Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Nach einer kleinen Weile kam der Onkel wieder zurück, jetzt in einem kurzen Rock, blauen Hosen und niedrigen Stiefeln. Und Natascha hatte die Empfindung, daß dieses selbe Kostüm, das ihr wunderlich und komisch erschienen war, wenn der Onkel es in Otradnoje trug, eine ganz vernünftige Tracht sei und in keiner Hinsicht schlechter als ein Oberrock oder ein Frack. Der Onkel war ebenfalls vergnügt; er fühlte sich, als Bruder und Schwester wieder lachten, nicht im geringsten beleidigt (es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß sie über seine Lebensweise lachen könnten), sondern stimmte selbst in ihr grundloses Gelächter ein.
»Ja, das ist einmal eine junge Komtesse!« sagte er. »Klar und selbstverständlich, so eine habe ich noch nie gesehen.« Dabei reichte er Nikolai eine lange Pfeife; er selbst nahm mit geübtem Griff eine kurze zwischen drei Finger. »Den ganzen Tag hat sie im Sattel gesessen; einem Manne würde es Ehre machen; und dabei ist sie so munter, als wäre gar nichts gewesen!«
Der Onkel war noch nicht lange wieder da, als die Tür von neuem geöffnet wurde, und zwar, wie sich aus dem Geräusch der Schritte erkennen ließ, offenbar von einer barfuß gehenden Frauensperson. Ein großes, reichbesetztes Präsentierbrett in den Händen haltend, trat ein korpulentes, rotwangiges, hübsches Weib von etwa vierzig Jahren, mit einem Doppelkinn und vollen roten Lippen, ins Zimmer. Aus den Blicken, mit denen sie die Gäste ansah, und aus jeder Bewegung ihrer stattlichen Gestalt sprach liebenswürdige Gastfreundschaft, und mit freundlichem Lächeln verbeugte sie sich respektvoll vor ihnen. Trotz ihrer beträchtlichen Körperfülle, die sie zwang, Brust und Leib nach vorn zu stellen und den Kopf nach hinten zu halten, hatte diese Frau, die Wirtschafterin des Onkels, doch einen sehr leichten Gang. Sie trat an den Tisch, stellte das Präsentierbrett darauf, nahm mit ihren weißen, fleischigen Händen geschickt Flaschen, Speisen und sonstiges Zubehör herunter und ordnete alles auf dem Tisch. Als sie damit fertig war, trat sie zurück und stellte sich lächelnd an die Tür. Ihre ganze Erscheinung sagte gleichsam zu Nikolai: »Siehst du wohl, da bin auch ich! Verstehst du jetzt deinen Onkel?« Und wie hätte er ihn nicht verstehen sollen? Ja, nicht nur Nikolai, sondern auch Natascha verstand den Onkel und die Bedeutung seiner zusammengezogenen Brauen und des glücklichen, zufriedenen Lächelns, das in dem Augenblick, als Anisja Fedorowna eintrat, ganz leise um seine Lippen spielte.
Auf dem Präsentierbrett standen: Kräuterbranntwein, Fruchtliköre, eingemachte Pilze, Pfannkuchen aus Roggenmehl mit Buttermilch, Scheibenhonig, moussierender Met, Äpfel, frische und geröstete Nüsse und Nüsse in Honig. Dann brachte Anisja Fedorowna noch Eingemachtes in Honig und Zucker, sowie Schinken und ein frischgebratenes Huhn.
Alles dies stammte aus Anisja Fedorownas Wirtschaft und war von ihren kunstfertigen Händen hergestellt. Alles roch und schmeckte sozusagen nach Anisja Fedorowna und erinnerte an sie durch sein Aussehen. In allem glaubte man eine Widerspiegelung ihrer Fülle, ihrer Sauberkeit, ihrer weißen Haut und ihres angenehmen Lächelns zu sehen.
»Essen Sie doch, gnädiges Fräulein«, sagte sie immer wieder und reichte Natascha bald dieses, bald jenes.
Natascha aß von allem, und es schien ihr, solche Pfannkuchen mit Buttermilch und so aromatisches Eingemachtes und solche Nüsse in Honig und ein solches Huhn habe sie noch nie und nirgends gesehen und gegessen. Anisja Fedorowna ging wieder hinaus.
Rostow und der Onkel tranken nach dem Abendessen ein Gläschen Kirschlikör und unterhielten sich über die heute abgehaltene und über die nächste Jagd, über Rugai und über Ilagins Hunde. Natascha saß mit glänzenden Augen aufrecht auf dem Sofa und hörte ihnen zu. Einige Male machte sie den Versuch, Petja zu wecken, damit er etwas äße; aber er redete nur ein paar unverständliche Worte, offenbar ohne wach zu werden. Natascha fühlte sich so vergnügt und wohl in dieser ihr neuen Umgebung, daß ihre einzige Besorgnis war, der Wagen könne gar zu früh kommen, um sie abzuholen. Nach einem zufällig eingetretenen Stillschweigen, wie das fast immer vorkommt, wenn man Bekannte zum erstenmal als Gäste in seinem Haus hat, sagte der Onkel, wie wenn er damit auf einen Gedanken seiner Gäste antwortete:
»Ja, ja, so verbringe ich hier meinen Lebensrest. Wenn man stirbt, klar und selbstverständlich, kann man doch nichts mitnehmen. Wozu also um des Erwerbs willen sündigen!«
Das Gesicht des Onkels war sehr ernst und sogar schön, während er das sagte. Unwillkürlich erinnerte sich Nikolai dabei an all das, was er von seinem Vater und den Nachbarn Gutes über den Onkel gehört hatte. Der Onkel stand im Gouvernement ringsumher in dem Ruf eines ehrenhaften, uneigennützigen Sonderlings. Man zog ihn hinzu, wo Familienstreitigkeiten zu erledigen waren, machte ihn zum Testamentsvollstrecker, vertraute ihm Geheimnisse an und wählte ihn zum Friedensrichter und zu anderen Vertrauensposten; aber ein wirkliches Amt anzunehmen weigerte er sich hartnäckig; im Herbst und im Frühling ritt er auf seinem hellbraunen Wallach auf den Feldern umher, im Winter saß er zu Hause, im Sommer lag er in seinem schattigen Garten.
»Warum mögen Sie denn nicht ein Amt bekleiden oder beim Militär dienen, lieber Onkel?«
»Das habe ich früher getan; aber ich habe es aufgegeben. Ich tauge nicht dazu, klar und selbstverständlich; ich finde mich dabei nicht zurecht. Das ist euer Geschäft; mein Verstand reicht dazu nicht aus. Ja, mit der Jagd ist das eine andre Sache, klar und selbstverständlich. Macht doch die Tür auf!« rief er. »Warum habt ihr die Tür zugemacht?«
Am Ende des Korridors (den der Onkel »Kolidor« nannte) führte eine Tür in das »leere Jägerzimmer«; so hieß die Stube für die zu den Dienstleuten gehörigen Jäger.
Nackte Füße gingen klatschend schnell über die Dielen, und eine unsichtbare Hand öffnete die Tür zum Jägerzimmer. Nun wurden aus dem Korridor die Töne einer Balalaika deutlich hörbar, die offenbar von einem Meister in dieser Kunst gespielt wurde. Natascha, die schon lange nach diesen Klängen hingehorcht hatte, ging jetzt auf den Korridor hinaus, um sie deutlicher zu hören.
»Das ist mein Kutscher Mitka. Ich habe ihm eine gute Balalaika gekauft; es macht mir Vergnügen«, sagte der Onkel.
Der Onkel hatte ein für allemal die Anordnung getroffen, daß, wenn er von der Jagd zurückkehrte, Mitka in der Jägerstube auf der Balalaika spielte. Der Onkel hörte diese Musik sehr gern.
»Schön, wirklich sehr gut«, bemerkte Nikolai, unwillkürlich in einem etwas lässigen Ton, wie wenn er sich schämte einzugestehen, daß ihm diese Klänge sehr gefielen.
»›Sehr gut‹ sagst du?« entgegnete vorwurfsvoll Natascha, der der Ton, dessen ihr Bruder sich bedient hatte, nicht entgangen war. »Das ist nicht sehr gut, sondern geradezu entzückend!«
Wie ihr die Pilze, der Honig und die Fruchtliköre des Onkels als die besten in der Welt erschienen waren, so erschien es ihr jetzt auch als der höchste Gipfel musikalischen Genusses, dieses Balalaikaspiel anzuhören.
»Noch mehr, bitte, noch mehr!« rief sie durch die Tür, als die Balalaika schwieg. Mitka stimmte das Instrument und ließ dann von neuem flott die Saiten klirrend ertönen: er spielte »Die Herrin«1 mit kunstvollen Läufen und Akkorden. Der Onkel saß da, den Kopf auf die Seite geneigt, und hörte mit leisem Lächeln zu. Die Melodie der »Herrin« wiederholte sich unzählige Male. Ab und zu wurde dazwischen die Balalaika gestimmt, und dann klirrten von neuem dieselben Töne, und die Zuhörer wurden dessen nicht überdrüssig, sondern hatten nur den einen Wunsch, dem Spiel immer noch länger zuzuhören. Anisja Fedorowna trat herein und lehnte sich mit ihrem behäbigen Körper an den Türpfosten.