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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Auch Fürst Nikolaj Andrejewitsch, der sich sonst immer nur über alle Ärzte lustig machte, hatte auf den Rat Mademoiselle Bouriennes in letzter Zeit Métivier herangezogen und sich an ihn gewöhnt. Métivier kam zweimal wöchentlich zum Fürsten.

Am Nikolaustag, dem Namensfest des Fürsten, fuhr ganz Moskau an der Freitreppe seines Hauses vor, aber er hatte befohlen, niemanden anzunehmen, und hatte nur wenige, deren Liste er Prinzessin Marja eingehändigt hatte, zum Diner einladen lassen.

Métivier, der frühmorgens zum Gratulieren gekommen war, fand es in seiner Eigenschaft als Hausarzt angemessen, de forcer la consigne, wie er sich Prinzessin Marja gegenüber ausdrückte, und ging zum Fürsten hinein. Nun traf es sich aber, daß der Fürst gerade an diesem Morgen seines Namenstages die allerschlechteste Laune hatte. Er war den ganzen Morgen im Haus herumgelaufen, hatte mit allen Händel gesucht und sich den Anschein gegeben, als verstünde er das nicht, was man zu ihm sagte, und als würde er selber auch nicht verstanden. Prinzessin Marja kannte diesen Zustand still drohender Brummigkeit, der gewöhnlich in einem Wutausbruch sein Ende fand, ganz genau, ging den ganzen Morgen wie vor einem geladenen Schießgewehr mit gespanntem Hahn umher und wartete auf den unvermeidlichen Schuß. Bis zur Ankunft des Arztes verlief der Morgen ganz glimpflich. Nachdem sie Métivier hineingeleitet hatte, setzte sich Prinzessin Marja mit einem Buch in die Nähe der Salontür, wo sie alles hören konnte, was im Arbeitszimmer ihres Vaters vor sich ging.

Anfänglich hörte sie nur die Stimme Métiviers, dann auch die Stimme ihres Vaters, dann sprachen beide Stimmen gleichzeitig, dann flog die Tür auf, und auf der Schwelle erschien ganz bestürzt die schöne Gestalt Métiviers mit seinem schwarzen Haar und hinter ihm der Fürst in Schlafrock und Nachtmütze mit wutverzerrtem Gesicht und rollenden Augen.

»Das verstehst du nicht!« schrie der Fürst. »Aber ich, ich verstehe das. Du französischer Spion, du Sklave eines Bonaparte, du Auskundschafter! Hinaus aus meinem Hause! Raus, sage ich dir …«, und er knallte die Tür zu.

Métivier zuckte die Achseln und ging auf Mademoiselle Bourienne zu, die bei dem Geschrei aus dem Nebenzimmer herbeigelaufen kam.

»Der Fürst ist nicht ganz wohl, la bile et le transport au cerveau. Beruhigen Sie sich, ich komme morgen wieder«, sagte Métivier, legte den Finger an die Lippen und eilte hinaus.

Hinter der Tür hörte man Schritte in Pantoffeln und zorniges Schimpfen: »Spione, Verräter, überall Verräter. Nicht einmal in seinem eignen Haus hat man einen Augenblick Ruhe!«

Nachdem Métivier fortgegangen war, ließ der Fürst seine Tochter zu sich rufen und fiel mit der ganzen Wucht seines Zornes über sie her. Sie sei schuld daran, daß man solche Spione zu ihm hereingelassen habe. Er habe doch ausdrücklich gesagt, ihr selber gesagt, sie solle sich nach der Liste richten, und diejenigen, die nicht auf der Liste stünden, nicht vorlassen. Warum hatte man diesen Schuft nicht abgewiesen! An alledem sei nur sie wieder schuld! Mit ihr habe er keinen Augenblick Ruhe, nicht einmal in Frieden sterben lasse sie ihn, donnerte er.

»Nein, meine Liebe, wir müssen uns trennen, müssen uns unbedingt trennen. Damit Sie es wissen! Ich kann das nicht länger ertragen«, sagte er und ging aus dem Zimmer. Und als fürchte er, daß sie sich irgendwie darüber hinwegsetzen könne, kehrte er noch einmal zu ihr zurück, bemühte sich, ruhig zu scheinen, und fügte hinzu: »Glauben Sie aber nicht, daß ich Ihnen dies jetzt nur in einem Augenblick des Zornes sage, ich bin ganz ruhig und habe mir das schon lang überlegt. Und so wird es geschehen: wir werden uns trennen. Suchen Sie sich einen anderen Aufenthaltsort …« Aber er konnte nicht an sich halten und mit einer Bosheit, deren nur ein Mensch fähig ist, der seinen Feind zugleich liebt, ballte er, sichtlich selber unter seiner Wut leidend, beide Fäuste und schrie ihr zu: »Wenn Sie doch nur irgendein Esel heiraten wollte!« Darauf warf er die Tür zu, rief Mademoiselle Bourienne zu sich, und dann wurde es still in seinem Zimmer.

Um zwei Uhr versammelten sich die auserlesenen sechs Personen zum Diner. Die Gäste: der bekannte Graf Rastoptschin, Fürst Lopuchin mit seinem Neffen, General Tschatrow, ein alter Kriegskamerad des Fürsten, und von jüngeren Leuten Pierre und Boris Drubezkoj erwarteten den Fürsten im Salon.

Boris war dieser Tage auf Urlaub nach Moskau gekommen, hatte den eifrigen Wunsch bekundet, dem Fürsten Nikolaj Andrejewitsch vorgestellt zu werden, und sich seine Sympathie in einem so hohen Grad zu erwerben verstanden, daß der Fürst mit ihm eine Ausnahme machte und er der einzige von den jüngeren Junggesellen war, den er bei sich empfing.

Das Haus des Fürsten gehörte zwar nicht gerade zur »großen Welt«, aber es war ein so kleiner, feiner Kreis, daß es, je weniger man in der Stadt von ihm hörte, nur desto schmeichelhafter war, dort empfangen zu werden. Das war Boris vor acht Tagen klar geworden, als Rastoptschin zufällig in seiner Gegenwart dem Oberkommandierenden, der ihn zum Nikolaustag zum Mittagessen gebeten hatte, die Einladung abgelehnt und erwidert hatte: »An diesem Tag wallfahrte ich immer zu den Gebeinen des Fürsten Nikolaj Andrejewitsch.«

»Ach ja, freilich«, hatte der Oberkommandierende geantwortet. »Was macht er denn?«

Die kleine Gesellschaft, die vor dem Mittagessen in dem altmodischen, hohen Salon mit den altertümlichen Möbeln zusammengekommen war, machte eher den Eindruck eines sich versammelnden feierlichen Gerichtsrates. Alle schwiegen, und wenn wirklich jemand einmal ein Wort sagte, so sprach er ganz leise. Auch Fürst Nikolaj Andrejewitsch trat ernst und schweigend ein. Prinzessin Marja schien heute noch stiller und schüchterner als gewöhnlich. Die Gäste wandten sich nur ungern an sie, weil sie sahen, daß ihr an einer Unterhaltung nichts lag. Graf Rastoptschin war der einzige, der den Faden der Unterhaltung weiterspann: er erzählte von den letzten Neuigkeiten aus der Stadt und aus der Politik. Lopuchin und der alte General warfen ab und zu ein Wort ein.

Fürst Nikolaj Andrejewitsch hörte zu, wie der Vorsitzende eines Gerichtshofes einen Bericht, anhört, der ihm vorgetragen wird, und gab nur ab und zu durch einen stummen Wink oder ein kurzes Wort kund, daß er das, was man ihm vortrug, zur Kenntnis nahm. Der Ton der Unterhaltung war so, daß man heraushören konnte, daß keiner das, was in der politischen Welt vor sich ging, billigte. Man erzählte von Ereignissen, die sichtlich bestätigten, daß alles immer schlechter und schlechter wurde, aber es war auffallend, daß der Erzähler bei jeder Erzählung und bei jedem Urteil stets an der Grenze innehielt oder von anderen angehalten wurde, wo sein Urteil die Person des Kaisers zu berühren begann.

Während des Essens kam das Gespräch auf die letzten politischen Neuigkeiten: daß Napoleon die Länder des Herzogs von Oldenburg eingezogen und daß die russische Regierung an alle Höfe Europas eine napoleonfeindliche Note gesandt habe.

»Dieser Bonaparte verfährt mit Europa wie ein Pirat mit einem gekaperten Schiff«, sagte Graf Rastoptschin und wiederholte damit eine Phrase, die er bei anderer Gelegenheit schon mehrmals angewendet hatte. »Man kann sich nur über die Geduld und die Verblendung der übrigen Herrscher wundern. Jetzt ist die Reihe schon an den Papst gekommen: ohne alle Umstände will dieser Bonaparte das Oberhaupt der katholischen Kirche stürzen[115] – und alle schweigen dazu. Unser Kaiser ist der einzige gewesen, der gegen die Annexion der Ländereien des Herzogs von Oldenburg protestiert hat. Und das …« Hier schwieg Graf Rastoptschin, da er fühlte, daß er an der Grenze angelangt war, über die hinaus zu urteilen verboten war.

»Man hat dem Herzog von Oldenburg andere Ländereien dafür angeboten«, sagte Fürst Nikolaj Andrejewitsch. »Wie ich meine Bauern von Lysyja-Gory nach Bogutscharowo und Rjasan verpflanzt habe, so macht er es mit den Herzögen.«

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115

das Oberhaupt der katholischen Kirche stürzen: im Juni 1809 wurde Rom von französischen Truppen besetzt, der Papst verhaftet und nach Südfrankreich verbracht.

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