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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»N’est-ce pas qu’il est admirable – Duport?« sagte Helene zu ihr.

»Oh, oui«, erwiderte Natascha.

10

In der Pause strömte auf einmal ein kalter Luftzug in Helenes Loge: Die Tür war aufgegangen, und Anatol trat herein, etwas nach vorn gebeugt und bemüht, an niemanden anzuecken.

»Erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Bruder vorstelle«, sagte Helene, und ihre Augen irrten unruhig zwischen Natascha und Anatol hin und her.

Natascha wandte ihren hübschen Kopf über die nackte Schulter dem jungen Mann zu und lächelte. Anatol, der in der Nähe ebenso hübsch war wie von weitem, setzte sich neben sie und sagte zu ihr, daß er schon lange gewünscht habe, dieses Vergnügen zu haben, schon seit dem Naryschkinschen Ball, wo er das für ihn unvergeßliche Vergnügen gehabt habe, sie zum erstenmal zu sehen. In Frauengesellschaft benahm sich Kuragin immer weit klüger und schlichter als unter Männern. Er sprach frei und natürlich, und es machte auf Natascha einen sonderbaren, aber angenehmen Eindruck, daß dieser Mensch, von dem man sich so viele Geschichten erzählte, nicht nur gar nicht so schrecklich war, sondern sogar in äußerst naiver, lustiger und gutmütiger Weise lächeln konnte.

Kuragin fragte sie, wie ihr die Oper gefallen habe, und erzählte ihr, daß die Semjonowa bei der letzten Vorstellung mitten im Spiel hingefallen sei.

»Wissen Sie, Komtesse«, sagte er plötzlich zu ihr wie zu einer alten, langjährigen Bekannten, »es wird jetzt bei uns ein Karussell in Kostümen veranstaltet, daran sollten Sie doch teilnehmen. Das wird sicher sehr lustig. Wir gehen alle zu den Karagins. Bitte, kommen Sie doch, nicht wahr?« fügte er dann etwas leiser hinzu.

Während er dies sagte, hatte er seine lächelnden Augen nicht ein einziges Mal von Nataschas Gesicht, ihrem Hals und ihren entblößten Armen abgewandt. Natascha wußte genau, daß er von ihr entzückt war. Das war ihr angenehm, aber trotzdem wurde ihr in seiner Gegenwart eng und schwer zumute. Sobald sie ihn nicht ansah, fühlte sie, wie sein Blick über ihre Schultern glitt, und dann suchte sie unwillkürlich seinen Blick einzufangen, damit er ihr lieber in die Augen sehe. Wenn sie aber einander in die Augen schauten, fühlte sie zu ihrem Entsetzen, daß zwischen ihm und ihr jene Schranke der Schamhaftigkeit gar nicht vorhanden war, die sie zwischen sich und anderen Männern immer wahrgenommen hatte. Ohne selber zu wissen, wie es kam, fühlte sie sich diesem Menschen bereits nach fünf Minuten schrecklich nahe. Wandte sie ihm den Rücken, so fürchtete sie, er könne sie von hinten an den nackten Armen fassen und auf den Nacken küssen. Obgleich sie sich von den allerharmlosesten Dingen unterhielten, fühlte sie doch, daß sie ihm nähergetreten war als je einem anderen Mann. Natascha sah sich nach Helene und nach dem Vater um, als wolle sie diese beiden fragen, was das zu bedeuten habe, aber Helene war in ihre Unterhaltung mit einem General vertieft und gab ihr auf ihren Blick keine Antwort, und aus den Augen ihres Vaters las sie weiter nichts als das, was er immer zu sagen pflegte: Amüsierst du dich? Na, das freut mich.

Als in einem jener Augenblicke unbehaglichen Schweigens Anatol sie mit weitgeöffneten Augen ruhig und unverwandt ansah, fragte ihn Natascha, um dem Stillschweigen ein Ende zu machen, wie ihm Moskau gefalle. Kaum hatte sie es ausgesprochen, so wurde sie über und über rot. Sie hatte fortwährend den Eindruck, als ob sie etwas Unpassendes täte, wenn sie sich mit ihm unterhielte. Anatol lächelte, wie wenn er sie aufmuntern wollte.

»Zuerst gefiel es mir nicht besonders, denn was eine Stadt angenehm macht, ce sont les jolies femmes. Nicht wahr? Na, aber jetzt gefällt es mir sehr gut hier«, sagte er und sah sie dabei bedeutsam an. »Sie kommen doch zu unserem Karussell, Komtesse, nicht wahr? Kommen Sie nur«, sagte er, streckte die Hand nach ihrem Bukett aus und fügte dann mit etwas gedämpfter Stimme hinzu: »Vous serez la plus jolie. Venez, chère comtesse, et comme gage donnez-moi cette fleur.«

Natascha verstand das, was er sagte, anders als er, aber sie fühlte doch auch aus den nichtverstandenen Worten einen unziemlichen Anschlag heraus. Sie wußte nicht, was sie sagen sollte, und wandte sich ab, als hätte sie das, was er gesagt hatte, gar nicht gehört. Kaum hatte sie sich aber abgewandt, so mußte sie auch schon wieder daran denken, daß er dort hinter ihr und so ganz nahe bei ihr saß.

Was denkt er jetzt? Ist er verwirrt? Erzürnt? Muß ich das wieder gutmachen? fragte sie sich im stillen, konnte es nicht lange aushalten und mußte sich wieder umsehen. Sie blickte ihm gerade in die Augen, und seine Nähe, seine Sicherheit und sein gutmütiges, liebenswürdiges Lächeln besiegten sie immer wieder. Sie lächelte jetzt ebenso wie er selbst, wenn sie ihm offen in die Augen sah. Und wieder wurde sie sich mit Schrecken bewußt, daß es zwischen ihr und ihm keine Schranke mehr gab.

Wieder ging der Vorhang auf. Anatol verließ ruhig und heiter die Loge. Natascha kehrte in die Loge ihres Vaters zurück, schon vollständig überwältigt von der Welt, in der sie sich befand. Alles, was sich vor ihr abspielte, kam ihr bereits vollkommen natürlich vor, und all ihre ehemaligen Gedanken: an ihren Bräutigam, an Prinzessin Marja und an das Leben auf dem Lande kamen ihr nicht ein einziges Mal mehr in den Sinn, als wäre das etwas, was unendlich weit hinter ihr lag.

Im vierten Akt sah man auf der Bühne so etwas wie einen Teufel, der sang und mit den Armen fuchtelte, bis man die Bretter unter seinen Füßen wegzog, so daß er versank. Das war das einzige, was Natascha vom ganzen vierten Akt sah: ein unbestimmtes Gefühl erregte und quälte sie, dessen Ursache Kuragin war, den sie unwillkürlich mit den Augen verfolgte.

Als sie aus dem Theater herausgingen, trat Anatol noch einmal auf sie zu, rief ihren Wagen herbei und half ihnen beim Einsteigen. Während er Natascha half, drückte er ihr den Arm oberhalb des Ellbogens. Natascha sah sich mit rotem erregtem Gesicht nach ihm um. Seine Augen blitzten sie an, und er lächelte ihr zärtlich zu.

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