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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo

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Die seltsamen Abenteuer des Marko Polo
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Ernesto schmiedete Pläne. Er war neununddreißig Jahre alt, seine Haare an den Schläfen waren schon grau. Auf Krücken mußte er sich nun herumschleppen. Seit dreizehn Jahren lebte er allein mit Giovanni in dem kleinen Haus, das er einst für Marietta gebaut hatte. Er konnte nach so langer Zeit ohne Schmerz an seine Frau denken, sie war eine ferne, gute Erinnerung.

Das Haus ist ein kleines Schmuckkästchen. Die meisten Häuser auf Murano und auch in Venedig sind aus Holz gebaut. Es gibt nur wenig Ziegelbrennöfen in der Republik von San Marco. Ziegel sind teuer. Noch teurer sind die natürlichen Steine aus den Bergen oder die Blöcke aus den carrarischen Marmorbrüchen. Der Transport nach Venedig ist beschwerlich. Und plötzlich wünschen die reichen Herren, daß ihre Wohnhäuser und Paläste aus Stein gebaut werden. Sie können es sich leisten; Steine sind kostbar wie Salz, aber Menschenleben und Arbeitskräfte sind billig. Je teurer die Steine, desto billiger die Arbeitskräfte. In Venedig sind in letzter Zeit viele Handwerker zugewandert, die glaubten, in dieser Stadt mehr verdienen zu können als in ihrer Heimat. Die reichen Herren können auswählen. «Ist dir der Lohn zu niedrig, geh nach Hause, es gibt genügend andere.»

Ernestos Haus aber ist ein Steinbau, fest gefügt, für Jahrhunderte gebaut. Er hat die Steine unter Lebensgefahr aus einer Ruine auf einer entfernten Insel herausgebrochen und nachts mit dem Boot nach Murano gebracht. Bei Wind und Wellengang! Nacht für Nacht! Marietta, seine Frau, stand an der Landungsstelle mit einem Wagen bereit; und während Ernesto zum zweiten Male in die Nacht hinausfuhr, belud sie den Wagen, zog ihn über die schlechten, bei Regen verschlammten Wege quer durch die Insel und lud die Steine an der Stelle ab, wo später das Haus gebaut werden sollte.

Sie trug damals schon das Kind unter dem Herzen. Das Haus wuchs. Ernesto magerte ab. Marietta reichte ihm mit zusammengebissenen Zähnen die Steine zu. Sie ließ sich nicht vom Arbeitsplatz vertreiben.

Als Giovanni geboren wurde, fehlte nur noch das Dach. Aber Marietta konnte nicht mehr von ihrem Krankenlager aufstehen. Die Blumen blühten auf den Fensterbrettern, als sie starb.

Ernesto liebte jeden Stein dieses Hauses.

Giovanni trug die Züge der Mutter und rannte wie ein Bettler umher.

Zweihundert Zechinen!

Der Himmel hatte sich immer mehr bezogen.

Ernesto griff nach den Krücken und wollte sich eben erheben, als die Gartentür geöffnet wurde und ein junges Mädchen mit einem Korb am Arm eintrat.

«Da seid Ihr ja, Ernesto. Gut, daß ich Euch noch draußen treffe!» «Was willst du bei mir?» fragte Ernesto verwundert. «Messer Celsi schickt mich. Ich bringe einen gebratenen Kapaun. Ihr sollt ihn Euch schmecken lassen.»

Der Messer Celsi schickte ihm einen Kapaun.

Ernesto erhob sich mühsam. Wegen eines Kapauns war Giannina unmenschlich geprügelt worden. Die Zornesadern schwollen auf Ernestos Stirn.

«Sind auch die Kopffedern nicht abgebrannt?» fragte er mit unterdrückter Wut in der Stimme. «Ich esse nur Kapaune mit Kopfputz, sage das dem edlen Messer Celsi!»

Die Magd sah ihn mit erschrockenen Augen an. Aber Ernesto war schon wieder ruhiger geworden. «Geh, bring ihn zurück! Sag, ich will ihn nicht haben!»

Ernesto humpelte ins Haus.

Das Mädchen ging kopfschüttelnd davon, und die Angst regte sich in ihm, wenn es daran dachte, daß es Messer Celsi den Kapaun zurückbringen mußte.

«Aber du frierst ja, Giovanni», sagte Giannina. «Wir werden schnell nach Hause gehen. Man wird schon auf uns warten.»

Paolo holte den Korb mit dem Essen und befestigte das Boot. Eine stürmische Nacht kündigte sich an.

Heulend pfiff der Wind über das Wasser, zerrte an den Kleidern, fegte über Wiesen und Stoppelfelder und trieb trockenes Laub vor sich her.

Sie mußten schreien, wenn sie sich verständigen wollten. Die Wolken verdeckten den Mond, kaum waren noch Sterne am Himmel zu sehen. Als sie an der Glashütte vorbeigingen, wurde das Tor geöffnet. Ein breiter Lichtstreifen fiel über den Weg und beleuchtete die riesengroß erscheinende Silhouette eines Glasmachers, der tief atmend im Torweg stand.

Giannina und Giovanni traten aus dem Dunkel ins Licht und gingen wieder in das Dunkel hinein. Sie stemmten die Schultern gegen den Wind und preßten die Lippen zusammen. Dieses schweigende Nebeneinandergehen auf der winddurchwehten heimatlichen Insel erfüllte sie mit einem Gefühl, das hell und unbeschreiblich schön war.

Marco, der einige Schritte zurückgeblieben war, hatte im Lichtschein die ärmliche, dünne Kleidung des Freundes gesehen. Er beeilte sich, wieder an Gianninas Seite zu kommen. Vor ihnen ging Paolo und bahnte mit seiner großen Gestalt den Weg. «Bald sind wir da!» schrie Giovanni.

Das nächste Mal bringe ich ihm Kleider mit, dachte Marco. Und er nahm sich vor, mit Giannina einen Feldzugsplan auszuarbeiten; denn er wußte, wie empfindlich der Freund war. 'Ich habe hier ein paar Kleider, die mir zu klein geworden sind. Sie liegen unnütz in der Truhe. Könntest du sie vielleicht gebrauchen, Giovanni? Ich möchte sie nicht länger herumliegen lassen…' Marco legte sich geschickte Reden zurecht, mit denen er Giovanni bewegen wollte, das Geschenk anzunehmen.

Jetzt standen sie vor dem Kanal, der Murano teilte. «Vater Andrea!» rief Giovanni zum anderen Ufer hinüber. Der Wind nahm ihm die Worte von den Lippen und trug sie geschwind davon.

Sie mußten mehrmals rufen, bis sie Antwort erhielten. Nach einer geraumen Weile kam der Fährmann mit seinem Boot. Er schimpfte, weil man ihn zu so später Stunde aus seiner Bretterbude geholt hatte. Als er aber Giovanni sah, legte sich sein Ärger.

«Du bist's», brummte er, «steigt nur ein!» Dann erkannte er auch Giannina. «Bist du auch wieder mal da?» fragte er.

Er stieß das Boot ab und ruderte gegen die Wellen an. Der Wind zerzauste sein Haar. «Teufelssturm!» knurrte er und machte mit bedächtigen Bewegungen das Boot am anderen Ufer fest.

Die Bäume in den beiden Vorgärtchen trugen nur noch wenig Laub, hinter Ästen und Zweigen schimmerten die Fenster.

«Wir gehen zu uns!» ordnete Giannina an. Doch Giovanni strebte schon nach der anderen Seite. «Ich komme gleich», rief er.

Als Giovanni in die Stube trat, saß Ernesto vor dem Kamin und blickte in die Flammen. Auf dem Tisch stand ein Teller mit den geräucherten Wurstscheiben, die Gianninas Mutter gebracht hatte.

«Da bist du ja!» sagte Ernesto und hob den Kopf. «Setz dich nur und iß, wirst sicher tüchtigen Hunger haben… Es ist wohl recht stürmisch draußen?»

Die flackernden Flammen beleuchteten Ernestos Gesicht. Giovanni setzte sich neben ihn und streckte die Hände gegen den Kamin.

«Will mich erst ein wenig wärmen», sagte er. «Habt Ihr denn schon gegessen, Papa?»

Ernesto nickte. Seine Beine sind blau vor Kälte, dachte er. «Wärme dich nur, mein Junge!»

«Ich weiß gar nicht, warum ich heute so froh bin?» sagte Giovanni und konnte den Blick nicht von dem Spiel der Flammen lösen. Der Vater lächelte. «Das ist manchmal so», erwiderte er. «Ich muß schnell zu Giannina hinübergehen», erinnerte sich Giovanni. «Sie warten schon auf mich. Marco schläft ja heute bei uns.»

Während Giovanni redete, dachte der Vater mit Sorgen daran, was Messer Celsi wohl zu dem verschmähten Kapaun sagen würde. Er hatte sich inzwischen entschlossen, die zweihundert Zechinen anzunehmen. Gleich am nächsten Morgen wollte er zum Messer Celsi gehen. Oder war es nicht besser, zu warten, bis der reiche Landmann sein Angebot wiederholte? «Was habt Ihr denn gegessen, Papa?» «Beinahe einen Kapaun», sagte Ernesto und lächelte bitter. Giovanni sah ihn fragend an.

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