Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Seht mal dort, unsere Anna Michailowna, und in was für einer Toque!«
»Da sind auch die Karagina, Julie, und Boris ist auch dabei. Denen sieht man es aber von weitem an, daß sie verlobt sind. Hat Dubrezkoj eigentlich schon in aller Form um sie angehalten?«
»Und ob! Gerade heute habe ich es erfahren«, erwiderte Schinschin, der in Rostows Loge eingetreten war.
Natascha blickte nach derselben Richtung, nach der ihr Vater hinsah, und bemerkte Julie, die, eine Perlenschnur um den dicken, roten Hals – Natascha wußte, daß er außerdem noch gepudert war – mit glückstrahlendem Gesicht mit ihrer Mutter zusammensaß. Hinter ihnen, das Ohr zu Julies Mund herabgebeugt, sah man Boris’ lächelnden, glatt geschniegelten, hübschen Kopf. Er schielte heimlich zu den Rostows hinüber und sagte lächelnd etwas zu seiner Braut.
Er spricht von uns, von mir mit ihnen, dachte Natascha. Sicherlich redet er seiner Braut die Eifersucht auf mich aus. Das kann er nur getrost bleiben lassen! Wenn sie wüßten, wie gleichgültig sie mir alle miteinander sind!
Dahinter saß Anna Michailowna in einer grünen Toque. Ihr gottergebenes Gesicht zeigte heute einen glücklichen, feiertäglichen Ausdruck. In ihrer Loge herrschte jene von Brautpaaren unzertrennliche Atmosphäre, die Natascha so gut kannte und liebte. Sie wandte sich ab, und plötzlich fielen ihr alle die Demütigungen bei ihrem Besuch von heute morgen wieder ein.
Was für ein Recht hat er, mich nicht in seine Familie aufnehmen zu wollen? Ach, lieber nicht daran denken, nicht daran denken, bis er wieder da ist! sagte sie sich und fing an, die bekannten und unbekannten Gesichter im Parkett zu mustern. Vorn in der ersten Reihe, gerade in der Mitte, stand, mit dem Rücken an die Rampe gelehnt, Dolochow, den mächtigen, krausen Haarschopf nach oben gekämmt, in persischem Kostüm. Er stand so, daß alle Leute ihn sehen mußten, wußte, daß er die Aufmerksamkeit des ganzen Theaters auf sich zog, und stand dabei doch so frei und ungezwungen da, als befände er sich zu Hause in seinem Zimmer. Um ihn herum drängte sich die ganze glänzende Jugend von Moskau, unter der er sichtlich die erste Stelle einnahm.
Graf Ilja Andrejewitsch stieß die errötende Sonja an und zeigte ihr lachend ihren früheren Verehrer.
»Hast du ihn erkannt?« fragte er sie. »Wo kommt denn der auf einmal wieder her? Er war doch irgendwohin verschwunden?« wandte er sich an Schinschin.
»Ja, ja«, erwiderte Schinschin. »Er war im Kaukasus, desertierte dort und soll dann in Persien bei irgendeinem regierenden Fürsten Minister gewesen sein. Dort soll er den Bruder des Schahs totgeschlagen haben. Na, unsere Moskauer Damen sind wie die Verrückten hinter ihm her. Dolochoff le Persan ist jetzt überall die Losung. Kein Wort hört man reden, ohne daß nicht Dolochows Name dabei genannt wird: man schwört bei seinem Namen, lädt Gäste auf ihn ein wie auf einen Sterlet«, fuhr Schinschin fort. »Dolochow und Anatol Kuragin verdrehen all unseren Damen die Köpfe.«
Da trat eine große, schöne Frau mit reichem Haar, schneeweißen vollen Schultern und sehr tief entblößtem Hals, um den sie eine doppelreihige Kette großer Perlen geschlungen hatte, in die Nebenloge ein und nahm lässig und umständlich Platz, wobei ihr schweres Seidenkleid knisterte und rauschte.
Natascha sah sich unwillkürlich nach diesem Hals, diesen Schultern, diesen Perlen und dieser Frisur um und bewunderte die Schönheit der Schultern und Perlen. Und während sie zum zweitenmal hinüberschaute, wandte sich die Dame um, und als ihre Augen den Blicken Ilja Andrejewitschs begegneten, nickte sie grüßend und lächelte. Es war die Gräfin Besuchowa, Pierres Frau. Ilja Andrejewitsch, der die ganze vornehme Welt kannte, beugte sich zu ihr hinüber und redete sie an.
»Sind Sie schon lange in Moskau, Gräfin?« fragte er. »Werde mir sogleich, sogleich gestatten, Sie zu begrüßen und Ihnen die Hand zu küssen. Bin soeben erst hier eingetroffen, in geschäftlichen Angelegenheiten, und habe meine Mädels mitgebracht. Die Semjonowna[117] soll ja unvergleichlich spielen«, sagte Ilja Andrejewitsch. »Graf Pjotr Kirillowitsch hat sich immer unser erinnert. Ist er hier?«
»Ja, er wollte kommen«, sagte Helene und sah Natascha aufmerksam an.
Graf Ilja Andrejewitsch setzte sich wieder auf seinen Platz.
»Ist sie nicht schön?« sagte er flüsternd zu Natascha.
»Wunderbar schön!« erwiderte Natascha. »In die muß man sich ja verlieben.«
In diesem Augenblick erklangen die letzten Akkorde der Ouvertüre, und der Kapellmeister klopfte mit dem Stab auf. Im Parkett suchten ein paar Herren, die zu spät gekommen waren, noch eilig auf ihre Plätze zu gelangen, und der Vorhang ging auf.
Kaum war der Vorhang in die Höhe gezogen, wurde es in den Logen und im Parkett ganz still, und all die Herren in Uniform oder im Frack, die alten wie die jungen, und all die Damen mit den kostbaren Edelsteinen auf den nackten Körpern wandten mit hungriger Neugier ihre ganze Aufmerksamkeit der Bühne zu. Auch Natascha schaute hin.
9
In der Mitte der Bühne sah man einen ebenen Bretterboden und zu beiden Seiten angestrichene Wandflächen, die Bäume vorstellen sollten. Im Hintergrund war eine Leinwand über Bretter gespannt. Vorn saßen Mädchen in weißen Röcken und roten Miedern. Die eine, die etwas dicker war als die andern, saß in einem weißen Seidenkleid für sich allein auf einem niedrigen Bänkchen, an das hinten eine grüne Pappe angeklebt war. Sie alle sangen etwas. Als sie mit ihrem Lied fertig waren, lief das Mädchen mit dem weißen Kleid an den Souffleurkasten, und ein Mann mit einer Feder auf dem Hut, einem Dolch und seidenen Hosen, die prall seine dicken Beine umspannten, stellte sich neben sie und fing an zu singen und mit den Armen zu fuchteln.
Nachdem der Mann mit den prallen Hosen fertig gesungen hatte, fing das Mädchen an zu singen. Dann waren sie beide still, und die Musik spielte, und der Mann tastete mit seinen Fingern nach der Hand des Mädchens im weißen Kleid und wartete offenbar auf den Takt, wo sie beide zum Duett einsetzen mußten. Nachdem sie das Duett zu Ende gesungen hatten, fingen alle Leute im Theater an zu klatschen und zu schreien, der Mann und das Mädchen auf der Bühne aber, die ein Liebespaar vorstellen sollten, breiteten lächelnd die Arme auseinander und verbeugten sich.
Nach dem langen Aufenthalt auf dem Lande und in der ernsten Stimmung, in der sich Natascha befand, kam ihr das alles fremd und wunderlich vor. Sie vermochte dem Gang der Oper nicht zu folgen, vermochte nicht einmal auf die Musik zu hören: sie sah nur die angemalten Pappwände und die wunderlich verkleideten Männer und Frauen, die in der grellen Beleuchtung so sonderbar sprachen, sangen und sich bewegten. Sie wußte, daß dies etwas vorstellen sollte, aber es war alles so eingelernt künstlich und unnatürlich, daß sie sich bald für die Schauspieler schämte, bald über sie lachen mußte. Sie sah sich um und suchte auf den Gesichtern der Zuschauer dasselbe Gefühl der Verwunderung und des Spottes, das sie selber empfand, aber alle Gesichter verfolgten nur mit gespannter Aufmerksamkeit die Vorgänge auf der Bühne und drückten nur ein, wie es ihr schien, erheucheltes Entzücken aus.
Also muß es wohl so sein, dachte Natascha. Abwechselnd musterte sie die langen Reihen der pomadisierten Köpfe im Parkett und der halbnackten Damen in den Logen, und während sie besonders ihre Nachbarin Helene betrachtete, die fast aller Hüllen bar, mit stillem, ruhigem Lächeln nach der Bühne hinsah, ohne ein Auge von den Vorgängen dort zu wenden, empfand sie plötzlich bei dem grellen Licht, das sich über den ganzen Raum ergoß, und in der warmen, durch die vielen Menschen erhitzten Luft ein wohliges Gefühl. Ganz allmählich geriet Natascha in jenen Zustand der Berauschtheit, den sie so lange nicht an sich empfunden hatte. Sie wußte nicht mehr, wer sie war, wo sie sich befand und was sich vor ihr abspielte. Sie sah und dachte, und die sonderbarsten, tollsten Gedanken schossen ihr unvermittelt durch den Kopf. Bald kam ihr der Gedanke, auf die Rampe zu springen und die Arie der Sängerin selber zu singen, bald hatte sie die größte Lust, einen in ihrer Nähe sitzenden alten Herrn mit dem Fächer anzuschupsen oder sich zu Helene hinüberzubeugen und sie zu kitzeln.
117
Die Semjonowna: N. S. Semjonowa (1787-1876), russische Opernsängerin.