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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Aber wenn ich nun ein Mädchen ohne Vermögen liebte, würden Sie dann wirklich von mir verlangen, Mama, daß ich meine Neigung und meine Ehre um des Geldes willen zum Opfer brächte?« fragte er seine Mutter. Für die Grausamkeit, die in dieser Frage lag, hatte er keine Empfindung; ihm lag nur daran, seine edle Gesinnung ins rechte Licht zu stellen.

»Nein, du hast mich nicht richtig verstanden«, erwiderte die Mutter, die nicht recht wußte, wie sie sich herausreden sollte. »Du hast mich nicht richtig verstanden, lieber Nikolai. Ich wünsche nur dein Glück«, fügte sie hinzu, fühlte aber dabei selbst, daß sie die Unwahrheit sagte und sich verwickelte. Sie fing an zu weinen.

»Liebe Mama, weinen Sie nicht, sondern sagen Sie mir nur, daß Sie das wünschen, und Sie wissen, daß ich mein ganzes Leben und alles, was ich habe, hingeben werde, damit Sie ruhig sein können«, sagte Nikolai. »Ich werde alles um Ihretwillen zum Opfer bringen, sogar meine Neigung.«

Aber so wollte die Gräfin die Sache nicht aufgefaßt sehen; ein Opfer von seiten ihres Sohnes wünschte sie nicht; vielmehr hätte sie ihm gern selbst Opfer gebracht.

»Nein, du hast mich nicht richtig verstanden; wir wollen nicht weiter davon reden«, sagte sie und trocknete ihre Tränen.

»Ja, vielleicht liebe ich wirklich ein armes Mädchen«, sagte Nikolai zu sich selbst. »Nun wohclass="underline" soll ich dann meine Neigung und meine Ehre um des Geldes willen zum Opfer bringen? Ich wundere mich, daß Mama mir das hat zumuten können. Darf ich deswegen, weil Sonja arm ist, sie nicht lieben, ihre treue, hingebende Liebe nicht erwidern? Und doch werde ich sicherlich mit ihr glücklicher sein als mit irgendeiner Puppe wie diese Julja. Für das Wohl meiner Angehörigen meine Neigung zum Opfer zu bringen, das werde ich stets vermögen«, sagte er zu sich selbst; »aber ihr befehlen, das kann ich nicht. Wenn ich Sonja liebe, so ist meine Neigung stärker als alles andre und steht mir höher als alles andre.«

Nikolai reiste nicht nach Moskau; die Gräfin sprach nicht wieder mit ihm von der Heirat und nahm mit Betrübnis und mitunter sogar mit einer gewissen Erbitterung deutliche Anzeichen einer immer größer werdenden Annäherung zwischen ihrem Sohn und der vermögenslosen Sonja wahr. Sie machte sich deswegen selbst Vorwürfe, konnte sich aber doch nicht enthalten, Sonja mürrisch und zänkisch zu behandeln; oft schnitt sie ihr ohne Ursache das Wort ab und nannte sie »Sie« und »meine Liebe«. Am meisten ärgerte sich die gute Gräfin über Sonja deswegen, weil diese arme, schwarzäugige Nichte so sanft, so gut, ihren Wohltätern so dankbar ergeben war und an Nikolai mit so treuer, unwandelbarer, aufopfernder Liebe hing, daß es nicht möglich war, ihr irgendwelche Vorwürfe zu machen.

Nikolai verlebte seinen ganzen Urlaub bei seinen Angehörigen. Von dem Bräutigam, dem Fürsten Andrei, traf ein vierter Brief ein, aus Rom, in welchem er schrieb, er würde schon längst auf dem Wege nach Rußland sein, wenn nicht in dem warmen Klima unerwarteterweise seine Wunde wieder aufgebrochen wäre, was ihn zwinge, seine Abreise bis zum Anfang des nächsten Jahres zu verschieben. Natascha war noch ebenso verliebt in ihren Bräutigam, fühlte sich in dieser Liebe noch ebenso ruhig und sicher und war noch ebenso empfänglich für alle Freuden des Lebens; aber gegen Ende des vierten Monats ihrer Trennung von ihrem Bräutigam stellte sich bei ihr doch zuzeiten eine Traurigkeit ein, gegen die sie vergebens ankämpfte. Sie tat sich selbst leid; es tat ihr leid, daß sie diese ganze Zeit so unnütz, ohne daß jemand etwas davon gehabt hätte, dahinleben mußte, diese Zeit, in der sie sich doch so fähig fühlte, zu lieben und geliebt zu werden.

Es herrschte im Rostowschen Hause keine vergnügte Stimmung.

IX

Das Weihnachtsfest kam heran; aber außer einem besonders feierlichen Meßgottesdienst und den förmlichen, langweiligen Gratulationen der Nachbarn und der Gutsleute, außer den neuen Kleidern, welche alle anhatten, gab es nichts Besonderes, wodurch sich diese Tage von anderen unterschieden hätten; und doch machte sich bei einer windstillen Kälte von zwanzig Grad, bei dem hellen, blendenden Sonnenschein am Tag und dem winterlichen Sternenglanz in der Nacht das Bedürfnis fühlbar, in dieser Zeit irgend etwas Besonderes zu unternehmen.

Am dritten Festtag hatten sich nach dem Mittagessen die einzelnen Hausgenossen in ihre Zimmer zurückgezogen. Es war dies die allerlangweiligste Zeit des Tages. Nikolai, der am Vormittag zu einigen Nachbarn gefahren war, um ihnen Besuche abzustatten, schlief im Sofazimmer. Der alte Graf ruhte sich in seiner eigenen Stube aus. Im Salon saß Sonja am runden Tisch und zeichnete und malte ein Stickmuster ab. Die Gräfin legte sich Karten. Der Narr Nastasja Iwanowna saß mit zwei alten Frauen am Fenster und machte ein betrübtes Gesicht. Natascha kam in den Salon herein, trat zu Sonja und sah zu, was sie machte; dann ging sie zu ihrer Mutter und stellte sich schweigend neben sie.

»Warum läufst du so herum, als ob du gar nicht wüßtest, wo du bleiben sollst?« sagte die Mutter zu ihr. »Was fehlt dir denn?«

»Er fehlt mir … Sofort, diesen Augenblick will ich ihn hierhaben«, antwortete Natascha mit blitzenden Augen, ohne zu lächeln.

Die Gräfin hob den Kopf in die Höhe und blickte ihre Tochter aufmerksam an.

»Sehen Sie mich nicht so an, Mama, sehen Sie mich nicht so an; sonst muß ich gleich losweinen.«

»Setz dich her und bleibe ein Weilchen bei mir«, sagte die Gräfin.

»Mama, er fehlt mir. Warum muß ich mich so hinquälen, Mama …?«

Die Stimme versagte ihr, die Tränen stürzten ihr aus den Augen, und um sie zu verbergen, wandte sie sich schnell ab und verließ das Zimmer.

Sie ging ins Nebenzimmer, stand dort eine Zeitlang, mit ihren Gedanken beschäftigt, und begab sich dann in die Mädchenstube. Dort schalt eine alte Kammerfrau auf ein junges Mädchen, das soeben, ganz außer Atem vor Kälte, vom Wirtschaftshof hereingerannt gekommen war.

»Du könntest nun wohl genug herumgetollt haben«, sagte die Alte. »Alles hat seine Zeit.«

»Laß sie doch, Kondratjewna«, sagte Natascha. »Geh nur, Mawruscha, geh nur.«

Nachdem sie so Mawruscha freigemacht hatte, begab sich Natascha durch den Saal ins Vorzimmer. Dort spielten ein alter und zwei junge Diener Karten. Beim Eintritt des gnädigen Fräuleins unterbrachen sie ihr Spiel und standen auf.

»Was könnte ich wohl mit denen anfangen?« dachte Natascha.

»Ach, Nikita, bitte, geh doch hin …« (»Wohin könnte ich ihn nur schicken?« dachte sie.) »Ja, geh doch auf den Wirtschaftshof und hol mir, bitte, einen Hahn; und du, Michail, bring mir etwas Hafer.«

»Ein bißchen Hafer befehlen Sie?« fragte Michail vergnügt und dienstfertig.

»So geh doch, mach schnell«, trieb ihn der Alte an.

»Und du, Fjodor, besorge mir etwas Kreide.«

Als sie am Büfettzimmer vorbeikam, gab sie Befehl, den Samowar hereinzubringen, obwohl dazu gar nicht die richtige Zeit war.

Der Büfettdiener Foka war der ärgste Kribbelkopf im ganzen Haus. Natascha fand ein besonderes Vergnügen darin, zu erproben, wieviel Macht sie über ihn hätte. Er traute ihrem Befehl wegen des Samowars nicht und ging erst fragen, ob es damit auch seine Richtigkeit habe.

»Nein, so ein Fräulein!« sagte Foka vor sich hin und machte, sich verstellend, ein finsteres Gesicht über Natascha.

Niemand im ganzen Haus schickte die Leute so viel hin und her und machte ihnen so viel Arbeit wie Natascha. Sie brachte es nicht fertig, die Leute zu sehen, ohne sie irgendwohin zu schicken. Sie schien probieren zu wollen, ob nicht einer von ihnen über sie ärgerlich werden und den Mund ziehen werde; aber niemandes Befehle führten die Dienstboten so gern und willig aus wie Nataschas. »Was soll ich nur anfangen? Wohin soll ich nur gehen?« dachte Natascha, während sie langsam den Korridor entlangging.

»Nastasja Iwanowna, was werde ich für Kinder bekommen?« fragte sie den Narren, der ihr in seiner Weiberjacke entgegenkam.

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