Die Tribute Von Panem. Flammender Zorn
- Автор: Коллинз Сьюзен
- Язык: немецкий
- Жанр: Любовно-фантастические романы
Электронная книга - «Die Tribute Von Panem. Flammender Zorn». Краткое содержание книги:
»Falls ihr euch das zutraut«, sagt Cressida und schaut mich prüfend an.
»Ich bin dabei«, sage ich. Unkommunikativ und steif wie eine Schaufensterpuppe stehe ich da, während das Vorbereitungsteam mich anzieht, frisiert und schminkt. Ganz dezent, gerade so, dass die Ringe unter meinen schlaflosen Augen nicht sofort auffallen.
Boggs begleitet mich hinunter in den Hangar, aber wir grüßen uns nur und reden nicht weiter miteinander. Ich bin froh darüber, nicht schon wieder über meinen Ungehorsam in Distrikt 8 reden zu müssen, zumal seine Maske wirklich unbequem aussieht.
Gerade noch rechtzeitig denke ich daran, meiner Mutter Bescheid zu geben, dass ich Distrikt 13 verlasse, und ihr zu versichern, dass es nicht gefährlich ist. Die kurze Strecke nach Distrikt 12 legen wir mit dem Hovercraft zurück. Plutarch, Gale und Cressida sind schon an Bord und beugen sich über einen Tisch mit einer Landkarte. Selbstzufrieden zeigt Plutarch mir auf der Karte, was für eine Wirkung die ersten Propos bereits gezeitigt haben. Die Rebellen, die in manchen Distrikten kaum Fuß fassen konnten, haben sich wieder gefangen. Sie haben die Distrikte 3 und 11 eingenommen - 11 ist besonders wichtig, weil dort ein Großteil der Nahrungsmittel von Panem erzeugt wird - und sind in mehrere andere Distrikte eingefallen.
»Es sieht gut aus, sehr gut sogar«, sagt Plutarch. »Heute Abend wird Fulvia den ersten Schwung der >In Memoriam<-Spots fertigstellen, dann können wir die einzelnen Distrikte mit ihren Toten konfrontieren. Finnick ist unglaublich.«
»Es tut richtig weh, ihm zuzusehen«, sagt Cressida. »Er hat so viele persönlich gekannt.«
»Deshalb wirkt es ja auch so überzeugend«, sagt Plutarch. »Es kommt aus dem Herzen. Ihr macht das alle ganz toll. Coin ist begeistert.«
Dann hat Gale es ihnen also nicht gesagt. Dass ich nur so getan habe, als hätte ich Peetas Interview nicht gesehen, und sauer bin, weil sie mir etwas vormachen. Trotzdem, es ist zu wenig und zu spät, um mich zu versöhnen. Egal. Er redet sowieso nicht mit mir.
Erst als wir auf der Weide landen, fällt mir auf, dass Haymitch nicht bei uns ist. Als ich Plutarch darauf anspreche, schüttelt er nur den Kopf und sagt: »Er würde es nicht durchstehen.«
»Haymitch und etwas nicht durchstehen? Der wollte wohl eher einen Tag frei haben«, sage ich.
»Wörtlich hat er, glaube ich, gesagt: >Ohne eine Flasche würde ich es nicht durchstehen<«, sagt Plutarch.
Ich verdrehe die Augen. Ich habe schon längst die Geduld mit meinem Mentor verloren, mit seiner Schwäche fürs Trinken und damit, was er ertragen kann und was nicht. Aber schon nach fünf Minuten in Distrikt 12 hätte ich selbst gern einen Drink. Ich dachte, ich hätte mich mit dem Untergang von 12 abgefunden - ich hatte davon gehört, hatte den Distrikt von oben gesehen und war sogar durch die Asche gestiefelt. Warum ist der Schmerz jetzt wieder ganz frisch? War ich vorher so neben der Spur, dass ich den Verlust meiner Welt nicht richtig erfassen konnte? Oder liegt es an Gales Gesichtsausdruck, während er durch die Ruinen wandert, dass es sich anfühlt, als wäre das Schreckliche gerade erst passiert?
Cressida erklärt dem Kamerateam, sie sollen vor meinem alten Haus mit mir beginnen. Ich frage, was ich machen soll. »Was du willst«, sagt sie. Als ich in unserer Küche stehe, will ich überhaupt nichts. Ich schaue in den Himmel - das einzige Dach -, weil zu viele Erinnerungen auf mich einstürzen. Nach einer Weile sagt Cressida: »Das reicht schon, Katniss. Los, gehen wir weiter.«
Gale kommt bei seinem alten Zuhause nicht so leicht davon. Cressida filmt ihn ein paar Minuten lang stumm, doch gerade als er das einzige Überbleibsel seines früheren Lebens aus der Asche zieht - ein verbogenes Schüreisen -, fragt sie ihn nach seiner Familie aus, nach seiner Arbeit, dem Leben im Saum. Er muss die Nacht der Brandbomben noch einmal durchleben und alles nachstellen, erst vor seinem Haus, dann geht es über die Weide und durch den Wald bis zum See. Ich folge der Filmcrew und den Bodyguards unwillig und finde insgeheim, dass sie mit ihrer Anwesenheit meinen geliebten Wald entweihen. Das ist ein intimer Ort, eine Zufluchtsstätte, wenn auch bereits verdorben vom Kapitol. Auch nachdem wir die verkohlten menschlichen Überreste am Zaun hinter uns gelassen haben, stolpern wir noch über verwesende Leichen. Aber müssen wir das für alle Welt filmen?
Als wir am See ankommen, scheint Gale seine Sprache verloren zu haben. Alle sind schweißüberströmt, vor allem Castor und Pollux in ihren Insektenpanzern, und Cressida bittet um eine Pause. Ich schöpfe mit den Händen Wasser aus dem See, am liebsten würde ich hineinspringen und allein wieder auftauchen, nackt und unbeobachtet. Eine Weile gehe ich am See entlang. Als ich wieder zu dem kleinen Haus aus Beton gelange, bleibe ich im Eingang stehen und sehe, wie Gale das verbogene Schüreisen, das er gerettet hat, an die Wand neben dem Kamin lehnt. Ganz kurz habe ich das Bild eines einsamen Fremden vor Augen, irgendwo weit in der Zukunft, der sich in der Wildnis verirrt hat und zu diesem kleinen Zufluchtsort kommt, zu dem Stapel Brennholz, dem Kamin und dem Schüreisen. Und sich fragt, wie das alles dorthin gekommen ist. Gale dreht sich um, unsere Blicke treffen sich, und ich weiß, dass er an unsere letzte Begegnung hier denkt. Als wir darüber gestritten haben, ob wir fliehen sollten oder nicht. Wenn wir geflohen wären, würde es Distrikt 12 dann noch geben? Ich glaube, ja. Aber dann würde das Kapitol immer noch über Panem herrschen.
Es werden Käsebrote herumgereicht und wir essen sie im Schatten der Bäume. Ich habe mich absichtlich an den Rand der Gruppe gesetzt, neben Pollux, damit ich nicht reden muss. Wir reden alle nicht viel. In der relativen Stille kehren die Vögel zurück. Ich stoße Pollux an und zeige auf einen kleinen schwarzen Vogel mit einer Haube. Er hüpft auf einen jungen Zweig, breitet kurz die Flügel aus und zeigt seine weißen Flecken. Pollux deutet auf meine Brosche und zieht fragend die Augenbrauen hoch. Ich nicke: Ja, es ist ein Spotttölpel. Ich hebe einen Finger, um zu sagen: Warte, ich beweise es dir, und mache eine Vogelstimme nach. Der Spotttölpel legt den Kopf schräg und pfeift direkt zurück. Da pfeift Pollux zu meiner Überraschung selbst ein paar Töne. Der Vogel antwortet sofort. Pollux sieht entzückt aus und pfeifend unterhält er sich eine Weile mit dem Vogel. Bestimmt ist es sein erstes Gespräch seit Jahren. Spotttölpel fühlen sich von Musik angezogen wie Bienen von Blüten und in kürzester Zeit sitzt ein halbes Dutzend Artgenossen in den Ästen über unseren Köpfen. Pollux tippt mir an den Arm und schreibt mit einem Stöckchen ein Wort in die Erde: Singen ?
Normalerweise mache ich das nicht, aber Pollux kann ich den Wunsch unmöglich abschlagen. Außerdem würde ich die Singstimmen der Spotttölpel selbst gern wieder einmal hören. Und ehe ich recht weiß, was ich da tue, singe ich Rues Melodie, die vier Töne, mit denen sie in Distrikt 11 immer das Ende des Arbeitstages verkündete. Die Melodie, die schließlich zur Hintergrundmusik ihres grausamen Todes wurde. Die Vögel wissen das nicht. Sie greifen die einfache Tonfolge auf und lassen sie spielerisch hin und her wandern. Genau wie in der Arena, bevor plötzlich die Mutationen zwischen den Bäumen auftauchten, uns auf das Füllhorn jagten und Cato langsam in eine blutige Masse verwandelten …
»Wollt ihr mal ein richtiges Lied hören?«, platze ich heraus. Alles würde ich tun, um diese Erinnerungen zu verscheuchen. Schon springe ich auf, gehe zu den Bäumen und lege eine Hand an den rauen Stamm des Ahorns, auf dem die Vögel hocken. Das Lied vom Henkersbaum habe ich seit zehn Jahren nicht mehr laut gesungen, denn es ist verboten, aber ich weiß noch jedes Wort. Ich beginne langsam und zärtlich, wie mein Vater es immer gesungen hat.
Kommst du, kommst du,
Kommst du zu dem Baum,
Wo sie hängten den Mann, der drei getötet haben soll?