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Die Suche nach dem Auge der Welt

Электронная книга - «Die Suche nach dem Auge der Welt». Краткое содержание книги:

In dem abgeschiedenen Dorf Emondsfelde erzählt man sich noch immer die alten Geschichten um den Dunklen König und die Magierinnen der Aes Sedai, die das Rad der Zeit drehen. Niemand ahnt, auch der junge Bauernsohn Rand al'Thor nicht, wieviel Wahrheit in diesen Legenden steckt. Dann jedoch berfallen blutrnstige Trollocs, die Häscher des Dunklen Königs, das Dorf und brennen den Bauernhof von Rands Familie nieder. Die Magierin Moiraine verhilft dem Jungen in letzter Minute zur Flucht. Eine phantastische Reise beginnt, während der Rand in sein Schicksal hineinwachsen wird, der Wiedergeborene Drache und der Retter der Welt zu sein ... Dieser Band vereint — wie in der Originalausgabe — den kompletten Auftakt zu Robert Jordans Meisterwerk Das Rad der Zeit.
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»Dieser Ort«, sagte eine tiefe Stimme von den Bäumen her, »ist immer, wo er ist. Alles was sich ändert, ist der Ort, an dem sich die befinden, die ihn in Not suchen.«

Eine Gestalt trat aus dem Laub hervor, menschlich geformt, doch um so vieles größer als Loial, wie dieser Rand überragte. Eine menschliche Gestalt aus verwobenen Ranken und Blättern, grün und wachsend. Sein Haar war Gras, das bis auf die Schultern herunter fiel; seine Augen waren riesige Haselnüsse; seine Fingernägel Eicheln. Sein Hemd und seine Hose bestanden aus grünen Blättern, seine Stiefel aus glatter Rinde. Schmetterlinge umflatterten ihn, setzten sich auf seine Finger, seine Schultern, sein Gesicht. Nur eine Sache verhinderte die blumige Perfektion: Ein tiefer Riß zog sich über seine Wange, durch die Schläfe und über den Kopf, und dort waren die Ranken braun und verwelkt.

»Der Grüne Mann«, flüsterte Egwene, und das zernarbte Gesicht lächelte. Einen Moment lang schien es, als sängen die Vögel lauter.

»Natürlich bin ich das. Wer sonst würde sich wohl hier befinden?« Die Haselnußaugen betrachteten Loial. »Es ist gut, dich zu sehen, kleiner Bruder. In der Vergangenheit kamen viele von euch, mich zu besuchen, doch in jüngster Zeit nur noch wenige.«

Loial kletterte von seinem großen Pferd und verbeugte sich höflich. »Du ehrst mich, Baumbruder. Tsingu ma choshih, T'ingshen.«

Lächelnd legte der Grüne Mann einen Arm um die Schultern des Ogiers. Neben Loial wirkte er wie ein Mann neben einem Jungen. »Es sind keine Ehrenbezeugungen nötig, kleiner Bruder. Wir werden zusammen Baumlieder singen und uns an die Großen Bäume und die Stedding erinnern, und wir werden uns der Sehnsucht verweigern.«

Er betrachtete die anderen, die jetzt gerade von den Pferden stiegen, und sein Blick ruhte auf Perrin. »Ein Wolfsbruder! Werden die alten Zeiten wirklich wieder wahr?«

Rand starrte Perrin an. Perrin wandte sein Pferd um, so daß es sich zwischen ihm und dem Grünen Mann befand, und beugte sich nieder, um den Gurt zu überprüfen. Rand war sicher, daß er lediglich den forschenden Blick des Grünen Mannes meiden wollte. Plötzlich sprach der Grüne Mann Rand an: »Seltsame Kleider trägst du, Kind des Drachens. Hat sich das Rad schon so weit gedreht? Kehrt das Drachenvolk wieder zum Ersten Pakt zurück? Aber du trägst ein Schwert. Das gehört weder der Gegenwart noch der Vergangenheit an.«

Rand mußte erst wieder Speichel im Mund sammeln, bevor er zu sprechen in der Lage war. »Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht. Was meint Ihr damit?«

Der Grüne Mann berührte die braune Narbe an seinem Kopf. Einen Augenblick lang schien er verwirrt. »Ich... kann es nicht sagen. Meine Erinnerungen sind zerrissen und oft nur flüchtig, und viel von dem, was noch übrig ist, ist wie ein Blatt, das von Raupen besucht wurde. Und doch bin ich sicher... Nein, es ist wieder weg. Aber du bist hier willkommen. Du, Moiraine Sedai, bist mehr als eine Überraschung für mich. Als dieser Ort geschaffen wurde, wurde er so geschaffen, daß niemand ihn zweimal finden konnte. Wie bist du hierher gekommen?«

»Not«, antwortete Moiraine. »Meine Not, die Not der Welt. Vor allem ist es die Welt, die in Not ist. Wir sind gekommen, um das Auge der Welt zu sehen.«

Der Grüne Mann seufzte. Der Wind seufzte durch dicht beblätterte Zweige. »Dann ist es wieder geschehen. Diese Erinnerung ist vollständig. Der Dunkle König rührt sich. Ich habe das befürchtet. Mit jedem Jahreswechsel versucht die Fäule energischer, hier einzudringen, und dieses Mal war der Kampf, sie fernzuhalten, härter als je zuvor seit Anbeginn. Kommt, ich werde euch hinbringen.«

50

Zusammentreffen am Auge

Rand führte den Braunen am Zügel und folgte zusammen mit den anderen Emondsfeldern dem Grünen Mann. Alle blickten drein, als könnten sie sich nicht entscheiden, wen sie zuerst betrachten wollten: den Grünen Mann oder den Wald. Der Grüne Mann war natürlich eine legendäre Gestalt, über die man sich Geschichten erzählte — über ihn und den Baum des Lebens. Man erzählte sich vor jedem Kamin in den Zwei Flüssen davon, und die Geschichten waren nicht nur für Kinder bestimmt. Doch nach dem Anblick der Fäule hätten auch die Bäume und Blumen ein Wunder an Normalität dargestellt, auch wenn der Rest der Welt noch im Winter gefangen war.

Perrin hielt sich ein wenig zurück. Als Rand sich nach ihm umsah, sah der große, wollköpfige Jüngling aus, als wolle er nichts mehr von dem hören, was der Grüne Mann zu sagen hatte. Er konnte ihn verstehen. Kind des Drachens. Mißtrauisch betrachtete er den Grünen Mann, der mit Moiraine und Lan voranschritt. Schmetterlinge umflatterten ihn in einer Wolke aus Gelb und Rot. Was meinte er damit? Nein. Ich will es nicht wissen.

Trotzdem war sein Schritt beschwingter, und die Beine federten elastischer. Das Unbehagen rührte sich noch in seinen Eingeweiden und ließ seinen Magen flattern, doch die Angst hatte sich so weit aufgelöst, daß sie fast nicht mehr zu bemerken war. Er glaubte nicht, daß es noch besser werden könne — wenn die Fäule nur eine halbe Meile entfernt war -, obwohl Moiraine natürlich recht damit hatte, daß nichts aus der Fäule hier eindringen könne. Die tausend brennenden Lichtpunkte, die sich in seine Knochen gebohrt hatten, waren erloschen, und zwar in dem Moments als sie das Reich des Grünen Mannes betreten hatten, da war er ganz sicher. Er hat sie ausgeblasen, dachte er — der Grüne Mann und dieser Ort hier.

Egwene fühlte es und Nynaeve auch, diesen beruhigenden Frieden, die Ruhe, die in der Schönheit lag. Er sah es ihnen an. Ihre Gesichter zeigten ein leichtes, heiteres Lächeln, und ihre Finger streichelten über Blumen. Sie blieben stehen, um tief atmend den Duft einzusaugen.

Als der Grüne Mann das bemerkte, sagte er: »Blüten sind zum Dekorieren da. Pflanzen oder Menschen, das ist beinahe dasselbe. Keiner hat etwas dagegen, solange man nicht zu viele nimmt.« Und er begann, von dieser oder jener Pflanze Blüten abzupflücken, aber niemals mehr als zwei von einer Pflanze. Bald trugen Nynaeve und Egwene Blütenkränze im Haar, rosa Heckenrosen und gelbe Glockenblumen und weiße Morgensternchen. Der Zopf der Seherin, der ihr bis zur Hüfte reichte, schien wie ein weiß- und rosafarbener Garten. Selbst Moiraine nahm für ihre Stirn einen Kranz von Morgensternchenblüten entgegen, der so stark in sich verwoben war, daß die Blüten immer noch zu wachsen schienen. Rand war sich nicht sicher, ob sie nicht vielleicht wirklich wuchsen. Der Grüne Mann kümmerte sich im Vorbeigehen um seinen Waldgarten und unterhielt sich dabei leise mit Moiraine. Er tat, was eben gerade getan werden mußte, ohne sich dessen wirklich bewußt zu sein. Seine Haselnußaugen erspähten an einer rankenden Heckenrose einen krummen Trieb, der von dem blütenübersäten Ast eines Apfelbaums in eine Ecke gedrückt wurde, und er blieb beim Sprechen stehen und fuhr mit der Hand den Trieb entlang. Rand war sich nicht ganz klar darüber, ob ihm seine Augen einen Streich spielten oder ob sich die Dornen tatsächlich wegdrehten, damit sie diese grünen Finger nicht verletzten. Als die hoch aufragende Gestalt des Grünen Mannes weiterging, war der Trieb kerzengerade und steckte seine roten Knospen zwischen die weißen Apfelblüten. Er beugte sich hinunter und umschloß mit seiner riesigen Hand ein winziges Samenkorn, das auf einem Häufchen Kieselsteine lag. Als er sich wieder aufrichtete, war daraus ein kleiner Trieb geworden, der eine Wurzel zwischen den Kieseln hindurch in guten Boden steckte.

»Alle Dinge müssen wachsen, wo sie hinfallen, so will es das Muster«, erklärte er nach hinten, als entschuldige er sich. »Und dort müssen sie die Drehung des Rades erwarten, doch der Schöpfer wird nichts dagegen haben, wenn ich ein klein wenig nachhelfe.«

Rand führte den Braunen um den Trieb herum und achtete darauf, daß er nicht von den Pferdehufen zerquetscht wurde. Es schien ihm nicht richtig, zu zerstören, was der Grüne Mann geschaffen hatte, nur um einen Schritt mehr zu vermeiden. Egwene lächelte ihn an — ein so vertrautes kleines Lächeln — und berührte seinen Arm.

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