Wir sind nur Menschen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:
Nicht dumm, dachte Perthes und wartete auf Cartogeno. Das macht man bei uns auch als Erste Hilfe. Bei Kreuzotterbissen Biß erweitern und Blut aussaugen. Aber in diesem fortgeschrittenen Zustand ist das sinnlos. Dieser Sapolana ist ein Wunder, dachte Perthes weiter, mit dem Gift im Körper wäre ein Europäer innerhalb einer Stunde gestorben. Und er lebt noch… nach über fünfWochen! Wie doch die Natur alle Schulweisheit mit einem einzigen Beweis über den Haufen wirft.
Dr. Cartogeno brachte keuchend zwei Kisten.»Die Bande will mir nicht helfen«, rief er,»sie betreten den Platz nicht, aus Angst vor den Dämonen. Draußen, auf dem Fluß und dem See, stehen über fünftausend Tarapas. Aber nicht einer wagt einen Schritt auf den Strand. «Er warf die Kisten mitten in den Raum und beobachtete den noch immer saugenden Sapolara.
«Fixer Junge«, meinte er anerkennend.»Weiß sich zu helfen. Aber nun los!«
Sie traten an das Lager und machten durch Zeichen klar, daß Sa-polara sich zurückziehen müsse. Gehorsam, aber mißtrauisch stand der Zauberer auf und stellte sich hinter den Kopf des Häuptlings. Scharf beobachtete er alle Handgriffe der beiden weißen Ärzte.
«Er will von uns lernen«, meinte Dr. Cartogeno schmunzelnd.
«Nicht nur ein fixer, auch ein gerissener Bursche!«
Sie gaben Sapolana eine Tetanusspritze und danach eine Narkose mit Evipan. Dann setzte Dr. Perthes das Skalpell an und trennte mit schnellen Schnitten die Gewebe und Muskeln durch. Dr. Car-togeno klammerte die Adern ab und arbeitete mit den Tupfern. Gleich oberhalb der Kniescheibe war der Bolzen eingedrungen. Er stak noch in den Muskeln — ein kleiner, schmaler, messerscharfer Knochensplitter, sorgsam zugefeilt und mit einem Schwerpunkt versehen, der ein richtiges Fliegen aus dem Blasrohr gewährleistete. Er stak noch mitten in dem brandigen Fleisch. Mit der Pinzette holte der Operateur den Splitter heraus und legte ihn auf eine Schüssel. Er brannte mit Höllenstein den ganzen Umkreis des Herdes aus, tamponierte die Wunde und begann dann, in die Blutbahn des vergifteten Beines ein Serum zu spritzen.
Dr. Cartogeno sah mit großen Augen zu. Zum erstenmal sah er seinen Kollegen Dr. Perthes praktizieren. Eine große Achtung vor dem jungen Arzt kam in ihm auf. Mit dem gehe ich durch die Hölle, dachte er, und etwas wie Stolz und Glück, dies alles miterleben zu dürfen, erfaßte ihn. Mit bebenden Händen reichte er die Instrumente an.
«Was injizieren Sie da?«fragte er flüsternd.
«Ein neues, von mir entwickeltes Serum. Es steht noch in der Erprobung. Ich habe in Köln damit Tierversuche gemacht, die alle zufriedenstellend verliefen. Dies aber ist mein erster Menschenversuch.«
«Mit einem unfertigen Präparat?«
«Ja, Sie haben recht, in einer zivilisierten Klinik wäre das unmöglich, strafbar, überhaupt undenkbar. Hier, im Urwald, kann es die letzte Rettung sein. Hier dürfen wir endlich einmal etwas wagen, was in der Alten Welt die Bürokratie verbietet. «Peter Perthes setzte die Spritze an, stach in die Hauptblutbahn und drückte etwa sechs Kubikzentimeter der wasserhellen Flüssigkeit in die Ader. Er beugte sich über Sapolana und fühlte dessen Puls.
«Er muß, wenn das Serum die gleiche Wirkung wie bei Tieren hat, innerhalb von zwölf Stunden fieberfrei sein. Dann muß das Gift seine zerstörende Wirkung verloren haben. «Er schüttelte von neuem den Kopf.»Es ist mir unverständlich, wie der Kerl jetzt noch leben kann.«
Der Medizinmann, der sah, daß die Ärzte vorläufig fertig mit ihrer Arbeit waren, trat aus der Ecke hervor. Sein altes, mit Runzeln wie eine Schuppenhaut überzogenes Gesicht schien zu lachen. Er sprach die Ärzte mit seiner hellen Stimme an und zeigte auf den Häuptling, der noch in tiefer Narkose lag. Er machte das Zeichen des Sterbens.
Dr. Cartogeno schüttelte den Kopf, dann gingen sie aus der Hütte und wollten zu ihrem Boot. Da aber stürzte ihnen der Medizinmann nach, rannte an den Strand und fiel an einer großen Baumtrommel auf die Knie. Mit beiden Händen, den Kopf schreiend gen Himmel gerichtet, bearbeitete er die Trommelfläche. Dumpf hallend klangen die Töne über die Bucht, den Fluß und den See. Die Tukanfedern in seinen Ohren wippten auf und nieder. Er riß sich den Lendenschurz aus trockenen Blättern ab und sprang nackt, in seiner wilden Bemalung, um die Trommel herum, mit den Händen den Takt schlagend. Schaurig klang es durch die Stille des Waldes, doppelt schrecklich durch die Wildheit, mit der der Zauberer in seinem Fetischgewand um den dröhnenden Baum sprang.
Jetzt schoß ein Kanu durch die Flußenge auf den Landeplatz zu. Umari stand darin, neben ihm der indianische Dolmetscher. Er grinste über das ganze Gesicht — in den Haaren trug er eine Orchideenkette, auf der Brust eine wertvolle Stickerei gegen den Dämon der Feindschaft. Vom See herüber erklang ein vielhundertfacher Jubelschrei. Lange Kriegsboote mit singenden Tarapas glitten Uma-ris Boot nach, in die Bucht hinein.
Gebannt von diesem Schauspiel, standen die beiden Ärzte am Ufer.
«Wir haben gesiegt«, sagte Dr. Perthes schlicht. In seiner Stimme klang Ergriffenheit mit.
«Ja, diese Schlacht haben wir gewonnen«, bestätigte Dr. Cartogeno.»Was aber wird, wenn Ihr Serum nicht wirkt? Wenn Sapolana stirbt?«
Perthes wandte sich um. Entschlossenheit machte sein Gesicht kan-tig.»Er wird nicht sterben!«sagte er leise.»Kollege Cartogeno, er darf nicht sterben.«
Was Dr. Perthes kaum zu hoffen gewagt hatte, trat mit überraschender Plötzlichkeit ein: Sapolana war bereits nach sieben Stunden fieberfrei! Perthes kniete an seinem Lager und fühlte den Puls, maß die Temperatur und wollte es nicht glauben. Bei sechs Kubikzentimeter Serum und akuter Pfeilvergiftung in dieser Zeit fieberfrei? Das übertraf alle Erwartungen, das eröffnete völlig neue, völlig andere Perspektiven in der Serumverwendung! Zwar war das Bein noch unförmig geschwollen, glasig und entzündet — aber die Macht des Giftes, das sah man deutlich, war gebrochen. Die akute Lebensgefahr bestand jetzt nur noch in der brandigen Wunde.
Jede halbe Stunde erneuerte Dr. Perthes oder Dr. Cartogeno den Tampon. Sie desinfizierten die ganze Hütte, wuschen den Häuptling mit antiseptischem Wasser und sorgten für eine gute Durchlüftung der Hütte. Am dritten Tag schüttelte Dr. Perthes den Kopf, nachdem er die Wunde untersucht hatte.
«Der Höllenstein war zu schwach«, sagte er.»Die Wunde bleibt brandig und greift sogar in die tieferen Gewebe über. Da wir keine klinischen Mittel hier haben, nützt nur eins: wie im Mittelalter ausbrennen!«
Dr. Cartogeno blickte zu Sapolana hinüber, der die Besinnung noch immer nicht wiedererlangt hatte. Der Zauberer Sapolara behandelte ihn mit Auflegen von feuchten, unbekannten Kräutern, Fußwaschungen mit einem giftgrünen Wasser, Kompressen auf die Stirn mit einer breiigen Masse, zu der er die Blätter, Wurzeln und widerlich stinkenden Blüten aus den Urwaldsümpfen holte. Dr. Perthes ließ ihn gewähren, denn er wußte, daß gerade die Wilden in der Wundbehandlung wahre Meister sind und mit primitiven Mitteln erstaunliche Erfolge erzielen.
Aus mitgebrachten Stahlinstrumenten ließ sich Perthes vom Schmied der Tarapas nach einer Zeichnung ein Glüheisen anferti-gen. Als es ihm gebracht wurde, narkotisierte er von neuem den Kranken und begann, mit dem glühenden Eisen das Fleisch und den Wundbrand wegzusengen.
Widerlicher Geruch zog durch die Hütte. Der Körper des Ohnmächtigen zuckte wild. Die Nerven drohten zu zerreißen; dann war das Brennen beendet. Die Wunde wurde mit antiseptischem Wundpulver und Penicillin ausgelegt und danach in Schichten zugenäht.
Während dieser Operation stand Sapolara wieder am Kopfende und beobachtete genau jeden Handgriff. Der alte Zauberer sah zum erstenmal in seinem Leben, wie ein menschlicher Körper schmerzlos operiert werden konnte, wie man Fleisch wegschneiden, ja wegbrennen konnte, ohne daß der Kranke schrie. Er erlebte erstmalig das Wunder der Narkose. Es war, als sei nach dieser radikalen Bekämpfung des Wundbrandes der Bann gebrochen. Das Serum zerstörte das Gift in der Blutbahn, die Entzündung ging zurück, die kühlen Umschläge des Zauberers bewirkten eine Erfrischung des Körpers und regten außerdem die natürlichen Widerstandskräfte, das wichtigste Hilfsmittel bei allen Heilungen, an. Das Bein verlor allmählich seine Unförmigkeit, es wurde wieder normal durchblutet, und eines Tages saß Sapolana auf seinem Lager und beobachtete selbst, wie Perthes die Wundnaht kontrollierte und ihm eine Spritze gab. Kein Wort kam über die Lippen des Häuptlings, kein Muskel seines Gesichts verzog sich, als die Nadel in sein Fleisch drang und eine juckende Flüssigkeit in die Muskeln gespritzt wurde.