Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Uns ist es jetzt klar, was im Jahre 1812 der Grund zur Vernichtung der französischen Armee gewesen ist. Niemand wird heute noch bestreiten, daß der Untergang von Napoleons großer Armee einerseits dadurch verursacht worden ist, daß er zu so später Jahreszeit, ohne auf einen Winterfeldzug vorbereitet zu sein, bis tief ins Innere Rußlands eindrang, andrerseits aber auch durch den Charakter, den der Krieg angenommen hatte, nachdem eine Anzahl russischer Städte eingeäschert und ein solcher Haß gegen den Feind im russischen Volk geweckt worden war. Doch damals sah niemand voraus, was uns heute klar auf der Hand liegt, daß nur auf diesem Weg einer achtmalhunderttausend Mann starken Armee, die die tapferste in der ganzen Welt war und noch dazu von dem hervorragendsten Feldherrn geführt wurde, von einer halb so starken, unerfahrenen, von weniger geübten Führern geleiteten russischen Armee der Untergang bereitet werden konnte. Aber nicht nur, daß dies niemand voraussah, man machte sogar russischerseits unentwegt noch alle nur möglichen Anstrengungen, um das zu verhindern, was allein Rußland zu retten vermochte, während französischerseits, trotz aller Erfahrungen Napoleons, dieses sogenannten Feldherrngenies, alle nur denkbaren Anstrengungen gemacht wurden, um noch vor Ende des Sommers Moskau zu erreichen, das heißt gerade das zu tun, was den Untergang des französischen Heeres herbeiführen mußte.
In den historischen Abhandlungen über das Jahr 1812 sprechen französische Geschichtsschreiber mit Vorliebe davon, wie Napoleon die Gefahr, die in einer solchen Ausdehnung seiner Angriffslinie liege, erkannt und deshalb eine Entscheidungsschlacht herbeizuführen gesucht habe, wie seine Marschälle ihm geraten hätten, in Smolensk zu bleiben, und was dergleichen Argumente mehr sind, die beweisen sollen, daß man schon damals das Gefährliche eines solchen Feldzuges erkannt habe. Die russischen Geschichtsschreiber hingegen sprechen mit noch größerer Vorliebe davon, daß schon zu Anfang des Feldzuges der Plan eines Skythenkrieges bestanden habe, der Plan nämlich, Napoleon ins Innere Rußlands zu locken, und schreiben diesen Plan bald Pfuel, bald irgendeinem Franzosen, bald Barclay de Tolly, bald dem Kaiser Alexander selber zu, indem sie dies aus Memoiren, Entwürfen und Briefen zu beweisen suchen, in denen sich auch tatsächlich Andeutungen auf einen solchen Aktionsplan finden. Aber alle diese Andeutungen, daß man das, was sich ereignet hat, sowohl von seiten der Franzosen als auch russischerseits vorausgesehen habe, werden jetzt nur zur Schau gestellt, weil die Ereignisse sie gerechtfertigt haben. Hätten sich die Ereignisse nicht in der Art vollzogen, so wären auch jene Andeutungen der Vergessenheit anheimgefallen, wie Tausende und aber Tausende entgegengesetzter Andeutungen und Vermutungen vergessen worden sind, die damals im Umlauf waren, sich aber als falsch erwiesen haben. Über den Ausgang jedes Ereignisses, das sich vollzieht, pflegen immer so viele Voraussagungen gemacht zu werden, daß, wie es auch ausgehen möge, immer Leute da sein werden, die sagen können: »Ich habe es damals doch gleich gesagt, daß es so kommen wird«, und man vergißt dann ganz und gar, daß bei der Unzahl der Voraussagungen auch solche gemacht worden sind, die gerade das Gegenteil behaupteten.
Daß sich Napoleon der Gefahr, die in der Ausdehnung seiner Angriffslinie lag, bewußt gewesen wäre, und daß die Russen absichtlich den Feind ins Innere Rußlands gelockt hätten, sind zweifellos Annahmen dieser Art, und die Geschichtsschreiber ziehen die Dinge arg an den Haaren herbei, wenn sie Napoleon solche Bedenken und den russischen Heerführern derartige Pläne zuschreiben. Alle Tatsachen widersprechen solchen Vermutungen vollkommen. Nicht nur, daß man während des ganzen Feldzuges russischerseits keineswegs das Bestreben zeigte, die Franzosen ins Innere Rußlands hineinzulocken, sondern man tat von ihrem ersten Einfall in Rußland an sogar alles, was man nur konnte, um sie aufzuhalten, und Napoleon empfand bei der Ausdehnung seiner Front nicht nur keine Besorgnis, sondern freute sich über jeden Schritt, den er vorwärts tat, wie über einen Triumph und zeigte sich in dem Bestreben, eine Schlacht herbeizuführen, ziemlich lässig und durchaus nicht so wie bei seinen früheren Feldzügen.
Von Anfang des Krieges an ist unser Heer getrennt, und das einzige Ziel, nach dem wir streben, besteht darin, es wieder zu vereinen, obgleich die Vereinigung des Heeres bei einem Zurückziehen und Hereinlocken des Feindes ins Innere Rußlands gar keinen Vorteil gebracht hätte. Der Kaiser befindet sich an der Front, um die Truppen zur Verteidigung jedes Zolls russischen Bodens zu begeistern, nicht aber, um sie zum Rückzug aufzumuntern. Man hat nach Pfuels Plan das gewaltige Lager an der Drissa errichtet und ist nicht gesonnen, noch weiter zurückzuweichen. Für jeden Schritt, den es rückwärts geht, macht der Kaiser dem Oberkommandierenden Vorwürfe. Nicht nur den Brand Moskaus, sondern sogar schon die Übergabe von Smolensk kann Kaiser Alexander kaum fassen, und da das Heer nun wieder vereinigt ist, zeigt sich der Kaiser entrüstet, daß Smolensk hingegeben und eingeäschert und nicht vor seinen Mauern eine Entscheidungsschlacht geliefert wurde.
So denkt der Kaiser, die russischen Feldherren aber und das gesamte russische Volk sind noch entrüsteter darüber, daß sich unsere Truppen bis ins Innere Rußlands zurückziehen.
Napoleon rückt, nachdem er unser Heer getrennt hat, ins Innere des Landes vor und läßt sich verschiedene Gelegenheiten, eine Schlacht zu schlagen, entgehen. Im August ist er in Smolensk und denkt nur daran, wie er noch weiter vorrücken könne, obgleich, wie es uns jetzt klar vor Augen liegt, dieses Vordringen sein Verderben werden muß.
Diese Tatsachen beweisen offenbar, daß weder Napoleon in seinem Vorrücken nach Moskau eine Gefahr gesehen hat noch Kaiser Alexander und die russischen Heerführer daran gedacht haben, den Feind ins Innere des Landes zu locken, sondern daß beide gerade das Gegenteil im Sinn hatten. Daß Napoleon in das Innere des Landes gelockt wurde, geschah nicht nach irgendeinem Plan – kein Mensch dachte an die Möglichkeit eines solchen –, sondern infolge jenes Spiels von Intrigen, Absichten und Wünschen der Kriegsteilnehmer, die von dem, was sich vollziehen mußte und allein zu Rußlands Rettung dienen konnte, keine Ahnung hatten.
Alle Ereignisse kommen unerwartet. Unser Heer wird gleich zu Beginn des Feldzuges geteilt. Wir bemühen uns, es wieder zu vereinen mit dem offenkundigen Ziel, eine Schlacht zu liefern und den einfallenden Feind aufzuhalten, aber eben in diesem Streben nach Wiedervereinigung müssen wir einer Schlacht mit dem stärkeren Feind aus dem Wege gehen, und indem wir uns so unfreiwillig im spitzen Winkel zurückziehen, führen wir selber die Franzosen bis nach Smolensk. Und nicht genug damit, daß wir uns im spitzen Winkel zurückziehen und die Franzosen zwischen unseren beiden Armeen vorrücken – der Winkel wird sogar noch spitzer, und wir müssen noch weiter zurückgehen, weil Barclay de Tolly ein unbeliebter Deutscher ist und von Bagration gehaßt wird, der sich unter sein Oberkommando stellen soll, und weil deshalb Bagration, der die zweite Armee befehligt, sich Mühe gibt, die Vereinigung mit Barclay so weit wie möglich hinauszuschieben, um sich nicht unter dessen Kommando stellen zu müssen. Obgleich die Vereinigung der beiden Armeen das Hauptziel aller kommandierenden Persönlichkeiten bildet, schiebt Bagration diese doch lang hinaus, weil er angeblich fürchtet, durch einen solchen Marsch seine Armee in Gefahr zu bringen, und es für vorteilhafter hält, sich mehr nach links und nach Süden zurückzuziehen, wo er den Feind in der Flanke und im Rücken beunruhigen und seine Armee in der Ukraine wieder vervollständigen kann. Aber es scheint doch, daß er sich das nur deshalb ausgedacht hat, um sich dem verhaßten Barclay nicht unterordnen zu müssen, der ein Deutscher ist und noch dazu dem Rang nach unter ihm steht.
Der Kaiser befand sich an der Front, um die Truppen anzufeuern, und doch lähmte seine Gegenwart und seine Unschlüssigkeit, für was man sich entscheiden sollte, sowie die gewaltige Menge der Ratgeber und Pläne nur die Tatkraft der ersten Armee, so daß auch sie sich zurückziehen mußte.