Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Erst nachdem sie zu Hause angelangt waren, konnte sich Natascha über alles klar werden, was mit ihr geschehen war. Plötzlich fiel ihr Fürst Andrej ein, sie erschrak und stöhnte in Gegenwart aller beim Tee, den sie nach dem Theater alle zusammen tranken, laut auf, wurde rot und lief aus dem Zimmer.
Großer Gott, ich bin verloren! sagte sie zu sich selber. Wie konnte ich es so weit kommen lassen? dachte sie. Lange saß sie so da, das heiße Gesicht hinter beiden Händen versteckend, und versuchte, sich klare Rechenschaft darüber abzulegen, was mit ihr geschehen war, aber sie konnte weder das, was sich ereignet hatte, noch das, was sie fühlte, begreifen. Alles schien ihr dunkel, unklar und entsetzlich. Dort in jenem riesigen, hell erleuchteten Saal, wo unter den Klängen der Musik Duport in seinem kurzen Flitterjäckchen mit den nackten Beinen über die feuchten Bretter gesprungen war und alle Welt, von den jungen Mädchen bis zu den ältesten Greisen, ja selbst die nackte Helene mit dem ruhigen und stolzen Lächeln, wie in einem Taumel des Entzückens bravo geschrien hatte – dort, in dem Dunstkreis dieser Helene, war alles so klar und einfach gewesen, und jetzt hier, so allein, sich selber überlassen, erschien ihr dies alles unfaßbar. Was ist das? Was bedeutet diese Angst, die ich vor ihm empfand? Was sollen diese Gewissensbisse, die mich jetzt quälen? dachte sie.
Nur der alten Gräfin hätte Natascha nachts im Bett dies alles erzählen können, was ihr jetzt durch den Kopf ging. Sonja mit ihren strengen, musterhaften Ansichten würde entweder gar nichts begreifen oder über ihr Geständnis zu Tode erschrecken, das wußte sie. So bemühte sich denn Natascha, allein mit alledem fertig zu werden, was sie quälte.
Bin ich nun für die Liebe des Fürsten Andrej verloren oder nicht? fragte sie sich, lachte sich aber im selben Augenblick gleich wieder selber aus und gab sich die beruhigende Antwort: Was bin ich doch für ein Gänschen, daß ich so frage! Was ist denn mit mir geschehen? Nichts. Ich habe nichts getan, durch nichts dies hervorgerufen. Niemand wird es erfahren, und ihn werde ich niemals wiedersehen, sagte sie sich. Folglich ist es ganz klar, daß nichts geschehen ist, daß ich nichts zu bereuen habe, und daß Fürst Andrej mich auch so lieben kann, wie ich jetzt bin … Aber wie bin ich denn jetzt? Ach, mein Gott, mein Gott, warum ist er nicht hier? Natascha beruhigte sich einen Augenblick, dann aber sagte ihr ein gewisser Instinkt gleich wieder, daß, wenn auch dies alles seine Richtigkeit habe und wirklich nichts geschehen sei, doch die ganze frühere Lauterkeit ihrer Liebe zum Fürsten Andrej dahin sei. Und wieder rief sie sich ihr ganzes Gespräch mit Kuragin ins Gedächtnis zurück und stellte sich das Gesicht, die Gebärden und das zärtliche Lächeln dieses hübschen, kühnen Mannes vor, der ihr den Arm gedrückt hatte.
11
Anatol Kuragin lebte jetzt in Moskau, weil ihn sein Vater aus Petersburg weggeschickt hatte, wo er jährlich nicht nur zwanzigtausend Rubel durchgebracht, sondern noch außerdem Schulden gemacht hatte, deren Begleichung die Gläubiger dann von seinem Vater forderten.
Der Vater hatte dem Sohn erklärt, daß er die Hälfte seiner Schulden bezahlen wolle, aber zum aller letzten mal und nur unter der Bedingung, daß er in der Stellung eines Adjutanten beim Oberkommandierenden, die er für ihn erwirkt hatte, nach Moskau gehe und sich dort endlich einmal Mühe gebe, eine gute Partie zu machen. Er hatte ihn auf Prinzessin Marja und Julie Karagina hingewiesen.
Anatol hatte sich einverstanden erklärt und war nach Moskau gefahren, wo er sich bei Pierre einquartiert hatte. Pierre hatte Anatol anfänglich ungern bei sich aufgenommen, sich aber dann doch an ihn gewöhnt, hatte mitunter an seinem Bummelleben teilgenommen und ihm unter dem Vorwand, daß es sich dabei nur um ein Darlehen handle, auch Geld gegeben.
Anatol hatte, seit er nach Moskau gekommen war, wie Schinschin ganz richtig von ihm gesagt hatte, tatsächlich allen Moskauer Damen die Köpfe verdreht, und zwar besonders dadurch, daß er sie sichtlich vernachlässigte und Zigeunerinnen und französische Schauspielerinnen vorzog, mit deren berühmtester, Mademoiselle Georges, er, wie es hieß, in engsten Beziehungen stand. Er versäumte kein Trinkgelage bei Danilow und anderen tollen Kumpanen in Moskau, zechte ganze Nächte hindurch, trank alle unter den Tisch und fehlte auf keiner Abendgesellschaft und auf keinem Ball der ersten Gesellschaftskreise. Man erzählte von verschiedenen Liebeshändeln, die er bereits mit einigen verheirateten Moskauer Damen gehabt habe, und auf den Bällen bemühte er sich auch um mehrere von ihnen in ganz auffallender Weise. Von den jungen Mädchen jedoch, besonders von den reichen Partien, die größtenteils sehr häßlich waren, hielt er sich absichtlich fern, vor allem, weil er seit zwei Jahren verheiratet war, was aber außer seinen intimsten Freunden kein Mensch wußte.
Vor zwei Jahren nämlich, als Anatols Regiment noch in Polen stand, hatte ihn ein unbemittelter polnischer Gutsbesitzer gezwungen, seine Tochter zu heiraten. Anatol hatte seine Frau bald wieder verlassen und sich für das Geld, das er seinem Schwiegervater zu schicken sich verpflichtet hatte, das Recht ausbedungen, als Junggeselle zu gelten.
Anatol war ein Mensch, der mit seiner Lage, sich selbst und anderen Leuten immer zufrieden war. Sein ganzes Wesen war instinktiv von der Überzeugung durchdrungen, daß er gar nicht anders leben könne, als er eben lebe, und daß er nie in seinem ganzen Leben etwas Schlechtes getan habe. Er war gar nicht imstande, sich zu überlegen, wie sein Benehmen wohl auf andere wirke oder was aus dieser oder jener seiner Handlungen entstehen könne. Wie eine Ente eigens dazu erschaffen ist, immer auf dem Wasser zu schwimmen, so glaubte auch er sich von Gott besonders dazu geschaffen, jährlich dreißigtausend Rubel auszugeben und in der Gesellschaft eine hervorragende Rolle zu spielen. Und er glaubte so fest daran, daß auch andere davon überzeugt wurden, wenn sie ihn nur ansahen, und ihm weder die hervorragende Rolle in der Gesellschaft noch das Geld verweigerten, das er sich, ohne augenscheinlich je an Rückerstattung zu denken, vom ersten besten borgte, der ihm über den Weg lief.
Er war kein Spieler, spielte wenigstens niemals, nur um zu gewinnen. Auch eitel war er nicht. Es war ihm vollständig gleichgültig, was andre von ihm denken mochten. Noch weniger konnte man ihn des Ehrgeizes beschuldigen. Mehr als einmal hatte er seinen Vater dadurch in Wolle gebracht, daß er sich seine Karriere verscherzte, und er machte sich immer über alle Titel und Würden lustig. Auch geizig war er nicht: nie wies er jemanden ab, der ihn um Geld bat. Das einzige, was er liebte, war ein lustiges Leben und dann – die Frauen, und da seiner Ansicht nach in dieser Geschmacksrichtung nichts Unedles lag und er nicht zu bedenken imstande war, welche Folgen die Befriedigung seiner Leidenschaften für andre Leute haben könne, hielt er sich im Grund seiner Seele für einen tadellosen Kavalier, sah mit aufrichtiger Verachtung auf alle Schurken und Bösewichte herab und trug mit ruhigem Gewissen den Kopf hoch.
Alle diese flotten Lebemänner, diese männlichen Magdalenen[118], tragen wie die weiblichen das Bewußtsein ihrer völligen Schuldlosigkeit in sich, das bei beiden auf derselben Hoffnung auf Verzeihung fußt. »Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebet« – folglich wird auch ihm alles vergeben werden, denn er hat ja ein so lustiges Leben geführt.
Dolochow, der nach seiner Ausweisung und seinen persischen Abenteuern in diesem Jahr wieder in Moskau aufgetaucht war und hier ein üppiges Spieler- und Prasserleben führte, hatte sich wieder eng an seinen alten Petersburger Kameraden Kuragin angeschlossen und nützte ihn zu seinen Zwecken aus.
Anatol liebte Dolochow seines Verstandes und seiner Kühnheit wegen aufrichtig. Dolochow dagegen war es mehr um Anatols Namen, Rang und Verbindungen zu tun, um reiche junge Leute in seinen Spielerkreis zu locken, und so nutzte er Kuragin aus und spielte mit ihm, ohne es ihn merken zu lassen. Außer diesen Berechnungen war ihm auch Anatol deshalb so nötig, weil das Herrschen über einen fremden Willen für Dolochow eine genußreiche Gewohnheit und ein Bedürfnis war.
118
diese männlichen Magdalenen: Lukas 7, 47 heißt es von Maria Magdalena »Ihr sind viele Sunden vergeben, denn sie hat viel geliebt.«