bei unserem Geschäft so einfach auf und davon fahren?« sagte Ferapontow. »Bis Dorogobusch verlangen sie bereits sieben Rubel für eine Fuhre. Ich sage ja: Wucherer sind das und Heiden!« fuhr er fort. »$Seiiwanow, der hat am Donnerstag noch Glück gehabt, hat sein Mehl an die Armee verkauft für neun Rubel den Sack. Aber wie ist’s, willst du nicht etwas trinken?« fügte er hinzu.
Während die Pferde angespannt wurden, tranken Alpatytsch und Ferapontow zusammen Tee und unterhielten sich über Kornpreise, über die Ernte und das prächtige Erntewetter.
»Wenigstens ist es nun ruhiger geworden«, sagte Ferapontow, nachdem er drei Tassen Tee getrunken hatte, und erhob sich. »Unsere Truppen werden wohl gesiegt haben. Es war ja angezeigt worden: der Feind wird nicht hereingelassen. Das heißt doch so viel wie: wir haben die Macht … Da neulich hieß es, Matwej Iwanytsch Platow habe welche in die Marina gejagt und an die achtzehntausend Mann an einem Tag ersäuft.«
Alpatytsch raffte seine Einkäufe zusammen, übergab sie dem eintretenden Kutscher und rechnete mit dem Wirt ab. Dann hörte man vom Torweg her das Rollen der Räder, das Stampfen der Hufe und das Klingeln der Schellen des vorfahrenden Wagens.
Es war schon lange Mittag vorbei, die eine Hälfte der Straße lag bereits im Schatten, während die andere noch grell von der Sonne beschienen wurde. Alpatytsch sah zum Fenster hinaus und ging nach der Tür. Plötzlich hörte man das seltsame Geräusch eines fernen Pfeifens und Einschlagens, und gleich darauf ertönte das ununterbrochene Getöse eines Kanonenfeuers, daß die Fenster zitterten.
Alpatytsch trat auf die Straße hinaus, zwei Männer liefen vorbei auf die Brücke zu. Von verschiedenen Seiten hörte man das Pfeifen und Einschlagen der Kanonenkugeln und das Platzen der Granaten, die in die Stadt fielen. Aber dieses Krachen war weniger hörbar und lenkte die Aufmerksamkeit der Bewohner weniger auf sich als das Getöse des Kanonenfeuers, das man vor der Stadt hörte. Es war dies ein Bombardement aus hundertunddreißig Geschützen, das Napoleon um fünf Uhr auf die Stadt zu eröffnen befohlen hatte. Zuerst verstand das Volk den Sinn dieses Bombardements nicht.
Anfänglich erweckte das Krachen der einschlagenden Granaten und Kanonenkugeln nur die Neugier der Bevölkerung. Ferapontows Frau, die bis jetzt hinter dem Schuppen ununterbrochen geheult hatte, wurde auf einmal still, trat mit dem Kind auf dem Arm in den Torweg, blickte stumm auf die Menge und horchte auf das Getöse.
Nun traten auch die Köchin und der Kommis aus dem Laden vor das Tor. Alle strengten sich mit vergnügter Neugier an, die über ihre Köpfe hinsausenden Geschosse mit den Augen zu erkennen. Um die Straßenecke bogen ein paar Männer in lebhaftem Gespräch.
»Hat das eine Wucht«, sagte der eine. »Dach und Decke durchgeschlagen, daß nur so die Splitter flogen!«
»Und die Erde aufgewühlt wie ein Schwein!« sagte der andere. »Wie das wirkt! Wie das einem die Nerven kitzelt!« fügte er lachend hinzu. »Ein Glück, daß du beiseite sprangst, sonst hätte dir das was Ordentliches auswischen können.«
Die Menge wandte sich den Männern zu. Sie blieben stehen und erzählten, wie dicht neben ihnen Kanonenkugeln in ein Haus eingeschlagen hätten. Unterdessen flogen ununterbrochen andere Geschosse, bald Kanonenkugeln mit schnellem, dumpfem Sausen, bald Granaten mit angenehmem Pfeifen, über die Köpfe der Menge, aber keines der Geschosse ging in der Nähe nieder, alle flogen darüber hinweg. Alpatytsch setzte sich in seinen Wagen. Der Wirt stand vor dem Tor.
»Was hast du da zu gaffen?« schrie er der Köchin zu, die mit aufgestreiften Ärmeln und in rotem Unterrock, die nackten Ellbogen hin und her wiegend, an die Ecke gelaufen war, um zuzuhören, was dort erzählt wurde.