Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Doch die britischen Handelsbeschränkungen zeigten ihre Wirkung. Es war natürlich keinerlei Tee zu finden – das hatte ich erwartet; es gab schon seit fast einem Jahr keinen mehr –, aber Zucker gab es auch nicht, es sei denn zu exorbitanten Preisen, und Stahlnadeln waren ebenfalls nicht zu finden.
Salz konnte ich bekommen. Ich verstaute mein Pfund in meinem Korb und ließ die Docks hinter mir. Es war ein feuchtwarmer Tag; weiter fort von der leichten Brise am Fluss regte sich kein Lüftchen, und die Atmosphäre war zum Schneiden. Das Salz war in den Jutesäcken fest geworden, und der Händler hatte es klumpenweise mit einem Meißel abspalten müssen.
Ich fragte mich, wie Ian und Fergus wohl mit ihren Recherchen vorankamen; ich hatte einen Plan bezüglich des Bordells und seiner Bewohner, aber zuerst mussten wir es finden.
Auch diesbezüglich hatte ich eine Idee gehabt, sie aber Jamie gegenüber nicht erwähnt. Falls etwas dabei herauskam, konnte ich das immer noch tun. Eine Seitenstraße bot mir Schatten in Form einer Reihe großer Ulmen, die so gepflanzt waren, dass sie über die Straße wuchsen. Ich trat in den willkommenen Schatten eines dieser Bäume und fand mich am Rand von Cross Creeks vornehmem Viertel wieder – alles in allem etwa zehn Häuser. Von meinem Standort aus konnte ich Dr. Fentimans bescheidenes Heim sehen, das an einer aufgehängten Schindel zu erkennen war, die mit einem Heroldsstab verziert war. Der Doktor war nicht da, als ich anklopfte, aber sein Dienstmädchen, eine adrette, nicht besonders hübsche junge Frau, die furchtbar schielte, ließ mich ein und führte mich ins Sprechzimmer.
Es war ein überraschend kühles und angenehmes Zimmer mit großen Fenstern und abgenutztem, mit blauen und gelben Karos bemaltem Segeltuch auf dem Fußboden. Möbliert war es mit einem Tisch, zwei gemütlichen Sesseln und einer Chaiselongue, auf die sich die Patienten zur Untersuchung legen konnten. Er hatte ein Mikroskop auf dem Tisch stehen, durch das ich einen neugierigen Blick warf. Es war ein gutes Mikroskop, aber nicht so gut wie meins, dachte ich selbstzufrieden.
Ich war furchtbar neugierig, was den Rest seiner Ausstattung betraf, und debattierte gerade mit mir selbst darüber, ob ich wohl die Gastfreundschaft des Doktors missbrauchen würde, wenn ich seine Schränke durchstöberte, als der Doktor persönlich auf den Flügeln des Branntweins angeschwebt kam.
Er summte eine Melodie vor sich hin und trug den Hut unter dem Arm und seinen abgenutzten Arztkoffer in der Hand. Als er mich entdeckte, ließ er beides achtlos auf den Boden fallen und eilte auf mich zu, um mich strahlend bei der Hand zu nehmen. Er beugte sich über meine Hand und presste begeistert seine feuchten Lippen darauf.
»Mrs. Fraser! Meine liebe Dame, es freut mich so, Euch zu sehen! Ich hoffe doch, dass Euch nicht unwohl ist?«
Ich lief zwar Gefahr, von den Alkoholdämpfen seines Atems überwältigt zu werden, verhielt mich jedoch so herzlich wie möglich und wischte mir unauffällig die Hand am Kleid ab, während ich ihm versicherte, dass es mir gutging, genau wie allen anderen Mitgliedern meines engeren Familienkreises.
»Oh, bestens, bestens«, sagte er. Dann ließ er sich ganz plötzlich auf einen Hocker plumpsen und schenkte mir ein breites Grinsen, wobei er seine tabakfleckigen Zähne entblößte.
Ich interpretierte die vage Geste seiner Hand als Einladung und setzte mich ebenfalls. Ich hatte ein kleines Geschenk mitgebracht, um mir den guten Doktor freundlich zu stimmen, und dieses holte ich jetzt aus meinem Korb – obwohl ich, offen gestanden, den Eindruck hatte, dass er so besäuselt war, dass es keiner besonderen Behutsamkeit bedurfte, das Gespräch auf den Grund meines Besuchs zu lenken.
Allerdings war er begeistert über mein Geschenk – einen Augapfel, den Ian nach einer Prügelei in Yanceyville klugerweise für mich aufgesammelt hatte und den wir hastig in Alkohol eingelegt hatten. Da ich schon öfter von Dr. Fentimans Vorlieben gehört hatte, dachte ich, dass er ihn vielleicht zu schätzen wüsste. So war es auch, und seine »Bestens!«-Ausrufe wollten gar nicht enden.
Irgendwann verstummte er aber doch und hielt das Glas blinzelnd ins Licht, um es zu drehen und zu wenden und es voll Bewunderung zu betrachten.
»Bestens«, sagte er ein letztes Mal. »Es bekommt einen besonderen Ehrenplatz in meiner Sammlung, dessen versichere ich Euch, Mrs. Fraser!«
»Ihr habt eine Sammlung?«, sagte ich und täuschte große Neugier vor. Ich hatte schon von seiner Sammlung gehört.
»O ja, o ja! Möchtet Ihr sie sehen?«
Dies abzulehnen, war unmöglich; er war bereits aufgestanden und schwankte auf eine Tür an der Rückwand seines Studierzimmers zu. Es stellte sich heraus, dass diese in eine große Kammer führte, deren Wandregale dreißig oder vierzig Glasgefäße enthielten. Diese waren mit Alkohol gefüllt – und einer Reihe von Objekten, die man in der Tat als »interessant« bezeichnen konnte.
Sie reichten vom schlicht Grotesken bis hin zum wirklich Erschreckenden. Er holte nacheinander einen großen Zeh zum Vorschein, aus dem eine Warze von der Größe und Farbe eines Speisepilzes wuchs, eine eingelegte Zunge, die gespalten war – offenbar schon zu Lebzeiten des Besitzers, da die beiden Hälften vollständig zugeheilt waren –, eine Katze mit sechs Beinen, ein furchtbar deformiertes Gehirn (»einem gehängten Mörder entnommen«, wie er mich stolz unterrichtete. »Das wundert mich nicht«, erwiderte ich murmelnd, wobei ich an Donner dachte und mich fragte, wie wohl sein Gehirn aussah), eine Reihe von Säuglingen, wahrscheinlich Totgeburten, mit diversen scheußlichen Missbildungen.
»Und das hier«, sagte er und holte mit zitternden Händen einen großen Glaszylinder zum Vorschein, »ist das Prachtstück meiner Sammlung. Es gibt einen berühmten Arzt in Deutschland, Doktor Blumenbach, der eine weltbekannte Schädelsammlung besitzt, und er bittet mich – nein, er bedrängt mich geradezu! –, mich davon zu trennen.«
»Das hier« waren die fleischlose Wirbelsäule und die Schädelknochen eines zweiköpfigen Säuglings. Es war tatsächlich faszinierend. Außerdem war es etwas, das jede Frau im gebärfähigen Alter dazu bringen würde, sofort jeglichem Geschlechtsverkehr abzuschwören.
So gruselig die Sammlung des Doktors war, so lieferte sie mir doch eine hervorragende Gelegenheit, mein eigentliches Anliegen anzusprechen.
»Das ist wirklich erstaunlich«, sagte ich und beugte mich vor, als wollte ich die leeren Augenhöhlen der schwimmenden Schädel genauer betrachten. Wie ich sah, waren die Köpfe beide vollständig und voneinander getrennt; es war die Wirbelsäule, die sich geteilt hatte, so dass die Schädel Seite an Seite in der Flüssigkeit hingen, gespenstisch weiß und aneinandergelehnt, wobei sich die rundlichen Köpfchen sacht berührten, als flüsterten sie einander ein Geheimnis zu. Sie trennten sich nur, wenn eine Bewegung des Glases sie kurz auseinanderschwimmen ließ. »Ich frage mich, wie es wohl zu einem solchen Phänomen gekommen ist?«
»Oh, zweifellos hat sich die Mutter vor irgendetwas fürchterlich erschrocken«, versicherte mir Dr. Fentiman. »Frauen im Zustand der Erwartung sind schrecklich verletzlich gegenüber jeglicher Art von Aufregung oder Bestürzung, wisst Ihr. Man muss sie abgeschirmt und eingeschlossen halten und sie von allen schädlichen Einflüssen fernhalten.«
»Gewiss«, murmelte ich. »Aber wisst Ihr, manche Missbildungen – diese hier zum Beispiel? – entstehen doch, glaube ich, durch Syphilis der Mutter.«
So war es; ich erkannte das typische deformierte Kinn, den schmalen Schädel und die wie flach geschlagene Nase. Dieses Kind war mit seiner Haut konserviert worden und lag friedlich zusammengerollt in seiner Flasche. Da es keine Haare hatte und sehr klein war, war es wahrscheinlich eine Frühgeburt; ich hoffte um seinetwillen, dass es nicht lebend zur Welt gekommen war.
»Siphi– Syphilis«, wiederholte der Doktor sacht schwankend. »Oh, ja. Ja, ja. Diese kleine Kreatur habe ich von, äh …« Etwas spät kam ihm der Gedanke, dass Syphilis vielleicht kein Thema war, über das man mit einer Dame redete. Mörderhirne und zweiköpfige Kinder, ja, aber keine Geschlechtskrankheiten. In der Kammer befand sich ein Glas, von dem ich mir einigermaßen sicher war, dass es den Hodensack eines Negers enthielt, der an Elephantiasis litt; mir fiel jedenfalls auf, dass er mir das nicht gezeigt hatte.