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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Mademoiselle Bourienne gewann als erste nach dieser Erscheinung ihre Fassung wieder und lenkte das Gespräch auf die Unpäßlichkeit des Fürsten. Natascha und Prinzessin Marja blickten einander schweigend an, und je länger sie sich so stumm ansahen, ohne das, was ihnen am Herzen lag, aussprechen zu können, um so weniger wohlwollend dachten sie voneinander.

Als der Graf zurückkam, freute sich Natascha in ziemlich unhöflicher Weise über sein Kommen und hatte es sehr eilig, wegzufahren. In diesem Augenblick haßte sie fast die alte, trockene Prinzessin, die sie in eine so peinliche Lage versetzt und es fertig gebracht hatte, eine halbe Stunde mit ihr zusammen zu sein, ohne den Fürsten Andrej auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Ich konnte doch vor dieser Französin nicht als erste von ihm zu reden anfangen, dachte Natascha.

Inzwischen quälte sich Prinzessin Marja nicht weniger. Sie wußte, was sie Natascha hätte sagen müssen, aber sie hatte es deshalb nicht tun können, weil Mademoiselle Bourienne sie gestört hatte, und dann kam es ihr, sie wußte selber nicht warum, so schwer an, mit Natascha über diese Ehe zu sprechen. Als der Graf schon aus dem Zimmer gegangen war, lief die Prinzessin Natascha noch mit schnellen Schritten nach, nahm ihre Hand und sagte mit einem schweren Seufzer: »Warten Sie, ich muß Ihnen noch …«

Natascha blickte, ohne selber zu wissen warum, Prinzessin Marja spöttisch an.

»Meine liebe Natalie«, sagte Prinzessin Marja, »seien Sie überzeugt, daß ich glücklich bin, daß mein Bruder in Ihnen sein Glück gefunden hat …«

Sie hielt inne, da sie fühlte, daß sie die Unwahrheit sagte. Natascha bemerkte ihr Stocken und erriet seinen Grund.

»Ich denke, Prinzessin, daß es jetzt nicht an der Zeit ist, darüber zu reden«, sagte Natascha, äußerlich würdig und kühl, aber sie konnte kaum noch das Schluchzen zurückhalten, das ihr in der Kehle aufstieg.

Was habe ich gesagt, was habe ich getan! dachte sie, als sie kaum aus dem Zimmer heraus war.

An diesem Tag ließ Natascha beim Mittagessen lang auf sich warten. Sie saß in ihrem Zimmer und schluchzte wie ein Kind und schluckte und schneuzte sich. Sonja stand vor ihr und küßte sie aufs Haar.

»Natascha, was fehlt dir denn?« fragte sie. »Was hast du denn mit denen zu schaffen? Das geht doch vorüber, Natascha.«

»Nein, wenn du nur wüßtest, wie kränkend das ist … Ganz, als wäre ich …«

»Hör auf, Natascha. Sieh, du kannst doch nichts dafür. Also, was kümmert’s dich dann? Komm, gib mir einen Kuß«, sagte Sonja.

Natascha hob den Kopf, küßte ihre Freundin auf die Lippen und preßte ihr nasses Gesicht an deren Wangen.

»Ich kann nicht sagen, wer schuld daran ist, ich weiß es nicht. Niemand ist schuld«, sagte Natascha. »Oder doch ich selbst. Aber das tut so schrecklich weh. Ach, wenn er doch bloß käme!«

Mit rotgeweinten Augen kam sie zum Mittagessen. Marja Dmitrijewna, die bereits erfahren hatte, wie die Rostows beim Fürsten empfangen worden waren, gab sich den Anschein, als bemerke sie Nataschas unglückliches Gesicht nicht, und scherzte laut und derb mit dem Grafen und den übrigen Gästen.

8

An diesem Abend sollten die Rostows in die Oper fahren. Marja Dmitrijewna hatte ihnen Eintrittskarten verschafft.

Natascha hatte gar keine Lust, aber sie konnte Marja Dmitrijewnas liebenswürdiges Anerbieten, die damit hauptsächlich ihr eine Freude hatte bereiten wollen, unmöglich abschlagen. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie in den Saal, um dort auf den Vater zu warten, besah sich in dem großen Spiegel, bemerkte, daß sie hübsch aussah, sehr hübsch sogar, und da wurde ihr noch trauriger zumute, aber es war eine süße, sehnsuchtsvolle Traurigkeit.

Mein Gott, wenn er doch nur hier wäre, dann würde ich ihn nicht so wie früher umarmen, nicht mit jener dummen Angst vor irgend etwas, sondern ganz anders, einfach und frei würde ich ihn an mich pressen, würde ihn zwingen, mich mit seinen suchenden, forschenden Augen anzusehen, wie er mich sooft betrachtete, und dann würde ich ihn zum Lachen bringen, so wie er damals lachte. Und seine Augen – wie deutlich ich diese Augen vor mir sehe! dachte Natascha. Was gehen mich sein Vater und seine Schwester an? Ich liebe ihn, ihn allein, ihn, dieses Gesicht, diese Augen und sein halb männliches, halb kindliches Lächeln … Nein, lieber nicht an ihn denken, nicht daran denken, alles vergessen, ganz vergessen diese Zeit über. Sonst kann ich dieses Warten nicht ertragen, sonst werde ich gleich wieder losheulen, und sie ging vom Spiegel weg und tat sich Gewalt an, nicht loszuschluchzen. Wie kann nur Sonja Nikolenka so ruhig und gleichmäßig lieben und so lang und geduldig auf ihn warten? dachte sie und sah Sonja an, die jetzt ebenfalls fertig angekleidet mit dem Fächer in der Hand ins Zimmer trat. Nein, sie ist ganz anders als ich. Ich kann das nicht.

Natascha war in diesem Augenblick in einer so weichen und zärtlichen Stimmung, daß ihr das Bewußtsein, zu lieben und geliebt zu werden, nicht mehr genügte: sie mußte jetzt, augenblicklich, den geliebten Mann umarmen, Liebesworte von ihm hören und ihm sagen, wovon ihr Herz so voll war. Während sie, neben dem Vater sitzend, im Wagen dahinfuhr und in Gedanken versunken nach den an den gefrorenen Wagenfenstern vorbeihuschenden Laternenlichtern blickte, wurde ihr noch sehnsüchtiger und trauriger zumute und sie vergaß ganz, mit wem und wohin sie fuhr. Die Rostowsche Equipage bog nun in den langen Zug der Wagen ein und fuhr, langsam mit den Rädern über den Schnee hinknirschend, im Schritt am Theater vor. Behend sprangen Natascha und Sonja, ihre Kleider raffend, heraus, dann folgte der Graf, von den Dienern gestützt, und alle drei begaben sich durch das Gewirr der hineinströmenden Damen und Herren und der Zettelverkäufer nach dem Foyer der Parkettlogen. Durch die halbgeöffneten Türen hörte man schon die Klänge der Musik.

»Natalie, vos cheveux …« flüsterte Sonja.

Der Logenschließer huschte flink und höflich vor den Damen her und machte die Tür zur Loge auf. Lauter hörte man die Musik, und die hellerleuchteten Logenreihen mit den entblößten Schultern und Armen der Damen und das lärmende, von bunten Uniformen schimmernde Parkett erschienen in strahlendem Glanz. Eine Dame, die in die Nebenloge eintrat, warf Natascha einen frauenhaft neidischen Blick zu. Der Vorhang war noch nicht aufgegangen, man spielte die Ouvertüre. Natascha zupfte ihr Kleid zurecht, ging mit Sonja vor, setzte sich und betrachtete die strahlend erleuchteten Reihen der gegenüberliegenden Logen. Das Gefühl, daß sich Hunderte von Augen auf ihren nackten Hals und ihre nackten Arme richteten, das sie solange nicht empfunden hatte, löste halb angenehme, halb unangenehme Empfindungen in ihr aus und scheuchte einen ganzen Schwarm damit verknüpfter Erinnerungen, Wünsche und Aufregungen in ihr auf.

Die beiden auffallend hübschen Mädchen, Natascha und Sonja, unter der Obhut des Grafen Ilja Andrejewitsch, den man so lange nicht in Moskau gesehen hatte, zogen die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Man wußte dunklen Gerüchten zufolge, daß Natascha mit dem Fürsten Andrej verlobt war, wußte, daß die Rostows bis jetzt auf dem Lande gelebt hatten, und musterte nun voll Neugier die Braut eines Mannes, der als eine der reichsten und vornehmsten Partien von ganz Rußland galt.

Natascha war, wie ihr auch alle sagten, auf dem Land noch hübscher geworden und sah an diesem Abend infolge ihrer inneren Erregung ganz besonders vorteilhaft aus. Sie setzte durch ihre Fülle an Schönheit und Leben, die mit gelassener Gleichgültigkeit gegen ihre ganze Umgebung gepaart war, alle in Erstaunen. Ohne für irgend jemanden Aufmerksamkeit zu zeigen, ließ sie ihre schwarzen Augen über die Menge schweifen, ihr zarter, bis über den Ellbogen entblößter Arm ruhte auf der samtenen Brüstung der Loge, und leise und unbewußt bewegte sich ihre Hand im Takt der Ouvertüre, wobei sie den Theaterzettel leicht zerknitterte.

»Sieh mal, dort ist die Alenina«, sagte Sonja. »Ich glaube, mit ihrer Mutter.«

»Großer Gott! Michail Kirilytsch ist noch dicker geworden!« bemerkte der alte Graf.

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