Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Ach, wie ich mich um sie ängstige, wie ich mich um sie ängstige!« sagte die Gräfin, ohne zu bedenken, mit wem sie sprach. Ihr mütterliches Gefühl sagte ihr, daß bei Natascha irgendeine Art von Übermaß vorhanden sei und sie infolgedessen nicht glücklich sein werde.
Natascha hatte ihren Gesang noch nicht beendet, als der vierzehnjährige Petja ganz entzückt mit der Nachricht ins Zimmer gelaufen kam, es seien Vermummte gekommen.
Natascha brach plötzlich ab.
»Dummkopf!« rief sie ihrem Bruder zu, lief zu einem Stuhl, ließ sich darauf niederfallen und schluchzte dermaßen, daß sie lange Zeit nicht imstande war damit aufzuhören.
»Es hat nichts zu bedeuten, Mamachen; es hat wirklich nichts zu bedeuten; es kommt nur davon, daß mich Petja so erschreckt hat«, sagte sie und versuchte zu lächeln; aber die Tränen flossen immer noch, und das Schluchzen schnürte ihr die Kehle zu.
Die vermummten Gutsleute, welche Bären, Türken, Schankwirte, Damen vorstellten und sämtlich schrecklich und lächerlich anzusehen waren, brachten kalte Luft und Fröhlichkeit mit sich, drängten sich aber zunächst schüchtern im Vorzimmer zusammen; dann allmählich schoben sie sich, einer sich hinter dem andern versteckend, in den Saal hinein und begannen, anfangs verlegen, dann immer lustiger und zuversichtlicher, ihre Gesänge, Tänze, Reigen und Weihnachtsspiele. Die Gräfin begab sich, nachdem sie die einzelnen Vermummten erkannt und ein wenig über sie gelacht hatte, wieder in den Salon. Graf Ilja Andrejewitsch aber blieb mit strahlendem Lächeln im Saal sitzen und spendete den Spielenden Beifall. Die jungen Leute waren verschwunden, niemand wußte, wohin.
Eine halbe Stunde darauf tauchten im Saal unter den andern Vermummten noch einige neue auf: eine alte Dame im Reifrock; dies war Nikolai. Eine Türkin war in Wirklichkeit Petja. Ein Bajazzo; das war Dümmler. Ein Husar: Natascha, und ein Tscherkesse: Sonja, mit Augenbrauen und Schnurrbart, die mit angebranntem Kork gemalt waren.
Nachdem die Nichtverkleideten ein freundliches Staunen gezeigt, die Vermummten eine Zeitlang nicht erkannt und dann die Verkleidungen gebührendermaßen gelobt hatten, fanden die jungen Leute ihre Kostüme so schön, daß sie für nötig erachteten, sie auch sonst noch jemandem zu zeigen.
Nikolai, der bei der vorzüglichen Schlittenbahn große Lust hatte, alle mit seinem Dreigespann zu fahren, machte den Vorschlag, etwa ein Dutzend von den vermummten Gutsleuten mitzunehmen und zum Onkel zu fahren.
»Nein, wozu wollt ihr den alten Mann stören!« sagte die Gräfin. »Und es ist auch bei ihm so wenig Raum, daß ihr euch kaum umdrehen könntet. Wenn ihr einmal fahren wollt, dann fahrt doch zu Meljukows.«
Frau Meljukowa war Witwe und wohnte mit ihren in verschiedenem Lebensalter stehenden Kindern und deren Gouvernanten und Erziehern vier Werst von Rostows entfernt.
»Hör mal, meine Liebe, das ist ein gescheiter Gedanke von dir«, fiel der alte Graf ein, der ganz vergnügt geworden war. »Wißt ihr was? Ich will mich auch schnell verkleiden und mit euch fahren. Ich werde Pelagia schon amüsieren.«
Aber die Gräfin war dagegen und wollte den Grafen nicht weglassen, weil er doch alle diese Tage Schmerzen im Bein gehabt habe. Das Schlußresultat war: Ilja Andrejewitsch solle nicht mitfahren; aber wenn Luisa Iwanowna (das war Madame Schoß) mit von der Partie sein wolle, dann dürften auch die jungen Mädchen zu Frau Meljukowa fahren. Sonja, die sonst immer so zaghaft und schüchtern war, bestürmte jetzt dringender als alle andern Luisa Iwanowna mit Bitten, ihnen das doch nicht abzuschlagen.
Sonjas Verkleidung war die schönste von allen. Der Schnurrbart und die starken Augenbrauen standen ihr außerordentlich gut. Alle sagten ihr, sie sehe sehr hübsch aus, und sie befand sich in einer ihr sonst fremden, angeregten, tatenlustigen Stimmung. Eine innere Stimme sagte ihr, heute oder nie werde sich ihr Schicksal entscheiden, und sie schien in ihrem Männerkostüm ein ganz anderer Mensch geworden zu sein. Luisa Iwanowna willigte ein, und eine halbe Stunde darauf fuhren vier Schlitten, jeder mit drei Pferden bespannt, unter lustigem Geläut der Glöckchen und Schellen und starkem Quieken und Pfeifen der eisenbeschlagenen Kufen auf dem gefrorenen Schnee, vor der Haustür vor.
Natascha war die erste, die den Ton weihnachtlicher Lustigkeit anschlug, und diese Lustigkeit, die sich von einem auf den andern übertrug, steigerte sich immer mehr und mehr und war auf den höchsten Grad gelangt, als alle in die Kälte hinaustraten und eifrig miteinander redend und einander zurufend, lachend und schreiend sich in die Schlitten verteilten.
Zwei der Dreigespanne waren gewöhnliche Gutspferde; das dritte Dreigespann, welches das besondere Eigentum des alten Grafen war, hatten einen Orlow-Traber in der Deichsel; das vierte, mit einem kleinen, zottigen Rappen als Deichselpferd, gehörte Nikolai. Nikolai, der über sein Kostüm als alte Dame einen durch einen Gurt zusammengehaltenen Husarenmantel angezogen hatte, stand mitten in seinem Schlitten und hielt die Zügel straff. Es war so hell, daß er die im Mondlicht blitzenden Metallplatten an den Köpfen der Pferde und die Augen der Pferde sah, die sich erschrocken nach der Reisegesellschaft umschauten, welche unter dem Schutzdach vor der Haustür, wo es dunkel war, einen solchen Lärm vollführte.
In Nikolais Schlitten nahmen Natascha, Sonja, Madame Schoß und zwei Gutsmädchen Platz; in den Schlitten des alten Grafen stiegen Dümmler mit seiner Frau und Petja; die übrigen beiden füllten die vermummten Gutsleute an.
»Fahr voran, Sachar!« rief Nikolai dem Kutscher seines Vaters zu, um die Möglichkeit zu haben, ihn unterwegs zu überholen.
Der Schlitten des alten Grafen, in welchem Dümmler und seine Fahrtgenossen saßen, fuhr mit einem Aufkreischen der Kufen, als ob sie am Schnee angefroren wären, ab; in tiefem Ton klingelte sein Glöckchen. Die Seitenpferde drängten sich an die Gabeldeichsel und sanken tief in den wie Zucker festen, glänzenden Schnee ein, den sie in Mengen in die Höhe schleuderten.
Nach dem ersten Schlitten fuhr Nikolai ab; dahinter folgten klingelnd und knirschend die übrigen. Anfangs fuhren sie in kurzem Trab auf schmalem Weg. Solange sie am Garten entlangfuhren, legten sich oft die Schatten der kahlen Bäume quer über den Weg und verbargen das helle Licht des Mondes; aber sowie sie über den Garten hinausgekommen waren, erschloß sich auf allen Seiten die unbeweglich daliegende Schneefläche, die ganz vom Mondlicht überflutet war und wie Diamanten, mit einem bläulichen Schimmer, blitzte. Einmal und noch einmal stieß der vorderste Schlitten rumpelnd in ein ausgefahrenes Loch im Weg; und genau dieselben Stöße wiederholten sich beim folgenden Schlitten und bei den übrigen. So zogen sich die Schlitten in langer Reihe einer hinter dem andern dahin und störten keck die ringsum herrschende tiefe Stille.
»Eine Hasenspur, eine Menge Spuren!« erklang Nataschas Stimme in der vom Frost wie zusammengeschmiedeten Luft.
»Wie deutlich alles zu sehen ist, Nikolai!« sagte Sonja.
Nikolai drehte sich nach Sonja um und beugte sich nieder, um aus größerer Nähe ihr Gesicht unterscheiden zu können. Ein ganz neues, allerliebstes Gesichtchen, mit schwarzen Augenbrauen und schwarzem Schnurrbart, das im Mondlicht nah und fern zugleich erschien, blickte ihm aus dem Zobelpelzwerk entgegen.
»Das war doch früher Sonja?« dachte Nikolai. Er rückte mit seinem Gesicht noch etwas näher heran, um sie genauer zu sehen, und lächelte.
»Was haben Sie, Nikolai?«
»Oh, nichts!« antwortete er und wandte sich wieder zu den Pferden hin.
Als sie auf die vielbefahrene große Landstraße hinauskamen, die von den Schlittenkufen geglättet und, was man im Mondschein deutlich sehen konnte, von den Hufeisendornen ganz zerhackt war, da begannen die Pferde ganz von selbst die Zügel auszuziehen und ihren Lauf zu beschleunigen. Das linke Seitenpferd bog den Kopf nach unten und machte Sprünge, von denen die Stränge jedesmal einen Ruck bekamen. Das Deichselpferd wiegte sich hin und her und bewegte die Ohren, als ob es fragen wollte: »Soll ich nun anfangen, oder ist es noch zu früh?« Vorn, schon weit voraus, sah man deutlich gegen den weißen Schnee das schwarze Dreigespann Sachars. Man hörte das sich immer mehr entfernende tieftönende Glöckchen klingen, und wie die Verkleideten in dem Schlitten schrien und lachten und miteinander redeten.