Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Gegen Boris zeigte sich Julie besonders freundlich, bedauerte ihn, daß er schon so früh im Leben solche Enttäuschungen zu ertragen gehabt habe, und bot ihm jene Tröstungen der Freundschaft an, die sie ihm gewähren konnte, weil sie ja selber schon soviel im Leben erlitten hatte, und zeigte ihm ihre Albums. Boris zeichnete ihr zwei Bäume hinein und schrieb darunter: »Arbres rustiques, vos sombres rameaux secouent sur moi les ténèbres et la mélancolie.«
Auf ein anderes Blatt zeichnete er ein Grabmal mit der Inschrift:
Julie sagte, das sei begeisternd schön.
»Il y a quelque chose de si ravissant dans le sourire de la mélancolie«, sagte sie zu Boris und brachte damit eine Stelle zur Anwendung, die sie Wort für Wort aus einem französischen Buch abgeschrieben hatte: »C’est un rayon de lumière dans l’ombre, une nuance entre la douleur et le désespoir, qui montre la consolation possible.«
Darauf schrieb Boris ihr folgende Verse ins Album:
Julie spielte Boris auf der Harfe die schwermütigsten Weisen vor. Boris las ihr »Die arme Lisa[116]« vor, wobei er mehr als einmal mitten im Vorlesen abbrechen mußte, da ihm vor Rührung und Aufregung die Stimme versagte. Trafen sie sich in großer Gesellschaft, so sahen Julie und Boris einander an, als wären sie die einzigen Menschen in der weiten Welt, deren Seelen übereinstimmten und die sich gegenseitig verstanden.
Anna Michailowna, die oft zu den Karagins fuhr, um mit der Mutter Karten zu spielen, zog bei dieser Gelegenheit zuverlässige Nachrichten darüber ein, was Julie wohl mitbekommen werde – sie sollte zwei Güter im Gouvernement Pensa und Wälder im Gouvernement Nishnij-Nowgorod als Mitgift erhalten. Und so beobachtete Anna Michailowna gerührt und in den Willen der Vorsehung ergeben den feinsinnigen Weltschmerz, der zum festen Band zwischen ihrem Sohn und der reichen Julie wurde.
»Toujours charmante et mélancolique, cette chère Julie«, sagte sie zu der Tochter.
»Boris sagt immer, daß nur in Ihrem Haus seine Seele Ruhe finde. Er hat schon so viele Enttäuschungen erleiden müssen und ist so empfindsam«, sagte sie zu der Mutter.
»Ach, lieber Sohn, wie teuer mir doch in letzter Zeit diese Julie geworden ist«, sagte sie zu ihrem Sohn, »ich kann es dir gar nicht beschreiben. Wer müßte sie auch nicht liebgewinnen? Sie ist ein so überirdisches Wesen. Ach Boris, Boris!« Sie schwieg einen Augenblick. »Und wie leid tut mir ihre Mama«, fuhr sie dann fort, »heute zeigte sie mir wieder Abrechnungen und Briefe aus Pensa, sie haben dort riesige Besitzungen, und das muß die Ärmste alles selber und ganz allein erledigen und wird dabei so betrogen.«
Boris lächelte kaum merklich über die Worte seiner Mutter. Er machte sich im stillen über ihre einfältige Schlauheit lustig, hörte aber trotzdem zu und befragte sie eingehend über die Güter in Pensa und Nishnij-Nowgorod.
Julie wartete schon lange auf einen Antrag ihres melancholischen Verehrers und war bereit, ihn anzunehmen, aber ein geheimes Gefühl der Abneigung gegen sie selber, gegen ihre leidenschaftliche Sucht, einen Mann zu ergattern, und gegen ihr ganzes unnatürliches Wesen, sowie ein Gefühl des Entsetzens, daß er nun jeder Möglichkeit einer wahren Liebe entsagen müsse, hielten Boris noch davon ab, das entscheidende Wort auszusprechen. Bald würde seine Urlaubszeit abgelaufen sein. Von früh bis abends und jeden Tag, den Gott werden ließ, war er bei den Karagins, und jeden Tag ging er mit sich zu Rate und sagte sich, daß er morgen seinen Antrag machen müsse. Wenn er aber dann wieder mit Julie zusammen war und ihr rotes Gesicht mit dem fast immer mit Puder bedeckten Kinn, ihre feuchten Augen und ihren Gesichtsausdruck sah, der die stete Bereitwilligkeit verriet, aus ihrer Melancholie augenblicklich in eine erkünstelte Begeisterung für Eheglück überzugehen, konnte Boris das entscheidende Wort nicht herausbringen, obgleich er sich im Geist schon lange als Eigentümer der Güter in Pensa und Nishnij-Nowgorod fühlte und sich über den Verbrauch der aus ihnen gewonnenen Einkünfte bereits völlig im klaren war. Julie bemerkte seine Unentschiedenheit sehr wohl, und es kam ihr mitunter der Gedanke, daß sie ihm zuwider sei, doch tröstete sie sich mit weiblichem Selbstbetrug sogleich immer wieder damit, daß sie sich sagte, nur die Liebe mache ihn so schüchtern. Ihre sanfte Melancholie fing an, sich in Gereiztheit zu verwandeln, und kurz vor Boris’ Abreise unternahm sie einen entscheidenden Schachzug. Zur selben Zeit nämlich, als sich Boris’ Urlaub seinem Ende näherte, war in Moskau, und daher selbstverständlich auch im Hause Karagin, Anatol Kuragin aufgetaucht, und so warf Julie plötzlich all ihre Melancholie beiseite und zeigte sich sehr lustig und aufmerksam gegen Kuragin.
»Mon cher«, sagte Anna Michailowna zu ihrem Sohn, »je sais de bonne source que le prince Basile envoie son fils à Moscou pour lui faire épouser Julie. Ich aber liebe Julie so sehr, daß sie mir leid täte, wenn eine solche Verlobung zustande käme. Wie denkst du darüber, mein Sohn?« sagte Anna Michailowna.
Der Gedanke, der Genarrte zu sein, diese ganzen vier Wochen anstrengenden melancholischen Minnedienstes bei Julie nutzlos verloren zu haben und alle die Einkünfte aus den Gütern in Pensa und Nishnij-Nowgorod, die er im Geiste schon zusammengerechnet und, wie es sich gehört, verwendet hatte, nun schließlich in den Händen eines anderen zu sehen, noch dazu in den Händen des dummen Anatol – dieser Gedanke wurmte Boris doch zu sehr. So fuhr er denn zu den Karagins mit der festen Absicht, Julie einen Antrag zu machen. Julie kam ihm mit heiterer und sorgloser Miene entgegen, erzählte ihm so nebenbei, wie herrlich sie sich auf dem gestrigen Ball amüsiert habe, und fragte ihn, wann er denn nun abreisen wolle. Obgleich er in der Absicht hergekommen war, von seiner Liebe zu sprechen, und sich infolgedessen vorgenommen hatte, zärtlich zu sein, fing er doch in gereiztem Ton über die weibliche Unbeständigkeit zu reden an, wie leicht Frauen von Leiden zu Freuden übergehen könnten, und daß ihre ganze Seelenstimmung immer nur davon abhänge, wer ihnen gerade den Hof mache. Julie fühlte sich dadurch beleidigt und erwiderte, er habe ganz recht, Frauen brauchten Abwechslung, und immer ein und dasselbe würde jedem Menschen einmal langweilig.
»Deshalb würde ich Ihnen raten …« fing Boris an und wollte ihr eine Stichelei sagen, aber im selben Augenblick schoß ihm der kränkende Gedanke durch den Kopf, daß er dann womöglich aus Moskau abreisen müsse, ohne sein Ziel erreicht zu haben, und daß dann alle seine Bemühungen umsonst gewesen wären, was ihm noch nie im Leben vorgekommen war.
So hielt er mitten in seiner Rede inne, schlug die Augen nieder, um ihr abstoßend gereiztes, unentschlossenes Gesicht nicht sehen zu müssen, und sagte: »Ich bin durchaus nicht hier hergekommen, um mich mit Ihnen zu entzweien, ganz im Gegenteil …«
116
Die arme Lisa: empfindsame Erzählung (1793) von N. M. Karamsin.