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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Verkehrt er bei ihnen?«

»Ja, sehr viel. Und wissen Sie auch, wie man einer Dame nach der neuesten Mode den Hof macht?« sagte Pierre mit heiterem Lächeln, offenbar befand er sich in jener gutmütig lustigen Spötterlaune, die er sich in seinem Tagebuch so oft zum Vorwurf machte.

»Nein«, erwiderte Prinzessin Marja.

»Um heutzutage einer Moskauer jungen Dame zu gefallen, il faut être mélancolique. Il est très mélancolique auprès de mademoiselle Karaguine«, sagte Pierre.

»Vraiment?« entgegnete Prinzessin Marja und sah Pierre in sein gutmütiges Gesicht, ohne auch nur einen Augenblick ihren Kummer zu vergessen. Mir würde leichter ums Herz, dachte sie, wenn ich mich entschließen könnte, irgend jemandem das, was ich fühle, anzuvertrauen. Und gerade diesem Pierre möchte ich alles erzählen. Er ist so gut und edel. Dann wäre mir leichter zumute. Er könnte mir auch einen Rat geben.

»Würden Sie ihn heiraten?« fragte Pierre.

»Ach, mein Gott, Graf, es gibt Augenblicke, wo ich jeden nehmen würde«, antwortete Prinzessin Marja mit tränenerstickter Stimme, indem sie sich selbst über diese Worte wunderte. »Wie schwer ist es doch, einen, der uns nahesteht, zu lieben und fühlen zu müssen, daß man …« – ihre Stimme fing an zu zittern – »nichts für ihn tun kann, als ihm Kummer zu bereiten, und wenn man weiß, daß dies niemals anders werden kann. Dann gibt es nur ein Mittel – fortzugehen. Doch wohin könnte ich nur gehen? …«

»Aber was ist Ihnen, was haben Sie, Prinzessin?«

Doch Prinzessin Marja konnte nicht weitersprechen, sie fing an zu weinen.

»Ich weiß nicht, was heute mit mir ist. Hören Sie nicht auf meine Worte, vergessen Sie, was ich zu Ihnen gesagt habe.«

Pierres ganze Heiterkeit war dahin. Besorgt versuchte er, Prinzessin Marja auszufragen, bat sie, ihm alles zu erzählen, ihm ihren Kummer anzuvertrauen; aber sie wiederholte nur immer wieder, daß sie ihn bitte, alles, was sie gesagt habe, zu vergessen, daß sie selber gar nicht mehr wisse, was sie eigentlich gesagt habe, und daß sie gar keinen Kummer habe außer dem einen, den er ja kenne, den Kummer nämlich, daß die Heirat des Fürsten Andrej Vater und Sohn zu entzweien drohe.

»Haben Sie etwas von den Rostows gehört?« fragte sie, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. »Ich hörte, sie würden bald hierherkommen. Auch André erwarte ich alle Tage. Ich möchte gern, daß sie sich hier wiedersähen.«

»Wie steht er denn jetzt zu dieser Angelegenheit?« fragte Pierre und meinte mit »er« den alten Fürsten.

Prinzessin Marja wiegte das Haupt.

»Was soll man tun? An dem Jahr fehlen nur noch ein paar Monate. Und noch immer keine Möglichkeit. Ich möchte meinem Bruder nur die ersten, schrecklichen Augenblicke ersparen. Wenn sie doch nur bald hierherkämen! Dann hoffe ich, einmal mit ihr zusammenzukommen. Sie kennen sie ja doch schon so lange«, fuhr Prinzessin Marja fort, »sagen Sie mir einmal, Hand aufs Herz, die reine Wahrheit: was ist das für ein Mädchen, wie finden Sie sie? Aber die volle Wahrheit, bitte, denn, wissen Sie, Andrej setzt doch sehr viel aufs Spiel, wenn er gegen den Willen seines Vaters handelt, und deshalb möchte ich wissen …«

Ein unklares Gefühl sagte Pierre, daß durch diese weitschweifige Frage, durch diese wiederholten Bitten, ihr doch die »volle Wahrheit« zu sagen, Prinzessin Marjas Mißgunst gegen ihre künftige Schwägerin durchblickte, und daß sie den Wunsch hatte, Pierre solle die Wahl des Fürsten Andrej nicht billigen. Aber Pierre ließ sich bei seiner Antwort mehr von seinen Gefühlen als von seinem Verstand leiten.

»Ich weiß nicht, was ich Ihnen auf Ihre Frage antworten soll«, sagte er und wurde, ohne selber zu wissen warum, rot. »Ich weiß tatsächlich nicht, was das für ein Mädchen ist, ich kann mir ihr Wesen nicht in klare Einzelheiten zerlegen. Sie ist bezaubernd; warum aber – das weiß ich nicht. Das ist alles, was ich Ihnen über sie sagen kann.«

Prinzessin Marja seufzte und der Ausdruck ihres Gesichtes sagte: Ja, das habe ich erwartet und gefürchtet.

»Ist sie klug?« fragte sie dann weiter.

Pierre überlegte.

»Ich glaube – nein«, sagte er, »übrigens – doch, ja. Nur legt sie keinen Wert darauf, klug zu sein … Sie ist eben bezaubernd, und weiter nichts.«

Prinzessin Marja schüttelte wieder bedenklich den Kopf.

»Ach, ich möchte sie so gern liebgewinnen! Sagen Sie ihr doch das, wenn Sie sie früher sehen sollten als ich.«

»Ich hörte, daß sie in den nächsten Tagen kommen werden«, erwiderte Pierre.

Darauf teilte Prinzessin Marja Pierre ihren Feldzugsplan mit, der darin bestand, daß sie, wenn die Rostows angekommen seien, ihrer künftigen Schwägerin näherkommen und versuchen wollte, auch den alten Fürsten an sie zu gewöhnen.

5

In Petersburg war Boris die Verlobung mit einem reichen jungen Mädchen nicht geglückt, und so kam er zu diesem Zweck nach Moskau. Hier schwankte er unentschieden zwischen den beiden reichsten Partien von ganz Moskau, zwischen Julie Karagina und der Prinzessin Marja. Obgleich ihm Prinzessin Marja trotz ihrer Häßlichkeit anziehender schien als Julie, war es ihm doch unbehaglich, ihr den Hof zu machen. Als er zum Namenstag des alten Fürsten zuletzt mit ihr zusammen war, hatte sie ihm auf alle seine Versuche, mit ihr über Gefühle zu reden, nur ungereimte Antworten gegeben und offenbar gar nicht auf das hingehört, was er zu ihr gesagt hatte.

Julie dagegen nahm seine Aufmerksamkeiten zwar in einer besonderen, ihr persönlich eigentümlichen Art, aber immerhin doch sehr bereitwillig entgegen.

Julie war siebenundzwanzig Jahre alt. Nach dem Tod ihrer Brüder war sie sehr reich geworden. Sie war jetzt direkt häßlich, bildete sich aber ein, nicht nur noch ebenso hübsch, sondern sogar noch anziehender als früher zu sein. In dieser Verblendung erhielt sie erstens einmal der Zufall, daß sie eine so reiche Partie geworden war, und zweitens der Umstand, daß, je älter und ungefährlicher sie für die Herren wurde, diese um so ungezwungener mit ihr verkehrten und sich keineswegs für gebunden hielten, wenn sie ihre Diners und Abendgesellschaften mitmachten und sich der lustigen Gesellschaft beigesellten, die sich um sie versammelt hatte. Herren, die sich vor zehn Jahren gescheut hätten, jeden Tag in ein Haus zu gehen, wo sich ein siebzehnjähriges Mädchen befand, um dieses nicht zu kompromittieren und sich selber keine Verpflichtungen aufzuerlegen, kamen jetzt ungeniert alle Tage ins Haus und verkehrten mit ihr nicht wie mit einem heiratsfähigen jungen Mädchen, sondern wie mit einem guten Bekannten, der kein Geschlecht hat.

Die Karagins führten in diesem Winter in Moskau das glänzendste, gastfreiste Haus. Außer bei den Abendgesellschaften und Diners, zu denen die Gäste geladen wurden, versammelte sich bei ihnen jeden Tag eine große Gesellschaft, die größtenteils aus Herren bestand. Um zwölf Uhr nachts wurde zu Abend gegessen und dann blieb man noch bis gegen drei Uhr zusammen sitzen. Es fand kein Ball, kein Schlittenausflug, kein Theaterabend statt, den sich Julie hätte entgehen lassen. Immer trug sie die modernsten Toiletten. Trotz alledem schien Julie von allem enttäuscht zu sein und erzählte jedem, daß sie weder an Freundschaft noch an Liebe noch an sonstige Freuden des Lebens glaube und Ruhe und Trost nur »dort« erwarte. Sie hatte sich den Ton eines Mädchens zu eigen gemacht, das eine schwere Enttäuschung erlitten hat, eines Mädchens, das den geliebten Mann verloren hat oder von ihm grausam betrogen worden ist. Obgleich sie gar nichts Derartiges erlebt hatte, wurde sie doch von allen als ein solches Mädchen angesehen, und glaubte nun schließlich sogar selber, daß sie im Leben viel durchgemacht habe. Doch hinderte sie diese Melancholie ebenso wenig, das Leben zu genießen, wie sie die jungen Leute, die sich um sie scharten, darin störte, ihre Zeit auf die angenehmste Weise bei ihr zu verbringen. Jeder Gast, der zu ihnen kam, entrichtete zuerst der melancholischen Stimmung der Tochter des Hauses seinen pflichtschuldigen Tribut und gab sich dann den gesellschaftlichen Unterhaltungen, den Tänzen, den intellektuellen Spielen und Reimturnieren, wie sie damals bei den Karagins gerade Mode waren, mit ungeteiltem Genuß hin. Nur einige wenige junge Leute, unter denen sich auch Boris befand, gingen tiefer auf Julies melancholische Stimmung ein, und mit diesen führte sie dann ausführlichere, einsame Gespräche über die Eitelkeit alles Irdischen und weihte sie in ihre Albums ein, die ganz mit elegischen Zeichnungen, Sprüchen und Versen angefüllt waren.

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