Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
13
Bald nach Weihnachten setzte Nikolaj die Mutter von seiner Liebe zu Sonja und seinem festen Entschluß, sie zu heiraten, in Kenntnis. Die Gräfin, die schon lange bemerkt hatte, was zwischen Sonja und Nikolaj vorging, und auf eine solche Erklärung schon gefaßt war, hörte schweigend seine Worte an und sagte dann zu ihrem Sohn, daß er heiraten könne, wen er wolle, daß aber zu einer solchen Ehe weder sie noch der Vater ihren Segen geben würden. Zum erstenmal fühlte Nikolaj, daß die Mutter unzufrieden mit ihm war und daß sie, trotz all der Liebe, die sie für ihn empfand, in diesem Punkt nicht nachgeben werde. Kalt und ohne ihren Sohn eines Blickes zu würdigen, ließ sie ihren Mann rufen und wollte ihm, als er kam, in Nikolajs Gegenwart kurz und kühl mitteilen, wie die Sache stand, brachte es aber nicht fertig, brach in Tränen des Unwillens aus und verließ das Zimmer. Der alte Graf fing etwas unsicher an, Nikolaj zu beraten, und bat ihn, doch diese Absicht aufzugeben. Nikolaj gab zur Antwort, er könne sein Wort nicht brechen, und der Graf brach seufzend und sichtlich verwirrt seine Rede ab und ging zur Gräfin. Bei all den Auseinandersetzungen mit seinem Sohn konnte der Graf das Bewußtsein nicht loswerden, daß er wegen seiner mangelhaften Vermögensverwaltung selber schuldig vor ihm stand, und konnte ihm deshalb auch nicht zürnen, daß er sich weigerte, eine reiche Frau zu heiraten, daß er die mitgiftlose Sonja erwählt hatte. Er wurde sich bei dieser Gelegenheit nur um so deutlicher bewußt, daß man, wenn er nicht alles so heruntergewirtschaftet hätte, Nikolaj gar keine bessere Frau als Sonja hätte wünschen können, und daß an der Zerrüttung der Vermögensverhältnisse ja er allein schuld war mit seinem Mitenka und seinen Lebensgewohnheiten, von denen er nun einmal nicht lassen konnte.
Vater und Mutter sprachen nun mit dem Sohn nicht weiter über diese Angelegenheit, aber ein paar Tage darauf ließ die Gräfin Sonja zu sich rufen und warf mit einer Grausamkeit, die nicht nur für Sonja, sondern auch für sie selber unerwartet kam, ihrer Nichte vor, daß sie ihren Sohn verführt und all die Wohltaten, mit denen sie überschüttet worden sei, mit Undank vergolten habe. Sonja hörte die grausamen Worte der Gräfin schweigend und mit gesenkten Augen an und begriff nicht, was man von ihr verlangte. Sie war bereit, für ihre Wohltäter alles zu opfern. Der Entschluß zu einer Selbstaufopferung war ihr Lieblingsgedanke, aber in diesem Fall konnte sie nicht begreifen, wem und was sie denn eigentlich opfern solle. Sie konnte gar nicht anders, als die Gräfin und die ganze Familie Rostow lieben, konnte gar nicht anders, als Nikolaj lieben und überzeugt sein, daß sie ihn durch ihre Liebe glücklich machen werde. So stand sie stumm und traurig da und gab keine Antwort.
Nikolaj dünkte es unerträglich, diese Lage der Dinge noch länger mit anzusehen, und er ging wieder zu seiner Mutter, um sich mit ihr auseinanderzusetzen. Zuerst bat er sie, ihm und Sonja zu verzeihen und ihre Einwilligung zu ihrer Ehe zu geben, sprach aber dabei gleichzeitig auch die Drohung aus, sich augenblicklich im geheimen mit Sonja trauen zu lassen, wenn man nicht aufhören werde, Sonja zuzusetzen.
Die Gräfin erwiderte ihm mit einer Kälte, die Nikolaj noch nie an ihr wahrgenommen hatte, er sei ja mündig, und Fürst Andrej heirate ja auch ohne die Einwilligung seines Vaters, also könne er es ja ebenso machen; niemals jedoch in ihrem Leben werde sie diese Intrigantin als Tochter anerkennen.
Über den Ausdruck »Intrigantin« entrüstet, sagte Nikolaj der Mutter mit erhobener Stimme, er habe es bisher nicht für möglich gehalten, daß sie ihn zwingen wolle, seine Liebe für Geld zu verkaufen, wenn das aber doch der Fall sei, so sei dies nun sein letztes Wort …
Aber er kam nicht dazu, dieses entscheidende Wort auszusprechen, das die Mutter, nach seinem Gesichtsausdruck urteilend, mit Schrecken erwartete und das sich vielleicht als grausame Erinnerung auf ewig trennend zwischen sie geschoben hätte. Er kam nicht dazu, seinen Satz zu Ende zu sprechen, denn Natascha trat mit bleichem und ernstem Gesicht durch die Tür, an der sie gelauscht hatte, ins Zimmer.
»Nikolenka, was du jetzt sagen willst, ist dummes Zeug; hör auf, ich bitte dich! Ich will dir etwas sagen, sei bitte einmal still!« sagte sie fast schreiend, um seine Stimme zu übertönen.
»Mama, liebste, beste Mama, das ist doch nicht etwa, weil … meine liebe, arme Herzensmama«, wandte sie sich an die Mutter, die das Äußerste, einen endgültigen Bruch, herannahen fühlte und ihren Sohn mit entsetzten Augen ansah, aber aus Starrköpfigkeit und Kampfeifer nicht nachgeben konnte noch wollte.
»Nikolenka, ich erkläre es dir dann, geh jetzt hinaus, ich bitte dich! Und du, Herzensmamachen, hören Sie mich an«, sagte sie zur Mutter.
Ihre Worte waren sinnlos, aber sie erreichte, was sie angestrebt hatte. Die Gräfin schluchzte bitter auf und verbarg ihr Gesicht an der Brust der Tochter, Nikolaj aber stand auf, griff sich an den Kopf und lief aus dem Zimmer.
Natascha nahm das Versöhnungswerk in die Hand und brachte es so weit, daß Nikolaj von der Mutter die Versicherung erhielt, Sonja solle unbehelligt bleiben, er selber aber versprach, nichts ohne Wissen seiner Eltern zu unternehmen.
Mit der festen Absicht, seine Angelegenheiten beim Regiment zu ordnen, dann nochmals Urlaub zu nehmen und wiederzukommen, um Sonja zu heiraten, begab sich Nikolaj, wegen der Zwistigkeiten mit seinen Angehörigen traurig und ernst gestimmt, aber seiner Ansicht nach leidenschaftlich verliebt, Anfang Januar wieder zu seinem Regiment.
Nach Nikolajs Abreise wurde es im Haus Rostow noch trübsinniger als je. Die Gräfin war infolge der seelischen Aufregungen krank geworden. Sonja war unglücklich über die Trennung von Nikolaj und noch mehr über den feindlichen Ton, von dem sich die Gräfin im Verkehr mit ihr niemals freimachen konnte. Der Graf war mehr denn je von dem üblen Stand seiner Finanzlage in Anspruch genommen, der jetzt entscheidende Maßnahmen forderte. Es blieb ihm nun nichts anderes übrig, als die beiden Häuser in und bei Moskau zu verkaufen, und zu diesem Zweck mußte er unbedingt nach Moskau fahren. Aber die Gesundheit der Gräfin zwang ihn, die Abreise von Tag zu Tag aufzuschieben.
Natascha, die zuerst die Trennung von ihrem Bräutigam leicht und fast heiter ertragen hatte, wurde nun mit jedem Tag erregter und ungeduldiger. Der Gedanke, daß sie so umsonst, keinem zuliebe noch zuleide, ihre beste Zeit verlieren mußte, in der sie ihm doch soviel Liebe hätte schenken können, quälte sie ohne Unterlaß. Über seine Briefe ärgerte sie sich größtenteils. Der Gedanke hatte für sie etwas Kränkendes, daß, während sie hier nur allein in der Erinnerung an ihn lebte, er dort ein Leben führte wie immer, neue Orte und neue Menschen kennenlernte und sich dafür auch noch zu erwärmen schien. Je angeregter seine Briefe waren, um so mehr fühlte sie sich verstimmt. Ihre eignen Briefe an ihn spendeten ihr nicht nur keinen Trost, sondern erschienen ihr wie eine langweilige, zur Heuchelei zwingende Pflicht. Sie verstand sich nicht aufs Briefeschreiben, denn sie konnte sich nicht vorstellen, wie es möglich sei, in einem Brief der Wirklichkeit entsprechend auch nur den tausendsten Teil dessen wiederzugeben, was sie sonst durch ihre Stimme, durch ihr Lächeln und durch ihre Blicke auszudrücken gewohnt war.
Sie schrieb ihm klassisch einförmige, trockene Briefe, denen sie selber keinerlei Bedeutung beilegte und bei denen ihr die Gräfin im Entwurf die Rechtschreibfehler rot anstrich.
Der Gesundheitszustand der Gräfin schien sich gar nicht bessern zu wollen, und doch war es nun nicht länger möglich, die Reise nach Moskau aufzuschieben. Die Ausstattung mußte besorgt werden und das Haus verkauft werden. Zudem erwartete man, daß Fürst Andrej zuerst in Moskau eintreffen werde, wo Fürst Nikolaj Andrejewitsch diesen Winter verbracht hatte, ja Natascha war sogar überzeugt, daß er bereits dort angekommen war.