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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Natascha schwieg. Marja Dmitrijewna dachte, sie tue dies aus Schüchternheit, aber es war Natascha im Grund ihres Herzens unangenehm, daß man sich in ihre Liebesangelegenheiten mit dem Fürsten Andrej mischte, die ihr so eigenartig und von allem, was andere Menschen fühlten und taten, so verschieden dünkten, daß sie ihrer Ansicht nach gar niemand begreifen konnte. Sie liebte und kannte nur den Fürsten Andrej, er liebte sie und mußte jeden Tag kommen und sie heimführen. Weiter hatte sie gar nichts nötig.

»Siehst du, ich kenne ihn schon seit langer Zeit und habe auch deine Schwägerin Maschenka sehr gern. Schwägerin – Anklägerin, sagt man sonst immer, die aber tut keiner Fliege etwas zuleide. Sie hat mich gebeten, euch zusammenzuführen. Du wirst morgen mit deinem Vater zu ihr hinfahren, komme ihr da recht liebenswürdig entgegen: du bist jünger als sie. Wenn dann dein Bräutigam zurückkommt, bist du bereits mit seiner Schwester und seinem Vater bekannt und man hat dich schon liebgewonnen. Ist’s nicht so? Wird das nicht das beste sein?«

»Ja«, entgegnete Natascha widerwillig.

7

Am andern Tag fuhr Graf Ilja Andrejewitsch auf den Rat Marja Dmitrijewnas mit Natascha zum Fürsten Nikolaj Andrejewitsch. Ziemlich verstimmt bereitete sich der Graf auf diesen Besuch vor: er empfand im Grund seines Herzens ein bißchen Angst. Er hatte sein letztes Renkontre mit dem Fürsten gelegentlich der Aushebung des Landsturmes noch nicht vergessen, wo er als Antwort auf seine Einladung zum Mittagessen nur einen tüchtigen Rüffel vom Fürsten bekommen hatte, daß nicht rechtzeitig genügend Leute von ihm gestellt worden waren. Natascha dagegen hatte ihr bestes Kleid angezogen und befand sich in heiterster Stimmung. Es kann ja gar nicht sein, daß sie mich nicht liebgewinnen werden, dachte sie, bisher haben mich immer alle Leute gern gehabt. Und ich bin so bereit, alles zu tun, was sie von mir verlangen, so bereit, sie liebzuhaben, ihn, weil er sein Vater, und sie, weil sie seine Schwester ist, daß sie keinen Grund haben werden, mich nicht wiederzulieben.

So fuhren sie vor dem alten düstern Haus in der Wosdwishenka vor und traten in die Halle ein.

»Nun sei uns Gott gnädig«, flüsterte der Graf halb scherzend, halb ernst, aber Natascha bemerkte, daß ihr Vater nicht so ruhig wie sonst ins Vorzimmer trat und schüchtern und leise fragte, ob der Fürst und die Prinzessin zu Hause seien.

Nachdem ihre Ankunft gemeldet worden war, machte sich bei der Dienerschaft eine gewisse Kopflosigkeit bemerkbar. Der Diener, der sie drinnen gemeldet hatte, wurde im Saal von einem zweiten zurückgehalten, und beide steckten flüsternd die Köpfe zusammen. Dann kam ein Stubenmädchen in den Saal gelaufen und flüsterte ihnen hastig etwas zu, wobei sie den Namen der Prinzessin nannte. Endlich trat ein alter Diener mit grimmiger Miene auf die Rostows zu und meldete ihnen, der Fürst könne sie nicht empfangen, Prinzessin Marja aber lasse bitten.

Die erste, die den Gästen entgegenkam, war Mademoiselle Bourienne. Sie begrüßte Vater und Tochter ausnehmend höflich und führte sie zur Prinzessin. Die Prinzessin kam den Gästen mit ihrem schwerfälligen Gang ganz erregt und erschrocken entgegengelaufen, ihr Gesicht war vor Aufregung ganz mit roten Flecken bedeckt, und sie bemühte sich vergebens, ungezwungen und erfreut zu scheinen.

Auf den ersten Blick gefiel der Prinzessin Natascha nicht. Sie kam ihr zu geputzt, zu leichtsinnig heiter, zu eitel vor. Prinzessin Marja war sich nicht bewußt, daß sie aus unwillkürlichem Neid auf Schönheit, Jugend und Glück ihrer künftigen Schwägerin sowie aus Eifersucht auf die Liebe ihres Bruders, schon ehe sie diese erblickt hatte, etwas voreingenommen gegen sie gewesen war. Außer diesem unüberwindlichen Gefühl einer Abneigung war die Prinzessin in diesem Augenblick noch deshalb so aufgeregt, weil der alte Fürst, als ihm die Ankunft der Rostows gemeldet worden war, geschrien hatte, sie sollten sich zum Teufel scheren, Prinzessin Marja könne sie ja empfangen, wenn es ihr Spaß mache, zu ihm aber dürfe man sie niemals vorlassen. Darauf hatte sich Prinzessin Marja entschlossen, die Rostows anzunehmen, fürchtete aber jeden Augenblick, der Fürst werde sich in seiner Wut zu irgendeiner Unhöflichkeit hinreißen lassen, da ihn die Ankunft der Rostows sehr aufgeregt zu haben schien.

»Da habe ich Ihnen nun meine kleine Heidelerche gebracht, meine liebe Prinzessin«, sagte der Graf und verbeugte sich, sah sich dabei aber immer unruhig um, als fürchte er, der alte Fürst könne jeden Augenblick eintreten. »Wie freue ich mich, Sie miteinander bekannt machen zu können … Es ist doch recht bedauerlich, daß der Fürst immer noch leidend ist.« Er sagte noch ein paar allgemeine Phrasen und stand dann auf. »Wenn Sie erlauben, Prinzessin, lasse ich Ihnen meine Natascha auf ein Viertelstündchen hier, ich möchte nur noch schnell, zwei Schritte von hier, bei Anna Semjonowna auf dem Sobatschjaplatz einen Besuch machen und hole meine Tochter dann wieder ab.«

Ilja Andrejewitsch hatte sich diesen diplomatischen Trick ausgedacht, um – wie er seiner Tochter später auseinandersetzte – den künftigen Schwägerinnen Gelegenheit zu geben, sich auszusprechen, aber vielleicht doch auch etwas aus dem Grund, um einer möglichen Begegnung mit dem Fürsten, vor dem er doch ein bißchen Angst hatte, aus dem Wege zu gehen. Das sagte er natürlich seiner Tochter nicht, aber Natascha erriet die Angst und Unruhe ihres Vaters und fühlte sich dadurch gekränkt. Sie errötete für ihren Vater, ärgerte sich aber dann noch mehr darüber, daß sie rot geworden war, und sah Prinzessin Marja mit einem dreisten, herausfordernden Blick an, der bekunden sollte, daß sie selber sich vor niemandem fürchte. Die Prinzessin sagte zum Grafen, sie freue sich darüber sehr und bitte ihn, nur recht lang bei Anna Semjonowna zu bleiben, und Ilja Andrejewitsch ging fort.

Obgleich Prinzessin Marja, die gern mit Natascha unter vier Augen reden wollte, Mademoiselle Bourienne zu wiederholten Malen unruhige Blicke zuwarf, verließ diese doch nicht das Zimmer und unterhielt sich flott über Moskauer Vergnügungen und Moskauer Theater. Natascha fühlte sich gekränkt durch die Ratlosigkeit der Dienerschaft im Vorzimmer, durch die Unruhe ihres Vaters und durch den unnatürlichen Ton der Prinzessin, die, wie ihr schien, ihr eine Gnade erwies, wenn sie sie annahm. Aus diesem Grund machte ihr alles einen unangenehmen Eindruck. Prinzessin Marja gefiel ihr nicht. Sie schien ihr zu häßlich, gemacht und trocken. Natascha zog sich plötzlich ganz in sich selber zurück und nahm unwillkürlich einen lässigen Ton an, der Prinzessin Marja nur noch mehr abstoßen mußte. Nachdem das Gespräch etwa fünf Minuten schwerfällig und erkünstelt dahingeschlichen war, hörte man rasche Schritte in Pantoffeln heranschlürfen. Auf Prinzessin Marjas Gesicht malte sich Entsetzen, die Tür ging auf, und der Fürst trat ein in Schlafrock und weißer Nachtmütze.

»Ah, gnädiges Fräulein«, sagte er, »Fräulein Komtesse … Komtesse Rostowa, wenn ich nicht irre … entschuldigen Sie bitte, entschuldigen Sie … Ich wußte nicht, gnädiges Fräulein, bei Gott, ich wußte nicht, daß Sie uns mit Ihrem Besuch beehrt haben, wollte in diesem Kostüm nur zu meiner Tochter. Entschuldigen Sie bitte, entschuldigen Sie, bei Gott, ich wußte nicht …«, wiederholte er in so unnatürlichem und unangenehmem Ton, wobei er das Wort »Gott« stark betonte, daß Prinzessin Marja dastand, die Augen senkte und weder ihren Vater noch Natascha anzusehen wagte.

Natascha war aufgestanden und hatte einen Knicks gemacht, wußte aber nun auch nicht, was sie weiter tun sollte. Nur Mademoiselle Bourienne lächelte liebenswürdig.

»Bitte um Entschuldigung, bitte um Entschuldigung! Bei Gott, ich wußte nicht …« brummte der Alte noch einmal, musterte Natascha von Kopf bis zu Füßen und ging wieder hinaus.

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