Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Natascha hatte auf Kuragin einen sehr starken Eindruck gemacht. Als er nach dem Theater mit Dolochow zusammen zu Abend speiste, zählte er diesem mit den Allüren eines Kenners die Reize ihrer Arme, Schultern, Füße und Haare auf und teilte ihm seinen Entschluß mit, sich an sie heranzumachen. Was aus dieser Liebelei werden sollte, das mochte Anatol sich nicht überlegen und wollte es auch gar nicht wissen, wie er sich überhaupt niemals darum kümmerte, welche Folgen seine Handlungen haben könnten.
»Hübsch ist sie, alter Junge, aber das ist nichts für uns«, sagte Dolochow zu ihm.
»Ich werde es meiner Schwester sagen, daß sie sie zum Mittagessen einlädt«, erwiderte Anatol. »Nicht?«
»Du solltest lieber warten, bis sie verheiratet ist …«
»Aber du weißt doch«, sagte Anatol, »j’adore les petites filles, und das ist dann bald dahin.«
»Du bist schon einmal auf eine ›petite fille‹ hereingefallen«, erwiderte Dolochow, der von Anatols Ehe wußte. »Sieh dich vor!«
»Na, zweimal kann einem das doch nicht passieren! Nicht?« sagte Anatol und lachte gutmütig.
12
An dem der Theatervorstellung folgenden Tag gingen die Rostows nirgends hin, und es kam auch niemand zu ihnen. Marja Dmitrijewna besprach mit Nataschas Vater etwas, das diese nicht hören sollte. Natascha erriet, daß sie vom alten Fürsten redeten und sich etwas ausdachten, und das beunruhigte und kränkte sie. Sie erwartete den Fürsten Andrej jeden Augenblick und schickte an diesem Tag zweimal den Hausknecht nach der Wosdwishenka hin, um zu erfahren, ob er noch nicht gekommen sei. Aber er kam nicht. Es war ihr jetzt schwerer ums Herz als in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft in Moskau. Zu all ihrer Ungeduld und traurigen Sehnsucht nach ihm kam noch die unangenehme Erinnerung an den Besuch bei der Prinzessin Marja und dem alten Fürsten und eine Bangigkeit und Unruhe, deren Ursache sie sich nicht erklären konnte. Immer hatte sie das Gefühl, als werde er überhaupt niemals kommen, oder als werde etwas mit ihr geschehen, noch ehe er zurückkam. Wenn sie allein und sich selber überlassen war, konnte sie sich nicht mehr so ruhig und ununterbrochen in Gedanken mit ihm beschäftigen wie früher. Sobald sie nur anfing, an ihn zu denken, mischte sich sogleich in ihre Gedanken die Erinnerung an Prinzessin Marja und den alten Fürsten, an die letzte Theatervorstellung und an Kuragin. Wieder stieg die Frage vor ihr auf, ob sie nicht doch schuldig war und nicht doch dem Fürsten Andrej bereits die Treue gebrochen habe, und dies veranlaßte sie wiederum, sich alles noch einmal bis in die kleinsten Einzelheiten ins Gedächtnis zurückzurufen, jedes Wort, jede Geste, jeden flüchtigen Ausdruck im Mienenspiel dieses Menschen, der ein ihr so unverständliches, furchtbares Gefühl in ihr zu erwecken verstanden hatte. Ihren Hausgenossen kam Natascha jetzt lebhafter vor als früher, aber sie war bei weitem nicht mehr so ruhig und glücklich wie einst.
Am Sonntag morgen lud Marja Dmitrijewna ihre Gäste zur Messe in die Kirche der Gemeinde ein, zu welcher sie gehörte.
»Ich kann diese Modekirchen nicht leiden«, sagte sie, sichtlich stolz auf ihr freies Urteil. »Gott ist überall derselbe. Wir haben einen prächtigen Popen, der so, wie es sich gehört, die Messe liest, in würdiger Art, und der Diakonus ebenfalls. Erhöht das etwa die heilige Andacht, wenn auf dem Chor ganze Konzerte gesungen werden? Das mag ich nicht, das sind nur Kinkerlitzchen!«
Marja Dmitrijewna liebte die Sonntage und verstand sie zu feiern. Jeden Sonnabend wurde ihr ganzes Haus von oben bis unten gewaschen und sauber geputzt, am Sonntag aber rührte weder sie selber eine Hand noch irgendeiner ihrer Leute: alle waren festlich gekleidet und gingen regelmäßig zur Messe. An der Mittagstafel der Herrschaft gab es noch ein paar Gänge mehr, und die Leute erhielten Schnaps und Gänsebraten oder Spanferkel. Aber nichts im ganzen Haus verkündete so unwiderruflich den Sonntag wie Marja Dmitrijewnas breites, ernstes Gesicht, das an diesem Tag stets einen unverändert feierlichen Ausdruck anzunehmen pflegte.
Als man nach der Messe im Salon, wo heute die Überzüge abgenommen waren, Kaffee trank, wurde Marja Dmitrijewna gemeldet, der Wagen sei bereit. Sie erhob sich mit strengem Gesicht, warf ihren Paradeschal um, den sie nur beim Besuchemachen zu tragen pflegte, und erklärte, sie fahre zum Fürsten Nikolaj Andrejewitsch Bolkonskij, um sich mit ihm über Natascha auszusprechen.
Nachdem Marja Dmitrijewna fortgefahren war, kam eine Modistin von Madame Chalmé zu den Rostows, und Natascha ging, höchst befriedigt über diese Ablenkung, ins Nebenzimmer, machte die Tür zum Salon zu und fing an, die neuen Kleider zu probieren. Während sie gerade eine bis jetzt nur geheftete Taille ohne Ärmel übergezogen hatte und mit umgewandtem Kopf in den Spiegel schaute, um zu sehen, wie der Rücken saß, hörte sie im Salon plötzlich die aufgeregte Stimme ihres Vaters und gleich darauf eine weibliche Stimme, die sie erröten machte. Es war Helene Besuchowa. Natascha hatte noch nicht Zeit gehabt, die Taille abzustreifen, als sich die Tür auftat und die Gräfin Besuchowa in einem dunkellila Samtkleid mit hohem Kragen mit strahlend gutmütigem und liebenswürdigem Lächeln ins Zimmer trat.
»Ah, ma délicieuse!« sagte sie zu der errötenden Natascha. »Charmante! Nein, so etwas ist ja noch nie dagewesen, mein lieber Graf«, wandte sie sich an Ilja Andrejewitsch, der ihr auf dem Fuß folgte, »wie können Sie nur in Moskau leben und nirgends hingehen? Nein, ich lasse Ihnen keine Ruhe! Heute abend wird Mademoiselle Georges bei mir einiges vortragen, und dazu werden sich ein paar Bekannte bei mir einfinden. Wenn Sie mir da Ihre reizenden Töchter vorenthalten, die viel entzückender sind als Mademoiselle Georges selber, so kündige ich Ihnen meine Freundschaft. Mein Mann ist nicht da, er ist nach Twer gefahren, sonst hätte ich ihn schon hergeschickt, um Sie für unseren Abend zu gewinnen. Sie müssen unbedingt, unbedingt kommen. Um neun Uhr, bitte.«
Sie nickte der bekannten Modistin, die sich ehrerbietig vor ihr verbeugte, zu, und ließ sich auf einen Sessel neben dem Spiegel nieder, wobei sie ihr Samtkleid in malerische Falten legte. Dann fing sie in ihrer gutmütigen lustigen Weise zu plaudern an, ohne auch nur einmal eine Pause zu machen, und äußerte sich fortwährend entzückt über Nataschas Schönheit. Sie sah sich die neuen Kleider an und lobte sie, pries auch eine ihrer eignen Toiletten en gaze métallique, die sie sich aus Paris hatte kommen lassen, und gab Natascha den Rat, sich eine ebensolche zu verschaffen.
»Übrigens steht Ihnen ja alles, mein reizendes Kind«, sagte sie.
Natascha strahlte nur so vor Vergnügen. Sie fühlte sich glücklich und neu erblüht unter den Lobeserhebungen dieser liebenswürdigen Gräfin Besuchowa, die sie früher für eine so stolze, unnahbare Dame gehalten hatte, und die doch jetzt so nett zu ihr war. Natascha wurde ganz heiter und war in diese Frau, die dermaßen schön und gutherzig war, fast verliebt. Helene aber war aufrichtig von Natascha entzückt und wollte sie heiter stimmen. Anatol hatte sie darum gebeten, ihn mit Natascha zusammenzuführen, und deshalb war sie denn heute zu den Rostows gefahren. Der Plan, Natascha mit ihrem Bruder zusammenzubringen, kam ihr unterhaltend vor.
Obgleich sie sich früher über Natascha geärgert hatte, weil diese damals der Grund gewesen war, daß Boris sich in Petersburg von ihr ferngehalten hatte, trug sie ihr das doch jetzt nicht mehr nach und wünschte Natascha auf ihre Art von ganzem Herzen alles Gute. Ehe sie von den Rostows fortfuhr, rief sie ihren Schützling noch einmal beiseite.
»Gestern war mein Bruder bei mir zum Mittagessen – wir sind fast gestorben vor Lachen – er aß nicht und trank nicht, sondern seufzte nur immer nach Ihnen, mein reizendes Kerlchen. Il est fou, mais fou amoureux de vous, ma chère.«