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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Er sah sie an, um sich zu vergewissern, ob er weitersprechen könne. Ihre ganze Gereiztheit war plötzlich geschwunden, und ihre unsteten, bittenden Augen waren mit gieriger Erwartung auf ihn gerichtet. Ich kann es ja immer so einrichten, daß ich sie selten sehe, dachte Boris. Nun habe ich mich aber einmal in die Sache eingelassen und muß sie nun auch zu Ende führen. Er errötete tief, hob die Augen zu ihr auf und sagte: »Sie kennen ja meine Gefühle für Sie!«

Weiter brauchte er eigentlich nichts zu sagen: Julies Gesicht erstrahlte in Triumph und Selbstzufriedenheit; aber sie zwang ihn, ihr alles zu sagen, was man bei solchen Gelegenheiten zu sagen pflegt, ihr zu sagen, daß er sie liebe und niemals eine Frau mehr geliebt habe als sie. Sie wußte, daß sie dies für ihre Güter in Pensa und ihre Wälder in Nishnij-Nowgorod verlangen könne, und so wurde ihr denn zuteil, was sie forderte.

Bräutigam und Braut dachten nun nicht mehr an Bäume, die sie mit düsterem Schatten und Melancholie überschütteten, sondern schmiedeten Pläne über die künftige Einrichtung eines glänzenden Hauses in Petersburg, machten Besuche und bereiteten alles für eine pompöse Hochzeit vor.

6

Ende Januar kam Graf Ilja Andrejewitsch mit Natascha und Sonja nach Moskau. Die Gräfin war immer noch krank und durfte deshalb nicht mitfahren, aber man konnte unmöglich noch länger auf ihre Genesung warten: Fürst Andrej wurde täglich in Moskau erwartet, außerdem mußte die Aussteuer besorgt und das Landhaus bei Moskau verkauft werden, und dann wollte man doch auch den Aufenthalt des alten Fürsten in Moskau dazu benutzen, ihm seine künftige Schwiegertochter vorzustellen. Das Rostowsche Haus in Moskau war nicht geheizt, außerdem kamen sie ja nur auf ganz kurze Zeit, weil die Gräfin nicht mit dabei war, und deshalb hatte sich Ilja Andrejewitsch entschlossen, in Moskau bei Marja Dmitrijewna Achrosimowa abzusteigen, die ihm schon immer ihre Gastfreundschaft angeboten hatte.

Spät abends kamen die Rostows in vier Schlitten vor dem Hause Marja Dmitrijewnas in der Staraja Konjuschennaja an. Marja Dmitrijewna lebte dort ganz allein. Ihre Tochter war schon verheiratet, ihre Söhne standen alle im Staatsdienst.

Sie hielt sich noch ebenso aufrecht, sagte jedem noch ebenso offen, laut und entschieden ihre Meinung und schien durch ihr ganzes Wesen allen Leuten jede Schwäche, jede Leidenschaft, jede Neigung zum Vorwurf zu machen, deren Notwendigkeit sie nicht anerkannte. Vom frühen Morgen beschäftigte sie sich, mit einem bequemen Gewand bekleidet, im Haushalt, dann fuhr sie aus: an den Feiertagen zur Messe und von der Messe in die Gefängnisse und Zuchthäuser, wo sie ein gutes Werk tat, von dem sie nicht sprach. An den Wochentagen empfing sie, nachdem sie sich angezogen hatte, zu Hause Bittsteller aus den verschiedensten Lebenskreisen, die sich alle Tage bei ihr einfanden, dann speiste sie zu Mittag. An dem kräftigen, schmackhaften Mahl nahmen gewöhnlich drei, vier Gäste teil. Nach dem Mittagessen spielte sie eine Partie Boston, und abends ließ sie sich dann Zeitungen oder neue Bücher vorlesen, sie selber aber strickte. Selten wich sie einmal von ihrer Tagesordnung ab, um einen Besuch zu machen, und wenn sie es wirklich tat, fuhr sie nur zu den vornehmsten Persönlichkeiten in der Stadt.

Sie hatte sich noch nicht schlafen gelegt, als die Rostows ankamen und im Vorzimmer die Tür knarrte, durch welche die Gäste mit ihrer Dienerschaft aus der Kälte hereintraten. Marja Dmitrijewna stand, den Kopf zurückgeworfen und die Brille weit auf der Nase heruntergeschoben, in der Tür zum Saal und sah die Ankommenden mit ernster, grimmiger Miene an. Man hätte denken können, daß sie sich über die Gäste ärgerte und sie sogleich wieder hinausjagen werde, wenn sie nicht gleichzeitig ihren Leuten fürsorgliche Befehle erteilt hätte, wie sie die Herrschaften und ihr Gepäck unterbringen sollten.

»Die Koffer des Grafen? Die kommen dorthin«, sagte sie und wies auf die Koffer, ohne noch jemanden begrüßt zu haben. »Die jungen Mädchen – dorthin, nach links! Na, was scharwenzelt ihr da herum!« rief sie den Dienstmädchen zu. »Macht lieber den Samowar fertig! Voller und hübscher ist sie geworden«, sagte sie dann und zog Natascha, deren Gesicht ganz rot vor Kälte unter der Pelzkappe hervorschaute, an sich. »Hu, wie kalt du bist!« Dann rief sie dem Grafen, der auf sie zutreten und ihr die Hand küssen wollte, zu: »Na, zieh dich nur lieber erst aus, du bist ja ganz erfroren. Schnell etwas Rum zum Tee! Bonjour, Sonjuschka«, sagte sie zu Sonja und brachte durch diesen französischen Gruß eine leichte Geringschätzigkeit in ihren freundlichen Beziehungen zu Sonja zum Ausdruck.

Als sie dann alle, ausgezogen und von der Fahrt wieder zurechtgemacht, zum Tee erschienen, küßte Marja Dmitrijewna alle der Reihe nach ab.

»Von ganzem Herzen freue ich mich, daß ihr gekommen seid und bei mir bleiben wollt«, sagte sie. »Es ist auch nun die höchste Zeit«, fügte sie hinzu und blickte Natascha bedeutsam an. »Der Alte ist hier, und sein Sohn wird alle Tage erwartet. Es ist unbedingt, unbedingt nötig, daß ihr euch bekannt macht. Na, davon wollen wir aber später reden«, sagte sie und warf Sonja einen Blick zu, der deutlich besagte, daß sie in ihrer Gegenwart nicht darüber sprechen wolle. »Jetzt höre einmal«, wandte sie sich dann wieder an den Grafen, »wen soll ich dir morgen vorsetzen? Wen wollen wir einladen? Schinschin?« Sie bog zählend einen Finger um. »Die Heulsuse Anna Michailewna? Sind schon zwei. Sie ist hier mit ihrem Sohn. Sucht eine Frau für ihn. Und dann Besuchow, nicht wahr? Er ist mit seiner Frau hier. War ihr ausgerückt, sie ist aber schleunigst nachkutschiert. Er war schon am Mittwoch bei mir zu Tisch. Na, und die da«, sie zeigte auf die jungen Mädchen, »werde ich morgen in die Iberische Kapelle bringen, und dann fahren wir zusammen zur Ober-Schelmin. Denn ich fürchte, ihr werdet wohl wieder mal alles neu haben wollen. An mir könnt ihr euch freilich nichts absehen. Ärmel werden jetzt getragen – so! Kürzlich war die junge Fürstin Irina Wassiljewna einmal bei mir, da konnte man es bald mit der Angst kriegen, wenn man die sah: ganz wie wenn sie zwei Fässer über die Arme gezogen hätte! Jeden Tag kommt jetzt hier eine neue Mode auf. Und was hast du hier für Geschäfte?« wandte sie sich mit strenger Miene an den Grafen.

»Ja, das ist alles so plötzlich gekommen«, erwiderte der Graf. »Da muß ich nun hier den Kram einkaufen, und dann habe ich einen Käufer für meinen Landsitz und auch einen für das Stadthaus. Wenn ich Ihre Liebenswürdigkeit hier in Anspruch nehmen darf, so wähle ich mir dann eine passende Zeit aus, fahre mal auf einen Tag nach Marinskoe und halse Ihnen inzwischen meine Mädels auf.«

»Schön, schön, bei mir sind sie gut aufgehoben. Bin ja das wandelnde Vormundschaftsgericht selber. Ich werde sie ausführen, wohin es nötig sein wird, werde sie verhätscheln und ihnen auch mal tüchtig den Kopf waschen«, sagte Marja Dmitrijewna und tätschelte mit ihrer großen Hand ihrem Liebling und Patenkind Natascha die Wangen.

Am nächsten Morgen führte Marja Dmitrijewna die jungen Mädchen in die Iberische Kapelle und dann zu Madame Auber-Chalmé, die solche Angst vor Marja Dmitrijewna hatte, daß sie ihr alle Modelle immer weit unter Preis abließ, nur um sie möglichst bald wieder loszuwerden. Marja Dmitrijewna bestellte dort fast die ganze Ausstattung. Nach Hause zurückgekehrt, jagte sie alle, außer Natascha, aus dem Zimmer und rief ihren Liebling dicht an ihren Sessel heran.

»Na, nun wollen wir mal miteinander reden. Zu deinem Bräutigam kann ich dir nur Glück wünschen. Da hast du wirklich einen prächtigen jungen Menschen erwischt. Das freut mich für dich; ich kannte ihn schon, als er noch so klein war.« Sie zeigte etwa dreiviertel Meter hoch über die Erde. Natascha wurde rot vor Glück.

»Ich habe ihn und seine ganze Familie sehr gern. Aber nun höre einmal. Du weißt, daß der alte Fürst Nikolaj sehr gegen die Heirat seines Sohnes ist. Ein eigensinniger alter Mann. Selbstverständlich ist Fürst Andrej kein Kind mehr und kann ohne seine Einwilligung heiraten, aber immerhin wäre es nicht gut, ohne den Willen des Vaters in die Familie einzutreten. Das muß in aller Liebe und in allem Frieden geschehen. Du bist ein kluges Mädchen und weißt, wie du dich zu benehmen hast. Suche in aller Güte und Klugheit mit ihnen fertig zu werden. Dann wird alles gut ausschlagen.«

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