Wir sind nur Menschen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:
«Zweitausend!«Dr. Cartogeno lachte.»Wenn jeder sitzt, gibt es keine Tarapas mehr.«
Die Bewegung in den Zweigen nahm zu. Dann schoß plötzlich, als sei es von einer Sehne geschnellt worden, ein schmales Ein-Mann-Kanu unter den überhängenden Büschen hervor.
Ein Indio stand aufrecht in dem Boot. Dr. Cartogeno riß das Gewehr an die Wange, aber Dr. Perthes hieb auf den Lauf, der Schuß peitschte ins Wasser.
«Sind Sie verrückt geworden?«schrie Cartogeno und lud mit fliegenden Händen durch. Die Haare hingen ihm ins Gesicht, etwas wie ein Rausch irrte in seinen Augen.
«Der Indio ist doch ohne Waffen!«schrie Perthes ihn an.»Er winkt uns zu! Mann, lassen Sie diesen Unsinn! Wir schießen doch nicht auf Wehrlose!«Er entriß dem Kolumbianer das Gewehr und warf es hinter sich ins Boot.
Der Indianer stand in seinem kleinen Kanu und winkte mit beiden Armen. Sein nackter brauner Körper glänzte in der Sonne, als sei er mit Fett eingerieben.
«Mein Gewehr her!«tobte Dr. Cartogeno.»So ein dreckiger Indio. «Er wollte die Flinte aufheben, aber Perthes hinderte ihn dar-an.
«Nehmen Sie doch Vernunft an!«schrie er.»Wenn Sie schießen, werfe ich Sie in den Fluß.«
Diese Drohung wirkte augenblicklich. Dr. Cartogeno blickte auf die Alligatoren und die Piranhas und trat zurück. Seine Züge waren verzerrt. Sie wirkten doppelt abstoßend durch den wilden Bart, der das Gesicht umrahmte.
Der Wilde in dem Kanu rief einige Worte über den Fluß. Sie klangen wie der Schrei eines Vogels. Der Dolmetscher stand auf und antwortete in dem gleichen Tonfall. Dann wandte er sich an die Ärzte.
«Sapolana kommt in Frieden«, sagte er.»Er will die Männer sprechen.«
«Glauben Sie kein Wort!«brüllte Dr. Cartogeno.»Erst erschießen sie uns einen Träger, dann zielen sie auf Sie, und wo die Kerle jetzt sehen, daß wir unangreifbar sind, wollen sie uns überlisten! Dr. Perthes, Sie kennen die Wilden nicht. Die Kerle stecken voller Hinterlist! Brennen Sie ihm eins auf das braune Fell!«
Peter Perthes sah sich nach dem Dolmetscher um.»Sag dem Indio, er soll seinem Häuptling bestellen: Erst wenn Sapolana selbst mir gegenübersteht, will ich mit ihm sprechen!«
Wieder flogen die gutturalen Laute vom Boot zum Kanu und zurück. Dann bückte sich der Wilde in dem Kanu, nahm ein Paddel aus Rohrgeflecht vom Boden des Kanus und verschwand mit verblüffender Eile unter den überhängenden Büschen.
Dr. Cartogeno schimpfte, daß es über den Fluß hallte.»Ich fahre nie wieder mit Ihnen!«schrie er.»Anstatt den Halbaffen zu zeigen, was eine gute Büchse ist, macht man Konversation wie mit gebildeten Leuten! Dr. Perthes — Sie sind ein Idiot!«
«Mag sein. «Peter setzte sich auf eine Kiste und brannte sich eine Zigarette an. Merkwürdigerweise hatte sich seine Angst vor einem Überfall völlig verloren. Er saß, eine lebendige Zielscheibe, mitten im Boot. Dr. Cartogeno stand mißmutig hinter ihm und hatte sein Gewehr wieder in der Hand. Er traute dem Frieden nicht. Die Köp-fe der Träger lugten über den Bootsrändern hervor, aber die Eingeborenen wagten es immer noch nicht, sich aufzurichten. Wieder verging eine Stunde. Die Sonne brannte unbarmherzig.
«Wir backen hier zu Brezeln, ehe Ihr Sapolana kommt«, brummte Dr. Cartogeno.»An alles haben wir bei der Ausrüstung gedacht, nur nicht an einen Außenbordmotor. Solch ein knatterndes Ding am Heck und heidi — wären wir den Indios auf und davon!«Er brannte sich das fünfte Zigarillo an diesem Tag an.»Ich möchte wissen, was dieser Häuptling will, außer uns den Hals abschneiden? Glauben Sie, er lädt uns zu einer Partie Schach ein?«
«Ihren Sarkasmus können Sie endlich für sich behalten«, meinte Dr. Perthes. Er war dabei, den Giftpfeil, der noch in der Bootswand stak, mit einer Zange aus dem Holz zu lösen und in einen sterilen, länglichen Aluminiumkasten zu legen. Vorher betrachtete er die Knochenspitze durch ein Vergrößerungsglas und schüttelte den Kopf.»Man sieht nichts«, sagte er dann enttäuscht.»Ich habe geglaubt, daß das Gift eine Färbung besitzt, aber es ist farblos und dem bloßen Auge unsichtbar. «Vorsichtig faßte er den Pfeil mit einem Lappen an und beugte sich über den Bootsrand zum Wasser hinab. Ein träger, dicker Fisch, der neugierig um die Boote schwamm, sah ihn mit glotzenden Augen an. Blitzschnell stach Perthes mit dem Pfeil ins Wasser und ritzte dem flüchtenden Fisch die Haut mit der Pfeilspitze. Mit größtem Staunen beobachtete nun Dr. Perthes, wie der Fisch sich aufbäumte und in wenigen Sekunden mit der Bauchseite nach oben leblos aus dem Wasser ragte.
«Tot«, meinte Dr. Cartogeno sachlich.»Das Gift muß wirklich außerordentlich gefährlich sein.«
«Ich nehme an, daß man mit einem halben Pfund dieses Giftes in der Lage ist, zehn Millionen Menschen umzubringen. «Dr. Perthes sah mit leisem Grauen in seinen Augen auf die Knochenspitze des Pfeils.»So primitiv diese Menschen sind — im Töten stehen anscheinend alle Menschen auf einer hohen Stufe.«
Der Klang der Baumtrommel ließ sie wieder zusammenschrecken. Dieses Mal war es nicht eine, dieses Mal waren es viele. Die Indios schienen am Ufer des Flusses hinauf und hinunter zu stehen, denn von allen Seiten klang jetzt der dumpfe, unheilvolle Ton auf. In den Zweigen der Bäume am Flußufer raschelte es. Vögel, vor allem Kolibris, flatterten aufgeregt über den Strom. Dr. Cartogeno fluchte.
Nun schoß unter den hängenden Zweigen abermals ein Kanu hervor. Dieses Mal stand ein anderer Krieger darin. Sein Gesicht war mit hellen Farbtönen ringförmig bemalt, in den Ohrläppchen, die durchstoßen waren, trug er als Schmuck weiße Stäbchen; Troddeln aus Baumwolle und bunte Tukanfedern zierten die große, schlanke Gestalt. Noch schreckhafter wurde sein Anblick durch rote Punkte, die er sich auf die Brust gemalt hatte. Mit starken Armen ruderte der Krieger das Boot über den Strom und legte zum Beweis seiner Friedfertigkeit ein großes, fast drei Meter langes Bambusrohr vor sich in das Kanu. Peter Perthes erkannte mit Staunen, daß dieses Blasrohr ein kunstvolles Mundstück aus dem Röhrenknochen des Weißbart-Pekari besaß und ein Visier aus gehärtetem Harz.
Der Dolmetscher sprach den Krieger an, der wartend vor den drei Booten der Ärzte hielt. Die Kehlkopflaute schwirrten von neuem hin und her. Der Dolmetscher nickte.
«Herr«, sagte er zu Peter,»dort steht Umari, der zweite Häuptling der Tarapas. Er sendet dir einen Gruß von Sapolara, dem großen Zauberer. Er bittet dich, zum Lager der Tarapas mitzukommen. Der große Häuptling Sapolana ist sehr krank.«
«Fauler Zauber!«rief Dr. Cartogeno.»Sagen Sie dem Indio, ihr sauberer Häuptling kann verrecken!«
Umari verstand nicht die Worte, aber er achtete auf den Tonfall und sah Peter Perthes mit großen schwarzen Augen an, in denen eine Frage stand. Seine straff geschnittenen Haare waren durch ein geflochtenes Band und eine Muschelkette verziert. Plötzlich bückte er sich und reichte mit beiden Händen einige flache Holzschüsseln in das Boot der Ärzte hinüber. In den Schüsseln lagen ein gerupftes Huhn, ein unbekannter schillernder Fisch, Mais, Maniok (ein Mehl aus einer Wurzelknolle), Erdnüsse, Süßkartoffeln und weiße, zarte Yamswurzeln. Schließlich gab er eine Holzflasche mit schar-fem, unbekanntem Schnaps hinüber. Dr. Cartogeno riß den Mund auf und kratze sich am Kopf.
«Sie bieten Ihnen Essen an«, sagte er.»Bei allen Kolibris, sie meinen es ernst mit der Freundschaft! Nie hat ein Indianer den Gast getötet, dem er einmal sein Essen anbot! Auch Sapolana nicht.«
Umari stand vor Peter Perthes und sah ihn groß an. Mit freundlichem Nicken griff der Deutsche zu, nahm gleich eine der Yamswurzeln und biß hinein. Sie schmeckte wie eine Kartoffel, nur mehliger und zäher. Dann nahm er auch einen kleinen Schluck von dem scharfen Schnaps.
In Umaris Augen stand jetzt die Freude. Er redete, mit beiden Armen durch die Luft fahrend, über den Dolmetscher auf Dr. Perthes ein, der jetzt sah, daß Umari um den Leib einen schmalen Gürtel aus geflochtenem Menschenhaar trug. An diesem Gürtel hingen drei Schrumpfköpfe, faustgroß, braunrot, mit platten Nasen und wulstigen Lippen, und schaukelten hin und her. Als Umari jetzt lachte, sah man, daß er jeden zweiten Zahn gewaltsam herausgebrochen haben mußte. Die Lücken entstellten sein Gesicht sehr. Peter Perthes besann sich, einmal gelesen zu haben, daß sich die Indianer am Amazonas diese Zahnlücken beibringen, weil sie glauben, damit die Dämonen, die zentralen Figuren ihrer Religion, verscheuchen zu können.