Die Tribute Von Panem. Flammender Zorn
- Автор: Коллинз Сьюзен
- Язык: немецкий
- Жанр: Любовно-фантастические романы
Электронная книга - «Die Tribute Von Panem. Flammender Zorn». Краткое содержание книги:
Seltsames trug sich hier zu.
Nicht seltsamer wäre es,
Träfen wir uns bei Nacht im Henkersbaum.
Sobald die Spotttölpel merken, dass ich ihnen etwas Neues anbiete, ändern sie ihr Lied.
Kommst du, kommst du,
Kommst du zu dem Baum,
Wo der tote Mann zu seiner Liebsten rief: Lauf.
Seltsames trug sich hier zu.
Nicht seltsamer wäre es,
Träfen wir uns bei Nacht im Henkersbaum.
Jetzt habe ich die Aufmerksamkeit der Vögel. Noch eine Strophe, dann haben sie die Melodie aufgeschnappt, denn sie ist einfach und wird mit nur kleinen Variationen viermal wiederholt.
Kommst du, kommst du,
Kommst du zu dem Baum,
Wohin ich dir riet zu fliehen und uns zu befreien?
Seltsames trug sich hier zu.
Nicht seltsamer wäre es,
Träfen wir uns bei Nacht im Henkersbaum.
Jetzt ist es ganz still in den Bäumen. Nur die Blätter rascheln im Wind. Aber keine Vögel sind zu hören, weder Spotttölpel noch andere. Peeta hat recht. Wenn ich singe, verstummen sie. Genau wie bei meinem Vater.
Kommst du, kommst du,
Kommst du zu dem Baum,
Ein Seil als Kette, Seite an Seite mit mir?
Seltsames trug sich hier zu.
Nicht seltsamer wäre es,
Träfen wir uns bei Nacht im Henkersbaum.
Die Vögel warten darauf, dass ich weitersinge. Doch das Lied ist zu Ende. Das war die letzte Strophe. In der Stille erinnere ich mich daran, wie es war an jenem Tag. Mein Vater und ich kamen aus dem Wald nach Hause. Prim, die damals noch ein Kleinkind war, und ich saßen auf dem Boden und sangen das Lied vom Henkersbaum. Flochten uns Ketten aus altem Seil, wie es in dem Lied heißt, ohne den eigentlichen Sinn der Worte zu verstehen. Es war eine einfache Melodie, leicht zu lernen, und damals konnte ich mir nach ein-bis zweimaligem Hören fast jede Melodie merken. Plötzlich riss meine Mutter uns die Ketten aus den Händen und schrie meinen Vater an. Ich fing an zu weinen, weil meine Mutter sonst nie schrie, dann heulte Prim, und ich lief hinaus, um mich zu verstecken. Weil ich nur ein einziges Versteck hatte - auf der Weide unter einem Geißblatt -, fand mein Vater mich sofort. Er beruhigte mich und sagte, es sei alles gut, aber dieses Lied sollten wir lieber nicht mehr singen. Meine Mutter wollte, dass ich es einfach vergaß. Und deshalb brannte sich mir natürlich jedes Wort unwiderruflich ins Gedächtnis ein.
Wir sangen das Lied dann nicht mehr, mein Vater und ich, und sprachen auch nicht mehr davon. Nach seinem Tod fiel es mir oft wieder ein. Als ich älter wurde, verstand ich allmählich den Text. Am Anfang hört es sich so an, als ob ein Junge seine Freundin überreden will, ihn heimlich in der Nacht zu treffen. Aber es ist ein seltsamer Ort für ein Stelldichein, ein Henkersbaum, an dem ein Mann für einen Mord gehängt wurde. Die Liebste des Mörders muss etwas mit dem Mord zu tun haben, oder vielleicht soll sie einfach nur so bestraft werden, jedenfalls ruft seine Leiche ihr zu, sie solle weglaufen. Das mit der sprechenden Leiche ist natürlich seltsam, aber erst in der dritten Strophe wird das Lied unheimlich. Da wird klar, dass es von dem toten Mörder selbst gesungen wird. Er hängt immer noch im Henkersbaum. Und obwohl er seine Liebste auffordert zu fliehen, bittet er sie, ihn zu treffen. Am beklemmendsten ist die Stelle Wohin ich dir riet zu fliehen und uns zu befreien. Erst denkt man, sie solle fliehen, damit sie in Sicherheit wäre, aber dann fragt man sich, ob er vielleicht meint, sie solle zu ihm laufen. In den Tod. In der letzten Strophe ist es dann eindeutig, dass er genau darauf wartet. Dass seine Liebste mit einem Seil als Kette tot neben ihm am Baum hängt.
Früher fand ich den Mörder wirklich gruselig. Jetzt, nach zwei Ausflügen zu den Hungerspielen, würde ich nicht mehr so schnell über ihn urteilen. Vielleicht war seine Liebste bereits zum Tode verurteilt und er wollte es ihr leichter machen. Vielleicht wollte er ihr sagen, dass er auf sie wartet. Oder er fand, dass der Ort, an dem er sie zurückließ, noch schlimmer war als der Tod. Wollte ich Peeta nicht auch mit der Spritze töten, um ihn vor dem Kapitol zu bewahren? War das der einzige Ausweg? Wahrscheinlich nicht, aber damals habe ich keinen anderen gesehen.
Meine Mutter muss wohl der Meinung gewesen sein, dass das Lied für eine Siebenjährige nicht geeignet war. Schon gar nicht für eine, die sich selbst Ketten aus Seil knüpft. Wir kannten den Tod durch den Strang ja nicht nur aus Geschichten. In Distrikt 12 wurden viele Menschen auf diese Weise hingerichtet. Ganz sicher wollte meine Mutter nicht, dass ich das Lied im Musikunterricht vorsang. Wahrscheinlich würde es ihr auch nicht gefallen, dass ich es jetzt Pollux vorsinge, aber wenigstens werde ich nicht - Moment, da habe ich mich getäuscht. Als ich zur Seite schaue, sehe ich, dass Castor mich gefilmt hat. Alle gucken mir gebannt zu. Pollux laufen Tränen über die Wangen, bestimmt hat mein verrücktes Lied irgendein schreckliches Ereignis in seinem Leben wieder hochkommen lassen. Na super. Seufzend lehne ich mich an den Baumstamm. Und da singen die Spotttölpel ihre Version vom »Henkersbaum«. Aus ihren Kehlen klingt es ganz schön. Ich bin mir bewusst, dass ich gefilmt werde, und stehe still da, bis Cressida ruft: »Schnitt!«
Lachend kommt Plutarch auf mich zu. »Wo hast du das denn her? Hätten wir das so geplant, niemand würde es dir abnehmen!« Er nimmt mich in die Arme und gibt mir einen Schmatz auf den Kopf. »Du bist Gold wert!«
»Ich hab das nicht für die Kamera gemacht«, sage ich.
»Umso besser, dass sie eingeschaltet war«, sagt er. »Los jetzt, alle, es geht zurück in die Stadt!«
Der Rückweg durch den Wald führt uns zu einem Felsen, und wie zwei Hunde, die mit dem Wind eine Fährte wittern, wenden Gale und ich den Kopf in dieselbe Richtung. Cressida merkt es und fragt, was da ist. Ohne uns abzusprechen, geben wir zu, dass wir uns an der Stelle früher immer zur Jagd getroffen haben. Wir sagen ihr, dass da nichts Besonderes ist, aber sie möchte die Stelle trotzdem sehen.
Nur ein Ort, an dem ich glücklich war, denke ich.
Unser Felsvorsprung, von dem aus man das Tal überblickt. Vielleicht nicht so grün wie sonst, doch die Brombeersträucher hängen voll. Hier begannen zahllose Tage, an denen wir jagten und Fallen stellten, fischten und sammelten, gemeinsam durch den Wald streiften und, während wir die Jagdtaschen füllten, unsere Herzen erleichterten. Es war die Tür zu unserem leiblichen und seelischen Wohl. Und wir waren der Schlüssel zur Tür des jeweils anderen.
Jetzt gibt es keinen Distrikt 12 mehr, aus dem man fliehen könnte, keine Friedenswächter, die es zu überlisten gälte, keine hungrigen Mäuler, die gestopft werden müssten. Das alles hat uns das Kapitol genommen, und jetzt bin ich nahe dran, auch noch Gale zu verlieren. Was uns all die Jahre so zusammengeschweißt hat, dass wir aufeinander angewiesen waren, das schmilzt dahin. Zwischen uns ist jetzt kein Licht, nur dunkle Schatten. Wie ist es möglich, dass wir heute, angesichts des Untergangs von Distrikt 12, so zerstritten sind, dass wir nicht mal miteinander reden können?
Gale hat mich mehr oder weniger angelogen. Das finde ich unmöglich, selbst wenn es ihm um mein Wohl ging. Aber seine Entschuldigung wirkte aufrichtig. Und ich habe darauf mit einer gehässigen Bemerkung reagiert, die ihn verletzen sollte. Was ist mit uns los? Warum haben wir ständig Streit, warum ist alles so verfahren? Irgendwie spüre ich, dass mein Verhalten die Wurzel des Übels ist. Will ich ihn etwa vertreiben?
Ich pflücke eine Brombeere und rolle sie sanft zwischen Daumen und Zeigefinger. Unvermittelt wende ich mich zu ihm und werfe ihm die Brombeere zu. »Und möge das Glück …«, sage ich. Ich werfe sie so hoch, dass er genügend Zeit hat, zu entscheiden, ob er sie wegschlagen oder annehmen will.
Gale schaut zu mir, nicht zu der Beere, doch im letzten Moment macht er den Mund auf und schnappt sie. Er kaut, schluckt und erst nach einer langen Pause sagt er: »… stets mit euch sein.« Aber er sagt es.