Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Was ist doch Onkelchen für ein prächtiger Mensch!« sagte Natascha, als sie auf die große Landstraße hinauskamen.
»Ja«, antwortete Nikolai. »Ist dir auch nicht kalt?«
»Nein, ich befinde mich ganz ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet. Mir ist sehr wohl«, erwiderte Natascha ganz erstaunt.
Lange Zeit schwiegen sie. Die Nacht war dunkel und feucht. Die Pferde waren nicht zu sehen; man hörte nur, wie sie durch den unsichtbaren Schmutz patschten.
Was mochte in dieser kindlichen, empfänglichen Seele vorgehen, die so begierig nach all den mannigfaltigen Eindrücken des Lebens haschte und sie sich zu eigen machte? Wie mochte sich das alles in ihr zurechtlegen? Aber jedenfalls war sie sehr glücklich. Sie näherten sich schon ihrem Haus, da begann sie auf einmal die Melodie des Liedes: »Ein Spurschnee ist gefallen« zu singen, auf die sie sich während der ganzen Fahrt besonnen hatte, und die wiederzufinden ihr nun endlich geglückt war.
»Hast du es herausbekommen?« sagte Nikolai.
»Aber du, woran hast du jetzt gedacht, Nikolai?« fragte Natascha.
Sie fragten einander gern so nach ihren Gedanken.
»Ich?« antwortete Nikolai, sich besinnend. »Ja, jetzt hab ich’s; siehst du, zuerst dachte ich, daß Rugai, der rote Hund, doch eigentlich eine große Ähnlichkeit mit dem Onkel hat, und daß, wenn er ein Mensch wäre, er den Onkel immer bei sich behalten würde, und wenn er es nicht wegen seines guten Reitens tun würde, so doch wegen der schönen Einheitlichkeit und Harmonie seines ganzen Wesens. Denn das kann man doch vom Onkel sagen, nicht wahr? Nun, und du?«
»Ich? Warte mal, warte mal. Ja, ich dachte zuerst: da fahren wir nun und denken, wir werden nach Hause kommen, und dabei fahren wir in Wirklichkeit Gott weiß wohin in dieser Dunkelheit, und auf einmal kommen wir an und sehen, daß wir nicht in Otradnoje sind, sondern in einem Zauberreich. Und dann dachte ich noch … Nein, weiter nichts.«
»Ich weiß schon; gewiß hast du noch an ihn gedacht«, sagte Nikolai lächelnd, was Natascha an dem Ton seiner Stimme erkannte.
»Nein«, antwortete Natascha, wiewohl sie tatsächlich zugleich auch an den Fürsten Andrei gedacht hatte und daran, wie ihm wohl der Onkel gefallen würde. »Aber dann stellte ich mir noch vor, während der ganzen Fahrt stellte ich mir vor, wie hübsch das aussah, als Anisja ins Zimmer trat, wie hübsch …« Nikolai hörte, wie sie ohne eigentlichen Grund hell und glückselig lachte. »Aber weißt du«, setzte sie plötzlich hinzu, »ich weiß, daß ich nie wieder so glücklich und ruhig sein werde wie jetzt.«
»Unsinn, Torheit, dummes Zeug!« erwiderte Nikolai; aber er dachte dabei: »Was für ein prächtiges Mädchen ist doch meine Natascha! Eine zweite solche Freundin habe ich nicht und werde ich nie haben. Wozu muß sie sich verheiraten? Wir beide sollten immerzu so miteinander fahren!«
»Ein prächtiger Mensch ist doch dieser Nikolai«, dachte Natascha.
»Ach, sieh nur! Es ist noch Licht im Salon«, sagte sie und zeigte auf die Fenster des Hauses, die freundlich durch das feuchte, samtige Dunkel der Nacht glänzten.
Fußnoten
1 Ein bei dem einfachen russischen Volk beliebtes Tanzlied.
Anmerkung des Übersetzers.
VIII
Graf Ilja Andrejewitsch hatte sein Amt als Adelsmarschall niedergelegt, weil es mit allzu großen Ausgaben verknüpft war. Aber seine pekuniäre Lage war darum doch nicht besser geworden. Häufig sahen Natascha und Nikolai, daß die Eltern geheime, aufgeregte Unterredungen miteinander hatten, und hörten Äußerungen über einen Verkauf des großen Rostowschen Familienhauses und des bei Moskau gelegenen Landhauses. Der Graf brauchte jetzt, wo er nicht mehr Adelsmarschall war, keinen so großen Verkehr mehr zu unterhalten wie vorher, und das Leben in Otradnoje verlief stiller als in früheren Jahren; aber doch waren das gewaltige Haus und die Nebengebäude noch immer ebenso voll von allerlei Leuten, und am Tisch saßen auch jetzt noch mehr als zwanzig Personen. Es waren dies teils Leute, die zum Haus gehörten und schon lange im Haus lebten und beinah als Familienmitglieder betrachtet wurden, teils solche, bei denen es wenigstens dem Grafen und der Gräfin absolut notwendig schien, sie im Haus wohnen zu lassen. Dazu gehörten der Musiker Dümmler mit seiner Frau, der Tanzlehrer Vogel mit seiner Familie, ein altes Fräulein Bjelowa, und noch viele andere: die Lehrer Petjas, zwei ehemalige Gouvernanten der Töchter, und manche Leute, die es einfach für angenehmer oder für vorteilhafter hielten, bei dem Grafen zu leben als in einer eigenen Wohnung. Es kam nicht mehr ganz soviel Besuch von auswärts wie früher; aber der ganze Zuschnitt der Lebensführung war unverändert geblieben – in andrer Weise konnten sich der Graf und die Gräfin ihr Leben eben gar nicht vorstellen. Es bestand noch derselbe, von Nikolai sogar noch vergrößerte Jagdapparat an Hunden und Jägern; es standen immer noch in den Ställen fünfzig Pferde, zu denen fünfzehn Kutscher gehörten; zu den Namenstagen wurden wie früher teure Geschenke gemacht und großartige Diners gegeben, zu denen die Adligen des ganzen Kreises eingeladen wurden; unverändert geblieben waren auch des Grafen Whist- und Bostonpartien, bei denen er es den Mitspielern, meist Gutsnachbarn, sehr bequem machte, ihm in die Karten zu sehen, und an jedem Spielabend Hunderte von Rubeln verlor, so daß das Recht, mit dem Grafen Ilja Andrejewitsch Karten zu spielen, allgemein als eine sehr vorteilhafte Leibrente angesehen wurde.
Der Graf steckte in seinen Geldnöten wie in einem großen Jägergarn; er wollte nicht glauben, daß er sich darin verstrickt habe, und verstrickte sich doch mit jedem Schritt mehr und mehr, und fühlte sich weder imstande, das Netz, das ihn umschloß, zu zerreißen, noch es vorsichtig und geduldig zu lösen. Der Gräfin mit ihrem liebenden Herzen entging es nicht, daß das Vermögen ihrer Kinder dahinschwand; sie sagte sich jedoch, der Graf trage keine Schuld; er könne nicht anders sein, als wie ihn die Natur gemacht habe, und leide selbst, obwohl er es verberge, unter dem Bewußtsein, daß ihm und seinen Kindern der Ruin drohe. So suchte sie denn Mittel, dem Notstand abzuhelfen. Von ihrem Frauenstandpunkt aus bot sich ihr nur ein einziges Mittel dar: eine Heirat Nikolais mit einem reichen Mädchen. Sie fühlte, daß dies die letzte Möglichkeit war, und daß, wenn Nikolai die Partie ausschlage, die sie für ihn gefunden hatte, sie von der Hoffnung, ihre Lage zu verbessern, auf immer Abschied nehmen müßten. Diese Partie war Julja Karagina, die Tochter trefflicher, hochachtbarer Eltern, die seit ihrer Kindheit in der Familie Rostow verkehrte und jetzt durch den Tod ihres letzten Bruders sehr reich geworden war.
Die Gräfin schrieb direkt an Frau Karagina nach Moskau, brachte eine Heirat der beiden Kinder in Anregung und erhielt von ihr eine freundliche Antwort. Frau Karagina erwiderte, sie ihrerseits sei einverstanden; es werde davon abhängen, ob ihre Tochter dazu geneigt sei. Frau Karagina sprach den Wunsch aus, Nikolai möchte doch nach Moskau kommen.
Nunmehr äußerte sich die Gräfin ihrem Sohn gegenüber mehrmals mit Tränen in den Augen dahin, jetzt, wo ihre beiden Töchter versorgt seien, habe sie nur noch den einen Wunsch, ihn verheiratet zu sehen. Sie sagte, wenn das geschehen wäre, würde sie sich beruhigt ins Grab legen. Und im Anschluß daran teilte sie ihm mit, daß sie ein vortreffliches Mädchen für ihn ins Auge gefaßt habe, und suchte herauszubekommen, wie er über eine Verheiratung denke.
Bei anderen Gelegenheiten lobte sie Julja und redete ihrem Sohn zu, für die Feiertage nach Moskau zu fahren und sich dort zu amüsieren. Nikolai merkte, worauf solche Reden seiner Mutter hinzielten, und forderte sie einmal bei einem derartigen Gespräch auf, ganz offen zu sein. Da sagte sie ihm unverhohlen, daß alle Hoffnung auf eine Besserung der Verhältnisse jetzt lediglich auf seiner Heirat mit Fräulein Karagina beruhe.