Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Und wird Alpatytsch noch nach Smolensk geschickt?« fragte Prinzessin Marja.
»Gewiß, er wartet schon darauf.«
3
Als Michail Iwanowitsch mit dem Brief in der Hand in das Arbeitszimmer zurückkehrte, saß der alte Fürst mit der Brille und einem Blendschirm vor den Augen bei Kerzenlicht vor seinem offenen Schreibtisch, hielt ein Blatt Papier in der weit vorgestreckten Hand und las in feierlicher Pose die Schriftstücke durch – ses remarques, wie er sie nannte –, die nach seinem Tode dem Kaiser überreicht werden sollten.
Als Michail Iwanowitsch eintrat, standen ihm Tränen der Erinnerung in den Augen, der Erinnerung an jene Zeit, da er das geschrieben hatte, was er jetzt las. Er nahm den Brief aus Michail Iwanowitschs Hand, steckte ihn in die Tasche, legte die Papiere beiseite und ließ den schon lange wartenden Alpatytsch hereinrufen.
Er hatte sich auf einem Zettel alles aufgeschrieben, was in Smolensk besorgt werden sollte, ging nun im Zimmer vor dem an der Tür wartenden Alpatytsch auf und ab und fing an, seine Befehle zu erteilen.
»Also zuerst – Briefpapier, hörst du, acht Buch nach diesem Muster hier, mit Goldschnitt … Hier ist die Probe, daß du mir ja dasselbe bringst. Dann Lack, Siegellack … ganz wie Michail Iwanytsch dir aufgeschrieben hat.«
Er ging weiter im Zimmer auf und ab und warf einen Blick auf den Merkzettel.
»Ferner überbringst du dem Gouverneur persönlich meinen Brief über die nachgelassenen Schriften.«
Dann brauchte man noch Türriegel für das neue Gebäude, die unbedingt die Form haben mußten, wie der Fürst sie sich ausgedacht hatte, ferner mußte beim Buchbinder ein Kasten besorgt werden, um die Papiere des Testamentes hineinpacken zu können.
Das Erteilen der Befehle an Alpatytsch dauerte über zwei Stunden. Der Fürst entließ ihn immer noch nicht. Er setzte sich wieder hin, versank in Nachdenken, schloß die Augen und fing an einzunicken. Alpatytsch machte sich bemerkbar.
»Na, geh nur, geh! Wenn ich noch etwas brauche, werde ich dich rufen lassen.«
Alpatytsch ging hinaus. Der Fürst trat wieder an seinen Schreibtisch, sah hinein, fuhr mit der Hand über die Papiere, schloß sich dann wieder ein und setzte sich an den Tisch, um den Brief an den Gouverneur zu schreiben.
Es war schon sehr spät, als er endlich aufstand und den Brief siegelte. Er war müde und wollte schlafen, aber er wußte, daß er nicht werde einschlafen können, und daß ihm im Bett die trübsten Gedanken kommen würden. Er rief nach Tichon und ging durch die Zimmer, um ihm zu sagen, wo heute nacht sein Bett aufgestellt werden sollte. Er wanderte durch alle Räume und sah sich jeden Winkel daraufhin an.
Nirgends schien es ihm recht, am allerschlechtesten aber war es auf dem gewohnten Diwan im Arbeitszimmer. Wahrscheinlich war ihm dieser Diwan deshalb so furchtbar, weil ihm, während er dort lag, so schwere Gedanken gekommen waren. Nirgends war es gut, am besten vielleicht noch im Diwanzimmer in der Ecke hinter dem Klavier: dort hatte er noch nie geschlafen.
Tichon schleppte mit einem Diener das Bett herbei und fing an, es aufzuschlagen. »Nicht so! Nicht so!« schrie der Fürst und rückte selber das Bett ein Stück aus der Ecke heraus, schob es aber dann sogleich wieder zurück.
Na, endlich, nun ist alles vollbracht, jetzt werde ich ausruhen, dachte der Fürst und ließ sich von Tichon auskleiden.
Grimmig zog er die Stirn in Falten wegen der Anstrengung, die es kostete, ihm den Kaftan und die Hosen auszuziehen, ließ es aber geschehen, setzte sich schwer auf den Bettrand nieder und betrachtete, wie in Gedanken versunken, verächtlich seine gelben, vertrockneten Beine. Aber er dachte nicht weiter nach, sondern zögerte nur vor der Mühe, die ihm nun bevorstand, die Beine aufzuheben und sich auf das Bett zu legen. Ach, wie schwer! Oh, wenn nur diese Plage so bald wie möglich zu Ende wäre und ihr mich ließet! dachte er. Die Lippen zusammenpressend wiederholte er endlich diese Anstrengung zum soundsovielten Male und legte sich hin. Aber kaum hatte er sich lang gelegt, als sich plötzlich das ganze Bett unter ihm gleichmäßig vorund rückwärts zu bewegen schien, als atme und stieße es schwer. Das ging ihm fast jede Nacht so. Er riß die Augen, die ihm schon zugefallen waren, wieder auf.
»Keine Ruhe, diese verdammte Gesellschaft!« murmelte er voller Ingrimm gegen irgend jemand. »Ja, ja, da war noch etwas Wichtiges, etwas sehr Wichtiges, das ich mir für die Nacht im Bett aufgehoben hatte. Die Riegel? Nein, die habe ich ja bestellt. Nein, es war etwas anderes, etwas im Salon. Prinzessin Marja hat mir irgend etwas vorgelogen. Und dann gab Dessalles, dieser Schafskopf, auch seinen Senf dazu. Ich hatte was in der Tasche … Ich komme nicht darauf.«
»Tischka, von was haben wir bei Tisch gesprochen?«
»Vom Fürsten Michail …«
»Halt’s Maul!« Der Fürst schlug mit der Hand auf den Tisch. »Ja, ich weiß, der Brief vom Fürsten Andrej. Prinzessin Marja hat ihn vorgelesen. Dessalles sagte etwas von Witebsk. Jetzt werde ich den Brief lesen.«
Er ließ sich den Brief aus der Tasche geben und das Tischchen mit der Limonade und der gedrehten Wachskerze ans Bett rücken, setzte die Brille auf und fing an zu lesen. Erst hier in der Stille der Nacht, beim schwachen Schein der Kerze, der durch den grünen Lichtschirm drang, begriff er zum erstenmal, während er den Brief las, für einen Augenblick seine ganze Bedeutung.
»Die Franzosen in Witebsk! In vier Tagemärschen können sie in Smolensk sein! Vielleicht sind sie jetzt schon dort! Tischka!« Tichon sprang herbei. »Nein, es ist gut, ich brauche nichts«, brummte der Fürst.
Er steckte den Brief unter den Leuchter und schloß die Augen. Da sah er vor sich die Donau, einen strahlenden Mittag, Schilfrohr, das russische Lager, und er, ein junger General, ohne eine Falte im Gesicht, forsch, munter und gesund, tritt in Potemkins[154] bemaltes Zelt, und der brennende Neid gegen diesen Günstling erregt ihn noch jetzt ebenso stark wie damals. Und alle die Worte fallen ihm wieder ein, die bei seiner ersten Begegnung mit Potemkin fielen. Und er sieht eine kleine, volle, wohlbeleibte Dame vor. sich mit gelblich fettem Gesicht: die Kaiserin, denkt an ihr Lächeln, ihre Worte, als sie ihn zum erstenmal in ihrer liebenswürdigen Art empfing, und dann fällt ihm ihr Gesicht auf dem Totenbett ein und der Streit um das Recht, ihr die Hand küssen zu dürfen, den er damals an ihrem Katafalk mit Subow hatte.
Ach, könnte man doch bald, bald zu jenen Zeiten zurückkehren, damit alles Gegenwärtige möglichst schnell ein Ende hätte! Ach, wenn mich nur alle in Ruhe ließen!
4
Lysyja-Gory, das Gut des Fürsten Nikolaj Andrejewitsch Bolkonskij, lag sechzig Werst hinter Smolensk und drei Werst von der Straße nach Moskau entfernt.
Am selben Abend, an dem der Fürst dem Verwalter Alpatytsch seine Befehle erteilt hatte, ließ sich Dessalles bei Prinzessin Marja melden und gab ihr untertänigst den Rat, da der Fürst nicht wohl sei und selber keinerlei Maßnahmen für seine Sicherheit treffe, aber aus dem Brief des Fürsten Andrej klar hervorgehe, daß ein längeres Verweilen in Lysyja-Gory nicht ohne Gefahr sei, selber an den Gouverneur einen Brief zu schreiben und ihn durch Alpatytsch nach Smolensk zu schicken, mit der Bitte, sie über den Stand der Dinge und die Größe der Gefahr, die Lysyja-Gory drohe, aufzuklären. Dieses Schreiben an den Gouverneur hatte Dessalles für Prinzessin Marja selber aufgesetzt, sie unterschrieb es nur, und der Brief wurde Alpatytsch eingehändigt mit dem Auftrag, ihn dem Gouverneur zu überbringen und im Fall einer Gefahr so schnell wie möglich zurückzukommen.
Nachdem er alle Aufträge entgegengenommen hatte, trat Alpatytsch, von seinen Hausgenossen begleitet, mit Stock und weißem, weichem Reisehut, einem Geschenk des Fürsten, so, wie der Fürst selber herauszutreten pflegte, vor die Tür und setzte sich in das Landaulet mit dem Lederverdeck, das mit drei wohlgenährten Rotschimmeln bespannt war.
154
Potemkin: G. A. Potemkin (1739-1791), Günstling und politischer Ratgeber Kaiserin Katharinas II., der zur Zeit des Friedensschlusses von Kucuk Kamardze 1774 (worauf hier angespielt wird) Generalgouverneur der südlichen Provinzen war.