Wir sind nur Menschen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:
Dann wandte sie sich ab und weinte von neuem. Aber es waren keine bitteren Tränen mehr, es waren Tränen der Erlösung, die aus frohem Herzen kamen, aus der Freude, aus dem Gefühl unaussprechlicher Seligkeit.
Wenige Tage später wurde der Junge in der Krankenhauskapelle auf den Namen Peter getauft. Chefarzt Dr. Börner und Dr. Paul Sacher, der zu diesem Anlaß aus Köln gekommen war, waren die Paten. Er brachte als fürstliches Geschenk Dr. Windows, der als Professor die Lindenburg nicht verlassen konnte, für den kleinen Peter die von der ganzen Klinik gesammelten Mittel zum Besuch der höheren Schule und zum Studium nach eigener Wahl — auf einem langfristigen Sparbuch angelegt — mit.
Nach 12 Tagen konnte Angela entlassen werden. Sie kehrte mit dem Jungen auf die Alp zurück und schrieb an Professor Purr, daß sie in 4–5 Monaten wieder arbeiten wolle und daß sie sehr dankbar wäre, wenn er ihr eine Praxis oder gar einen Posten an seiner Klinik verschaffen könne.
Des Professors Antwort kam postwendend. Selbstverständlich, lautete sie, kommen Sie! Jederzeit stehen Ihnen bei uns alle Türen offen.
Genau sieben Wochen nach der Geburt des kleinen Peter geschah etwas, das den ganzen Lauf der Dinge verändern sollte.
Es kam so plötzlich, so ungeheuer schicksalhaft, daß es keinen anderen Ausweg gab als den, mitten hineinzuspringen und einen Teil der Geschehnisse mitzutragen.
In Köln bei Dr. Paul Sacher ging ein Brief aus Kolumbien ein. Der Arzt machte beinahe einen Luftsprung, als er den Absender las. Mit dem ungeöffneten Umschlag rannte er durch die Gänge der Chirurgischen Abteilung, riß beinahe zwei Assistenten um, stürmte in das Zimmer Professor Windows und schwenkte laut rufend den Brief in der erhobenen Hand.»Ein Brief aus Kolumbien!«
Professor Window schnellte aus seinem Sessel hoch.»Von Peter? Mensch, Paul, was schreibt er denn?«Er streckte beide Hände aus.»Gib doch her!«
«Noch gar nicht aufgemacht«, keuchte Dr. Sacher.»Und er ist auch nicht von Peter, sondern von Dr. Cartogeno. Begreifst du denn nicht, wenn Cartogeno lebt, ist die Expedition doch nicht vernichtet worden. Dann haben wir doch jetzt Gewißheit!«
«Aufmachen!«rief der Professor.»Quatsch doch nicht so viel, mach endlich den Umschlag auf!«
Sie schlitzten ihn mit fliegenden Händen auf, beugten sich beide über das engbeschriebene Papier, und je weiter sie lasen, desto stiller wurden sie. Mit großen Augen sahen sie sich am Ende des Briefes an und blickten dann wie beschämt zu Boden. Dr. Carto-geno schrieb sehr ausführlich von dem Abenteuer mit Sapolana. Der letzte Satz aber war wie ein Schrei in höchster Not:»Helft uns, helft Dr. Perthes… er liegt im Sterben.«
«Vergiftet«, sagte Professor Window leise.
«Und durch eine Spinne!«Dr. Sacher fuhr sich verzweifelt durch die Haare.»Und sie haben kein Gegengift mehr. «Er raffte sich auf und versuchte zu lächeln.»Aber er lebt wenigstens, sie haben ihn nicht erschlagen. Er ist wieder aufgetaucht aus dem Dschungel. Wir haben recht gehabt, Professor, warten — warten! Ich konnte einfach nicht daran glauben, daß Peter nicht wiederkäme.«
«Vielleicht kann er es nun wirklich nicht mehr. «Window bedeckte die Augen mit den Händen.»Einmal aus der grünen Hölle gerettet und nun — vergiftet! Das ist furchtbar.«
Paul Sacher stand schon am Telefon und meldete ein Gespräch mit dem Tropeninstitut in Hamburg an. Da es ein Blitzgespräch war, kam die Verbindung sofort zustande. Sacher berichtete, was Dr. Cartogeno schrieb, machte sich Notizen und legte dann auf.»Aussichtslos!«sagte er dumpf.»Man hat nur ein Mittel, aber das hilft nur bei sofortiger Injektion nach dem giftigen Biß — und wenn es ein Biß der berüchtigten >Schwarzen Witwe< ist, gibt es keine Rettung. «Er drehte sich zum Fenster und trommelte nervös gegen die Scheiben.»Der Brief kam per Luftpost, er war fünf Tage unterwegs. «Paul Sacher stockte und sagte dann kaum hörbar:»Peter muß seit drei Tagen von uns gegangen sein.«
Wortlos verließ Professor Window das Dienstzimmer, und man sah ihn an diesem Tag in der Lindenburg nicht mehr. Bleich und verbissen tat Dr. Sacher seinen Dienst. Er operierte, erledigte die Visiten, verband und untersuchte. Er stellte den Operationsplan für den nächsten Tag mit der Oberschwester zusammen und fuhr dann nach Hause. Dort setzte er sich unter die Tischlampe und holte sich sämtliche Werke über Toxikologie zusammen, die er besaß.
Die ganze Nacht hindurch saß er und las. Und je weiter er in das für ihn fremde Gebiet eindrang, um so größer wurde seine Achtung vor dem Freund, der sein Leben einsetzte für eine Wissenschaft, mit deren Umgang der Tod verbunden war. Als der Morgen ins Zimmer dämmerte, erhob er sich und knipste die Lampe aus. Jetzt muß ich es Angela sagen, dachte er. Jetzt gibt es keine andere Wahl. Jetzt wissen wir, daß er verloren ist. Und das Kind. Sie wird es ertragen müssen.
Er schlug sich an die Stirn, als könne er damit dem Lauf der Dinge eine andere Richtung geben.»Dieses Schicksal«, sagte er laut zu sich selbst.»Warum lebt man denn überhaupt, wenn man so grauenhaft sterben muß?«
Er setzte sich hin und schrieb Angela einen kurzen Brief. Er teilte ihr mit, daß von Peter wieder Nachricht gekommen sei, keine gute allerdings, und daß er nach Schöllang kommen wolle, um den Brief mit ihr zu besprechen. Ihr in diesem Brief schon die Wahrheit zu schreiben wagte er nicht.
Angela Bender aber wußte das Unglück bereits. Dr. Cartogeno hatte in seiner Not auch an sie geschrieben.
Einen Tag später war sie in Erlangen. Sie stand auf dem Bahnhofsplatz, das Kind dick eingewickelt im Arm. Ein Taxi brachte sie zu Professor Purr. Das Leben riß sie wieder in seinen Strudel.
Nachdem in den Urwäldern von Amorua die Tarapas mit ihrem Häuptling Sapolana so plötzlich aus dem Gesichtskreis der Expedition Dr. Perthes verschwunden waren, öffnete sich ihr die Weite der Urwälder. Nach einer Ruhepause von vier Tagen war Dr. Perthes mit seiner Gruppe zurück über den See gefahren. Sie hatten die Ausrüstung überholt, und die beiden Ärzte hatten die Blutproben des Häuptlings behelfsmäßig ausgewertet und dann konserviert. An einem Ufer, das durch Rauchzeichen kenntlich war, warteten 50 Krieger der Tarapas, die durch die Trommel herbeigerufen worden waren. Sie sollten als zusätzliche Träger den Zug mitmachen, während Sapolana einen seiner Unterhäuptlinge schickte, um die Expedition durch den Urwald zu führen.
Peter Perthes saß an diesem Abend über seine Karten gebeugt und studierte unter einer Petroleumlampe den Weg, den er am frühen Morgen beginnen wollte. Die Reise sollte quer durch den Urwald auf kleinen, schmalen Eingeborenenpfaden zum Quellgebiet des Cuno Mataveni gehen, einem Fleck Erde, der völlig unerforscht war. Von dort wollte man versuchen, abermals durch Neuland bis nach Ateimo am Rio Vichada vorzudringen, von wo aus man den Anschluß an Siedlungen von Weißen gewinnen konnte.
Dr. Cartogeno hatte die Mühe aufgegeben, Peters Pläne zu kritisieren. Er wußte, daß es keinen Sinn hatte und die Expedition doch nach dem einmal gefaßten Entschluß Peters verlaufen würde. Bis jetzt hatte sich seine Übersicht ja auch immer als richtig erwiesen, und seine Freundschaft mit Sapolana war in Cartogenos Augen eine außerordentliche Leistung, die in die Geschichte des kolumbianischen Urwaldes eingehen würde. Wenn er jetzt noch Bedenken hatte, so waren es nur diese, daß das vor ihnen liegende Gebiet zu den unbekanntesten gehörte und man sich wahre Schauergeschichten über Bestien und Insekten erzählte, deren Gift alles bisher Bekannte weit übertraf. Cartogeno sagte das Peter nicht, denn er wußte, daß er ihn niemals davon abhalten konnte, in die Urwälder einzudringen.
«Wir haben unsere Tarapas«, pflegte Dr. Perthes auf derartige Vorhaltungen zu antworten,»sie kennen jeden Winkel der Wälder. Wir haben einen guten Führer und fünfzig Träger. Uns kann nichts geschehen.«
Am Morgen des fünften Tages brach die Expedition auf. Voran ging der Unterhäuptling mit 4 Kriegern, die mit großer, scharfgeschliffenen Macheten den verfilzten Pfad freihieben und vor Baumschlangen, Skorpionen und Wildkatzen warnten. Dann folgten Dr. Perthes, Dr. Cartogeno, der Dolmetscher mit den fünf Trägern, während die anderen Tarapas, mit den Lasten auf dem Rücken, in langer Reihe die Karawane abschlossen.