Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Der Kaiser zog sich wieder zurück, und gleichzeitig zerstreute sich auch der größte Teil der Menge.
»Hab’ ich’s nicht gleich gesagt, daß wir noch warten sollten … Es ist doch so gekommen, wie ich sagte …« hörte man von verschiedenen Seiten vergnügt im Volk rufen.
Wie glückselig auch Petja war, so wurde ihm doch bei dem Gedanken schwer ums Herz, daß er nun nach Hause gehen und die ganze Herrlichkeit des Tages ein Ende haben sollte. Deshalb lief er aus dem Kreml nicht gleich nach Hause, sondern erst zu seinem Freunde Obolenskij, der auch fünfzehn Jahre alt war und ebenfalls in ein Regiment eintreten wollte. Nach Hause zurückgekehrt, erklärte er fest und mit aller Bestimmtheit, daß, wenn man ihn nicht eintreten lasse, er ohne Erlaubnis fortlaufen werde. Und so fuhr denn am nächsten Tag Graf Ilja Andrejewitsch, obgleich er sich noch nicht ganz ergeben hatte, in die Stadt, um sich zu erkundigen, wie und wo er Petja unterbringen könne, ohne daß dieser irgendwie gefährdet sei.
22
Drei Tage später, am 15. Juli morgens, standen vor dem Slobodskijpalast[148] eine Unmenge Equipagen.
In den Sälen wimmelte es von Menschen. Im ersten befand sich der Adel in Uniform, im zweiten die Kaufleute mit ihren langen Bärten in blauen, mit Medaillen behängten Kaftanen. In dem Saal, wo sich der Adel versammelt hatte, herrschte reges Leben und ununterbrochenes Stimmengewirr. An einem großen Tisch unter dem Bild des Kaisers saßen auf Stühlen mit hohen Lehnen die vornehmsten Persönlichkeiten, aber die meisten Adligen gingen im Saal auf und ab.
Alle diese Edelleute, dieselben, mit denen Pierre jeden Tag bald im Klub, bald in ihren eignen Häusern zusammentraf, trugen heute Uniform, einige noch die alten aus der Zeit Katharinas oder Kaiser Pauls, andere wieder die neuen alexandrinischen oder auch bloß die Adelsuniform, und der gemeinsame Charakter dieser Uniform verlieh jenen so ganz verschiedenen, alten und jungen bekannten Persönlichkeiten ein seltsames, phantastisches Gepräge. Ganz besonders fiel das bei den halb blinden, zahnlosen, kahlköpfigen alten Herren auf, die entweder schwammig gelbes Fett angesetzt hatten oder mager und voller Runzeln waren. Sie saßen meist auf ihren Plätzen und schwiegen, und wenn sie auf und ab gingen und sich unterhielten, so hängten sie sich jüngeren Leuten an. Wie auf den Gesichtern der Menge, die Petja auf dem Platz gesehen hatte, so traten auch auf allen diesen Gesichtern zwei scharf gegensätzliche Züge augenfällig zutage: der Ausdruck allgemeiner Erwartung von etwas Feierlichem und der Alltagsausdruck, der noch die gestrigen Sorgen um die Bostonpartie, den Koch Petruschka und das Befinden irgendeiner Sinaida Dmitrijewna widerspiegelte.
Auch Pierre, schon vom frühen Morgen an in eine unbequeme, ihm recht eng gewordene Adelsuniform eingezwängt, befand sich in den Sälen. Er war in großer Aufregung: diese außergewöhnliche Versammlung nicht nur des Adels, sondern auch der Kaufmannschaft – der Stände, états généraux[149] – erweckte in ihm eine ganze Reihe längst vergessener, aber tief in seine Seele eingegrabener Gedanken an den Contrat social und die Französische Revolution. Jene Worte, die ihm im Manifest aufgefallen waren, daß der Kaiser zur »Beratung« mit seinem Volk in die Hauptstadt komme, bestärkten seine Vermutungen noch mehr. Und so glaubte er denn, daß etwas Wichtiges in diesem Sinn herannahe, etwas, das er schon lange erwartet hatte, und ging auf und ab, sah sich um und hörte den Unterhaltungen zu, fand aber jene Gedanken, die ihn beschäftigten, nirgends ausgesprochen.
Das Manifest des Kaisers wurde verlesen und rief allgemeine Begeisterung hervor, worauf sich wieder alle, lebhaft debattierend, in kleinere Gruppen auflösten.
Pierre hörte, wie außer von Alltagsanliegen auch davon gesprochen wurde, wo sich die Adelsmarschälle aufzustellen hätten, wenn der Kaiser käme, wann man dem Kaiser einen Ball geben könne, ob man sich nach Kreisen oder ganzen Gouvernements gruppieren solle und so weiter, und so weiter, sobald aber die Rede auf den Krieg kam und darauf, zu welchem Zweck der Adel eigentlich zusammenberufen worden war, wurden die Aussprüche unsicher und unbestimmt, und jeder hörte lieber zu, als daß er selber etwas sagte.
In einem der Säle fing ein Mann in mittleren Jahren von hübschem, männlichem Aussehen, in der Uniform eines Marineoffiziers außer Dienst, zu sprechen an, und eine dichte Menge scharte sich um ihn. Pierre trat ebenfalls in den Kreis, der sich um den Redenden gebildet hatte, und fing an zuzuhören. Graf Ilja Andrejewitsch in seinem Wojewodenkaftan[150] aus der Zeit Katharinas spazierte mit verbindlichem Lächeln durch den Saal, kannte jeden einzelnen, gesellte sich dann ebenfalls dieser Gruppe bei und schickte sich mit seinem gutmütigen Lächeln an zuzuhören, indem er, wie er das immer tat, zum Zeichen seiner Zustimmung beifällig nickte. Der Seeoffizier außer Dienst hielt eine ziemlich kühne Rede, das erkannte man sogleich aus dem Gesichtsausdruck seiner Zuhörer und auch daraus, daß alle die Persönlichkeiten, die Pierre als ruhig und gemäßigt bekannt waren, sich mißbilligend entfernten oder widersprachen. Pierre drängte sich bis in die Mitte des Kreises, hörte zu und überzeugte sich, daß der Redner tatsächlich ein Liberaler war, aber in einem ganz anderen Sinn, als Pierre gedacht hatte. Der Marineoffizier sprach in jenem auffallend klangvollen, singenden Bariton, der dem Adel eigen ist, mit dem angenehmen Schnarren und Übergehen der Konsonanten und in einem Ton, in dem er wohl sonst seinem Burschen die Befehle zuzurufen pflegte. Man hörte seiner Stimme an, daß er an lustiges Leben und Kommandieren gewöhnt war.
»Was will das heißen, daß die Smolensker dem Kaiser Landsturmleute angeboten haben? Ist etwa Smolensk für uns maßgebend? Wenn der ehrwürdige Adel des Gouvernements Moskau es für nötig erachtet, kann er Seiner Majestät dem Kaiser seine Ergebenheit auch durch andere Maßnahmen bekunden. Haben wir etwa den Landsturm von 1807 nicht mehr im Gedächtnis? Da sind nur Lumpen, Räuber und Diebe gemästet worden …«
Graf Ilja Andrejewitsch lächelte süß und nickte zustimmend.
»Und weiter, haben etwa unsere Landsturmleute dem Staat etwas genützt? Keineswegs! Nur die Wirtschaft haben sie ruiniert. Lieber noch eine Rekrutenaushebung … denn die vom Landsturm zu uns zurückkommen, sind weder Soldat noch Bauer, sondern weiter nichts als Landstreicher. Der Adel schont nicht seinen eignen Leib, wir alle werden Mann für Mann zur Stelle sein und auch Rekruten mitbringen, und sobald der Kaiser nur ruft, sind wir alle bereit, für ihn zu sterben!« schloß der Redner begeistert.
Ilja Andrejewitsch schluckte ein paarmal, weil ihm vor Vergnügen das Wasser im Mund zusammengelaufen war, und stieß Pierre an. Aber Pierre hatte ebenfalls Lust bekommen zu reden. Er schob sich vor, ohne noch selber zu wissen, was ihn eigentlich in solche Begeisterung versetzt hatte und was er sagen wollte. Doch kaum hatte er den Mund aufgetan, um etwas zu sagen, als ihn ein alter, völlig zahnloser Senator mit klugem, grimmigem Gesicht, der neben dem Redner stand, unterbrach und zu reden anfing. Er schien daran gewöhnt zu sein, Dispute zu führen und Streitfragen zu erörtern, und begann mit leiser, aber deutlicher Stimme:
148
Slobodskijpalas: Palast Pauls I. in Moskau
149
der Stände, états généraux: in dem Vergleich der Ständeversammlung mit dem entsprechenden französischen Phänomen, sowie dem Hinweis auf den Gesellschaftsvertrag (vgl. Anm. 18) und die Französische Revolution wird indirekt Pierres Gedankengang, sein Traum von einer Verfassung, einem Parlament ausgedrückt.
150
Wojewodenkaftan: offenbar eine Art Adelsuniform des 18. Jahrhunderts ein Kaftan ist ein Rock mit langen Rockschößen.