Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Ich habe nur gesagt, daß es zweckmäßiger für uns wäre, Opfer zu bringen, wenn wir wüßten, wo diese am nötigsten sind«, fing er an, bemüht, ein paar andere Stimmen zu überschreien.
Ein in der Nähe sitzender alter Herr warf einen Blick auf ihn, wurde aber sogleich wieder durch ein Geschrei, das sich am anderen Ende des Tisches erhob, abgelenkt.
»Ja, Moskau wird Ergebenheit zeigen! Es wird die Retterin werden!« schrie einer.
»Er ist ein Feind der Menschheit!« rief ein anderer dagegen. »Gestatten Sie, daß ich das Wort ergreife … Aber meine Herren, Sie erdrücken mich ja!«
23
In diesem Augenblick trat Graf Rastoptschin mit seinem vorstehenden Kinn und den lebhaften Augen ein. Er trug Generalsuniform und ein breites Ordensband über der Schulter und ging eiligen Schrittes durch die Schar der Adligen hindurch, die vor ihm auseinandertrat.
»Seine Majestät der Kaiser wird sogleich erscheinen«, sagte Rastoptschin. »Ich komme soeben von ihm. Meiner Ansicht nach bleibt uns in der Lage, in der wir uns befinden, nicht viel zu erörtern übrig. Der Kaiser hat geruht, uns und die Kaufmannschaft zu versammeln«, fuhr Graf Rastoptschin fort. »Von dorther werden die Millionen fließen« – er zeigte zu den Sälen der Kaufleute hinüber –, »unsere Aufgabe aber ist es, die Landwehr zu stellen und uns selber nicht zu schonen … Das ist das wenigste, was wir tun können.«
Nun begannen die Beratungen zwischen den Magnaten, die am Tisch saßen. All die Verhandlungen gingen mehr als ruhig vonstatten. Es machte sogar einen fast melancholischen Eindruck, als man nun nach all dem Lärm von vorhin nur einzeln die greisenhaften Stimmen vernahm, von denen der eine sagte: »Einverstanden«, ein anderer zur Abwechslung: »Ich bin derselben Ansicht« und so weiter.
Der Sekretär wurde beauftragt, die Resolution des Moskauer Adels wie folgt zu Papier zu bringen: »Die Moskauer stellen, ganz wie die Smolensker, zehn Mann von je tausend Seelen mit vollständiger Ausrüstung zur Verfügung.« Wie erleichtert standen die Magnaten, die bis jetzt gesessen hatten, auf, rückten geräuschvoll mit den Stühlen und gingen in den Saal, um sich die Füße zu vertreten, wobei sie einander führten und sich unterhielten.
»Der Kaiser! Der Kaiser!« tönte es plötzlich durch die Säle, und alle drängten nach der Tür.
Durch den breiten Gang zwischen dem Kopf an Kopf wie zu einer Mauer zusammengedrängten Adel hindurch ging der Kaiser in den Saal. Auf allen Gesichtern prägte sich eine ehrfurchtsvolle, bange Neugier aus. Pierre stand ziemlich weit entfernt und konnte die Worte des Kaisers nicht deutlich verstehen. Dem, was er hörte, entnahm er nur, daß der Kaiser von der Gefahr sprach, in der sich das Reich befinde, und von den Hoffnungen, die er auf den Moskauer Adel setze. Dem Kaiser antwortete eine andere Stimme, die ihm den soeben gefaßten Beschluß des Adels mitteilte.
»Meine Herren!« sagte der Kaiser mit bebender Stimme.
Eine Bewegung lief durch die Menge, dann wurde wieder alles still, und Pierre hörte deutlich die menschlich angenehme, gerührte Stimme des Kaisers, die sagte:
»Ich habe nicht an der Hingabe des russischen Adels gezweifelt. Heute aber hat er meine Erwartungen übertroffen. Ich danke Ihnen im Namen des Vaterlandes. Meine Herren, lassen Sie uns handeln, die Zeit ist kostbarer als alles …«
Der Kaiser schwieg. Die Menge umdrängte ihn, und von allen Seiten hörte man begeisterte Ausrufe.
»Ja, kostbarer als alles … ein echtes Kaiserwort!« sagte ganz hinten Ilja Andrejewitschs schluchzende Stimme, der nichts verstanden hatte und sich nun alles auf seine Art zusammenreimte.
Aus dem Saal des Adels begab sich der Kaiser in den der Kaufmannschaft. Dort verweilte er ungefähr zehn Minuten lang. Pierre und viele andere sahen, wie der Kaiser den Saal der Kaufleute mit Tränen der Rührung in den Augen verließ. Er hatte seine Rede an die Kaufleute, wie man später erfuhr, kaum begonnen, als die Tränen seinen Augen entströmt waren, und nur mit zitternder Stimme hatte er zu Ende sprechen können. Als Pierre den Kaiser erblickte, ging er gerade, von zwei Kaufleuten begleitet, fort. Der eine war ein Bekannter Pierres, ein dicker Branntweinpächter, der andere das Stadtoberhaupt, ein Mann mit hagerem, gelbem Gesicht und schmalem Bart. Sie weinten beide. Der Hagere hielt die Tränen zurück, aber der dicke Branntweinpächter schluchzte wie ein Kind und beteuerte fortwährend: »Nimm unser Leben, unser Hab und Gut, Majestät!«
Pierre hatte in diesem Augenblick nur das eine Gefühclass="underline" den Wunsch, zu zeigen, daß er vor nichts zurückschrecke und zu jedem Opfer bereit sei. Seiner Rede mit der konstitutionellen Richtung erinnerte er sich unter Vorwürfen und suchte nach einer Gelegenheit, das wiedergutzumachen. Als er erfuhr, daß Graf Mamonow ein Regiment darbringe, erklärte er dem Grafen Rastoptschin, daß er für tausend Mann und deren Verpflegung aufkomme.
Der alte Graf Rostow konnte zu Hause seiner Frau nicht ohne Tränen erzählen, wie es gewesen war, willigte nun auch in Petjas Bitten ein und fuhr selbst hin, um ihn einzuschreiben.
Am nächsten Tag fuhr der Kaiser ab. Der ganze versammelte Adel aber legte sogleich die Uniform ab, machte es sich wieder zu Hause und im Klub bequem, gab unter Ächzen und Stöhnen dem Verwalter Befehl, die Landwehr auszuheben, und staunte über das, was er vollbracht hatte.
Zehnter Teil
1
Napoleon hatte den Krieg mit Rußland angefangen, weil er gar nicht anders konnte als nach Dresden fahren, gar nicht anders konnte, als sich durch die Ehrenbezeigungen dort verblenden lassen. Er mußte die polnische Uniform anziehen, mußte sich dem Einfluß jenes zu Unternehmungen auffordernden Junimorgens hingeben und war in Gegenwart Kurakins und später Balaschews einfach außerstande, seinen Zorn zu meistern.
Alexander wies alle Verhandlungen zurück, weil er sich persönlich beleidigt fühlte. Barclay de Tolly bemühte sich, die Truppen nach bestem Können und Gewissen zu führen, um seine Pflicht zu erfüllen und sich den Ruhm eines guten Feldherrn zu erwerben. Rostow sprengte deshalb zur Attacke gegen die Franzosen vor, weil er dem Wunsch, über das freie Feld zu jagen, nicht widerstehen konnte. Und ganz ebenso, nach ihren persönlichen Eigenschaften, Gewohnheiten, Gründen und Zielen, handelten alle die unzähligen Persönlichkeiten, die an diesem Krieg teilnahmen. Sie fürchteten sich, prahlten, freuten sich, waren unzufrieden und fällten Urteile, immer in dem Glauben, daß sie wüßten, was sie täten, und alles selbständig, aus sich heraus vollbrächten, und doch waren sie alle nur unfreiwillige Werkzeuge der Geschichte und erfüllten eine ihnen verborgene, uns aber verständliche Aufgabe. Dies ist das unabänderliche Schicksal aller im praktischen Leben tätigen Menschen, die um so unfreier sind, je höher sie auf der Stufenleiter menschlicher Rangordnung stehen.
Jetzt sind die im Jahre 1812 Mitwirkenden längst vom Schauplatz abgetreten, ihre persönlichen Interessen sind spurlos verweht, und nur die geschichtlichen Tatsachen jener Zeit liegen noch vor uns.
Wenn wir aber annehmen, daß die Völker Europas unter Napoleons Oberbefehl in das innere Rußland eindringen mußten, um dort umzukommen, werden uns all diese sich selbst widersprechenden, sinnlosen, grausamen Handlungen der Teilnehmer an diesem Krieg auf einmal klar.
All diese Menschen, die danach strebten, persönliche Ziele zu erreichen, hat die Vorsehung gezwungen, zusammenzuwirken, um ein einziges großes Ergebnis zu erzeugen, von dem kein Mensch, weder Napoleon noch Alexander noch gar irgendein anderer Kriegsteilnehmer, die geringste Ahnung gehabt hat.