Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Liebste Jorsa! Mein Schätzchen!« rief Ilagin mit weinerlicher, fremdartig klingender Stimme. Jorsa hatte keine Zeit, auf sein Flehen zu achten. Aber gerade in dem Augenblick, wo man erwarten mußte, daß sie den Hasen packen werde, machte er einen Seitensprung auf den Grenzrain zwischen dem Wintersaatfeld und dem Stoppelfeld. Wieder liefen Jorsa und Milka Kopf an Kopf wie ein Zweigespann nebeneinander hinter dem Hasen her; aber auf dem Grenzrain wurde dem Hasen das Laufen leichter, und die Hunde kamen ihm nur ganz allmählich näher.
»Rugai, lieber Rugai! Klar und selbstverständlich!« schrie in diesem Augenblick eine neue Stimme, und Rugai, der rote, bucklige Hund des Onkels, holte, sich abwechselnd streckend und den Rücken krümmend, die beiden ersten Hunde ein, überholte sie, steigerte mit furchtbarer Selbstaufopferung schon dicht bei dem Hasen sein Tempo noch weiter, drängte ihn von dem Grenzrain auf die Wintersaat, unternahm auf dem schmutzigen Wintersaatfeld, wo er bis an die Knie einsank, einen zweiten, noch grimmigeren Ansturm, und nun war nur zu sehen, daß er, den Rücken mit Schmutz besudelt, sich mit dem Hasen zusammen herumkugelte. Ein Stern von Hunden umringte ihn. Eine Minute darauf hielten alle Jäger um die dichtgedrängten Hunde. Nur der glückselige Onkel stieg vom Pferd und schnitt dem Hasen den einen Hinterlauf ab. Er schüttelte den Hasen, damit das Blut abliefe, blickte dann erregt mit umherirrenden Augen um sich, ohne zu wissen, wo er mit seinen Händen und Füßen bleiben sollte, und redete, er wußte selbst nicht mit wem und was. »Das war ein schönes Stückchen … das ist mal ein Hund … alle hat er sie geschlagen, die, welche tausend Rubel, und die, welche einen Rubel gekostet haben. Klar und selbstverständlich«, sagte er ganz außer Atem und blickte grimmig um sich, als ob er jemanden ausschelte, und als ob die Umstehenden sämtlich seine Feinde wären und ihn sämtlich beleidigt hätten und es ihm erst jetzt endlich gelungen wäre, sich zu rechtfertigen. »Da seht ihr, was eure Tausendrubel-Hunde leisten! Klar und selbstverständlich …!«
»Rugai, da hast du einen Lauf!« sagte er und warf dem Hund den abgeschnittenen Hinterlauf des Hasen mit der daranklebenden Erde hin. »Hast es redlich verdient! Klar und selbstverständlich!«
»Sie war übermüdet; dreimal hatte sie ihn allein eingeholt«, sagte Nikolai, ebenfalls ohne zu hören, was ein anderer sagte, und ohne sich darum zu kümmern, ob man ihm zuhörte oder nicht.
»Was ist das für ein Ruhm, von der Seite!« bemerkte Ilagins Leibjäger.
»Ja, wenn einem guten Hund ein Mißgeschick widerfahren ist, dann kann den müde gehetzten Hasen jeder Hofhund greifen«, sagte gleichzeitig Ilagin, der von dem schnellen Ritt und der Erregung ganz rot aussah und fast keine Luft hatte. Und in demselben Augenblick kreischte Natascha vor Freude und Entzücken, ohne dazwischen Atem zu holen, so durchdringend auf, daß den Hörern die Ohren gellten. Sie drückte mit diesem Kreischen dasselbe aus, was die andern Jäger gleichzeitig durch ihr Gespräch zum Ausdruck brachten. Und dieses Kreischen war so sonderbar, daß sie selbst sich dieser wilden Gefühlsäußerung hätte schämen müssen und alle sich darüber höchlichst gewundert haben würden, wenn dies sich zu anderer Zeit zugetragen hätte. Der Onkel band selbst den Hasen an den Sattelriemen, warf ihn mit einer geschickten, energischen Bewegung über das Hinterteil des Pferdes, als ob er durch diesen Schwung beim Hinüberwerfen allen einen Vorwurf machen wollte, setzte sich mit einer Miene, wie wenn er mit niemand weiter reden möge, auf seinen Hellbraunen und ritt für sich allein. Die übrigen, sämtlich verdrossen und sich gekränkt fühlend, brachen gleichfalls auf und waren erst lange nachher imstande, sich wieder zu dem früheren gleichmütigen Wesen zu zwingen. Lange noch blickten sie von Zeit zu Zeit nach dem roten Rugai, der, den buckligen Rücken mit Schmutz bedeckt und mit dem Koppeleisen klirrend, mit der ruhigen Miene des Siegers hinter dem Pferd des Onkels herging.
Nikolai hatte die Empfindung, als besagte die Miene dieses Hundes: »Freilich, ich sehe aus wie jeder andere Hund, solange keine Hetzjagd in Frage steht; aber wenn das der Fall ist, dann nehmt euch zusammen!«
Als eine ziemliche Weile nachher der Onkel zu Nikolai heranritt und ein Gespräch mit ihm anknüpfte, da fühlte sich Nikolai dadurch geschmeichelt, daß der Onkel nach allem Vorgefallenen sich herbeiließ mit ihm zu reden.
VII
Als sich am Abend Ilagin von Rostow verabschiedet hatte, befand sich Nikolai so weit von zu Hause entfernt, daß er den Vorschlag des Onkels annahm, die Hunde und Jäger bei ihm auf seinem kleinen Gut Michailowka übernachten zu lassen.
»Und das beste wäre schon, wenn auch ihr auf eine Weile zu mir herankämt, klar und selbstverständlich«, sagte der Onkel. »Seht mal, es ist feuchtes Wetter; da könntet ihr euch ein bißchen erholen, und die Komtesse könnte dann in einem Wagen nach Hause fahren.«
Auch dieser Vorschlag des Onkels wurde angenommen; es wurde ein Jäger nach Otradnoje geschickt, um einen Wagen zu holen, und Nikolai, Natascha und Petja ritten zum Onkel.
Etwa fünf Leibeigene, Männer und Knaben, kamen auf die vordere Freitreppe herausgelaufen, um ihren Herrn zu empfangen. Dutzende von weiblichen Wesen, alten und jungen, drängten sich von dem hinteren Ausgang her hinzu, um die heranreitenden Jäger zu sehen. Der Anblick Nataschas, einer Dame, eines Fräuleins zu Pferd, steigerte die Neugierde der Gutsleute des Onkels dermaßen, daß viele, ohne sich vor ihr zu scheuen, zu ihr herantraten, ihr in die Augen sahen und laut vor ihren Ohren ihre Bemerkungen über sie machten, als ob sie ein zur Schau gestelltes Wundertier wäre, das kein Mensch ist und nicht hören und verstehen kann, was man von ihm sagt.
»Arinka, sieh nur, sie sitzt auf der Seite! Ganz von allein sitzt sie, und das Kleid baumelt herunter … Sieh nur, auch ein kleines Jagdhorn hat sie!«
»All ihr lieben Heiligen, auch ein kleines Jagdmesser …«
»Die reine Tatarin!«
»Wie machst du das bloß, daß du nicht herunterpurzelst?« sagte die dreisteste, sich geradezu an Natascha wendend.
Der Onkel stieg an der Freitreppe seines hölzernen, von einem Garten umgebenen Häuschens vom Pferd, und als er seine Hausleute sah, rief er ihnen gebieterisch zu, wer hier nichts zu tun habe, solle machen, daß er davonkäme, und es solle alles, was zur Aufnahme der Gäste und des Jagdgefolges nötig sei, getan werden.
Alle liefen auseinander. Der Onkel hob Natascha vom Pferd und führte sie an seinem Arm die wackligen Bretterstufen der Freitreppe hinauf. Im Haus zeigten die Balkenwände keinen Kalkbewurf; auch war es nicht sonderlich sauber: man sah, daß den Bewohnern nicht daran lag, jeden Fleck zu verhüten; aber es war keine gröbere Vernachlässigung wahrnehmbar. Im Flur roch es nach frischen Äpfeln, und es hingen dort Wolfs- und Fuchsfelle.
Durch ein Vorzimmer führte der Onkel seine Gäste in einen kleinen Saal mit einem Klapptisch und roten Stühlen, dann in einen Salon mit einem runden Tisch von Birkenholz und einem Sofa, dann in sein eigenes Zimmer mit einem zerrissenen Sofa, einem abgenutzten Teppich und mit Porträts, welche den Feldmarschall Suworow, den Vater und die Mutter des Hausherrn und ihn selbst in Militäruniform darstellten. In diesem Zimmer machte sich ein starker Geruch nach Tabak und Hunden spürbar. Hier bat der Onkel seine Gäste Platz zu nehmen und zu tun, als ob sie zu Hause wären; er selbst ging hinaus. Rugai mit seinem unsauberen Rücken kam ins Zimmer, legte sich auf das Sofa und begann sich mit Zunge und Zähnen zu reinigen. Aus diesem Zimmer führte ein Korridor weiter, in dem ein Wandschirm mit zerrissenem Bezug sichtbar war. Hinter dem Wandschirm hervor ließ sich Lachen und Flüstern weiblicher Personen vernehmen. Natascha, Nikolai und Petja nahmen, sich in den vorhandenen Raum teilend, auf dem Sofa Platz. Petja stützte sich mit dem Ellbogen auf und war sofort eingeschlafen; Natascha und Nikolai saßen schweigend da. Ihre Gesichter brannten; sie waren sehr hungrig und sehr lustig. Sie sahen einander an (nach der Jagd, hier im Zimmer, hielt Nikolai es nicht mehr für nötig, seiner Schwester gegenüber seine männliche Überlegenheit zu betonen); Natascha blinzelte dem Bruder zu, und nun konnten sich beide nicht mehr lange beherrschen, sondern lachten laut los, ohne daß sie sich noch über einen Grund für dieses Lachen klargeworden wären.