Wir sind nur Menschen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:
Der Dolmetscher nickte.»Herr«, sagte er übersetzend,»Sapola-na ist vergiftet. Seit drei Monaten stehen die Tarapas im Kampf gegen die Jfvaros am oberen Maranon. Bei einem Kriegszug gegen die Unterstämme Aguaruna, Makas, Atschual und Uambisa traf ihn ein Blasrohrpfeil in den Oberschenkel. Jetzt liegt er in seiner Hütte, und Sapolara, der Medizinmann, weiß keinen Rat. Die Götter schweigen, und auch Nungüi, die Erdmutter, hat sich abgewendet. Es regieren nur die Dämonen. Sapolana ruft Euch, ihm zu helfen!«
Dr. Cartogeno murmelte etwas in seinen Bart. Auch Perthes sah Umari kritisch an.»Wo liegt Sapolana denn?«fragte er vorsichtig.
«In den Wäldern von Amorua. «Dr. Cartogeno suchte auf der Karte und blickte erstaunt auf.
«Das sind vier Tagereisen«, meinte er zweifelnd.»Wenn Sapolana wirklich von einem Giftpfeil getroffen wurde, ist er längst bei seinen Dämonen, ehe wir kommen.«
Umari schien den Sinn dieser Worte verstanden zu haben. Er sprach wieder mit dem Dolmetscher, und dieser wandte sich dann an Peter Perthes.
«Der Große Häuptling ist seit Wochen krank. Er ist mit seinem dicken Fuß drei Wochen lang vom Maranon bis nach Amorua gezogen. Seine Krieger sind seit einer Woche schon unterwegs, um Euch zu suchen. Der Große Häuptling hat erfahren, daß Ihr ein großer Medizinmann seid.«
Dr. Perthes zögerte noch. Auch Dr. Cartogeno war der Ansicht, daß man der Menschheit einen größeren Gefallen erweise, Sapolana an seinem Giftpfeil sterben zu lassen, als ihn zu retten und damit die Möglichkeit zu geben, weiterhin das gesamte Urwaldgebiet zu tyrannisieren.
Peter Perthes faltete die Karte zusammen, auf der er den Weg nach Amorua überprüft hatte.»Dr. Cartogeno«, sagte er schließlich,»wir sind Ärzte. Es ist unsere Pflicht, einem Kranken, der uns ruft, zu helfen — ohne zu fragen, wer er ist! Ein Mensch in Not gilt hier nur, und es ist unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, sie zu lindern. Dabei darf es keine Rolle spielen, ob der Kranke in einem Daunenbett auf der fünften Avenue oder auf einem Palmblätterlager unter einem Lianendach liegt.«
Und zu dem Dolmetscher gewandt, sagte er:»Ich lasse Sapolana grüßen. Sage Umari, daß wir sofort zu ihm fahren.«
Kaum hatte der Dolmetscher diese Antwort übersetzt, als Uma-ri einen lauten, schrillen Schrei ausstieß, der vom Ufer erwidert wurde.
Aus der grünen Blätterwand brachen plötzlich über hundert Ta-rapas und schwenkten, sich wie Affen an Lianen und Wurzelgestrüpp festklammernd, ihre Speere, Blasrohre und die mit Tukanfedern verzierten Pfeilköcher. Von allen Seiten dröhnten erneut die Baumtrommeln, und es schien, als wandere ihr Klang weiter, durch die
Wälder, über die Flüsse. mit Windeseile über Gebiete von der Größe Deutschlands.
«Sie geben die Nachricht weiter«, erklärte Dr. Cartogeno.»In wenigen Stunden weiß Sapolana, daß wir kommen.«
Über den Fluß kamen einige Kriegskanus gerudert. Mit sechs bis zehn Kriegern bemannt, glitten sie schnell über das Wasser und legten bei den drei Ärzte-Booten an. Mit freundlichem Winken sprangen die kräftigen nackten Männer hinüber, verbanden die drei Boote mit den ihren und stießen, ehe Dr. Perthes und Dr. Cartogeno wußten, wie ihnen geschah, von dem Felsen ab. Schnell waren sie mitten im Fluß, Umari in seinem Ein-Mann-Kanu bildete die Spitze, dann folgte ein Kriegsboot, ihm die aneinandergekoppelten Ärz-te-Kanus, gezogen von zwei großen Tarapas-Booten. Den Schluß bildeten einige Boote, in denen die Krieger hockten. Mit ihren Flechtpaddeln erhöhten sie die Geschwindigkeit flußabwärts.
Dr. Cartogeno stand am Bug des Ärztebootes und schaute auf die leichten Wellen des Cuno Nacuri.»Schöne Schweinerei«, schimpfte er.»Eingekreist, zusammengebunden, wehrlos! Die Burschen können jetzt mit uns machen, was sie wollen. Nur gut, daß sie wieder in den Rio Inirida hineinmüssen. Dort werden wir auf Orchideenjäger treffen.«
Aber des Doktors Rechnung ging nicht auf. Kurz vor der Mündung des Cuno Nacuri zweigten die Boote in einen kleinen Nebenfluß ab und fuhren in den dunklen Dschungel von Azaneni hinein. Dort legten sie an einer kleinen Ausbuchtung an, entluden die Boote und versteckten die Kanus an Land unter hohen Lianendickichten und in Erdhöhlen, die schräg in den fauligen Urwaldboden getrieben worden waren. Sämtliche Kisten und Ballen der Expedition wurden an die Tarapas verteilt, und dann zog eine lange Kolonne über den schmalen Tierpfad mitten durch den unbekannten, unerforschten, nie gesehenen Wald.
An der Spitze schritten Dr. Perthes und Dr. Cartogeno mit Uma-ri. Ihnen folgten die Träger, während der Dolmetscher am Ende der Karawane ging und darauf achtete, daß keine Kiste zurückblieb. Zwei
Tage lang wanderten sie durch den dichten Urwald. Rechts und links des Pfades sah man ein undurchdringliches Gestrüpp von Dornenhecken, Lianen, Orchideenstauden und verfilzten Riesenpalmen. Einmal am Tag jagten einige Krieger das Essen zusammen, vor allem Tapire und Wildschweine. Als Nachtisch gab es Palmbohrkäferlarven und große Schüsseln voll Treiberameisen.
Einmal hörten sie weit über dem geschlossenen Blätterdach ein Rauschen und Rattern. Dr. Cartogeno hob den Kopf und erkannte kleine Flecke am Himmel, die durch das Blätterdach leuchteten.»Die Zivilisation!«sagte er bitter.»Ein Flugzeug, Herr Kollege!«
Sie lauschten dem Klang der Maschine, die anscheinend Kreise über dem Urwald zog. Daß es einer der Hubschrauber war, dessen Insasse nach der verschollenen Expedition Dr. Perthes' suchte, kam ihnen nicht in den Sinn. Nach einem kurzen Aufenthalt zog die Karawane weiter, durch ein feuchtes, moderndes Gebiet, das von Herden von Schlangen, den riesenhaften Anakondas, bewohnt war.
Endlich traten sie hinaus auf eine Lichtung, durch die sich ein Fluß wand. Es war der Cuno Ahota. dessen Oberlauf tief in das Gebiet von Amorua ragt. Hier ließ Umari einen ganzen Tag lang halten. Und wieder dröhnten die Baumtrommeln eine ganz Nacht lang durch den stillen Wald. Während Dr. Perthes und Dr. Cartogeno das Gift der Leguminosenpflanzen untersuchten, mit denen die Tarapas ihre Fische fingen, kamen in pfeilschneller Fahrt neue Boote den Fluß hinabgeschossen und lagen am Morgen am Ufer, als seien sie vom Himmel gefallen. Wieder wurde die Karawane in Boote verladen. Dann stieß die schwimmende Kolonne ab und wurde von unbe-malten, aber riesenhaften Indianern den Strom hinaufgerudert bis zu einem kleinen See, in dem sie anhielten und eine weitere Nacht, diesmal in den Booten, verbrachten.
In einer Entfernung von vielen Kilometern sahen die Ärzte Leuchtkugeln in den Himmel steigen und langsam an Fallschirmen auf den Urwald hinabschweben. Sie konnten sich nicht vorstellen, was das zu bedeuten hatte, und wunderten sich über diese Zeichen der Zivilisation inmitten einer unerforschten Wildnis. Es waren die Män-ner in den Motorbooten der Regierungstruppen, die auch bei Nacht die Flüsse absuchten und durch die Leuchtkugeln versuchten, Versprengten der verlorenen Expedition einen Weg zu weisen.
Am Morgen sahen Perthes und Cartogeno mit Staunen, daß der See von Booten nur so wimmelte. Der ganze Stamm der Tarapas schien auf dem Wasser zu sein. Umari kam zum Ärzteboot gerudert und überreichte ihnen einen großen, ausgestopften Vogelbalg — ein Trompetervogel — verziert mit bunten Muscheln und unbekannten Steinen: das Begrüßungsgeschenk Sapolanas.
Langsam setzten die Ruderer das Ärzteboot in Bewegung. Es glitt durch ein Spalier von waffenlosen, aber grellbemalten Kriegern zu einem Ufer, von dem aus ein tiefer Einschnitt in den Urwald führte. Am Eingang dieser Schneise standen vier riesige Krieger, mit Tukanfedern und Ketten aus Menschenhaar fast völlig bedeckt. Sie hoben grüßend die Speere, als das Kanu mit den beiden Ärzten in die Urwaldschlucht hineinglitt. Ein ausgehauener Strand öffnete sich vor ihnen. Auf ihm sah man spitze Baumrindenhütten und ein größeres Haus aus geflochtenen Palmfasern und Blättern. Ein großer Tarapas, bunte Fetische in den Händen und ein raschelndes Röck-chen aus trockenen Blättern um die Hüfte, sprang vor dem Haus in wilden, ekstatischen Bewegungen hin und her und stieß schrille, unmenschliche Laute aus.