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Wir sind nur Menschen

Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:

Für die Rettung eines Jungen erhält Tropenarzt Dr. Perthes von dem dankbaren Vater eine Geldsumme. Endlich kann er seinen Wunschtraum verwirklichen: eine Expedition in die Urwälder Südamerikas. Seine Geliebte, die Kinderärztin Dr. Angela Bender, ist dagegen, aber sie kann den tatendurstigen Mediziner nicht halten. Die Briefe aus Südamerika verbrennt sie ungelesen. Als der Giftspezialist Dr. Perthes einen Stammeshäuptling vor dem sicheren Tod rettet, ist er ein berühmter Mann. Doch eines Tages wird er selbst von einer giftigen Urwaldspinne gebissen — und bleibt gelähmt. Durch einen Zufall erfährt Angela Bender in der Heimat von seinem Unglück. In ihrer Verzweiflung wagt sie ein gefährliches Experiment…
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Polizeistation? dachte Angela erschrocken. Der Brief ist gar nicht von Peter. Sie eilte an den Tisch zurück, unter das breite Fenster, setzte sich ans Licht und riß den Umschlag auf. Eine Fotopostkarte fiel auf den Tisch, eine Fotografie, die sie selbst in einem duftigen Sommerkleid zeigte, aufgenommen auf der Kölner Messe, mit Rhein und Domtürmen im Hintergrund. Dabei lag ein Brief, aus dem hervorging, daß man dieses Foto neben anderen Dingen in Zapuare gefunden habe. Da die Adresse auf dem Foto stünde, gehe es an den Besitzer zurück. Ihr Foto! In Zapuare gefunden? Zurück! Was bedeutete das alles? In Angelas Kopf schwirrten die Gedanken. Hatte Peter diese Fotografie nur verloren? Hatte er sie weggeworfen, weil sie ihm nicht schrieb? Oder war ihm etwas zugestoßen?

Eine schreckliche Unruhe packte sie. Sie ließ den Schlitten anspannen und fuhr hinunter zur Poststation. Dort meldete sie ein

Ferngespräch mit Köln an und hatte nach zwei Stunden Warten endlich Professor Window am Apparat. Ihre Stimme war von Angst undeutlich geworden.

«Ich habe eben einen Brief bekommen«, sagte sie,»aus Villavicencio, von der Polizeistation. Meine Fotografie war in dem Brief, ein Bild, das Peter mitgenommen hatte. Man habe es gefunden, schreibt die Polizei. Wissen Sie etwas davon? Auch andere Sachen sollen gefunden worden sein. «Und plötzlich rief sie voller Angst:»Herr Professor, ist Peter etwas zugestoßen?«

Der Professor zögerte mit der Antwort. Dr. Sacher, der am zweiten Apparat das Gespräch mithörte, schüttelte heftig den Kopf.»Nein, Angela«, antwortete Professor Window klar.»Sie brauchen keine Angst zu haben. Wir haben gerade gestern Post aus Kolumbien bekommen. Peter geht es gut. Er wird das Bild verloren haben, die Polizei fand es, konnte es ihm nicht zustellen, weil er vielleicht gerade einen Urwaldtrip unternahm. So schickte man Ihnen das Foto der Einfachheit halber wieder zu. Also, keine Sorgen, liebste Angela!«

«Ich danke Ihnen sehr, ich danke Ihnen. «Angela Bender legte den Hörer auf und lehnte die Stirn gegen das kalte Glas der Telefonzelle. Nichts, dachte sie. Ihm geht es gut. Er hat geschrieben. Mein Gott, welche Angst hatte ich um ihn. Jetzt habe ich mich verraten. jetzt wissen sie es alle: ja, ich liebe ihn, ich liebe ihn noch immer. Wie glücklich bin ich, Peter, daß es dir nur gutgeht.

In Köln legte Professor Window ebenfalls den Hörer auf. Er sah dabei Dr. Sacher groß an.»Es war meine erste ganz bewußte Lüge«, sagte er leise.

«Warum haben Sie gesagt, Peter habe geschrieben?«

«Sie hätte es mir sonst nicht geglaubt!«Er steckte sich mit fahrigen Händen eine Zigarre an.»Es ist ekelhaft, Paul — den Freund gibt man verloren, und seine Braut belügt man! Wir Menschen sind doch eine feige Bande!«

Dr. Peter Perthes und Dr. Fernando Cartogeno standen vor der großen Palmhütte allein. Von innen hörte man die Schreie des Medizinmannes, das Rascheln des Röckchens aus trockenen Blättern und das rhythmische Zusammenschlagen der Fetischfiguren, die er in den Händen hielt. Sein wimmerndes Schreien klang furchterregend.»Er will die Dämonen austreiben, die den Häuptling überfallen haben«, meinte Cartogeno.»Bei den Indianern ist jeder außergewöhnliche Vorgang oder Anlaß das Werk böser Geister. Sie werden es schwer haben, lieber Kollege, den Medizinmann von Ihrer ärztlichen Kunst zu überzeugen.«

«Er hat mich doch selbst gerufen, weil er nicht mehr weiterkommt mit seinem Zauber.«

«Sapolana zuliebe! Sie wird er hassen, weil Sie seinen Nimbus zerstören.«

Dr. Cartogeno untersuchte seine Pistole. Dann ging er zu dem Bastvorhang, der den Eingang verschloß, und riß ihn zur Seite, die Waffe im Anschlag. Langsam trat Peter Perthes ein. Der Raum war groß und leer. Lediglich in einer Ecke war ein Palmblätterlager errichtet, bedeckt mit Jaguarfellen und Affenhäuten. Vor dem Lager stand ein großer geschliffener Stein, auf dem eine Geisterfigur thronte. Durch den weiten Raum der Hütte sprang der Zauberer Sapolara. Auf dem Kopf hatte er den Balg eines großen Trompetenvogels. Sein nackter Körper war mit grellroten Streifen bemalt, an und in den Ohrläppchen flatterten die Federn der Tukane und klapperten Muschelketten. Selbst seine Unterlippe war durchstochen — in dem Loch staken Knochensplitter und buntgefärbte, dicke Grashalme. An den Füßen trug er leichte Schuhe, aus Menschenhaar geflochten und verziert mit Menschenzähnen. Die wilden Schreie wurden beim Eintritt der Weißen noch schriller, die muskelstarken Arme wirbelten die Dämonenfiguren durch die dumpfe Luft der Hütte.

Dr. Perthes trat an das Fell-Lager, während Dr. Cartogeno an der Tür stehenblieb und seine Pistole schußbereit hielt. Eine gefährliche Bewegung des Medizinmannes oder des Mannes auf dem Lager — und er würde mit einer Rücksichtslosigkeit schießen, die in seinen Augen zu lesen war.

Auf dem Jaguarfell lag eine große, fast riesige Gestalt mit geschlossenen Augen. Dicker Schweiß stand auf seiner Stirn. Die Backen waren hohl, ausgezehrt. Um ihn herum auf dem festgetretenen Boden lagen die Trophäen, die er in seinem Leben erobert hatte: Schrumpfköpfe über Schrumpfköpfe, ekelerregend, grauenhaft. Blasrohr, Speer, ein langer Dolch, Pfeile und Bogen, eine große Keule aus schwarzem, eisenhartem Holz und eine Lianenschleuder lagen an der Hüttenwand — die Waffen des Großen Häuptlings Sapola-na.

Er schien den Eintritt der Weißen nicht bemerkt zu haben. Die Augen geschlossen, machte er den Eindruck, als sei er durch die Schreie des Zauberers in eine Art Hypnose versunken. Sein bloßer Körper glänzte von Schweiß. Perthes beugte sich über den Häuptling und erfaßte mit raschem Blick die Lage. Das linke Bein war oberhalb des Knies verletzt, hier mußte es ein Giftbolzen getroffen haben. Jetzt war das Bein bis zur Hüfte unnatürlich angeschwollen, rot, brandig, aufgedunsen. Das Fleisch sah glasig aus, leblos und starr. Sapolana mußte starke Schmerzen haben — aber er schwieg, auch als der Arzt das Bein leicht abtastete und ein wenig anhob. Nur in den Mundwinkeln konnte man sehen, wie Sapolana ein Schreien verbiß. Stumm lag er auf seinen Fellen, während der Medizinmann weiter schrill schreiend vor dem Lager tanzte.

Perthes stand auf und wandte sich zu Dr. Cartogeno um.»Sekundäre Blutvergiftung«, diagnostizierte er.»In Europa würde man das Bein in diesem Zustand sofort amputieren. Wenn ich das hier machte, wäre es mein Todesurteil.«

«Lassen Sie ihn verrecken«, meinte Cartogeno hart. Er hatte auch die Masse der Schrumpfköpfe gesehen und beherrschte sich nur mühsam, den Abzugshahn nicht durchzudrücken.

«Wir sind Ärzte, lieber Kollege«, sagte Perthes, wandte sich ab und ging dem Ausgang zu.»Bevor ich behandle, muß ich wissen, um welches Gift es sich handelt. Holen Sie bitte vom Boot das Mikroskop, den Gegengiftkasten und mein chirurgisches Besteck.«

«Ich soll Sie hier allein lassen?«fragte Cartogeno zweifelnd.

«Machen Sie nur!«Perthes winkte ab.»Die Kerle sind froh, daß wir hier sind. Uns geschieht nichts, solange der Häuptling lebt.«

Er trat wieder in die Hütte und sah jetzt den Zauberer vor dem Lager sitzen. Seine kleinen, blitzenden Augen sahen ihm entgegen. Plötzlich hob er wie beschwörend die Arme und strich mit ihnen über das geschwollene Bein. Aus Sapolaras Mund quoll dichter Tabaksqualm. Nun sprach er schnelle Worte, die sich fast überschlugen, und dann warf er sich mit einem wilden Ruck über den Kranken, preßte den Mund auf die Wunde, biß in das entzündete Fleisch und trank wie ein Vampir das hervorquellende schwarze, schlechte Blut. Der Kranke bäumte sich auf und stöhnte. Dann fiel er zurück auf das Jaguarfell und schloß die Augen. Er blieb stumm, eisern, leblos fast, während der Zauberer das Blut aussaugte.

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