Wir sind nur Menschen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:
Die motorisierte Kolonne wurde daraufhin zurückgerufen, es war sinnlos, einen Urwald von mehreren hundert Quadratkilometern umzupflügen, man würde Jahre dazu brauchen.
Zum erstenmal tauchte nun der Name Dr. Perthes in der Weltpresse auf. >Life< brachte einen Bildbericht, die großen Zeitungen in den Hauptstädten der Welt widmeten der Expedition auf der zweiten Seite einen Drei- oder gar Vierspalter. Erzählungen über Urwälder schlossen sich in den nächsten Tagen an, Berichte über andere Expeditionen, geschichtliche Betrachtungen, wirtschaftliche Rückblicke, Essays über das Leben großer Forscher. Man hatte für eine Woche genügend Stoff, die Zeitungsseiten interessant zu füllen. Der Urwald war für kurze Zeit >in<.
Dann wurde es still um ihn. Ein anderes Ereignis füllte das Denken der Welt aus. In der UNO sagte Gromyko sein 35. Veto; ein Flugzeug stürzte über dem Atlantik ab, und die Toten konnten nicht geborgen werden.
Dr. Peter Perthes wurde vergessen. Nach einem Monat war sein Name selbst den Redakteuren unbekannt. Die Menschen hatten andere Sorgen.
Professor Dr. Window, Dr. Paul Sacher und Wolf von Barthey vergaßen Dr. Perthes nicht. Sie glaubten nicht an seinen Tod und hofften im stillen, daß er in einem Winkel des Urwaldes gefunden werde würde. Aber er blieb verschollen. >Life< hatte eintausend Dollar demjenigen geboten, der ihn finden würde. Und auch die tausend Dollar wurden vergessen. Das Schweigen der grünen Hölle deckte sich über Dr. Perthes und seine mutige Expedition.
Kapitel 8
Die Urwälder von Azaneni hat noch kein Weißer betreten. Die Gebiete, die rechts und links vom Cuno Nacuri, dem Rio Pa-davida und dem Rio Chamusiqueni liegen, gehören zu den wenigen Landstrichen dieser Erde, die auf allen Karten noch weiß sind. Unbewohnt, unerforscht, nur aus der Luft gesehen. Ein riesiges Land mit undurchdringbaren Wäldern, Lianenhecken, giftigen Blumen, Sümpfen und mit Tieren, die noch in keinem Buch beschrieben wurden.
Nur die Indios, Stämme unter der Oberherrschaft der Tarapas, Urmenschen im Aussehen, in der Entwicklung des Geistes und der Kultur weit zurück, durchstreiften auf geheimnisvollen Pfaden diese Fieberhölle. Sie waren die unumstrittenen Herren von Ländern, deren Bodenreichtum sagenhaft sein soll. Die Höhenzüge Raudal Alto, in denen der Cuno Nacuri entspringt, sehen wie ein moosiger Rücken inmitten eines wogenden grünen Teppichs aus, wenn man sie überfliegt.
An einer Biegung, geschützt durch überhängende Felsen, lagen im Cuno Nacuri drei Boote, eng an das steinige Ufer gepreßt. Dr. Car-togeno, noch braungebrannter als zuvor, mit einem struppigen Spitzbart unter den schmalen Lippen, lag am Bug des kleinen Rindenkanus und hielt das Gewehr im Anschlag. Er visierte das etwa fünfzig Meter entfernte andere Ufer an, wo der Wald bis in das Flußwasser reichte und Hecken, die im Wasser wuchsen, den Beginn des eigentlichen Erdufers verdeckten.
Dr. Perthes lag am Heck des Bootes und gab leise Anweisungen an die Träger, die ebenfalls in den großen Booten auf dem Boden lagen und Schutz hinter Kisten gesucht hatten. Der indianische Dolmetscher war der einzige, der aufrecht stand. Zitternd schwenkte er ein weißes Tuch und rief in einer merkwürdig guttural klingenden Sprache immer wiederkehrende Worte zu dem anderen Flußufer hinüber.
Auf der anderen Flußseite aber war keine Bewegung zu sehen, jedoch Dr. Cartogeno wußte, daß dort in den Dickichten die Krieger der Tarapas saßen und jede Bewegung in den Booten beobachteten. Vor einer Viertelstunde war die Expedition an dieser Stelle angelangt, und hier war es, daß ein roter Pfeil Peter Perthes nur um Millimeter verfehlte und in die Bootswand eindrang.
«Sapolana!«schrie der Dolmetscher und warf sich zu Boden, das Ruder fallen lassend. Auch Perthes und Cartogeno suchten Deckung hinter zwei kleinen Kisten, doch da dem Pfeil kein zweiter folgte, ließen sie das Boot gegen den überhängenden Felsen treiben und dirigierten die beiden Packboote gleichfalls dorthin.
So bildeten sie, im Rücken gegen einen Überfall geschützt, eine kleine Festung, die nur vom Ufer oder von der Wasserseite aus anzugreifen war, von den Verteidigern aber gut übersehen werden konnte. Dr. Perthes kroch über den Boden des Bootes zu Dr. Cartogeno hin und legte sich neben ihn. Auch er trug jetzt einen dichten, blonden Bart und war von der Sonne verbrannt. Sein weißer Tropenanzug war gelb geworden, fleckig und an einigen Stellen zerrissen. Er trug kein Hemd, sondern nur die Jacke über der bloßen Brust.
«Sehen Sie etwas?«fragte der Deutsche den kolumbianischen Arzt.»Mir scheint, der Pfeil sollte nur eine Warnung sein, darum traf er auch nicht.«
«Möglich!«Dr. Cartogeno zerkaute einen Fluch.»Verlassen Sie sich darauf: Die nächsten Giftstachel sitzen besser!«
«Sie denken an einen regelrechten Überfall?«
«Das ganze Ufer sitzt voller Indios. Weil man nichts hört und sieht, ist es doppelt gefährlich. Es würde mich nicht wundern, wenn sie gleich kämen. Bricht erst die Dunkelheit herein, so sind wir sicher. Die Angst der Indios vor ihren Nachtgeistern verhindert, daß sie bei Dunkelheit angreifen. Das ist wenigstens ein schwacher Trost.«
«Dann werden wir in der Nacht ablegen und weiterrudern. «Peter Perthes schaute durch einen Feldstecher und suchte das Ufer ab.»Ich sehe keinen Zweig, der sich bewegt.«
«Verlassen Sie sich darauf, sie sind da!«Dr. Cartogeno hüstelte.»Wir hätten in San Juan bleiben sollen oder umkehren! Unser Dolmetscher hatte recht, die Trommeln sind der Sammelruf für die umliegend hausenden Stämme. Jetzt ist der ganze Urwald in Aufruhr; jetzt stecken wir mitten drin!«Er blickte Peter Perthes an.»Können Sie schwimmen?«
«Ja.«
«Sind Sie schon einmal in einen Strudel gekommen?«
«Nein!«
«Dann seien Sie froh! So ein Strudel ist jetzt um uns herum. Da gibt es kein Zurück mehr. Hören Sie?«
Der dumpfe Ton einer Baumtrommel erklang ganz nah. Sie klang so nah, daß Dr. Cartogeno vermutete, daß sie hinter den Uferbäumen stehen mußte. Sie klang rhythmisch, beängstigend, beklemmend mit ihrem hohlen Ton.
Dr. Perthes hob sein Gewehr auf den Bootsrand.»Wir werden bis zur letzten Patrone schießen«, sagte er hart. In seinen Augen brannte wilde Entschlossenheit.
Jetzt lachte Dr. Cartogeno leise.»Die deutsche Heldennatur«, sagte er sarkastisch.»Gebt Raum, ihr Völker, unserm Schritt, wir sind die letzten Goten. Lieber Herr Kollege, wir verrecken hier ohne Eichenlaub um die Stirn.«
Peter Perthes stieß ihn kräftig in die Rippen.»Daß Sie faule Witze machen können«, sagte er lachend,»das wissen wir!«Er wischte sich den Schweiß vom Gesicht, der in kleinen Bächen hinunter bis in den Bart lief.»Am scheußlichsten ist das Warten«, fuhr er fort,»wenn sie jetzt kämen, könnte man sich wehren! Aber dieses Warten zermürbt.«
Dann lagen sie wieder stumm nebeneinander im Boot. Der Dolmetscher schwieg auch. Er hatte sich gleichfalls hinter eine Kiste fallen lassen und machte seine Pistole feuerbereit. Auch er schien jetzt zu wissen, daß es keine Verhandlungen geben würde. Ein Kampf um das nackte Leben stand ihnen bevor.
Sie lagen über eine Stunde. Die Sonne brannte auf den Fluß und die Boote. Träge Alligatoren tauchten auf, und pfeilschnelle Piranhas zischten durchs Wasser. Ein Rochen, seinen gefährlichen Stachelschwanz nachziehend, schwamm mit listigen Augen vorüber.
Plötzlich regten sich einige Zweige am Ufer. Dr. Cartogeno schob das Gewehr nach vorn und visierte die Stelle an. Auch Peter Perthes hielt sein Gewehr schußbereit.
«Schießen Sie erst, wenn Sie einen Wilden sehen«, sagte er leise.»Jede Patrone ist wertvoll. Jeder Schuß muß ein Treffer sein. «Er blickte sich um, wo die Munitionskisten lagen.»Wieviel Schuß haben wir eigentlich mit?«