Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Helene, die nie etwas anderes geliebt hat als ihren eignen Körper und eines der dümmsten Frauenzimmer auf der ganzen Welt ist, dachte Pierre, erscheint allen Leuten als das Nonplusultra verfeinerter Geisteskultur, und alle Welt beugt sich vor ihr. Napoleon wurde damals, als er wirklich groß war, von allen verachtet, seit er aber zum jämmerlichen Komödianten geworden ist, bemüht sich Kaiser Franz, ihm seine Tochter als illegitime Gattin aufzudrängen. Die Spanier senden durch die katholische Geistlichkeit Dankgebete zu Gott empor, weil sie am 14. Juni die Franzosen geschlagen haben, und die Franzosen senden durch eben die selbe katholische Geistlichkeit ebenso Dankgebete empor, weil sie am 14. Juni die Spanier geschlagen haben. Meine Freimaurerbrüder schwören alle den heiligen Eid, für den Nächsten zu jedem Opfer bereit zu sein, geben aber dabei nicht einmal einen Rubel pro Kopf in die Armenkollekte, intrigieren untereinander und bemühen sich um einen echten schottischen Teppich oder um Akten, deren Sinn nicht einmal der verstand, der sie schrieb, und die keinem Nutzen bringen. Wir alle bekennen uns zu dem christlichen Gebot der Nächstenliebe und des Verzeihens, ein Gebot, auf dessen Grundlage Dutzende von Kirchen in Moskau gebaut worden sind, und gestern hat man mit der Knute einen Deserteur zu Tode gepeitscht, und ein Diener eben des selben Gebotes der Nächstenliebe und des Verzeihens, ein Geistlicher, hat dem Soldaten vor der Todesstrafe das Kreuz zum Küssen hingehalten. So dachte Pierre, und obgleich er doch daran gewöhnt war, staunte er immer wieder über die große, allgemeine, von allen anerkannte Lüge, als ob das etwas Neues wäre.
Ich habe diese Lüge und Verirrung erkannt, dachte er, wie aber soll ich ihnen das alles, was ich erkannt habe, sagen? Ich habe es versucht und immer gefunden, daß sie im Grund ihrer Seele alles ebenso erkennen wie ich, aber sich Mühe geben, dies alles nicht zu sehen. Folglich muß das wohl so sein! Aber ich, was soll ich nur mit mir anfangen? dachte Pierre. Er kostete die unglückliche Veranlagung aus, die vielen Menschen, vornehmlich Russen, eigen ist, die Möglichkeit des Guten und Wahren vor Augen zu haben und daran zu glauben, aber zu deutlich das Böse und Lügenhafte im Leben zu erkennen, um an diesem Leben noch ernsthaften Anteil nehmen zu können. Jedes Arbeitsfeld war in seinen Augen mit Lug und Trug verbunden. Worin er sich auch versuchte, was er auch unternahm, überall stießen ihn Schlechtigkeit und Lüge ab und versperrten ihm jeden Weg zu einer Wirksamkeit. Und doch mußte er leben, mußte sich mit etwas beschäftigen. Zu furchtbar war es, unter der schweren Last dieser unlösbaren Probleme zu leben, und so gab er sich den ersten besten Zerstreuungen hin, nur um sie zu vergessen. Er besuchte alle nur möglichen Gesellschaften, trank viel, kaufte Gemälde, baute, und, was die Hauptsache war, er fing wieder an zu lesen.
Er las, las alles, was ihm unter die Hände kam, las mit solchem Eifer, daß, wenn er eben nach Hause gekommen war und die Diener ihn noch auskleideten, er schon nach einem Buch griff und las. Er las sich in den Schlaf, und vom Schlaf ging’s dann zum Plaudern in die Salons oder in den Klub, und vom Plaudern zu den Zechgelagen und zu den Weibern, und von den Zechgelagen wieder zum Plaudern, zum Lesen und zum Wein. Wein zu trinken war ihm immer mehr zu einem physischen und dabei auch geistigen Bedürfnis geworden. Obgleich ihm die Ärzte gesagt hatten, daß ihm bei seiner Korpulenz das Weintrinken gefährlich werden könne, trank er trotzdem sehr viel. Erst dann wurde ihm vollkommen wohl zumute, wenn er, ohne es selber zu merken, ein paar Gläser Wein in seinen großen Mund hineingegossen hatte. Dann strömte eine wohlige Wärme durch seinen Körper, dann empfand er für alle, die ihn umgaben, große Zärtlichkeit, dann war sein Geist bereit, jeden Gedanken, ohne ihm bis auf den Grund zu gehen, oberflächlich abzutun. Nur wenn er eine oder zwei Flaschen Wein getrunken hatte, dämmerte ihm trübe das Bewußtsein auf, daß jener wirre, furchtbare Knoten des Lebens, der ihm vorher solches Entsetzen bereitet hatte, gar nicht so furchtbar war, wie es ihm schien. Er sah zwar diesen Knoten von irgendeiner Seite immer vor sich, wenn er nach Tisch, einen leichten Rausch im Kopf, plauderte, zuhörte oder las, aber nur unter dem Einfluß des Weines brachte er es dann fertig, sich zu sagen: Das hat nichts auf sich. Das werde ich schon noch enträtseln. Dafür habe ich schon eine Erklärung bereit; nur habe ich jetzt keine Zeit, später werde ich mir das alles überlegen. Aber dieses »Später« kam niemals.
Frühmorgens, wenn er nüchtern war, kamen ihm all diese Fragen wieder ebenso unlösbar und fürchterlich vor, und er griff eilig nach einem Buch oder freute sich, wenn jemand zu ihm auf Besuch kam.
Mitunter dachte Pierre daran, wie er einmal gehört hatte, daß die Soldaten im Felde, wenn sie in einer Deckung vom Feind beschossen werden und nichts dagegen tun können, eifrigst nach einer Beschäftigung suchen, um die Gefahr leichter ertragen zu können. Und Pierre kam es vor, als machten es alle Menschen wie diese Soldaten, um sich vor den furchtbaren Fragen des Lebens zu retten: der eine durch Ehrgeiz, der andere durchs Spiel, einer durch Gesetzeschreiben, einer durch Weiber, einer durch Tändeleien, einer durch Pferde, einer durch die Politik, einer durch die Jagd, einer durch den Wein und einer durch den Staatsdienst. Nein, nichts ist nichtig und nichts wichtig, es ist alles ganz gleich. Die Hauptsache ist, sich vor diesen Fragen zu retten, dachte Pierre. Nur sie nicht sehen, die furchtbaren Fragen!
2
Zu Anfang des Winters war Fürst Nikolaj Andrejewitsch Bolkonskij mit seiner Tochter nach Moskau übergesiedelt. Wegen seiner früheren Verdienste, seines Verstandes und seiner Originalität hatten ihn die Moskauer sogleich zum Gegenstand ihrer besonderen Hochachtung gemacht und in den Mittelpunkt der Moskauer Opposition gegen die Regierung gestellt, hauptsächlich wohl auch deshalb, weil in dieser Zeit die Begeisterung für die Regierung Kaiser Alexanders bereits im Abflauen begriffen war und damals eine antifranzösische und patriotische Richtung in Moskau herrschte.
Der Fürst war in diesem Jahr recht alt geworden. Deutliche Alterserscheinungen traten bei ihm zutage: er schlief mitunter plötzlich ein, vergaß die Ereignisse der Gegenwart, zeigte ein viel besseres Gedächtnis für Dinge, die weit zurücklagen, und übernahm die Rolle eines Hauptes der Moskauer Opposition mit einer schon kindischen Eitelkeit. Trotz alledem aber erweckte der alte Fürst, besonders wenn er in seinem Pelz und seiner gepuderten Perücke am Abendtee teilnahm und, von irgend jemand dazu angeregt, seine schroffen Erzählungen aus vergangenen Zeiten oder sein noch schrofferes und schärferes Urteil über die Gegenwart zum besten gab, bei allen seinen Gästen das einstimmige Gefühl von Ehrfurcht und Hochachtung. Das ganze alte Haus mit seinen riesigen Pfeilerspiegeln, seinen altertümlichen Möbeln, seinen gepuderten Lakaien und seinem Besitzer selbst, diesem straffen und klugen Greis, der aus dem vorigen Jahrhundert stammte, mit seiner sanften Tochter und der hübschen Französin, die ihm beide in Ehrfurcht ergeben waren – all dies bot den Besuchern ein majestätisch schönes Schauspiel. Aber diese Besucher dachten nicht daran, daß außer den zwei, drei Stunden, in denen sie mit den Hausbewohnern zusammensaßen, der Tag noch zweiundzwanzig Stunden hatte, in denen das innere Leben des Hauses vor aller Augen verborgen seinen Gang nahm.
Dieses innere Leben war in der letzten Zeit in Moskau für Prinzessin Marja recht schwer geworden. Sie fühlte sich hier in der Stadt ihrer liebsten Freuden beraubt – der Plauderstündchen mit den Gottesleuten und ihrer Einsamkeit –, Freuden, die sie in Lysyja-Gory immer wieder erfrischt und aufgerichtet hatten, und so bot ihr das Leben in der Hauptstadt keinerlei Vorteile noch frohe Stunden. In Gesellschaften ging sie nicht: alle wußten, daß der Vater sie niemals von sich ließ und selbst aus Gesundheitsrücksichten nicht ausgehen konnte, und so lud man sie gar nicht erst zu Diners oder Abendgesellschaften ein. Die Hoffnung, sich zu verheiraten, hatte Prinzessin Marja vollständig aufgegeben. Sie sah, wie kalt und ingrimmig Fürst Nikolaj Andrejewitsch die jungen Leute, die ab und zu ins Haus kamen und als Freier in Betracht kommen konnten, aufnahm und abfertigte. Freundinnen hatte Prinzessin Marja keine: während dieser Zeit in Moskau hatte sie an den beiden Menschen, die ihr am allernächsten gestanden hatten, tiefe Enttäuschungen erlebt. Mademoiselle Bourienne, zu der sie schon früher nicht ganz offen hatte sein können, war ihr jetzt geradezu unangenehm geworden, und sie hielt sich aus verschiedenen Gründen etwas von ihr fern. Julie, die jetzt in Moskau war und mit der die Prinzessin fünf Jahre hintereinander in regem Briefwechsel gestanden hatte, stellte sich als ganz wesensfremd heraus, als sie die persönliche Bekanntschaft mit ihr erneuerte. Sie war indessen durch den Tod ihrer Brüder zu einer der reichsten Partien von ganz Moskau geworden und befand sich nun mitten im Strudel weltlicher Vergnügungen. Sie war von jungen Leuten umschwärmt, die, wie sie sich einbildete, plötzlich zur Erkenntnis ihrer vorzüglichen Eigenschaften gekommen waren. Julie war bereits in die Periode einer alternden jungen Weltdame eingetreten, wo diese fühlt, daß die letzte Gelegenheit, sich zu verheiraten, gekommen ist, und daß sich jetzt oder nie ihr Schicksal entscheiden muß. Mit traurigem Lächeln dachte Prinzessin Marja daran, daß sie nun donnerstags an niemanden mehr zu schreiben habe, da ja Julie hier war und sie sich jede Woche sahen, ohne daß ihr dieses Beisammensein Freude gemacht hätte. Wie jener Ehemann, der die Dame, bei der er dreißig Jahre seine Abende verlebt hatte, nach dem Tod seiner Frau nicht heiraten wollte, um sich nicht des Genusses dieser Abende zu berauben, so bedauerte auch Prinzessin Marja, daß Julie mit ihr zusammen an einem Ort lebte und sie nun an niemand mehr schreiben konnte.