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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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In Moskau hatte Prinzessin Marja niemanden, mit dem sie sich aussprechen, niemanden, dem sie ihren Kummer anvertrauen konnte, und doch stürmte gerade in dieser Zeit manch neuer Kummer auf sie ein. Der Zeitpunkt, da Fürst Andrej zurückkehren und sich verheiraten wollte, rückte immer näher, und sie hatte seinen Auftrag, den Vater vorzubereiten, nicht nur nicht ausführen können, sondern die Sache schien jetzt sogar ganz verfahren zu sein, da der alte Fürst, der sowieso größtenteils schlechter Laune war, bei der bloßen Erwähnung der Komtesse Rostowa außer sich geriet.

Eine neue Quelle des Kummers, die sich in letzter Zeit für Prinzessin Marja erschlossen hatte, waren die Unterrichtsstunden, die sie ihrem sechsjährigen Neffen geben mußte. Mit Entsetzen wurde sie sich bewußt, daß sie im Verkehr mit Nikoluschka dieselbe Reizbarkeit an den Tag legte, die ihrem Vater eigen war. Sooft sie sich auch sagte, daß sie sich in den Schulstunden ihres Neffen nicht ereifern dürfe, so geschah es doch fast jedesmal, wenn sie sich mit dem Lehrheft und der französischen Fibel zum Unterricht hinsetzte, daß sie dem Kind, das schon immer in Angst schwebte, die Tante könne gleich, gleich zornig werden, ihr Wissen so schnell und leicht einflößen wollte, daß sie bei der geringsten Unaufmerksamkeit des Knaben zusammenfuhr, sich überhastete und ereiferte, die Stimme erhob und den Kleinen manchmal am Ärmchen rüttelte und in die Ecke stellte. Hatte sie ihn aber in die Ecke gestellt, so fing sie dann über ihre böse, heftige Natur selber zu weinen an, und Nikoluschka, von ihrem Schluchzen angesteckt, kam dann ohne Erlaubnis aus seiner Ecke hervor, lief auf sie zu, zog ihr die nassen Hände vom Gesicht und tröstete sie.

Aber einen noch größeren, ja den allergrößten Kummer bereitete der Prinzessin Marja das gereizte Wesen ihres Vaters, dessen Opfer immer die Tochter war, und das sich in letzter Zeit fast bis zur Grausamkeit gesteigert hatte. Wenn er sie gezwungen hätte, ganze Nächte lang vor den Heiligenbildern zu knien, wenn er sie geschlagen hätte oder Holz und Wasser hätte schleppen lassen, wäre es ihr nie in den Sinn gekommen, daß sie es schwer habe. Aber dieser liebende Peiniger war deshalb so grausam, weil er sie eben liebte und nur deshalb sich und sie quälte. Er verstand es nicht nur, sie absichtlich zu beleidigen und zu erniedrigen, sondern ihr auch immer noch zu beweisen, daß an allem immer nur sie selber schuld sei. In letzter Zeit war dazu noch ein neuer Zug getreten, der Prinzessin Marja mehr als alles andere quälte – das war seine immer größere Annäherung an Mademoiselle Bourienne. Der Gedanke, wenn Andrej diese Ehe eingehe, selber die Bourienne zu heiraten, der ihm im ersten Augenblick, als er die Nachricht von der Absicht seines Sohnes erhalten hatte, nur im Scherz gekommen war, schien ihm sichtlich zu gefallen, und mit einer Hartnäckigkeit, die, wie es Prinzessin Marja schien, nur den Zweck hatte, sie zu kränken, erwies er in letzter Zeit Mademoiselle Bourienne alle nur möglichen Liebenswürdigkeiten und brachte seine Unzufriedenheit mit der Tochter durch Liebesbezeigungen für die Bourienne zum Ausdruck.

Einmal, in Moskau, küßte der alte Fürst in Gegenwart Prinzessin Marjas – und wie ihr schien, tat er dies absichtlich vor ihr – Mademoiselle Bourienne die Hand, zog sie an sich heran und umarmte und liebkoste sie. Prinzessin Marja wurde feuerrot und lief aus dem Zimmer. Ein paar Minuten später kam Mademoiselle Bourienne zu Prinzessin Marja aufs Zimmer und erzählte ihr mit ihrer angenehmen Stimme lächelnd irgendeine lustige Geschichte. Prinzessin Marja wischte sich hastig die Tränen ab, ging mit entschiedenen Schritten auf Mademoiselle Bourienne zu und schrie ihr in zorniger Übereilung und mit erhobener Stimme, ohne anscheinend selber zu wissen, was sie tat, auf französisch zu: »Das ist gemein, niedrig, unmenschlich, eine Schwäche so auszunutzen …« Weiter brachte sie nichts hervor. »Hinaus aus meinem Zimmer!« schrie sie ihr nach und fing an zu schluchzen.

Am nächsten Tag redete der Fürst kein Wort mit seiner Tochter, aber sie hörte, wie er nach dem Mittagessen anordnete, daß beim Herumreichen der Speisen bei Tisch von nun an bei Mademoiselle Bourienne angefangen werden solle. Und als der Büfettdiener Philipp nach Tisch den Kaffee herumreichte und nach alter Gewohnheit wieder bei der Prinzessin anfing, geriet der Fürst plötzlich in eine so rasende Wut, daß er seinen Krückstock nach Philipp schleuderte und augenblicklich den Befehl erteilte, ihn zu den Soldaten zu geben.

»Er gehorcht nicht! … Zweimal habe ich es ihm gesagt, und er gehorcht nicht! Sie ist die Hauptperson hier im Hause! Sie ist mein bester Freund!« schrie der Fürst. »Und wenn du dich noch einmal unterstehst«, wandte er sich in seinem Zorn zum erstenmal wieder an Prinzessin Marja, »wenn du dich wie gestern noch einmal unterstehst, dich in ihrer Gegenwart zu vergessen, dann werde ich dir schon zeigen, wer hier Herr im Hause ist. Hinaus! Daß du mir nicht wieder unter die Augen kommst, ehe du sie um Verzeihung gebeten hast!«

Prinzessin Marja bat sowohl Mademoiselle Bourienne als auch ihren Vater um Verzeihung und legte auch für den Diener Philipp ein gutes Wort mit ein, der sie um Fürsprache gebeten hatte.

In solchen Augenblicken regte sich in Prinzessin Marjas Herzen ein Gefühl, das einem Stolz glich, dem Stolz auf ihren Opfermut. Doch wenn dann dieser Vater, den sie verurteilte, in solchen Augenblicken in ihrer Gegenwart etwa die Brille suchte und mit der Hand immer um sie herumfühlte, ohne sie zu sehen, oder irgend etwas vergaß, was sich soeben erst ereignet hatte, oder mit seinen schwachen Beinen einen unsicheren Schritt machte und sich umsah, ob auch keiner seine Schwäche bemerkt habe, oder, was am allerschlimmsten war, wenn er, sobald keine Gäste da waren, die ihn immer anregten, bei Tisch plötzlich einschlummerte, die Serviette fallen und seinen zitternden Kopf über den Teller sinken ließ, dann dachte Prinzessin Marja: Er ist alt und schwach, und ich wage es noch, ihn zu verurteilen! und verabscheute sich in solchen Augenblicken selber.

3

Im Jahre 1810 lebte in Moskau ein französischer Arzt, Métivier, der schnell in Mode gekommen war, ein großer, hübscher Mensch, liebenswürdig wie alle Franzosen und auch als Arzt von außergewöhnlicher Tüchtigkeit, wie es in ganz Moskau hieß. Er wurde in Häusern der ersten Gesellschaftskreise nicht wie ein Arzt, sondern wie ein Gleichgestellter empfangen.

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