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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Als auf der Bühne einmal alles still war, weil gerade eine Arie einsetzen sollte, knarrte auf der Seite von Rostows Loge die Eingangstür zum Parkett, und man hörte die Schritte eines zu spät kommenden Herrn. »Das ist Kuragin«, flüsterte Schinschin. Die Gräfin Besuchowa wandte sich um und lächelte dem Eintretenden zu. Natascha schaute nach derselben Seite wie die Gräfin Besuchowa und erblickte einen auffallend hübschen Adjutanten, der mit selbstbewußter und dabei doch höflicher Miene unter ihrer Loge vorüberging. Es war Anatol Kuragin, den sie seinerzeit auf dem Ball in Petersburg gesehen hatte und der ihr schon damals aufgefallen war. Er trug jetzt Adjutantenuniform mit Epaulett und Achselband. Sein gemäßigt forscher Gang hätte lächerlich gewirkt, wenn er nicht ein so schmucker Kerl gewesen wäre und sein hübsches Gesicht nicht einen so harmlos zufriedenen, heiteren Ausdruck gezeigt hätte. Obgleich es mitten im Akt war, schlenderte er doch, leicht mit Sporen und Säbel klirrend, den schönen, pomadisierten Kopf frei und hoch tragend, lässig und ohne sich zu beeilen, durch den mit Teppichen ausgelegten Gang. Als er Natascha erblickte, trat er auf seine Schwester zu, legte seine Hand in dem wie angegossen sitzenden Handschuh auf die Brüstung ihrer Loge, nickte ihr grüßend zu und fragte sie etwas, indem er auf Natascha wies.

»Mais charmante«, sagte er dann offenbar über Natascha, was diese nicht nur hörte, sondern auch von seinen Lippen ablas. Dann ging er in die erste Reihe, setzte sich neben Dolochow und stieß ihn, um dessen Gunst alle anderen so warben, freundschaftlich und lässig mit dem Ellbogen an. Dann blinzelte und lächelte er ihm lustig zu und stemmte das Bein gegen die Rampe.

»Wie ähnlich doch Bruder und Schwester einander sind«, sagte der Graf. »Und wie schön alle beide.«

Schinschin erzählte dem Grafen irgendeine tolle Geschichte, die in Moskau über Kuragin in Umlauf war, auf die Natascha nur aus dem Grund hinlauschte, weil er von ihr »charmante« gesagt hatte.

Der erste Akt war zu Ende. Im Parkett standen alle auf, drängten sich wirr durcheinander, gingen hinaus und kamen herein.

Boris trat zu den Rostows in die Loge, nahm harmlos ihre Glückwünsche entgegen, überbrachte dann Natascha und Sonja mit hochgezogenen Brauen und zerstreutem Lächeln die Bitte seiner Braut, doch ja an ihrer Hochzeit teilzunehmen, und ging wieder hinaus. Natascha hatte sich mit lustigem, kokettem Lächeln mit ihm unterhalten und jenem Boris, in den sie einst so verliebt gewesen war, zu seiner Verlobung von ganzem Herzen Glück gewünscht. In dem Zustand der Berauschtheit, in dem sie sich augenblicklich befand, kam ihr alles so einfach und natürlich vor.

Die nackte Helene saß neben ihr und lächelte allen in derselben Weise zu, und ganz ebenso hatte nun Natascha auch Boris zugelächelt.

Helenens Loge, die schon voller Gäste war, wurde nun auch vom Parkett aus von den bekanntesten und geistreichsten Herren umringt. Es schien, als wollten alle sich gegenseitig und auch den übrigen Leuten zeigen, daß sie mit ihr bekannt waren.

Kuragin stand während dieser ganzen Pause mit Dolochow zusammen vorn an der Rampe und sah nach der Rostowschen Loge hinüber. Natascha wußte, daß er über sie sprach, und das bereitete ihr Vergnügen. Sie drehte sich sogar so, daß er ihr Gesicht von der Seite sehen mußte, von der es ihrer Ansicht nach am vorteilhaftesten aussah. Kurz vor Beginn des zweiten Aktes tauchte im Parkett auch die behäbige Gestalt Pierres auf, den die Rostows seit ihrer Ankunft in Moskau noch nicht zu Gesicht bekommen hatten. Er machte ein trauriges Gesicht und war seit der Zeit, da ihn Natascha zum letztenmal gesehen hatte, noch dicker geworden. Ohne jemandem Beachtung zu schenken, ging er nach den ersten Reihen. Anatol trat auf ihn zu und sagte etwas zu ihm, wobei er mit einem Blick auf die Rostowsche Loge wies. Als Pierre Natascha gesehen hatte, wurde er lebhafter, ging eilig durch die Reihen und trat auf ihre Loge zu. Als er sie erreicht hatte, lehnte er sich mit den Ellbogen auf die Brüstung, lächelte und unterhielt sich lange mit Natascha.

Während Natascha mit Pierre sprach, hörte sie in der Nebenloge bei der Gräfin Besuchowa eine Männerstimme, und wußte aus irgendeinem Grund sofort, daß dies Kuragin war. Sie blickte sich um, und ihre Augen trafen sich. Fast lächelnd sah er ihr mit einem so entzückten, schmeichelnden Blick gerade in die Augen, daß es ihr sonderbar schien, ihm so nahe zu sein, ihn so zu sehen, so überzeugt zu sein, daß sie ihm gefiel, ohne ihn persönlich zu kennen.

Im zweiten Akt waren Grabsteine auf die Pappwände gemalt, in der Leinwand hinten war ein Loch, das den Mond darstellte, die Lampen an der Rampe hatte man mit Schirmen abgeblendet, die Trompeten und Bässe spielten ganz tiefe Noten, und von rechts und von links kamen eine Masse Leute in schwarzen Mänteln heraus. Diese Leute begannen mit den Armen zu fuchteln, und in den Händen hatten sie eine Art Dolche. Dann kamen noch andere Leute herzugelaufen und fingen an, jenes Mädchen, das erst das weiße Kleid angehabt hatte und jetzt ein himmelblaues trug, mit Gewalt fortzuschleppen. Aber das taten sie nicht plötzlich und mit einemmal, sondern sangen erst noch ein langes und breites mit ihr hin und her, bis sie sie dann wirklich forttrugen. Darauf schlug jemand hinter der Bühne dreimal auf etwas Metallisches, und alle fielen auf die Knie und sangen ein Gebet. Ab und zu wurde diese Handlung von den entzückten Beifallskundgebungen der Zuschauer unterbrochen.

Jedesmal, wenn Natascha während dieses Aktes ins Parkett hinunterschaute, sah sie Anatol Kuragin, wie er, den Arm auf die Lehne seines Sessels gelegt, zu ihr herüberschaute. Es machte ihr Freude zu sehen, daß er so von ihr entzückt war, und nicht einmal kam ihr der Gedanke, daß dabei etwas Schlechtes sein könne.

Als der zweite Akt zu Ende war, stand die Gräfin Besuchowa auf, wandte sich der Rostowschen Loge zu – ihre Brust war jetzt völlig unverhüllt – winkte mit ihrer behandschuhten Rechten den alten Grafen zu sich heran und knüpfte mit dem liebenswürdigsten Lächeln ein Gespräch mit ihm an, ohne all den anderen, die in ihre Loge traten, Beachtung zu schenken.

»Aber so machen Sie mich doch mit Ihren entzückenden Töchtern bekannt«, sagte sie. »Die ganze Stadt spricht von ihnen, und ich kenne sie nicht.«

Natascha stand auf und machte vor der üppigen Gräfin ihren Knicks. Sie freute sich so über das Lob dieser strahlend schönen Frau, daß sie vor Vergnügen über und über rot wurde.

»Ich habe jetzt auch die Absicht, zur Moskowiterin zu werden«, sagte Helene. »Aber schämen Sie sich denn nicht, solche Perlen auf dem Lande verborgen zu halten?«

Die Gräfin Besuchowa stand nicht zu Unrecht im Ruf einer bezaubernden Frau. Sie verstand es ausgezeichnet, oft das Gegenteil dessen zu sagen, was sie dachte, und war eine Meisterin in der Kunst, jemandem in harmloser und natürlicher Weise eine Schmeichelei zu sagen.

»Nein, lieber Graf, das müssen Sie mir schon erlauben, daß ich mich Ihrer beiden Töchter annehme. Ich bin zwar jetzt nur vorübergehend in Moskau, aber Sie ja ebenfalls. Ich werde mir alle Mühe geben, ihre jungen Damen zu amüsieren. Ich habe schon in Petersburg viel von Ihnen gehört und wollte Sie schon immer gern kennen lernen«, sagte sie mit ihrem Allerweltslächeln zu Natascha. »Mein Page, Drubezkoj, erzählte mir von Ihnen – haben Sie schon gehört, daß er heiratet? – und dann noch ein Freund meines Mannes, Bolkonskij, Fürst Andrej Bolkonskij«, sagte sie mit ganz besonderer Betonung, um anzudeuten, daß sie Nataschas Beziehungen zu ihm kannte. Dann forderte Helene die jungen Damen auf, eine von ihnen solle sich doch für den Rest der Vorstellung neben sie in ihre Loge setzen, damit sie besser miteinander bekannt werden könnten, und so ging Natascha zu ihr hinüber.

Im dritten Akt sah man auf der Bühne einen Palast dargestellt, in dem unzählige Kerzen brannten und Bilder an den Wänden hingen, die bärtige Ritter darstellten. Zwei Personen standen in der Mitte, wahrscheinlich König und Königin. Der König bewegte den rechten Arm, sang etwas – aber es klang schlecht, weil er sichtlich Angst hatte – und setzte sich dann auf den himbeerfarbenen Thron. Das Mädchen, das erst das weiße und dann das himmelblaue Kleid angehabt hatte, war jetzt nur mit einem Hemd bekleidet und stand mit offenem Haar neben dem Thron. Sie sang, an die Königin gewandt, etwas recht Trauriges, aber der König winkte streng mit der Hand, und da kamen aus den Pappwänden an der Seite Männer und Frauen mit nackten Beinen heraus und fingen miteinander zu tanzen an. Die Geigen zirpten lustig und in den höchsten Tönen, und ein Mädchen mit dicken nackten Beinen und mageren Armen zog sich von den anderen zurück, rannte hinter die Kulissen, zupfte ihr Mieder zurecht, lief dann wieder in die Mitte und fing hier an zu springen und ein Bein gegen das andere zu schlagen. Die Leute im Parkett klatschten in die Hände und riefen bravo. Darauf stellte sich auf der Bühne ein Mann in eine Ecke. Die Zimbeln und Trompeten im Orchester spielten noch lauter, und da fing denn dieser eine Mann auf der Bühne an, mit seinen nackten Beinen sehr hoch zu springen, und machte dann wieder ganz kleine, schnelle und zierliche Schritte. Dieser Mann war Duport, der für seine Kunst sechzigtausend Rubel im Jahr erhielt. Im Parkett, in den Logen und auf der Galerie fing alles an, wie rasend Beifall zu klatschen und zu toben, und der Mann auf der Bühne hielt inne, lächelte und verbeugte sich nach allen Seiten. Dann tanzten noch andere Männer und Frauen mit nackten Beinen, worauf der König oder einer aus dem Gefolge etwas rief, wozu die Musik spielte, und nun fingen wieder alle an zu singen. Plötzlich geriet alles in Aufruhr, im Orchester hörte man chromatische Tonleitern und Akkorde in verminderten Septimen, alles rannte durcheinander, und wieder wurde einer der Anwesenden hinter die Kulissen geschleppt. Der Vorhang fiel. Wieder brachen die Zuschauer in fürchterliches Lärmen und Toben aus, und alles schrie mit verzückten Gesichtern: »Duport! Duport! Duport!« Auch Natascha fand dies nicht mehr sonderbar, ja es bereitete ihr sogar Vergnügen, und sie sah sich glücklich lächelnd um.

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