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Wir sind nur Menschen

Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:

Für die Rettung eines Jungen erhält Tropenarzt Dr. Perthes von dem dankbaren Vater eine Geldsumme. Endlich kann er seinen Wunschtraum verwirklichen: eine Expedition in die Urwälder Südamerikas. Seine Geliebte, die Kinderärztin Dr. Angela Bender, ist dagegen, aber sie kann den tatendurstigen Mediziner nicht halten. Die Briefe aus Südamerika verbrennt sie ungelesen. Als der Giftspezialist Dr. Perthes einen Stammeshäuptling vor dem sicheren Tod rettet, ist er ein berühmter Mann. Doch eines Tages wird er selbst von einer giftigen Urwaldspinne gebissen — und bleibt gelähmt. Durch einen Zufall erfährt Angela Bender in der Heimat von seinem Unglück. In ihrer Verzweiflung wagt sie ein gefährliches Experiment…
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Paul Sacher legte den Arm um Angelas Schulter und ging mit ihr auf das Haus zu.»Wie immer — ein Wasserfall von Fragen!«Er lachte.»Sie sind die alte Angela geblieben.«

«Das Gegenteil wäre ja auch traurig«, meinte sie übermütig.

Sie gingen in Angelas Zimmer, wo Paul Sacher sich aus dem Mantel schälte. Er legte, von Professor Window, eine große Schachtel Pralinen auf den Tisch, packte dann ein halbes Dutzend Strampelhöschen aus und holte als letztes aus der Manteltasche eine Flasche Enzian, die schon halb ausgetrunken war.

«Ich habe die Höschen in Weiß genommen, weil man ja vorher nicht wissen kann, was es wird«, sagte Paul Sacher lachend und nahm einen Schluck aus der Flasche.»Der Enzian ist gegen die Bazillen!«

«So, so!«Angela deckte den Tisch mit einer hellen Decke und Kaffeegeschirr.»Ich wußte gar nicht, daß Sie neuerdings auch unter die Mikrobenjäger gegangen sind!«

«Aus Kummer, Angela, nur aus Kummer darüber, daß Sie nicht mehr bei uns sind! Ihre Nachfolgerin — «, er verzog sein Gesicht, als habe er Essig getrunken,»nein, Angela, da gehen wir lieber schnell dran vorbei. Tüchtig ist sie ja, aber auch so eine Männerhasserin wie Sie. Sie sieht aus wie eine Regierungsrätin vom Schulamt.«»Welch ein Vergleich!«Sie lachte hell.»Soll ich denn wieder nach Köln zurückkommen?«

Dr. Sacher sprang auf.»Angela, wenn Sie das tun würden! Ich würde die gesamte Lindenburg zur Begrüßung flaggen lassen!«

«Sie sind unverbesserlich, Dr. Sacher.«

Dann saßen sie sich gegenüber, tranken starken, heißen Kaffee und erzählten sich, was sie in Köln und Schöllang erlebt hatten. Angela berichtete von der Begegnung mit Professor Purr und der Möglichkeit, an der Erlanger Klinik arbeiten zu können. Ohne daß sie es wollten, über eine Brücke, die ein Gespräch über Kinderlähmung baute, kamen sie auf Peter zu sprechen. Dr. Sacher gedachte seines Versprechens, Angela von dem Unglück in Zapuare nichts zu sagen.»Neue Nachrichten von Peter?«fragte sie leise.

Paul Sacher schüttelte den Kopf.»Nein, er hat noch nicht wieder geschrieben. «Wie gut ich lügen kann, dachte er dabei. Kein Schwanken in der Stimme, kein Rotwerden, keine Unsicherheit. Der Mensch kann doch schlechter werden, als er von sich selbst glaubt.»Hat er Ihnen nichts Genaueres geschrieben?«

«Ich weiß es nicht. «Angela schwieg eine Weile.»Ich habe alle Briefe ungelesen verbrannt.«

«Das ist doch nicht möglich, Angela!«

«Doch!«

«Sie haben Peters Briefe einfach verbrannt. «Er schwieg entsetzt.

Angela verstand seine plötzliche Erregung nicht. Sie wußte ja nicht von der großen Hoffnung, die Professor Window und Dr. Sacher hatten. Window hatte noch bei Sachers Abfahrt gesagt:»Ich bin sicher, daß Peter etwas Genaueres über seine nächsten Pläne geschrieben hat. Vielleicht kannst du aus den Briefen sehen, daß unser Warten nicht vergeblich ist. «Und nun hatte Angela. Nun gab es überhaupt keinen Anhaltspunkt mehr, und die Regierung in Bogota hatte recht, wenn sie sagte:»Die Expedition muß als verloren betrachtet werden.«

«Was hat Peter denn an Sie geschrieben?«fragte Angela.

«Daß es ihm gutgeht«, sagte Dr. Sacher stockend. Er blickte dabei zu Boden, sein Gesicht war sehr blaß geworden.»Er habe schöne Erfolge und hoffe auf baldige Rückkehr.«

Baldige Rückkehr? Angela Bender stellte sich dieses Wiedersehen vor. Er würde sie suchen, durch ganz Deutschland. Dann würde er vor ihr stehen, groß und fröhlich wie immer, und würde ihr sagen, daß das vergangene Jahr aus ihrem Gedächtnis zu streichen sei. Und sie würde von neuem stolz sein und ihm antworten, daß sie ihr Leben allein durchstehen könne und keinen Mann brauche, der seine Familie verläßt und sich in Gefahr begibt, nur um ein dummes, unbekanntes Tropengift aus den Urwäldern zu holen. Sie aber wolle ein Heim haben, Ruhe, Geborgenheit. Paul Sacher schreckte sie aus ihren Gedanken auf.

«Haben Sie denn Peter auch nicht einmal geschrieben?«fragte er.

«Nein, und das werde ich auch nie tun.«

«Auch nicht, wenn er in großer Gefahr wäre?«

«Er hat sie gesucht!«Sie wollte hart sein, aber in ihren Augen flak-kerte es verräterisch.

«Und wenn er sich nach einer Zeile von Ihnen sehnt?«

«Hat er Ihnen das geschrieben?«

«Nein. «Dr. Sacher winkte ab.»Ich meine es rein theoretisch. Es könnte ja eintreten. Würden Sie sich dann immer noch gegen das tiefste Gefühl in Ihrem Herzen wehren?«

«Ja, Doktor Sacher.«

Der Arzt wischte sich über die Augen. Er tat dies immer, wenn er einer Situation hilflos gegenüberstand.»Frauen können doch härter als Männer sein«, sagte er in einem Anflug von Philosophie.»Ich habe es nie geglaubt.«

«Ich bin gar nicht so hart«, meinte Angela leise.»Ich war nur traurig, daß ihm das Gift mehr wert war als ich und meine Liebe. Von einer Frau, der man das so deutlich sagt, kann man nicht erwarten, daß sie weiterhin die Dulderin spielt. Mich hat das Leben gelehrt, auf eigenen Füßen zu stehen. Es ist mir nichts geschenkt worden — selbst meinem Kind muß ich unter Opfern das Leben geben. Ich habe immer die Zähne zusammenbeißen müssen, da kommt es auf einmal mehr oder weniger nicht an. Sie mögen es Härte nennen, Paul, aber war es nicht noch viel härter von Peter, meine Bitte, meine Sorge um sein Leben, meine Angst, ihn zu verlieren, mit einem Lachen abzutun und heimlich diese Expedition vorzubereiten?

Da gab es dann nur noch einen kleinen chirurgischen Schnitt, der mitten durch meine Seele ging: Trennung! Ich habe damals, als ich am Strand von Grömitz stand und viel weinte, nicht mehr gewußt, was ich tun sollte. Und er, dem diese Tränen galten, saß in Köln und vollendete die Vorbereitungen zur Fahrt in die Hölle. Als ich dann zurückkam, wußte ich, daß es keine Umkehr gab — nicht für ihn, nicht für mich. Meinen Sie nicht auch, daß das genügt, um eine Frau hart zu machen?«

In diesem Augenblick war Dr. Sacher versucht, ihr die volle Wahrheit über Peter zu sagen. Aber dann dachte er an ihren Zustand und biß sich auf die Lippen. Nein, sagte er sich, ich darf es trotzdem nicht. Es wäre kein Gewinn, sie wüßte auch keinen Rat. So lenkte er das Gespräch in eine andere Richtung und unternahm nach dem Kaffee mit Angela einen Spaziergang über die Berge, er bewunderte das Nebelhorn, das wie eine mit Zucker übergossene Spitze in den fahlblauen Himmel ragte. Sie lachten viel und bewarfen sich schließlich mit Schneebällen.

Keuchend lehnte sich Angela an eine Krüppelkiefer.»Ich kann nicht mehr«, rief sie lachend,»man wird doch sehr ungelenkig. «Sie preßte die Hand auf ihren Leib und atmete schwer.»In einem Jahr geht alles wieder besser!«

Dr. Sacher wohnte in Schöllang in einem hübschen Hotel, wo er sich für zwölf Tage eingemietet hatte. Er nutzte die Zeit für Spaziergänge mit Angela, um mit dem Schlitten nach Oberstdorf oder sogar bis zum Alpsee zu fahren und ihr Fröhlichkeit zu schenken, die sie in ihrer Abgeschiedenheit vermißt haben mußte.

Es waren auch für Angela Bender schöne Tage. Paul Sacher las ihr jeden Wunsch von den Augen ab, jede Last zog er zu sich hinüber, ohne daß sie es merkte. Da die verpachtete Praxis nicht den erwarteten Gewinn abwarf und Erspartes schnell zur Neige ging, bezahlte Dr. Sacher ohne Angelas Wissen die Miete und die Verpflegung in der Alppension für ein halbes Jahr im voraus, kaufte in Kempten einen Kinderwagen und erstand im Auftrag von Professor Window ein schönes, größeres Kinderbett. Er gab genaue Termine an, wann alles an Frau Dr. Bender nach Schöllang geschickt werden sollte, und fuhr nach zwölf Tagen befriedigt nach Köln zurück.

Und Angela war wieder allein inmitten der Berge und Schneefelder, las oder schrieb an einem Buch über Kinderkrankheiten, zählte die Wochen und Tage bis zu dem Tag, an dem sie eine neue und schwere Pflicht vom Schicksal übernehmen würde.

Eine Woche nach der Abreise Dr. Sachers bekam sie einen Brief aus Kolumbien, von Köln aus umadressiert. Sie wollte ihn schon in den Ofen stecken, als sie plötzlich stutzte. In der Aufregung, von neuem Post aus Südamerika zu bekommen, hatte sie nicht beachtet, daß die Adresse mit Maschinenschrift geschrieben war. Das war sonst nicht Peters Art bei Privatbriefen. Jetzt fiel ihr das auf. Sie drehte den Umschlag um und las:»Puesta de policfa, Villavicencio, Columbia, Meta.«

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