Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
So blieb die Gräfin auf dem Lande zurück, der Graf aber reiste mit Sonja und Natascha Ende Januar nach Moskau.
Achter Teil
1
Nach der Verlobung des Fürsten Andrej mit Natascha hatte Pierre plötzlich ohne sichtlichen Grund gefühlt, daß er sein bisheriges Leben unmöglich so weiterführen konnte. Wie fest er auch von den Wahrheiten überzeugt war, die ihm sein Wohltäter offenbart hatte, wie freudig er sich auch im Anfang der inneren Arbeit der Selbstvervollkommnung hingegeben hatte, die er mit solchem Eifer anstrebte, – nach der Verlobung des Fürsten Andrej mit Natascha und nach dem Tod Osip Alexejewitschs – zwei Nachrichten, die er fast zu gleicher Zeit erhielt – hatte sein ganzes Streben für ihn den Reiz verloren. Nun blieb ihm vom Leben nur noch das Gerippe: sein Haus mit seiner strahlend schönen Frau, die augenblicklich die Gunst einer sehr hochgestellten Persönlichkeit genoß, seine Bekanntschaft mit ganz Petersburg und sein Dienst mit den langweiligen Formalitäten. Und plötzlich und für ihn selber unerwartet erschien ihm dieses bisherige Leben ekelhaft. Er hörte auf, in sein Tagebuch zu schreiben, floh die Gesellschaft der Brüder, ging wieder in den Klub, fing wieder an, viel zu trinken, schloß sich wieder der Junggesellenbande an und begann ein solches Leben zu führen, daß es Gräfin Helene für notwendig hielt, ihm ernste Vorhaltungen zu machen. Pierre fühlte, daß sie recht hatte, und reiste, um seine Frau nicht zu kompromittieren, nach Moskau.
Kaum war er in Moskau in sein riesiges Haus mit den teils schon vertrockneten, teils noch im Vertrocknen begriffenen Prinzessinnen und dem gewaltigen Dienertroß eingezogen, kaum hatte er auf der Fahrt durch die Stadt die Iberische Kapelle[113] mit ihren unzähligen brennenden Kerzen vor den goldenen Heiligenbildern gesehen und den Platz vor dem Kreml mit seiner jungfräulich unberührten Schneedecke, die Moskauer Droschkenkutscher und die elenden Buden von Siwzew-Wraschek[114], kaum hatte er die Moskauer alten Herren wiedergetroffen, die immer Zeit hatten und keinen Wunsch weiter verspürten, als gemächlich ihren Lebensabend zu verbringen, kaum hatte er die alten Moskauer Damen wiedergesehen und die Moskauer Bälle und den Moskauer Englischen Klub – da fühlte er sich auch schon wie zu Hause, wie in einem stillen Hafen gelandet. Er hatte die Empfindung, als sei es hier friedlich, warm und gemütlich wie in einem alten Schlafrock, in dem man sich nicht vor jedem Schmutzfleck in acht zu nehmen braucht.
Die ganze Moskauer Gesellschaft, von den alten Damen angefangen bis hinunter zu den Kindern, nahm Pierre auf wie einen lieben, lang erwarteten Gast, dessen Platz immer freigehalten und nie besetzt wird. Für die Moskauer große Welt war Pierre ein äußerst lieber, guter, kluger, lustiger und hochherziger Sonderling, ein zwar etwas zerstreuter, aber doch herzensguter, vornehmer russischer Herr noch vom alten Schlag, dessen Säckel immer leer war, weil er eben für alle offen stand.
Benefizvorstellungen, minderwertige Gemälde, Statuen, Wohltätigkeitsgesellschaften, Zigeuner, Schulen, Subskriptionsessen, Zechgelage, Freimaurer, Kirchen, Bücher – niemand und nichts wurde abgewiesen, und wenn nicht zwei seiner Freunde, die sich immer viel Geld von ihm liehen, ihn unter ihre Vormundschaft gestellt hätten, so hätte er alles hingegeben. Im Klub fand kein Essen, keine Abendgesellschaft ohne ihn statt. Kaum hatte er sich nach zwei Flaschen Margaux schwerfällig auf seinen gewöhnlichen Sofaplatz fallen lassen, so bildete sich sogleich ein Kreis um ihn, und das Plaudern, Streiten und Scherzen begann. Geriet man irgendwo ernstlich in Streit, so führte er durch sein gutmütiges Lachen allein oder durch ein rechtzeitig eingeworfenes Scherzwort immer wieder die Versöhnung herbei. Die freimaurerischen Tafellogen waren langweilig und ohne straffen Zug, wenn er nicht dabei war.
Wenn er nach einem Abendessen unter Junggesellen den Bitten der lustigen Gesellschaft nachgab und sich mit gutmütigem, mildem Lächeln erhob, um mit ihnen zu gehen, stimmten die jungen Leute ein triumphierendes Freudengeheul an. Auf den Bällen tanzte er, wenn es an Herren fehlte. Die jungen Mädchen und Frauen hatten ihn alle gern, weil er keiner den Hof machte und gegen alle gleich liebenswürdig war, hauptsächlich nach dem Abendessen. »Il est charmant, il n’a pas de sexe«, sagten sie von ihm.
Pierre war einer jener Kammerherren außer Dienst, die in Moskau harmlos ihr Leben verbringen, wie es deren dort Hunderte gab.
Wie wäre er erschrocken, wenn ihm vor sieben Jahren, als er gerade aus dem Ausland zurückgekehrt war, einer gesagt hätte, daß er gar nicht zu suchen und zu grübeln brauche, da sein Leben ja doch in dem von alters her ausgefahrenen, ihm genau vorausbestimmten Geleise abrollen werde, und daß er, wie er sich auch drehen und wenden möge, doch auch nicht anders werden würde als alle, die in derselben Lage waren. Das hätte er einfach nicht geglaubt! Hatte er nicht mit ganzer Seele gewünscht, aus Rußland eine Republik zu machen, oder selber ein Napoleon zu werden, oder ein Philosoph, oder auch Napoleon durch seine kluge Taktik zu besiegen? Hatte er nicht die Möglichkeit vor Augen gesehen und den heißen Wunsch gehegt, die verderbte Menschheit zu einer Wiedergeburt zu führen und sich selbst auf den höchsten Gipfel der Vollkommenheit zu erheben? Hatte er nicht Schulen und Krankenhäuser gebaut und seinen Bauern die Freiheit geschenkt?
Und trotz alledem war er nichts anderes geworden als der reiche Mann einer treulosen Frau, als ein Kammerherr außer Dienst, der gern gut aß und gut trank, sich dann den Rock aufknöpfte und ein bißchen über die Regierung schimpfte, als ein Mitglied des Moskauer Englischen Klubs und als ein allgemein beliebtes Glied der Moskauer Gesellschaft. Lange konnte er sich nicht mit dem Gedanken aussöhnen, daß er nun doch solch ein Moskauer Kammerherr geworden war, ein Typ, den er noch vor sieben Jahren verachtet hatte.
Manchmal tröstete er sich mit dem Gedanken, daß er dieses Leben ja doch nur vorübergehend führe, dann aber schrak er wieder auf, wenn er daran dachte, wie viele Leute schon ebenso wie er in jungen Jahren nur »vorübergehend« in diesen Klub und in dieses Leben eingetreten und erst dann davon abgekommen waren, als sie keinen Zahn mehr im Mund und kein Haar mehr auf dem Kopf gehabt hatten.
Manchmal, wenn er seine Lage überdachte, schien es ihm in Augenblicken des Hochmuts, daß er dennoch ein ganz anderer sei, sich von jenen Kammerherren außer Dienst, die er früher verachtet hatte, doch unterscheide, daß jene dumme, fade Menschen und in ihrer Lage ganz ruhig und zufrieden seien. Ich aber bin auch jetzt noch unzufrieden und möchte immer noch etwas für die Menschheit tun, sagte er sich in diesen Augenblicken des Hochmuts. Vielleicht aber haben sich alle diese meine Leidensgefährten früher ebenso herumgeschlagen wie ich, haben nach einem neuen, eignen Weg im Leben gesucht und sind nun, ganz wie ich, durch Verhältnisse, Gesellschaft, Herkunft, durch alle jene elementaren Kräfte, gegen die der Mensch nicht ankommen kann, ebendahin geführt worden, wo auch ich angelangt bin, sagte er sich wiederum in Augenblicken der Bescheidenheit. Und nachdem er einige Zeit in Moskau gelebt hatte, verachtete er seine Schicksalsgenossen bereits nicht mehr, sondern fing an, sie zu lieben, zu achten und Mitleid mit ihnen zu haben wie mit sich selber.
Jene Augenblicke der Verzweiflung, der Schwermut, der Abkehr vom Leben kamen jetzt nicht mehr wie früher über Pierre, aber diese Krankheit, die früher durch schroffe Anfälle zum Ausdruck gekommen war, war nur nach innen getrieben und niemals ganz von ihm gewichen. A quoi bon? Wozu? Was soll dies Treiben auf der Welt? fragte er sich zweifelnd wohl mehrmals am Tag und fing unwillkürlich wieder an, über den Sinn aller Lebenserscheinungen nachzugrübeln. Da er aber aus Erfahrung wußte, daß es auf diese Frage keine Antwort gab, suchte er schleunigst davon abzukommen, vertiefte sich in ein Buch oder eilte in den Klub oder zu Apollon Nikolajewitsch, um mit ihm über Stadtklatsch zu plaudern.
113
Iberische Kapelle: Kapelle der Iberischen Gottesmutter, am nordöstlichen Aufgang zum Roten Platz gelegen, »eine der berühmtesten Rußlands, welche die Kaiser jedesmal bei der Ankunft in Moskau vor dem Betreten des Kreml aufsuchen Kein Russe geht vorbei, ohne einen Augenblick heranzutreten und das Zeichen des Kreuzes zu machen« (Baedecker 1891) Die Ikone der Muttergottes galt als wundertätig
114
Siwzew-Wraschek: Straße im Südwesten Moskaus.