Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Ein Neger«, fiel Nikolai mit vergnügtem Lächeln ein. »Wie werde ich mich denn daran nicht erinnern? Ich weiß auch heute noch nicht, ob wirklich ein Neger da war oder wir es nur geträumt haben oder jemand es uns erzählt hat.«
»Er war nicht schwarz, sondern grau, erinnerst du dich? und hatte weiße Zähne. Er stand da und sah uns an …«
»Erinnern Sie sich auch noch daran, Sonja?« fragte Nikolai.
»Ja, ja, ich erinnere mich auch an so etwas Ähnliches«, antwortete Sonja schüchtern.
»Ich habe nachher nach diesem Neger Papa und Mama gefragt«, sagte Natascha. »Sie sagten, es sei kein Neger dagewesen. Aber du erinnerst dich doch auch daran!«
»Gewiß, ich erinnere mich an seine Zähne, wie wenn es heute gewesen wäre.«
»Wie sonderbar das ist; gerade als ob es uns geträumt hätte. So etwas habe ich gern.«
»Und erinnerst du dich noch, wie wir einmal im Saal mit Ostereiern trudelten, und auf einmal waren da zwei alte Frauen und drehten sich auf dem Teppich herum? War das nun Wirklichkeit oder nicht? Erinnerst du dich, wie schön es war?«
»Ja. Und erinnerst du dich, wie Papa in seinem blauen Pelz auf der Freitreppe mit der Flinte schoß?«
So durchmusterten sie lächelnd mit dem Genuß, den eine nicht greisenhaft-traurige, sondern jugendlich-poetische Rückerinnerung gewährt, die aus der fernsten Vergangenheit noch haftenden Eindrücke, bei denen Traum und Wirklichkeit zusammenfließen. Und sie lachten leise und freuten sich.
Sonja blieb, wie immer, hinter ihnen zurück, obgleich diese Erinnerungen eigentlich ihnen allen dreien gemeinsam waren.
Sonja konnte sich an vieles von dem nicht erinnern, woran sich die beiden andern erinnerten; und auch das, woran sie sich erinnerte, erregte bei ihr nicht jene poetische Empfindung, welche die andern dabei genossen. Sie hatte ihr Vergnügen nur an der Freude der beiden und bemühte sich, eine ähnliche Freude zu zeigen.
Wirklichen Anteil nahm sie erst dann, als erwähnt wurde, wie sie selbst zuerst zu der Familie gekommen sei. Sonja erzählte, wie sie sich vor Nikolai gefürchtet hätte, weil an seinem Jäckchen Schnüre gewesen wären und die Kinderfrau ihr gesagt habe, sie würde an diese Schnüre festgenäht werden.
»Und ich erinnere mich: mir sagten sie, du wärest unter einem Kohlkopf geboren«, sagte Natascha, »und ich erinnere mich, daß ich das damals nicht zu bezweifeln wagte, obwohl ich wußte, daß es nicht wahr sein konnte; und das war mir ein unheimliches Gefühl.«
Während dieses Gespräches schob sich durch die hintere Tür des Sofazimmers der Kopf eines Stubenmädchens hindurch.
»Gnädiges Fräulein, der Hahn ist gebracht worden«, meldete das Mädchen flüsternd.
»Ich brauche ihn nicht mehr, Polja, laß ihn nur wieder wegbringen«, sagte Natascha.
Als das Gespräch im Sofazimmer im besten Gang war, kam Herr Dümmler herein und ging zu der Harfe, die in einer Ecke stand. Er nahm den Überzug ab, wobei das Instrument einen häßlingen Klang gab.
»Eduard Karlowitsch, bitte, spielen Sie mir doch mein Lieblings-Notturno von Monsieur Field«, rief die alte Gräfin aus dem Salon.
Dümmler griff einen Akkord und sagte, zu Natascha, Nikolai und Sonja gewendet: »Wie nett und friedlich das junge Volk da so zusammensitzt!«
»Ja, wir philosophieren«, antwortete Natascha, sich einen Augenblick nach ihm hinwendend, und fuhr dann in dem Gespräch fort. Es war jetzt von Träumen die Rede.
Dümmler begann zu spielen. Natascha ging leise, auf den Fußspitzen, zum Tisch hin, nahm die Kerze, trug sie hinaus und setzte sich, als sie zurückkam, still wieder auf ihren Platz. Im Zimmer, und besonders bei dem Sofa, auf dem sie saßen, war es dunkel; aber durch die großen Fenster fiel das silberne Licht des Vollmondes auf die Dielen.
»Wißt ihr, ich glaube«, flüsterte Natascha, an Nikolai und Sonja näher heranrückend, als Dümmler schon das Musikstück beendet hatte und nun noch dasaß und leise hier und da eine Saite mit den Fingern berührte, augenscheinlich nicht recht wissend, ob er zu spielen aufhören oder etwas Neues anfangen sollte, »ich glaube, wenn man sich so erinnert und erinnert und immer weiter erinnert, dann bringt man es schließlich in der Erinnerung so weit, daß man sich an das erinnert, was geschehen ist, ehe man noch auf der Welt war.«
»Das ist die Metempsychose, die Seelenwanderung«, sagte Sonja, die in der Schule immer gut gelernt hatte und alles dort Gelernte noch wußte. »Die Ägypter glaubten, unsere Seelen hätten vorher in Tierleibern gesteckt und würden auch wieder in Tierleiber einziehen.«
»Nein, weißt du, das glaube ich nicht, daß wir Tiere gewesen sind«, erwiderte Natascha, immer noch in demselben Flüsterton, obwohl die Musik schon zu Ende war, »aber ich weiß bestimmt, daß wir einmal Engel waren, dort irgendwo, und daß wir auch hier unten waren, und uns daher an alles erinnern …«
»Darf ich mich zu Ihnen gesellen?« fragte Herr Dümmler, der leise herangetreten war, und setzte sich zu ihnen hin.
»Wenn wir Engel gewesen wären, wodurch hätten wir es dann verdient, so tief zu fallen?« entgegnete Nikolai. »Nein, das ist nicht möglich!«
»Nicht tief! Wer hat dir gesagt, daß das so tief ist …?« erwiderte Natascha. Und im Ton fester Überzeugung fuhr sie fort: »Und woher ich das weiß, was ich früher gewesen bin? Die Seele ist ja unsterblich … folglich, wenn ich immer leben werde, so habe ich auch vorher gelebt, von Ewigkeit her gelebt.«
»Ja, aber es fällt uns doch schwer, uns die Ewigkeit vorzustellen«, bemerkte Dümmler, der zwar ursprünglich mit einem Lächeln freundlicher Geringschätzung zu den jungen Leuten getreten war, nun aber ebenso ruhig und ernst redete wie sie.
»Warum soll es so schwer sein, sich die Ewigkeit vorzustellen?« sagte Natascha. »Sie ist heute, wird morgen sein, wird immer sein und war gestern und vorgestern …«
»Natascha, jetzt kommst du an die Reihe!« rief die Gräfin. »Sing mir etwas! Was sitzt ihr da alle zusammen wie die Verschwörer?«
»Ach, Mama, ich habe eigentlich gar keine Lust«, antwortete Natascha, stand aber doch gleichzeitig auf.
Sie hatten alle, selbst der schon bejahrte Dümmler, keine Lust, das Gespräch abzubrechen und aus dem Eckchen des Sofazimmers herauszukommen; aber Natascha war schon aufgestanden, und Nikolai setzte sich ans Klavier. Natascha stellte sich, wie immer, in die Mitte des Saales, wodurch sie sich den besten Platz für die Resonanz auswählte, und begann das Lieblingslied ihrer Mutter zu singen.
Sie hatte zwar gesagt, daß sie keine Lust zum Singen habe; aber dennoch sang sie lange Zeit vorher und nachher nicht so gut wie gerade an diesem Abend. Graf Ilja Andrejewitsch hörte ihren Gesang von seinem Arbeitszimmer aus, wo er mit dem Geschäftsführer Dmitri eine Besprechung hatte, und wie ein Schüler, der sich beeilt mit seinen Schularbeiten fertigzuwerden, um zum Spielen zu gehen, machte er bei den Weisungen, die er dem Geschäftsführer erteilte, lauter Konfusion und schwieg endlich ganz; und Dmitri stand, gleichfalls zuhörend, schweigend und lächelnd vor dem Grafen. Nikolai verwandte kein Auge von seiner Schwester und holte in Übereinstimmung mit ihr Atem. Sonja dachte beim Zuhören, was für ein gewaltiger Unterschied doch zwischen ihr und ihrer Freundin bestehe, und daß es ihr schlechterdings unmöglich sei, auch nur für eine kleine Weile eine so bezaubernde Wirkung auf andere auszuüben wie ihre Kusine.
Die alte Gräfin saß mit einem glücklichen und zugleich traurigen Lächeln und mit Tränen in den Augen da und wiegte manchmal den Kopf hin und her. Sie dachte sowohl an Natascha als auch an ihre eigene Jugend und konnte nicht von dem Gedanken loskommen, daß in dieser bevorstehenden Verheiratung Nataschas mit dem Fürsten Andrei etwas Unnatürliches und Besorgniserregendes liege.
Dümmler hatte sich neben die Gräfin gesetzt und hörte mit geschlossenen Augen zu.
»Nein, Gräfin«, sagte er endlich, »das ist ja ein Talent, wie man es in ganz Europa nur selten findet. Sie braucht nichts mehr hinzuzulernen; diese Weichheit, diese Zartheit, diese Kraft …!«