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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Du wirst Flöhe, Wasserjungfern und Grashüpfer zur Welt bringen«, antwortete der Narr.

»Mein Gott, mein Gott, immer ein und dasselbe! Ach, wo soll ich nur bleiben? Was soll ich nur mit mir anfangen?« Schnell lief sie, mit den Füßen trappsend, die Treppe hinauf zu Herrn Vogel, der mit seiner Frau dort wohnte.

Bei Vogels saßen die beiden Gouvernanten; auf dem Tisch standen Teller mit Rosinen, Mandeln und Walnüssen. Die Gouvernanten unterhielten sich darüber, wo man billiger leben könne, in Moskau oder in Odessa. Natascha setzte sich zu ihnen, hörte ihrem Gespräch mit ernstem, nachdenklichem Gesicht eine Weile zu und stand dann wieder auf.

»Die Insel Madagaskar«, sagte sie vor sich hin. »Ma-da-gas-kar«, wiederholte sie, indem sie jede Silbe deutlich aussprach, und ohne auf die Frage der Madame Schoß, was sie damit sagen wolle, zu antworten, ging sie aus dem Zimmer.

Ihr Bruder Petja war ebenfalls oben: er fertigte mit dem Diener, der ihm persönlich zugewiesen war, ein Feuerwerk an, das er am Abend abzubrennen beabsichtigte.

»Petja! Petja!« rief sie ihm zu. »Laß mich herunterreiten!«

Petja kam zu ihr hingelaufen und bot ihr seinen Rücken dar. Sie sprang hinauf, umfaßte den Hals des Bruders mit den Armen, und er lief unter kleinen Sprüngen mit ihr davon.

»Nein, ich mag nicht … Madagaskar«, sagte sie, sprang von Petjas Rücken herunter und ging nach unten.

Nachdem sie so gleichsam ihr Reich durchwandert, ihre Macht erprobt und sich überzeugt hatte, daß alle ihr gebührendermaßen gehorchten, das Leben aber trotzdem langweilig war, ging Natascha in den Saal, nahm die Gitarre, setzte sich damit in eine dunkle Ecke hinter einem Schränkchen und griff mit den Fingern an den Baßsaiten umher, um eine Melodie herauszubekommen, an die sie sich aus einer Oper erinnerte, welche sie in Petersburg mit dem Fürsten Andrei zusammen gehört hatte.

Fremde Zuhörer würden gemeint haben, daß die Gitarre dabei nur ein sinnloses Getön von sich gebe; aber in Nataschas Phantasie erstand aus diesen Tönen eine ganze Reihe von Erinnerungen. Sie saß hinter dem Schränkchen und richtete die Blicke auf einen Lichtstreif, der durch die offenstehende Tür des Büfettzimmers fiel, horchte auf ihr eigenes Spiel und überließ sich ihren Erinnerungen. Sie befand sich sozusagen in einem Zustand des Erinnerungslebens.

Sonja ging mit einem Glas in der Hand durch den Saal in der Richtung nach dem Büfettzimmer. Natascha blickte nach ihr und nach der Spalte in der Tür des Büfettzimmers hin und glaubte genau den gleichen Vorgang in ihrer Erinnerung vorzufinden: daß das Licht durch eine Spalte in der Tür des Büfettzimmers fiel und Sonja mit einem Glas in der Hand vorbeiging. »Ja, das hat sich schon früher einmal genauso zugetragen«, dachte Natascha.

»Sonja, was ist das?« rief Natascha und griff wieder mit den Fingern an der untersten Saite umher.

»Ach, du bist hier!« sagte Sonja zusammenfahrend, trat heran und horchte. »Das kenne ich nicht. Soll es einen Sturm vorstellen?« fügte sie schüchtern hinzu, in Furcht, mit ihrer Deutung fehlzugreifen.

»Na, da haben wir’s«, dachte Natascha. »Genau ebenso ist sie schon früher einmal zusammengefahren, genauso ist sie damals herangetreten und hat schüchtern gelächelt, damals, als sich das schon früher zutrug, und genau ebenso sagte ich mir damals, daß in ihrem ganzen Wesen etwas fehlt.«

»Nein, es ist der Chor aus dem ›Wasserträger‹; hörst du es nicht?« Natascha sang die Melodie des Chorliedes zu Ende, um Sonja zum Verständnis zu verhelfen. »Wo wolltest du denn hin?« fragte Natascha.

»Ich wollte mir andres Wasser in das Glas gießen. Ich bin mit dem Austuschen des Stickmusters gleich fertig.«

»Du beschäftigst dich fortwährend, und ich verstehe das so ganz und gar nicht«, erwiderte Natascha. »Wo ist denn Nikolai?«

»Ich glaube er schläft.«

»Geh doch hin, Sonja, und wecke ihn«, sagte Natascha. »Sage ihm, ich ließe ihn rufen; er solle mit mir singen.«

Sie saß noch eine Zeitlang da und dachte darüber nach, wie das zusammenhinge, daß das alles sich schon einmal zugetragen habe; aber ohne über diese Frage zur Klarheit gekommen zu sein, und ohne sich über diese Unklarheit weiter zu grämen, versetzte sie sich in ihrer Phantasie wieder in jene Zeit zurück, als sie mit ihm zusammen war und er sie mit Augen voller Liebe anblickte.

»Ach, wenn er doch recht bald käme. Ich habe solche Angst, daß es nie geschehen wird! Und was die Hauptsache ist: ich werde alt; das ist’s! Was jetzt an Empfindungen in mir lebt, wird dann nicht mehr vorhanden sein. Aber vielleicht kommt er heute, kommt vielleicht im nächsten Augenblick. Vielleicht ist er schon gekommen und sitzt dort im Salon. Vielleicht ist er gestern schon gekommen, und ich habe es nur vergessen.« Sie stand auf, legte die Gitarre hin und ging in den Salon.

Alle Familienmitglieder, die Lehrer, die Gouvernanten und die Gäste saßen schon am Teetisch. Die aufwartenden Diener standen um den Tisch herum; aber Fürst Andrei war nicht da. Alles sah genau so aus wie bisher.

»Ah, da ist sie ja!« rief Ilja Andrejewitsch, als er die eintretende Natascha bemerkte. »Nun, dann setz dich hier zu mir.« Aber Natascha blieb neben der Mutter stehen und blickte sich ringsum, als ob sie etwas suchte.

»Mama!« murmelte sie. »Geben Sie ihn mir wieder; geben Sie ihn mir recht, recht schnell wieder, Mama!« Sie hielt wieder nur mit Mühe ein Schluchzen zurück.

Sie setzte sich an den Tisch und hörte den Gesprächen der älteren Leute und Nikolais zu, der ebenfalls zum Tisch gekommen war. »Mein Gott, mein Gott, dieselben Gesichter, dieselben Gespräche, und Papa hält seine Tasse genau so wie immer und bläst genau so wie immer darauf!« dachte Natascha und wurde sich mit Schrecken bewußt, daß in ihrer Seele ein Widerwille gegen alle ihre Angehörigen heranwuchs, dadurch veranlaßt, daß sie immer dieselben blieben.

Nach dem Tee begaben sich Nikolai, Sonja und Natascha in das Sofazimmer, in ihr Lieblingseckchen, wo sie immer ihre allervertraulichsten Gespräche führten.

X

»Geht dir das auch manchmal so«, sagte Natascha zu ihrem Bruder, als sie sich im Sofazimmer hingesetzt hatten, »geht dir das auch manchmal so: man hat die Vorstellung, es werde nichts mehr geschehen, gar nichts, und alles Gute sei vergangen und vorbei, und es ist einem nicht sowohl langweilig als vielmehr traurig zumute?«

»Und ob mir das so geht!« erwiderte er. »Es ist mir schon vorgekommen, daß alles in schönster Ordnung war und alle Leute vergnügt waren und ich dann auf einmal denken mußte, das sei doch alles furchtbar öde und das beste wäre, wenn alle stürben. Ich war, als ich beim Regiment war, einmal nicht auf die Promenade gegangen, wo die Musik spielte, und da überkam mich plötzlich ein solcher Widerwille …«

»Ach ja, das kenne ich. Ich weiß, ich weiß«, unterbrach ihn Natascha. »Ich war noch ganz klein, da begegnete mir das einmal. Erinnerst du dich, ich wurde einmal wegen Pflaumenabpflückens bestraft, und ihr tanztet alle, und ich saß im Unterrichtszimmer und schluchzte; das werde ich nie vergessen: ich war traurig, und alle Menschen taten mir leid, ich selbst und alle; alle taten sie mir leid. Und, was die Hauptsache war, ich war unschuldig gewesen. Erinnerst du dich wohl noch?«

»Jawohl, ich erinnere mich«, antwortete Nikolai. »Ich erinnere mich, daß ich nachher zu dir kam und dich trösten wollte, und weißt du: ich hatte ein Gefühl, als müßte ich mich schämen. Wir waren furchtbar komisch. Ich hatte damals ein Spielzeug, ein ausgestopftes Tier, und das wollte ich dir geben. Besinnst du dich noch?«

»Und besinnst du dich noch«, sagte Natascha mit gedankenvollem Lächeln, »wie uns vor langer, langer Zeit, wir waren noch ganz klein, der Onkel in sein Zimmer rief, es war noch im alten Haus, und es war dunkel; wir kamen hin, und auf einmal stand da …«

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