Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Ich denke …«, sagte Pierre, »daß er gar nichts zu verzeihen hat … Wenn ich an seiner Stelle wäre …«
Während dieses Gedankengangs fühlte sich Pierre mit einemmal in die Erinnerung an jenen Augenblick zurückversetzt, als er sie getröstet und zu ihr gesagt hatte, daß er, wenn er nicht er selbst, sondern der beste Mensch in der Welt und frei wäre, auf den Knien um ihre Hand bitten würde. Und jenes selbe Gefühl des Mitleids, der Zärtlichkeit und Liebe ergriff ihn, so daß sich auch dieselben Worte ihm auf die Lippen drängten. Aber sie ließ ihm nicht die Zeit, sie auszusprechen.
»Ja, Sie … Sie …«, sagte sie, das Wort »Sie« mit Begeisterung betonend, »das ist etwas anderes. Edler, hochherziger und besser, als Sie sind, kenne ich niemanden und kann es auch keinen Menschen geben. Wenn Sie damals nicht gewesen wären und auch jetzt nicht hier wären, wüßte ich nicht, was aus mir geworden wäre, denn …«
Tränen traten ihr plötzlich in die Augen, sie wandte sich ab, hielt die Noten vors Gesicht und fing wieder an, zu singen und im Saal auf und ab zu gehen.
In diesem Augenblick kam Petja aus dem Salon herübergelaufen.
Petja war jetzt ein hübscher, frischer Bursche von fünfzehn Jahren mit dicken, roten Lippen, der Natascha sehr ähnlich sah. Er bereitete sich zur Universität vor, hatte aber in den letzten Tagen mit seinem Kameraden Obolenskij heimlich verabredet, bei den Husaren einzutreten.
Petja sprang auf seinen Namensvetter zu, um mit ihm über diese Angelegenheit zu reden. Er hatte Pierre darum gebeten, sich zu erkundigen, ob man ihn wohl bei den Husaren nehmen werde.
Pierre ging in den Salon, ohne auf Petja zu hören. Dieser haschte nach Pierres Arm, um dessen Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
»Um Gottes willen, Peter Kirillytsch, wie steht’s mit meiner Angelegenheit? Ich habe alle Hoffnung auf Sie gesetzt«, flehte Petja.
»Ach ja, deine Angelegenheit. Also zu den Husaren willst du? Werde es dir sagen, werde es dir sagen. Heute noch sollst du es erfahren.«
»Nun, wie ist’s, mon cher, wie ist’s? Haben Sie das Manifest mitgebracht?« fragte der alte Graf aus dem Salon. »Meine liebe Gräfin war zur Messe in der Rasumowskijschen Kapelle und hat dort das neue Kriegsgebet gehört. Es soll sehr schön sein, sagt sie.«
»Ich habe alles mit«, erwiderte Pierre. »Morgen soll der Kaiser kommen … Eine außerordentliche Adelsversammlung ist einberufen, und es sollen, wie es heißt, zehn Mann auf tausend ausgehoben werden. Doch vor allem, meine herzlichsten Glückwünsche!«
»Danke, danke, gottlob! Nun, und was gibt’s Neues an der Front?«
»Unsere Truppen haben sich wieder zurückziehen müssen, bis über Smolensk hinaus, heißt es«, erwiderte Pierre.
»Großer Gott! Großer Gott!« seufzte der Graf. »Wo ist denn das Manifest?«
»Der Aufruf? Ach ja!«
Pierre fing an, seine Taschen nach den Papieren zu durchsuchen, konnte sie aber nicht finden. Immer noch alle Taschen abtastend, küßte er der eintretenden Gräfin die Hand und sah sich unruhig um; offenbar wartete er auf Natascha, die nicht mehr sang, aber auch nicht in den Salon herüberkam.
»Ma parole, je ne sais plus, où je l’ai fourré«, sagte er.
»Na, Sie werden sie, wie immer, wieder verlegt haben«, lachte die Gräfin.
Natascha kam mit weichem, erregtem Gesicht herein, setzte sich und sah Pierre schweigend an. Kaum war sie ins Zimmer getreten, so fing Pierres Gesicht, das bisher finster gewesen war, zu strahlen an, und während er immer noch weiter nach den Papieren suchte, blickte er ab und zu nach ihr hin.
»Gott, ich werde noch einmal zurückfahren, ich muß sie zu Hause liegen gelassen haben. Unter allen Umständen …«
»Dann kommen Sie aber doch zu spät zum Mittagessen?«
»Ach, der Kutscher ist schon weg.«
Doch Sonja, die ins Vorzimmer gehuscht war, um dort nach den Papieren zu suchen, hatte sie bereits in Pierres Hut gefunden, wo er sie sorgsam zwischen das Futter gesteckt hatte. Pierre wollte nun vorlesen.
»Nein, erst nach Tisch«, sagte der alte Graf, als ob er sich von diesem Vorlesen ein großes Vergnügen verspräche.
Während des Mittagessens, bei dem auf das Wohl des neuen Georgsritters Champagner getrunken wurde, erzählte Schinschin die letzten Stadtneuigkeiten: daß die alte Fürstin von Grusien sehr krank sei, daß Métivier aus Moskau verschwunden sei und Rastoptschin erzählt habe, daß Leute irgendeinen Deutschen zu ihm gebracht und behauptet hätten, dies sei ein »Champignon« – sie meinten natürlich Spion –, daß Rastoptschin darauf befohlen habe, diesen »Champignon« freizulassen, und zu dem Volk gesagt habe, dies sei gar kein »Champignon«, sondern ein ganz gewöhnlicher deutscher Pilz.
»Ja, sie nehmen fest, was ihnen unter die Hände kommt«, erwiderte der Graf. »Ich habe es schon der Gräfin gesagt, sie soll nicht soviel französisch sprechen. Es ist jetzt nicht die Zeit danach.«
»Haben Sie schon gehört«, fuhr Schinschin fort, »daß sich Graf Golyzin einen russischen Lehrer genommen hat? Er lernt jetzt Russisch. Il commence à devenir dangereux de parier français dans les rues.«
»Na und Sie, Graf Peter Kirillytsch? Wenn der Landsturm einberufen wird, werden wohl auch Sie das Pferd besteigen müssen?« wandte sich der alte Graf an Pierre.
Pierre war während des ganzen Mittagessens schweigsam und nachdenklich gewesen. Als sich der Graf nun an ihn wandte, sah er ihn an, als verstünde er nicht recht, was dieser meinte.
»Ja, ja, in den Krieg«, antwortete er. »Nicht doch! Was wäre ich für ein Soldat? Übrigens, es kommt immer alles so seltsam, so sonderbar. Ich verstehe das selber nicht. Ich weiß nicht, die Leidenschaft für das Kriegshandwerk liegt mir eigentlich ganz fern, aber heutzutage kann ja niemand für seine Handlungen und Entschlüsse bürgen.«
Nach dem Essen ließ sich der Graf gemächlich in einen Sessel nieder und bat mit ernsthafter Miene Sonja, die eine Meisterin im Vorlesen war, das Manifest zu verlesen.
»An unsere Erste Residenzstadt Moskau.
Der Feind hat mit großen Streitkräften die Grenzen Rußlands überschritten und rückt vor, um unser geliebtes Vaterland zu verheeren«, las Sonja angestrengt mit ihrem feinen Stimmchen. Der Graf hatte die Augen geschlossen, hörte zu und seufzte an manchen Stellen vernehmbar.
Natascha saß kerzengerade da und sah bald ihrem Vater, bald Pierre offen prüfend ins Gesicht.
Pierre fühlte ihren Blick auf sich ruhen und bemühte sich, nicht zu ihr hinzusehen. Die Gräfin schüttelte bei jedem feierlichen Ausdruck des Manifestes ärgerlich und mißbilligend den Kopf. Aus all diesen Worten ersah sie nur das eine: daß die Gefahr, die ihrem Sohn drohte, noch nicht sobald vorüber sein würde. Schinschin hatte den Mund spöttisch verzogen und schien offenbar über das erste beste herfallen zu wollen, das sich seinem Spott darbieten würde: über Sonjas Vorlesen, über das, was der Graf sagen werde, ja sogar auch über das Manifest selber, wenn sich ihm kein besserer Anlaß bot.
Nachdem Sonja von den Gefahren, die Rußland bedrohten, gelesen hatte und von den Hoffnungen, die der Kaiser auf Moskau und insonderheit auf seinen altberühmten Adel setze, las sie mit Beben in der Stimme, das hauptsächlich durch die Aufmerksamkeit verursacht wurde, mit der ihr alle zuhörten, folgende Worte: »Wir werden nicht säumen, selbst inmitten Unseres Volkes in der Hauptstadt und an andern Orten Unseres Kaiserreiches zu erscheinen zur Beratung und Leitung Unserer gesamten Wehrmacht, sowohl derjenigen, die heute schon dem Feinde den Weg versperrt, als auch der neu zu formierenden, die ihn überall da, wo er sich zeigen mag, zu Boden schmettern wird, auf daß jenes Verderben, in das er Uns zu stürzen trachtet, über sein eignes Haupt komme, und das aus Sklavenketten befreite Europa Rußlands Namen preise!«
»So ist es!« rief der Graf, die feuchten Augen aufschlagend, schnaufte ein paarmal, als hielte man ihm ein Flakon mit scharfem Riechsalz unter die Nase, und fuhr dann fort: »Wenn der Kaiser nur ein Wort sagt, sind wir zu jedem Opfer bereit und nichts wird uns leid sein.«