Wir sind nur Menschen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:
Als er das Boot mit den beiden Weißen erblickte, rannte er in das Haus, dumpf klang sein Geheul durch die Wände. Dr. Perthes und Dr. Cartogeno stiegen an Land. Ihre Hände ruhten auf ihren Pistolen. Allein standen sie vor den Hütten, die Ruderer waren in den Booten geblieben. Die Rindenhütten schienen verlassen zu sein, nur das Geheul des Medizinmannes klang schaurig durch die Stille. Mit großen Schritten gingen die beiden Ärzte auf das Palmhaus zu.
Kapitel 9
In Villavicencio fand nach der Suchaktion eine Besichtigung durch Regierungsvertreter aus Bogota statt. Ein von Herrn von Barthey ernannter Vertreter der Außenhandelsbank aus Bogota fertigte ein Verzeichnis an. Es befanden sich darunter ein ganz neues Laboratorium, Brutschränke, Mikroskope, Nährböden und Giftkulturen jener angefangenen Forschungsreihen von Dr. Perthes. Die Tagebuchblätter, die in San Juan gefunden wurden, gaben Aufschluß über die Fahrt den Rio Guaviare hinab und über die Pläne, die die Expedition verfolgte. Das spurlose Verschwinden der Männer auf dem Wege zum Cuno Nacuri sprach deutlich dafür, daß es die Tarapas nicht duldeten, Weiße in ihre Wälder eindringen zu lassen. Die Regierung war machtlos, eine Strafexpedition schien völlig sinnlos. Es wurde lediglich ein Gesetz erlassen, das allen Fremden verbot, die Urwälder ohne ausreichenden Schutz zu betreten. Dazu gehörten eine gute Bewaffnung mit Maschinengewehren und Boote mit Motoren.
In Köln zog Bankier von Barthey einen dicken Strich unter das Konto >Forschung Dr. Perthes<. Professor Window und Dr. Sacher aber konnten den Gedanken nicht loswerden, daß Peter noch lebte und sich irgendwo in der grünen Hölle aufhielt, vielleicht auf der Spur nach etwas Unerforschtem, was eine Sensation zu werden versprach. Daß auch Dr. Cartogeno, der Dolmetscher und die Träger nicht wieder aufgetaucht waren, bestärkte nur den Verdacht, daß sich in den riesigen Urwäldern Amazoniens etwas Ungewöhnliches abgespielt haben mußte. Dafür sprachen auch die Briefe, die Dr. Perthes von Zapuare und San Juan aus an Dr. Sacher schrieb, in denen er mitteilte, daß er versuchen wolle, den Tarapas-Häuptling für sich zu gewinnen, um ungehindert in den Fiebergebieten arbeiten zu können. Wenn Peter das gelungen war, dann war er jetzt noch im Urwald und sammelte Material für seine großen Forschungen.
In Kolumbien hielt man das für unmöglich. Man kannte dort Sapolana. Man hatte zuviel von seinen Grausamkeiten gehört, seinen Kopfjägern, von seinen Gürteln voller Schrumpfköpfe. Man hielt die Vermutungen der Deutschen aus Köln, die ja keine Ahnung von der Wirklichkeit der Urwälder hatten, für völlig abwegig und behauptete, die Suchflugzeuge, die Motorboote und die Raupenwagen müßten etwas gehört oder gesehen haben, wenn es Überlebende der Expedition geben würde. Man müsse deshalb, so leid es der kolumbianischen Regierung tue, damit rechnen, daß die Expedition Dr. Perthes verloren sei.
Um dem deutschen Bankier und den Ärzten einen Gefallen zu tun, entschloß man sich, die sichergestellten Güter an Ort und Stelle zu belassen. Sollte Dr. Perthes doch noch zurückkommen — was nach Ansicht von Experten die größte Sensation seit Bestehen der Amazonas-Urwälder sein würde —, so könnte er sein Laboratorium sofort wieder in Betrieb nehmen. Dann ging das Leben weiter, wie es bisher gewesen war. In Zapuare und Pajarito, San Juan und Si-tio lungerten die Orchideenjäger herum, standen in den Bars finstere Gestalten und tranken Whisky zu sündhaft teuren Preisen, liefen den wenigen schmutzigen Küchenweibern nach und stießen sich ihretwegen den blanken Stahl zwischen die Rippen.
In Bogota war immer noch die >Untersuchungskommission< an der Arbeit, um das Verschwinden von >Dr. Perthes und Co.< amtlich zu klären. Die Akten versandeten in bürokratischer Kleinarbeit und gerieten nach dem Durchlaufen beim siebten Dezernenten in endgültige Vergessenheit.
So gingen über zwei Monate hin. Professor Dr. Window besuchte in dieser Zeit häufig den Bankier, den der Vorwurf, den er sich selbst machte, daß sein Geld der äußere Anlaß zu der Katastrophe gewesen war, sehr schmerzte. Er warf sich vor, einen Mann in den Tod gejagt zu haben, und nicht nur ihn allein.
Sosehr sich Herr von Barthey auch vorredete, daß Dr. Perthes die Expedition mit anderen Mitteln auch unternommen hätte — es blieb immer ein Stachel. Nichts sprach ihn bei seinen hohen Moralbegriffen frei von der Schuld, zu dem Unglück maßgebend beigetra-gen zu haben. Diese Erkenntnis verwandelte den bisher so vitalen Mann in einen in sich versponnenen Träumer, der sich mehr über die tiefen Dinge des Lebens Gedanken machte als über sein bisheriges Arbeitsgebiet. Schöllang am Nebelhorn lag unterdessen unter einer hohen, glitzernden Schneedecke. Angelas Alp war nur noch über einen schmalen Pfad, von einem Schneepflug freigeschaufelt, zu erreichen, und es kam vor, daß man manchmal sehr lange warten mußte, bis die Post zu ihnen kam.
Dr. Bender tat diese Einsamkeit gut. Sie unternahm in ihrem jetzt deutlich sichtbaren Zustand lange Schneewanderungen auf Skiern, besuchte Reichenbach und Oberstdorf; einmal fuhr sie sogar nach Sonthofen, um die nötigen Dinge für den kommenden Erdenbürger auszusuchen.
Zwei Briefe, die, von Dr. Sacher weitergeleitet, aus Zapuare und San Juan in Kolumbien stammten, gingen den Weg aller Briefe Peters. Sie wurden in dem großen Steinofen verbrannt, ohne gelesen worden zu sein. Die Briefmarken weichte Angela vorher gewissenhaft ab und gab sie dem Briefträger für seinen Buben. Für sie war die Zukunft wichtiger als die Vergangenheit und die Gegenwart. Sie wollte ihr Kind im vollsten seelischen Frieden zur Welt bringen, dem schönen Gefühl, eine Mutter zu werden, ganz hingegeben. Sie dachte oft an ihre Mutter, die schwer arbeiten mußte, um das tägliche Brot zu verdienen; sie dachte an den Vater, der als Offizier nach der Revolution 1918 entwurzelt nach Hause gekommen und dann, in der Inflation seelisch zerbrochen, gestorben war. Sie dachte an ihre Kindheit auf Hinterhöfen, an die schwere Schulzeit, schließlich an die Stipendien, die es ihr ermöglichten, das Abitur zu machen und zu studieren. Es war ein harter Weg gewesen — an die Sonne. Ihr Kind sollte es einmal besser haben.
Mit Professor Purr stand sie in netter brieflicher Verbindung. Er bat sie zum wiederholten Male, das Kind in seiner Erlanger Klinik zur Welt zu bringen. Doch davon wollte Angela nichts hören. So losgelöst vom Alltag und so ganz mit der Natur verbunden fühlte sie sich nur hier in Schöllang; und die Klinik von Oberstdorf, in der Nähe der Nebelhornbahn, würde sie in den schweren Stunden aufnehmen. Das Kind sollte seine ersten zaghaften Schritte über blühende Bergwiesen machen.
Nach Weihnachten löste Dr. Sacher sein Versprechen ein — er kam nach Schöllang. Gleich nach seiner Ankunft fuhr er in einem Pferdeschlitten auf die Alp, wo Angela auf einer Bank in der Sonne saß, braun, im Gesicht etwas voller geworden. Zuerst erkannte sie nicht den in einen dicken Kamelhaarmantel gehüllten Dr. Sacher, doch dann sprang sie auf und kam ihm winkend entgegengelaufen.
«Dr. Sacher!«rief sie außer Atem, als sie bei ihm stand und der Arzt die im festgetretenen Schnee Ausgleitende auffing.»Daß Sie wirklich kommen, ist wunderbar! Was macht Köln? Wie geht es dem Professor?«Und mit einem Seitenblick:»Bringen Sie viele Neuigkeiten?«