Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Vor allem aber verstand Prinzessin Marja die ganze Bedeutung dieses Krieges deshalb nicht, weil der alte Fürst niemals über ihn sprach, ihn nicht anerkannte und sich bei Tisch über Dessalles lustig machte, wenn dieser davon zu reden anfing. Der Ton des alten Fürsten war dabei so ruhig und überzeugt, daß Prinzessin Marja, ohne viel darüber nachzudenken, ihm Glauben schenkte.
Den ganzen Juli über war der alte Fürst außerordentlich geschäftig und sogar lebhaft. Er ließ noch einen neuen Garten anlegen und ein neues Flügelgebäude errichten, wo das Gesinde wohnen sollte. Der einzige Umstand, der Prinzessin Marja beunruhigte, war, daß er so wenig schlief, der Gewohnheit, in seinem Arbeitszimmer die Nacht zu verbringen, untreu wurde und sich jeden Tag einen anderen Platz für sein Nachtlager wählte. Bald gab er den Befehl, sein Feldbett auf der Galerie aufzuschlagen, bald blieb er auf dem Diwan liegen oder in seinem großen Armstuhl im Salon sitzen und schlummerte angekleidet ein, während ihm nicht Mademoiselle Bourienne, sondern der Bursche Peter vorlesen mußte, bald verbrachte er die Nacht im Eßzimmer.
Am ersten August kam der zweite Brief vom Fürsten Andrej an. In seinem ersten Brief, der kurz nach seiner Abreise eingetroffen war, hatte er seinen Vater in aller Ergebenheit gebeten, ihm das, was er sich ihm zu sagen erlaubt habe, zu verzeihen und ihm sein Wohlwollen wieder zuzuwenden. Auf diesen Brief hatte der alte Fürst mit einem freundlichen Schreiben geantwortet, und seit jener Zeit die Französin von sich ferngehalten. Der zweite Brief des Fürsten Andrej, der bei Witebsk geschrieben war, nachdem die Franzosen diese Stadt besetzt hatten, bestand in einer kurzen Beschreibung des ganzen Feldzugs nebst einer im Brief eingezeichneten Kartenskizze und aus Berechnungen und Schlüssen über den weiteren Gang des Krieges. In diesem Brief stellte Fürst Andrej seinem Vater vor, welch unbequeme Folgen es für ihn haben könne, daß Lysyja-Gory so nah am Kriegsschauplatz und gerade auf der Linie der Truppenbewegung lag, und riet ihm, nach Moskau überzusiedeln.
Als an diesem Tag bei Tisch Dessalles davon sprach, daß, wie er gehört habe, die Franzosen schon in Witebsk eingerückt seien, fiel dem alten Fürsten der Brief seines Sohnes ein.
»Ich habe heute vom Fürsten Andrej einen Brief bekommen«, sagte er zu Prinzessin Marja, »hast du ihn schon gelesen?«
»Nein, mon père«, erwiderte Prinzessin Marja erschrocken; sie konnte doch einen Brief, von dessen Eintreffen sie nicht einmal wußte, noch gar nicht gelesen haben.
»Er schreibt da von einem Feldzug«, sagte der Fürst mit jenem ihm zur Gewohnheit gewordenen verächtlichen Lächeln, mit dem er immer vom gegenwärtigen Krieg zu reden pflegte.
»Das muß sehr interessant sein«, meinte Dessalles. »Der Fürst ist doch in der Lage, beurteilen zu können …«
»Ach, wie interessant!« rief Mademoiselle Bourienne.
»Gehen Sie und holen Sie ihn mir her«, wandte sich der alte Fürst an Mademoiselle Bourienne. »Sie wissen, auf dem kleinen Tisch unter dem Briefbeschwerer.«
Mademoiselle Bourienne sprang freudig auf.
»Ach nein«, rief er sie sogleich mit finsterer Stirn wieder zurück. »Geh du, Michail Iwanytsch!«
Michail Iwanytsch stand auf und ging in das Arbeitszimmer. Kaum war er aber hinausgegangen, als sich der alte Fürst unruhig umblickte, die Serviette beiseite warf und selber hinging.
»Nichts verstehen sie! Alles bringen sie durcheinander!«
Während er hinausging, sahen Prinzessin Marja, Dessalles, Mademoiselle Bourienne und sogar Nikoluschka schweigend einander an. Mit dem Brief und einem Plan in der Hand, kehrte der alte Fürst eiligen Schrittes zurück, gefolgt von Michail Iwanowitsch, und legte den Brief neben sich, ohne ihn bei Tisch jemand zum Lesen zu geben.
Als man nach Tisch in den Salon hinübergegangen war, gab er den Brief Prinzessin Marja und befahl ihr, indem er den Plan seines Neubaus vor sich ausbreitete und seine Augen nicht von ihm abwandte, den Brief laut vorzulesen. Nachdem Prinzessin Marja dies getan hatte, blickte sie ihren Vater fragend an. Dieser besah sich immer noch den Plan und schien ganz in seine Gedanken versunken zu sein.
»Wie denken Sie darüber, Fürst?« erlaubte sich Dessalles ihn zu fragen. »Ich? Ich?« erwiderte der Fürst, ohne die Augen von seinem Bauplan zu erheben, als wäre es ihm unangenehm, aus seinen Grübeleien aufgerüttelt zu werden.
»Es ist sehr leicht möglich, daß der Kriegsschauplatz so nah zu uns herankommt, daß …«
»Ha, ha, ha! Kriegsschauplatz!« lachte der Fürst. »Ich habe immer gesagt und sage auch jetzt noch, daß der Kriegsschauplatz Polen ist, und daß der Feind niemals weiter als bis zum Njemen vordringen wird.«
Dessalles blickte erstaunt den Fürsten an, der vom Njemen sprach, wo doch der Feind bereits am Dnjepr stand. Aber Prinzessin Marja, die die geographische Lage des Njemen nicht recht im Gedächtnis hatte, glaubte, daß das, was der Vater behauptete, wahr sei.
»Wenn der Schnee schmilzt, werden sie in den polnischen Sümpfen versinken. Jetzt können sie die bloß nicht sehen«, fuhr der Fürst fort und dachte offenbar an den Feldzug vom Jahre 1807, der, wie er glaubte, erst vor ganz kurzer Zeit gewesen war. »Bennigsen hätte früher in Preußen einfallen müssen, da hätte die Sache eine ganz andere Wendung bekommen …«
»Aber, Fürst«, warf Dessalles schüchtern ein, »im Brief ist doch von Witebsk die Rede …«
»So? In dem Brief? Ja …« brummte mißmutig der Fürst. »Ja … ja …« Sein Gesicht nahm plötzlich einen finsteren Ausdruck an. Er schwieg. »Ja, er schreibt, die Franzosen sind geschlagen. Wie hieß doch der Fluß gleich?« Dessalles schlug die Augen nieder.
»Davon schreibt der Fürst nichts«, erwiderte er leise.
»So, davon schreibt er also nichts? Na, soll ich mir das vielleicht selber ausgedacht haben?«
Alle schwiegen eine ganze Weile.
»Ja … ja … Nun, Michail Iwanytsch«, fing plötzlich der alte Fürst wieder an, hob den Kopf und wies auf den Bauplan, »sage mir mal, wie du das umbauen willst …«
Michail Iwanowitsch trat an den Plan heran; der alte Fürst warf Prinzessin Marja und Dessalles einen bösen Blick zu und ging, nachdem er mit dem Baumeister ein paar Worte über den Plan des Neubaus gewechselt hatte, auf sein Zimmer.
Prinzessin Marja sah den verlegenen und erstaunten Blick, den Dessalles ihrem Vater zuwarf, sie bemerkte sein Schweigen und wunderte sich darüber, daß ihr Vater den Brief seines Sohnes im Salon auf dem Tisch liegen ließ, aber sie fürchtete sich nicht nur, darüber zu reden und Dessalles nach dem Grund seiner Verwirrung und seines Stillschweigens zu fragen, sondern fürchtete sich sogar, nur daran zu denken.
Gegen Abend kam Michail Iwanowitsch, vom Fürsten geschickt, zu Prinzessin Marja, um den Brief des Fürsten Andrej zu holen, den der Fürst im Salon liegen gelassen hatte. Sie gab den Brief hin. Obgleich es ihr unangenehm war, erlaubte sie sich dennoch, Michail Iwanowitsch zu fragen, was der Vater mache.
»Er hat immer viel zu tun«, erwiderte Michail Iwanowitsch mit einem ehrerbietigen, aber doch spöttischen Lächeln, das Prinzessin Marja erbleichen machte. »Heute ist er wegen des neuen Flügels in großer Aufregung. Er hat ein bißchen gelesen und jetzt«, fuhr er mit gedämpfter Stimme fort, »sitzt er am Schreibtisch und ist anscheinend mit seinem Testament beschäftigt.« Es war in letzter Zeit eine Lieblingsbeschäftigung des alten Fürsten gewesen, die Papiere zu ordnen, die nach seinem Tod zurückbleiben sollten und die er sein Testament nannte.
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beim Scharpiezupfen: Scharpie war früher ein sehr gebräuchliches Verbandsmittel, das man aus den durch Zerzupfen weicher reiner Leinwandstreifen gewonnenen Fäden herstellte.