Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Sie haben die Güte zuzuhören?« sagte sie zu Natascha mit einem Lächeln, das mit dem Lächeln des Onkels eine außerordentliche Ähnlichkeit hatte. »Ja, wir haben da einen wahren Virtuosen im Haus«, fügte sie hinzu.
»Da! An dieser Stelle macht er es nicht richtig«, bemerkte auf einmal der Onkel mit einer energischen Handbewegung. »Hier dürfen keine Verschleifungen sein, klar und selbstverständlich; keine Verschleifungen …«
»Verstehen Sie sich auch darauf?« fragte Natascha.
Der Onkel antwortete nicht, sondern lächelte nur.
»Sieh doch mal nach, liebe Anisja, ob die Saiten an der Gitarre ganz sind. Ich habe sie lange nicht in der Hand gehabt, klar und selbstverständlich; ich habe es so gut wie ganz aufgegeben.«
Anisja Fedorowna ging willig mit ihrem leichten Gang hinaus, um den Auftrag ihres Herrn zu erfüllen, und brachte die Gitarre.
Der Onkel blies, ohne jemand anzusehen, den Staub davon ab, klopfte mit seinen knochigen Fingern auf den Boden der Gitarre, stimmte sie und setzte sich auf seinem Stuhl zurecht. Er ergriff mit einer etwas theatralischen Gebärde, indem er den linken Ellbogen vom Körper abspreizte, die Gitarre oben am Hals und zwinkerte der Wirtschafterin mit den Augen zu. Aber er spielte nicht die »Herrin«, sondern griff einen volltönenden, reinen Akkord und begann dann in sehr ruhigem, gemessenem Tempo, aber fest und sicher das bekannte Lied: »Auf der Straße abends spät eine Maid nach Wasser geht.« Und gleichzeitig hallte in demselben Takt, mit derselben maßvollen Heiterkeit (eben jener Heiterkeit, welche Anisja Fedorownas ganzes Wesen atmete) die Melodie des Liedes in Nikolais und Nataschas Herzen wider. Anisja Fedorowna errötete, lachte, hielt sich ihr Kopftuch vor das Gesicht und verließ das Zimmer. Der Onkel spielte die Melodie mit reinem, akkuratem, kräftigem Vortrag weiter und blickte dabei mit ganz veränderter, entzückter Miene nach der Stelle, von der Anisja Fedorowna soeben weggegangen war. Ein ganz, ganz leises Lachen war auf der einen Seite seines Gesichtes unter dem grauen Schnurrbart wahrzunehmen, namentlich dann, wenn die Melodie einen besonderen Schwung annahm, das Tempo schneller wurde und auf einen kunstvollen Lauf der Schlußakkord folgte.
»Prachtvoll, prachtvoll, Onkelchen; noch mal, noch mal!« rief Natascha, sobald er geendet hatte. Sie sprang von ihrem Platz auf, umarmte den Onkel und küßte ihn. »Nikolai, Nikolai!« rief sie, indem sie sich nach ihrem Bruder umblickte und diesen gleichsam fragte, ob das nicht etwas ganz Wunderbares sei.
Auch diesem gefiel das Spiel des Onkels außerordentlich gut. Der Onkel spielte das Lied zum zweitenmal. Anisja Fedorownas lächelndes Gesicht erschien wieder in der Tür, und hinter ihr wurden noch andere Köpfe sichtbar. »Und der Bursch am Brunnen spricht: ›Schönes Mädchen, eile nicht!‹« spielte der Onkel, vollführte wieder einen geschickten Lauf mit Schlußakkord und machte ein paar rhythmische Bewegungen mit den Schultern.
»Ach ja, ach ja, liebstes, bestes Onkelchen!« bat Natascha in so innig flehendem Ton, als ob ihr Leben davon abhinge.
Der Onkel stand auf, und nun war es, als ob zwei verschiedene Menschen in ihm steckten: der eine von ihnen, der ernsthafte, lächelte leise über den andern, den lustigen, und der lustige machte in einer naiv gewissenhaften Weise einige einleitende Tanzbewegungen.
»Nun also, liebe Nichte!« rief der Onkel und schwenkte die Hand, mit der er soeben den letzten Akkord gegriffen hatte, nach Natascha zu.
Natascha warf das Umschlagtuch ab, in das sie sich eingehüllt hatte, lief zum Onkel, stellte sich vor ihn hin, stemmte die Hände in die Seiten, machte Bewegungen mit den Schultern und stand dann still.
Wo, wie und wann hatte diese von einer französischen Emigrantin erzogene kleine Komtesse aus der russischen Luft, die sie atmete, diesen Geist eingesogen? Wo nahm sie diese Tanzschritte her, von denen zu erwarten gewesen wäre, daß der pas de châle sie längst verdrängt hatte? Aber dieser Geist und diese Tanzschritte waren eben jene nicht nachzuahmende, nicht zu erlernende russische Eigenart, die der Onkel denn auch von ihr erwartete. Sobald sie sich hingestellt hatte und feierlich-stolz und zugleich listig-vergnügt lächelte, war die Besorgnis, die sich Nikolais und aller Anwesenden zuerst hatte bemächtigen wollen, die Besorgnis, daß sie die Sache nicht richtig machen würde, verschwunden, und alle blickten auf sie mit neugieriger Bewunderung.
Sie machte alles, wie es sich gehörte, so richtig, so vollkommen richtig, daß Anisja Fedorowna, die ihr sofort das für diesen Tanz erforderliche Tuch gereicht hatte, zugleich lachen und weinen mußte beim Anblick dieser schlanken, anmutigen, ihr so fremden, in Samt und Seide aufgewachsenen Komtesse, die doch ganz ebenso zu empfinden verstand wie Anisja und Anisjas Vater und Tante und Mutter und wie jeder Russe.
»Na, meine liebe Komtesse, klar und selbstverständlich«, sagte vergnügt lachend der Onkel, sobald der Tanz zu Ende war. »So eine Nichte lob ich mir! Da müßte man dir bald einen netten, jungen Mann aussuchen, klar und selbstverständlich!«
»Ist schon ausgesucht«, warf Nikolai lächelnd dazwischen.
»Oh!« machte der Onkel verwundert und sah Natascha fragend an. Natascha nickte bejahend mit einem glückseligen Lächeln.
»Und was für einer!« sagte sie. Aber sowie sie das gesagt hatte, tauchte in ihrer Seele eine andere, neue Reihe von Gedanken und Empfindungen auf: »Was bedeutete Nikolais Lächeln, als er sagte: ›Ist schon ausgesucht‹? Freut er sich darüber oder nicht? Er scheint zu denken, daß mein Bolkonski für dieses Vergnügen, das wir uns hier machen, kein Verständnis haben und es nicht billigen würde. Nicht doch, er würde für alles Verständnis haben. Wo mag er jetzt sein?« dachte Natascha, und ihr Gesicht wurde auf einmal ernsthaft. Aber das dauerte nur eine Sekunde. »Ich will nicht daran denken, darf nicht daran denken«, sagte sie zu sich, setzte sich lächelnd wieder zum Onkel hin und bat ihn, noch etwas zu spielen.
Der Onkel spielte noch ein Lied und einen Walzer; dann machte er eine kleine Pause, räusperte sich und stimmte ein Jagdlied an, das er besonders gern mochte:
»Ein Spurschnee ist gefallen,
Das freut mein Jägerherz …«
Der Onkel sang so, wie das Volk singt: mit der naiven, festen Überzeugung, daß der eigentliche Wert eines Liedes in den Worten liegt, daß die Melodie sich ganz von selbst dazufindet, und daß eine Melodie ganz ohne Text überhaupt nicht existiert, sondern die Melodie nur so um des besseren Klanges willen da ist. Ebendeshalb wirkte dieses unbewußte Singen des Onkels überaus angenehm, ähnlich wie das Singen eines Vogels. Natascha war von dem Gesang des Onkels ganz entzückt. Sie nahm sich vor, nicht mehr Harfe zu lernen, sondern nur noch Gitarre zu spielen. Sie bat den Onkel um seine Gitarre und suchte sogleich Begleitakkorde für das Lied.
Gegen zehn Uhr trafen, um Natascha und Petja heimzuholen, ein Jagdwagen, ein Kabriolett und drei Reiter ein. Der als Bote hingeschickte Jäger berichtete, der Graf und die Gräfin hätten gar nicht gewußt, wo sie wohl geblieben sein könnten, und sich sehr beunruhigt.
Petja wurde hinausgetragen und wie ein Toter in das Kabriolett gelegt; Natascha und Nikolai setzten sich in den Jagdwagen.
Der Onkel hüllte Natascha sorgsam ein und nahm von ihr mit einer ganz neuen Art von Zärtlichkeit Abschied. Er gab ihnen zu Fuß das Geleit bis zu einer Brücke, neben der man durch eine Furt fahren mußte, und ordnete an, daß einige Jäger mit Laternen voranritten.
»Lebe wohl, liebe Nichte«, rief ihr eine Stimme aus der Dunkelheit nach, nicht die Stimme, welche Natascha früher gekannt hatte, sondern die, welche gesungen hatte: »Ein Spurschnee ist gefallen.«
In dem Dorf, durch das sie hindurchfuhren, schimmerte rötlicher Lichtschein durch die Fenster, und es roch angenehm nach Rauch.