Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Eine Zeitlang konnte man auf dem Platz etwas freier atmen, dann aber zogen plötzlich alle den Hut vom Kopf und drängten irgendwohin vorwärts. Petja wurde so eingepreßt, daß er kaum atmen konnte, und alle fingen an zu schreien: »Hurra! Hurra! Hurra!« Petja stellte sich auf die Fußspitzen, knuffte und stieß, konnte aber nichts sehen als nur immer Menschen und wieder Menschen um sich herum.
Auf allen Gesichtern lag nur der eine Ausdruck der Rührung und Begeisterung. Eine neben Petja stehende Kaufmannsfrau schluchzte so, daß ihr die Tränen aus den Augen rollten.
»Väterchen, unser Engel, unser Schirmherr!« flüsterte sie und wischte sich die Tränen mit den Fingern ab.
»Hurra!« schrie es von allen Seiten.
Einen Augenblick verharrte die Menge auf derselben Stelle, dann aber stürzte wieder alles nach vorn.
Petja biß ganz außer sich die Zähne aufeinander, rollte die Augen wie ein Tier und stürmte ebenfalls vor, wobei er sich mit den Ellbogen Platz machte, und schrie »Hurra!«, als wäre er bereit, in diesem Augenblick sich selbst und alle anderen totzuschlagen, aber von allen Seiten umdrängten ihn ebenso tierische Gesichter, und alle schrien ebenso »Hurra!«
Also so ist das mit dem Kaiser! dachte Petja. Nein, es geht nicht, daß ich ihm meine Bitte selber vortrage, das wäre doch zu dreist!
Trotzdem bohrte er sich aber noch ebenso verzweifelt nach vorn und sah zwischen den Rücken seiner Vordermänner bereits den freien Raum hindurchschimmern, wo ein breiter Gang mit rotem Tuch belegt war, als sich die Menge plötzlich so jäh rückwärts bewegte – vorn stießen Polizisten alle diejenigen zurück, die sich zu nah an den Gang herandrängten, durch den der Kaiser aus dem Palais in die UspenskijKathedrale[144] gehen mußte –, daß Petja plötzlich von der Seite einen solchen Rippenstoß erhielt und so eingequetscht wurde, daß es ihm ganz schwarz vor den Augen wurde und er das Bewußtsein verlor.
Als er wieder zu sich kam, stützte ihn irgendein zur Kirche gehörender Mann in einem abgetragenen blauen Priesterrock und mit einem grauen Haarbüschel am Hinterkopf, wahrscheinlich ein Küster, mit der einen Hand unter der Achsel, während er ihn mit der anderen vor der herandrängenden Masse schützte.
»Ganz erdrückt haben sie den kleinen Herrn da!« rief der Küster. »So ein Unfug! … Vorsicht! … Er wird ja erdrückt, geradezu erdrückt!«
Da ging der Kaiser vorbei nach der Uspenskijkapelle. Die Menge verteilte sich wieder etwas, und der Küster führte den bleichen, kaum atmenden Petja zur Kaiserkanone[145] hin. Ein paar Umstehende bedauerten Petja, plötzlich umringte ihn eine ganze Menge, und es entstand um ihn herum ein großes Gedränge. Die ihm am nächsten Stehenden halfen ihm, knöpften ihm den Rock auf, setzten ihn auf den Fuß der Kanone und schimpften auf diejenigen, die ihn so gedrückt hatten.
»Auf diese Weise kann einer zu Tod gequetscht werden. So etwas! Solche Seelenmörder! Seht nur, wie weiß er aussieht, der arme Kleine, wie ein Tischtuch …« so schwirrte es durcheinander.
Petja erholte sich bald wieder, das Blut kehrte ihm ins Gesicht zurück, der Schmerz ging vorbei, und für diese vorübergehende Unannehmlichkeit hatte er nun einen herrlichen Platz auf der Kanone bekommen, von wo aus er den Kaiser zu sehen hoffte, der ja doch wieder zurückkommen mußte. An das Vorbringen seiner Bitte dachte Petja jetzt gar nicht mehr. Wenn er nur den Kaiser zu sehen bekäme, dann würde er sich glücklich schätzen.
Während des Gottesdienstes in der Uspenskijkapelle, wo gleichzeitig mit der Ankunft des Kaisers der Friedensschluß mit der Türkei[146] durch ein Dankgebet gefeiert wurde, zerstreute sich die Menge wieder etwas. Lautschreiende Händler mit Kwas, Honigkuchen und Mohngebäck, für das Petja ganz besonders schwärmte, tauchten auf dem Platz auf, und wieder hörte man die üblichen Unterhaltungen. Eine Kaufmannsfrau zeigte ihren im Gedränge ganz zerrissenen Schal und erzählte, für wie teures Geld sie ihn seinerzeit gekauft habe, worauf eine andere meinte, daß jetzt die Seidenstoffe doch alle zu teuer geworden seien. Petjas Retter, der Küster, unterhielt sich mit einem Beamten darüber, wer heute neben seiner Eminenz in der Messe amtieren werde, wobei er mehrmals ein slawisches Wort[147] gebrauchte, das Petja nicht verstand. Zwei junge Kleinbürger scherzten mit ein paar Mädchen vom Lande, die Nüsse knackten. Alle diese Gespräche, namentlich die Scherze mit den Mädchen, die auf Petja in seinem Alter eine ganz besondere Anziehungskraft hätten ausüben müssen, kümmerten ihn in diesem Augenblick jedoch nicht im geringsten. Er saß auf seinem erhöhten Platz neben der Kanone und fühlte noch dieselbe Begeisterung bei dem Gedanken an den Kaiser und seiner Liebe zu ihm wie vorhin. Und dadurch, daß sich seinem Gefühl der Begeisterung, als er fast erdrückt wurde, Furcht und Schmerz beigesellt hatten, war das Bewußtsein der Wichtigkeit dieses Augenblicks in ihm noch stärker geworden.
Plötzlich dröhnten vom Flußufer her Kanonenschüsse – man schoß zur Feier des Friedensschlusses mit der Türkei – und die Menge stürzte Hals über Kopf zum Ufer hinüber, um zu sehen, wie geschossen wurde. Petja wollte auch mitlaufen, aber der Küster, der den kleinen Herrn unter seinen Schutz genommen hatte, ließ ihn nicht fort. Während immer noch geschossen wurde, kamen aus der Uspenskijkapelle Offiziere, Generäle und Kammerherren herausgeeilt, dann folgten, schon nicht mehr ganz so hastig, noch andere Persönlichkeiten, wieder rissen alle die Hüte vom Kopf, und die, welche zu den Kanonen hinübergelaufen waren, kamen zurückgerannt. Endlich traten noch vier Herren in Uniform und Ordensbändern aus der Kirchentür. »Hurra! Hurra!« schrie die Menge.
»Welcher ist es denn? Welcher?« fragte Petja mit weinerlicher Stimme die Umstehenden, aber niemand antwortete ihm: sie waren alle zu sehr hingerissen.
So wählte sich Petja aus den vier Offizieren einen aus, den er zwar durch die Tränen, die ihm vor Freude in die Augen traten, nicht klar zu erkennen vermochte, konzentrierte seine ganze Begeisterung auf ihn, obgleich es gar nicht der Kaiser war, schrie wie ein Rasender »Hurra!« und schwur, morgen noch, koste es was es wolle, Soldat zu werden.
Die Menge drängte dem Kaiser nach, geleitete ihn bis zum Palais und zerstreute sich dann. Es war schon spät, Petja hatte noch nichts im Magen, und der Schweiß rann ihm in Strömen von der Stirn. Aber er ging nicht nach Hause, sondern stellte sich mit der zwar zusammengeschmolzenen, aber noch reichlich großen Menge vor dem Schlosse auf, während der Kaiser darin zu Mittag speiste. Alle starrten zu den Fenstern des Palais empor, als warteten sie noch auf irgend etwas, und beneideten in gleichem Maß die hohen Würdenträger, die an der Freitreppe vorfuhren, um sich zur Tafel des. Kaisers zu begeben, wie auch die Kammerlakaien, die bei Tische servierten und ab und zu blitzschnell an den Fenstern vorüberflogen.
Während der Tafel äußerte Walujew, der einen Blick zum Fenster hinausgeworfen hatte, zum Kaiser: »Das Volk hofft, Eure Majestät noch einmal zu sehen.«
Das Diner war fast zu Ende, als der Kaiser aufstand und, ein Biskuit zu Ende verzehrend, auf den Balkon hinaustrat. Das Volk, und Petja mitten drin, drängte auf den Balkon zu.
»Unser Engel! Väterchen! Hurra! Unser Schirmherr!« schrie das Volk, und Petja mit, und wieder weinten die Weiber vor Glückseligkeit, und auch ein paar Männer wischten sich verstohlen die Augen, unter ihnen auch Petja.
Ein ziemlich großes Stück von dem Biskuit, das der Kaiser in der Hand hielt, bröckelte ab, fiel auf das Geländer des Balkons und von hier aus auf die Straße. Ein Kutscher in kurzer Weste, der am nächsten stand, stürzte auf dieses Biskuitstück los und erfaßte es. Eine ganze Schar fiel nun über den Kutscher her und wollte es ihm streitig machen. Als der Kaiser dies sah, ließ er sich einen Teller mit Biskuits geben und fing an, diese vom Balkon herunterzuwerfen. In Petjas Augen strömte das Blut. Die Gefahr, erdrückt zu werden, steigerte seine Aufregung noch mehr, und er stürzte sich wie ein Rasender auf die Biskuits. Er wußte nicht warum und wozu, aber er mußte unbedingt ein solches Biskuit aus der Hand des Kaisers erhäschen, er durfte sich durch nichts hindern lassen. Er stürzte vor und rannte eine alte Frau um, die nach einem der Stücke greifen wollte. Doch die Alte ergab sich keineswegs als besiegt, obgleich sie auf der Erde lag, und angelte nun mit der Hand nach dem Biskuit, konnte aber mit ihrem Arm nicht hinlangen. Mit dem Knie stieß Petja ihren Arm beiseite, eroberte glücklich das Biskuit und schrie im selben Augenblick auch schon wieder, als hätte er Angst, etwas zu versäumen, mit heiserer Stimme hurra!
144
in die Uspenskij-Kathedrale: die Krönungskathedrale der russischen Zaren im Moskauer Kreml.
145
Kaiserkanone: die berühmte »Zar-Puschka« im Kreml, die reichverzierte Kanone, aus der angeblich nie ein Schuß gefallen ist
146
der Friedensschluß mit der Türkei: vgl. Anm. 130.
147
ein slawisches Wort: d. h. ein kirchenslawisches Wort. Das auf südslawischer Basis entwickelte Kirchenslawisch, die Sprache der orthodoxen Kirche also, war wie das Latein der katholischen Kirche dem Laien unverständlich.