Wir sind nur Menschen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:
Drei Wochen nach dem Kommen der weißen Ärzte trat Sapolana zum erstenmal wieder, an einem Bambusstock gehend, vor seine Krieger. Jubel und lautes Trommeln schlugen ihm entgegen — ein Heer von Kriegskanus vollführte eine wahre Schlacht. Mit Staunen sahen die beiden Ärzte, die neben Sapolana standen, daß die Ta-rapas nach strategischen Gesichtspunkten ausgebildet waren und ihre Kampfweise nicht undiszipliniert, sondern nach einem genauen Plan ausgerichtet war. Nun wurde ihnen auch klar, warum Sapolana als Herr des Urwaldes galt, warum es gegen ihn keinen Widerstand gab und die Völker Kolumbiens, Perus und Venezuelas ihn als ihren Ober-herrn anerkannten. Er verband mit der Wildheit des primitiven die Klugheit eines modernen Menschen, ein Naturtalent, wie es die Ärzte nie für möglich gehalten hätten, wenn es ihnen in Bogota oder in Köln erzählt worden wäre.
Mit dem Fortschritt der Genesung wurde der Ring um den Häuptling immer enger gezogen. Nur noch Sapolara durfte tagsüber in seiner Nähe sein — Dr. Perthes und Dr. Cartogeno wohnten mit ihrer Begleitung in vier Hütten, etwa 30 Meter außerhalb des Sperrkreises, den man um die Häuptlingshütte unsichtbar gezogen hatte.
Nur einmal am Tag durfte Dr. Perthes, und nur er allein, nach Sapolana sehen. Stumm saß er dann auf seinem Lager, ließ sich untersuchen und gab kein Zeichen irgendwelcher Regung ab. Stumm ließ er den Arzt wieder gehen, eine lebende Statue, ein Halbgott in den Augen seiner Völker. Ein Mann, der sich vor seiner eigenen Dankbarkeit fürchtete.
Es war in der Mitte der vierten Woche, als Perthes wie jeden Morgen aus seiner Hütte kroch und zum Strand hinunterlief, um sich zu waschen. Dr. Cartogeno schlief noch. Verwundert blickte Perthes um sich. Der Strand war leer, an der Biegung des Flusses, wo sonst die Kriegskanus lagen, schaukelten nur noch die drei Expeditionsboote im Wasser. Jetzt erst sah er auch, daß die große Palmhütte abgebrochen worden war. Kein Tarapa war mehr zu sehen! Die Bucht war verlassen.
Als habe er geträumt, wischte sich Peter Perthes über die Augen. Unmöglich, dachte er, gestern abend habe ich Sapolana noch gesehen, wie er am Feuer stand und zuschaute, wie seine Krieger einen Tapir brieten. Die Aschenreste und die verkohlten Baumstümpfe lagen noch im Ufersand. Perthes ging mit großen Schritten zu seiner Hütte zurück und riß den Vorhang zur Seite.
«Dr. Cartogeno!«schrie er.»Die Tarapas sind fort!«
Der kolumbianische Arzt fuhr schlaftrunken hoch und griff sofort nach seiner Pistole.»Unsere Boote?«brüllte er und sprang auf.»Sind unsere Boote noch da?«
«Alles ist da! Nichts fehlt! Nur die Tarapas haben in der Nacht das Lager geräumt. Sapolana ist fort. Ohne Abschied.«
«Traurig. «Dr. Cartogeno lachte schallend.»Und an wen sollen wir jetzt die Rechnung schicken? Lieber Herr Kollege — auch im Urwald gibt es Zechprellerei, wie man sieht!«
Sie traten hinaus ans Ufer und schauten sich unschlüssig um. Nichts, außer den Resten des Lagerfeuers, verriet, daß hier einmal diese Unmenge von Wilden gehaust hatte. Der Fluß war verwaist, der See lag leer, wie eine Scheibe Silber in der Frühsonne. Aber nein — da glitt doch ein Kanu durch die Flußenge! Perthes schirmte die Augen gegen die Sonne ab und schüttelte erstaunt den Kopf.»Sieh da, unser Dolmetscher!«sagte er verwundert.»Verstehen Sie das, Dr. Cartogeno?«
Das Kanu kam näher. Hinter dem Dolmetscher sahen die Ärzte jetzt eine große Baumtrommel liegen, verziert mit groben bunten Zeichen, die wie Runen aussahen. Knirschend fuhr das Boot in den Sand. Der Indianer stieg aus.»Herr!«sagte er.»Der Große Häuptling läßt Euch grüßen. Er läßt Euch sagen: >Nie hat ein Fremdling Sapolana in die Augen gesehen, ohne nachher zu sterben. Ihr seid die einzigen, die ihn sehen und sogar berühren durften. Ihr habt sein Leben gerettet; was auch immer Ihr nun tun werdet, Sapolana wird Euch helfen. Alle Wälder, Flüsse und Sümpfe, die ihm gehorchen, könnt Ihr frei betreten. Alle Völker werden Euch als Freunde empfangen. Krieger der Tarapas werden Eure Lasten tragen, sie werden Euch durch unbekannte Gebiete führen. Wenn diese Trommel hier spricht, werden sie kommen, Euch zu helfen. Das soll der Dank Sapolanas sein.<«
Dr. Cartogeno sah Dr. Perthes groß an.»Sie hatten recht: es ist ein Sieg«, sagte er laut.»Sie haben heute alles gewonnen!«Still blickte Peter Perthes über den Fluß. Ein Arzt an der Schwelle des Ruhmes… ein Herr über die grüne Hölle.
Kapitel 10
Der Schnee im Illertal schmolz langsam unter der wärmenden Frühlingssonne. Aus dem Waldboden lugten die ersten Schneeglöckchen, in den Sennhütten regte sich neues Leben: die Melker und Käser fegten den Winterschmutz aus den Hütten und bereiteten alles für den baldigen Auftrieb des Viehs vor. Plötzlich, wie sie gekommen waren, verschwanden die Wintersportler aus Schöllang — eine kurze Zeit gehörte das Dorf nur den Einheimischen, bis der neue Schwung der Sommergäste die Dorfgassen wieder beleben würde. Die Gebirgsbäche wurden reißend, sie schossen förmlich ins Tal, große Steine und Felsbrocken mit sich führend. Lawinen donnerten in die Schluchten; auch der Gipfelschnee lockerte sich und brachte riesige Eis- und Schneemassen in gleitende Bewegung. Tag und Nacht war die Bergwacht in Alarmbereitschaft, ganze Täler wurden von Lawinen abgeschnitten. In Schöllang begann man, die Häuser zu tünchen. Die Viehtränken wurden ausgebessert, beim Dorfschmied stauten sich die Pferde zum Beschlagen und die Pflugschare zum Nachschleifen. Auch auf der Alp bereiteten sich die Menschen vor, denn neben dem Frühling war nun auch die Zeit gekommen, in der Angela Bender nach Oberstdorf in die Klinik mußte. An einem warmen Vorfrühlingsabend brachte sie der Bauer mit dem Pferdekarren ins Dorf. Dort wartete ein Krankenwagen auf sie, und dann fuhr sie in schneller Fahrt das herrliche Illertal hinauf nach Oberstdorf. In der Klinik erwartete sie schon der Chefarzt und geleitete sie sofort in ihr Zimmer. Erst als sie in dem weißen Bett lag, kam ihr zum Bewußtsein, daß sie ihr Kind in völliger Einsamkeit zur Welt bringen würde. Nur fremde Menschen würden um sie sein. Ihre Eltern waren seit langem tot. Peter war irgendwo im kolumbianischen Urwald. Geschwister besaß sie nicht, ein Onkel, mit dem sie nur in loser Verbindung stand, lebte in Augsburg. Sie würde die ganzen Tage allein in diesem Bett liegen, auf den Gipfel des Nebelhorns blicken und dann auch allein das kleine lebende Bündel in den Armen halten, das Kind, das von dieser tödlichen Leere um sie noch keine Ahnung hatte.
Als ihr das alles klargeworden war, weinte sie seit Monaten zum erstenmal. Sie wollte es gar nicht… plötzlich fühlte sie, wie die Tränen über ihre Wangen rollten. Sie wunderte sich, daß sie weinte, aber es hörte nicht auf.
So traf sie der Chefarzt an, der sie hinauf in den Kreißsaal holen wollte. Er fragte nicht nach dem Grund ihres Schmerzes; er ahnte, was sie so tiefbewegte. Väterlich gütig faßte er sie unter und brachte sie mit dem Fahrstuhl nach oben, wo eine junge freundliche Schwester sie empfing und eine Hebamme auf sie wartete, die robust aussah, aber etwas ungemein Mutgebendes ausstrahlte.
In der Nacht vom 5. zum 6. April wurde Angela ein Sohn geboren. Blaß, erschöpft und schmal lag sie in den Kissen und hielt das kleine, schwarzhaarige Menschlein in ihren Armen. Ihre Augen leuchteten vor Glück. Ein Junge!